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Sexueller Kindesmissbrauch: Täterinnen bleiben meist unerkannt

Frauen begehen sexuellen Missbrauch an Kindern wesentlich häufiger als bekannt. "Täterinnen stammen hauptsächlich aus dem nahen sozialen Umfeld der Opfer. Es handelt sich um enge Vertraute des Kindes, wie etwa Mütter, Großmütter, Tanten, Schwestern, Cousinen, Babysitterinnen, Erzieherinnen, Nachbarinnen." Dr. Safiye Tozdan (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) konstatiert, "dass die Aufdeckung der Taten zum Teil durch eine gesamtgesellschaftliche ´Verleugnungskultur´ verhindert wird." Nach wie vor herrscht "das allgegenwärtige Ideal der fürsorglichen, asexuellen Mutter," berichtet die Sexualforscherin in der Fachzeitschrift "Forensische Psychiatrie und Psychotherapie". Selbst in professionellen Fachkreisen - Pädiatrie, Sozialarbeit und Justiz - wird das Thema weitgehend tabuisiert.

Die schweizerische Psychiatrin Dr. Monika Egli Alge gibt im "Frauenforensischen Praxisreader - Lilith im Maßregelvollzug" zu bedenken: "Die Pflege und Fürsorge für die Kinder ist noch immer eine bedeutsame und weitgehend unangefochtene Domäne der Frauen. Sie sind zuständig für die Körperbelange der Kinder. Dies impliziert auf der Seite der Opfer, dass das alles, was die Mutter da macht, schon in Ordnung ist; dass sich das so gehört - allfällige Irritationen werden systematisch nicht zugelassen oder umdefiniert, als ´Problme der Opfer´ eingeordnet. Die Aufarbeitung dieser Irritationen, das Zurechtrücken eigener Wahrnehmung ist oft ein langer, langwieriger und anstrengender Prozess für die Beteiligten ..."

 

"Insbesondere sexuelle Delikte von Müttern sind ein verbreitetes Tabu. Das bedeutet, dass vor allem Jungen und Männer angeblich gar nicht Opfer von weiblicher Sexualdelinquenz werden können. Für beide Seiten eine fatale Irrmeinung, welche die Wahrnehmung sexueller Grenzverletzungen irritiert und die Aufdeckung verhindert. Opfer fühlen sich mehrfach schuldig und verantwortlich - für das, was geschehen ist, aber auch dafür, dass es ihnen nicht gelungen ist, ihrer Wahrnehmung zu vertrauen, sich klar zu positionieren und ihre eigenen Grenzen zu wahren. Opfer schämen sich dafür, dass sie sexuell missbraucht wurden, dass sie es zugelassen haben, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauten ..."

 

Die Wissenschaftlerinnen sehen v.a. vier unterschiedliche Typologieen:

 

- Teacher, Lover: Romantisierende, hochverstrickte Beziehungen, ohne Gewaltanwendung, werden von der Täterin als verführerische Affäre empfunden.

- Missbrauchte Täterin: Eigene Missbrauchserfahrungen werden an die nächste Generation weitergegeben.

- Mit-Täterin: Etwa ein Drittel der bekannten Täterinnen agieren als Komplizen meist männlicher, aktiver Täter.

- Atypische Täterin: Frauen verüben sexualisierte, evtl. auch ritualisierte brutale Gewalt in verschiedensten Gruppen.

 

Monika Egli Alge: Delinquenz ist männlich - ist Delinquenz männlich?
In: Ulrich Kobbe (Hrsg.) Lilith im Maßregelvollzug - ein frauenforensischer Praxisreader.
Pabst, 912 Seiten. Hardcover ISBN 978-3-95853-445-2. eBook ISBN 978-3-95853-446-9

weitere Informationen:

 

Safiye Tozdan: Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen.
In: Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 2/2020

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