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Forensische Psychiatrie und Psychotherapie

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2020-2

Inhaltsverzeichnis
 

Klaus Hoffmann & Reinhard Eher
Editorial

 Gerhard Mitterbauer
Schwere Perversion.
Psychodynamische Behandlungsüberlegungen bei Straftätern

Jelena Stevanović & Reinhard Eher
Zur Diagnostik einer pädophilen Präferenzstörung jenseits der DSM-5- und ICD-10-Kriterien und Phallometrie

Safiye Tozdan
Weibliche Devianz: Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen

 Kathrin Gaunersdorfer & Doris Hasler
Psychiatrische Komorbiditätsraten bei Kindesmissbrauchstätern mit ausschließlicher Pädophilie

Sabrina Eberhaut & Patricia Twardowksy
Selbstsicherheit und soziale Fähigkeiten in unterschiedlichen Sexualstraftäterpopulationen

Brigitte Hansmann & Anna Lohner
Sexuell deviantes Verhalten an Mitinsassen im Strafvollzug

 Daniel Turner & Peer Briken
Pharmakologische Behandlung der paraphilen Störung

Dirk Hesse
Antihormonelle Behandlung von
Sexualstraftätern – ein klinischer Erfahrungsbericht
Schwere Perversion. Psychodynamische Behandlungs­ überlegungen bei Straftätern

 


Schwere Perversion. Psychodynamische Behandlungs­ überlegungen bei Straftäter
Gerhard Mitterbauer
Zusammenfassung
Von entscheidender Bedeutung für die Diagnose und Behandlung einer schweren Perversion ist das Verstehen des durchgängigen inneren Musters in Form der sexuellen Destruktion im Außen. Für den Patienten hat das eine zentrale Funktion für sein psychisches Gleichgewicht. Dieses Muster ist von situativen, reaktiv-impulsiven Aggressionshandlungen abzugrenzen. Für ein psychodynamisches Verständnis schwerer Perversionen ist es daher wichtig zu erleben, wie sich die Destruktion der Sexualität bedient. Die Diagnostik ist in den Bereichen Narzissmus, Aggression und Objektbesetzung zu leisten und in Zusammenhang mit der Struktur (dem Schweregrad) der Perversion zu bringen. Es gibt nicht „die“ Perversion, sondern individuelle Manifestationen der jeweils inneren verfolgenden Szene. Die allgemeinen Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit perversen Tätern sind anderen Täterpopulationen ähnlich. Spezi- fisch für die Tätergruppe mit perverser Thematik ist das Zusammenspiel zwischen Narzissmus, Aggression und Sexualität. Die im intramuralen Setting gezeigten Bewältigungsstile stellen die Möglichkeit dar, in therapeutische Interaktionen einzutreten und in einem nichtlinearen länger- dauernden Prozess gesunde Ich-Anteile zu identifizieren und zu fördern.

Schlüsselwörter: Schwere Perversion, Sexualisierung, Aggression, Bewältigungsstrategien, Verführung

Severe perversion.Psychodynamic treatment considerations for offenders

Summary
The inner patterns of outside realized sexual destruction is of utmost relevance in understanding severe perversions. These patterns serve as an important function for the psychic balance. How- ever, perverse destruction must be distinguished from impulsive, reactive or situational aggres- sive behavior. Form a psychodynamic point of view, in severe perversions sexuality is utilized by destruction. Diagnostic measures, therefore, have to focus on narcissism, aggression and object relation issues. Patterns presented by offenders with severe perversions in the prison system or in forensic psychiatry may serve as indicators for entering in therapeutic interaction and subsequently for identifying and promoting healthy Ego-aspects.

Key words: severe perversion, sexualization, aggression, coping, seduction
Gerhard Mittenbauer, gerhard.mitterbauer@justiz.gv.at



Zur Diagnostik einer pädophilen Präferenzstörung jenseits der DSM­5­ und ICD­10­Kriterien und Phallomet
Jelena Stevanović & Reinhard Eher
Zusammenfassung
Sexuelles Interesse an Kindern ist einer der stärksten Prädiktoren für neuerliche Sexualstrafta- ten gegen Minderjährige. Die möglichst treffsichere Diagnostik einer solchen Neigung ist daher von großer Bedeutung. Gerade diese ist aber – wenn lediglich anhand der Kriterien etablierter Klassifikationssysteme und mittels Selbstberichtsverfahren durchgeführt – fehlerbehaftet. In vergangenen Jahren wurden daher zunehmend verhaltensbasierte und vor allem indirekte Mess- verfahren zur Erfassung eines sexuellen Interesses an Kindern entwickelt, die als valide, relia- bel und weniger verfälschbar gelten. Die Testbatterie EISIP (Explizites und Implizites Sexuelles Interessenprofil) stellt dabei eine praktisch einfach anwendbare und validierte Methode dar, sexuelles Interesse bzw. sexuelle Präferenzen für prä-, peri- oder postpubertäre Körperschemata mithilfe einer Kombination aus Selbstberichtsverfahren, Implicit Association Tests und Viewing Time Verfahren zu erfassen. Eine Diagnostik unter Anwendung mehrerer konzeptuell und methodisch unterschiedlicher Verfahren führt letztendlich zu einer exakteren und valideren Risikoeinschätzung und Behandlungsplanung.
Schlüsselwörter: Sexuelle Devianz, Pädophilie, Diagnostik, indirekte Messverfahren

Diagnosis of a paedophilic disorder beyond DSM­5, ICD­10, and phal­ lometry
Summary
Sexual interest in children is one of the strongest predictors of sexual reoffending against mi- nors. An accurate diagnosis of such interest is thus of utmost importance. Diagnosing a sexualinterest in children is however error-prone – if only based on diagnostic criteria defined in es- tablished classification manuals and on self-report measures. Consequently, there has been an increase in the development of behavioural and especially indirect measures of sexual interest in children over the past years, which are now considered to be valid, reliable and less suscep- tible to manipulation.The assessment battery EISIP (Explicit and Implicit Sexual Interest Profile) presents an easy- to-use validated measure of sexual interest in and preferences for pre-, peri- and postpubescent persons combining self-report measures, implicit association tests, and viewing time measures. A diagnostic process that integrates multiple conceptually and methodologically different mea- sures will ultimately yield a more exact and valid risk assessment and treatment plan.
Keywords: sexual deviance, paedophilia, diagnostics, indirect measures
Jelena Stevanović, jelena.stevanovic@justiz.gv.at




Weibliche Devianz: Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen
Safiye Tozdan
Zusammenfassung
Auch wenn Sexualstraftaten gegen Kinder stereotypisch als männliches Phänomen betrachtet werden, so gilt es seit den 1980er Jahren als wissenschaftlich anerkannt, dass ein Teil der se- xuellen Kindesmissbrauchsdelikte von Frauen begangen wird. Ähnlich wie bei männlichen Tätern lässt sich eine große Diskrepanz zwischen Hell- und Dunkelfeld im Hinblick auf Täte- rinnen feststellen. Der vorliegende Beitrag stellt Prävalenzraten sexuellen Kindesmissbrauchs durch Frauen aus unterschiedlichen Quellen dar und beschreibt Charakteristika und Typologi- sierungen von Täterinnen sexuellen Kindesmissbrauchs. Die gesellschaftliche Tabuisierung sexuell missbrauchender Frauen, von der sogar MitarbeiterInnen im Gesundheitswesen betrof- fen sind, wird anschließend diskutiert. Daraus resultierende Implikationen für Wissenschaft und klinische Praxis beinhalten u.a. die Überwindung gängiger Geschlechterstereotypen und sexueller Skripte, durch die Frauen seit jeher als Fürsorgerinnen und Beschützerinnen sowie als passiv, unschuldig und sexuell unterwürfig wahrgenommen werden.
Schlüsselwörter: sexuelle Devianz, Täterinnen, Mutter-Kind-Inzest, Geschlechterstereotype, soziales Tabu

Female deviance: sexual abuse of children by women
Abstract
Even if sexual offences against children stereotypically are considered as a male phenomenon, since the 1980s, it is well established scientific knowledge that part of all child sexual offences are committed by women. Similar to male perpetrators, there is a huge discrepancy between prevalence rates from different sources. The present article provides these prevalence rates and describes characteristics and typologies of female child sexual abusers. The societal taboo sur- rounding these women that can even be found in professionals of health care systems is dis-
Dr. Safiye Tozdan;




Psychiatrische Komorbiditätsraten bei Kindesmissbrauchstätern mit ausschließlicher Pädophilie
Kathrin Gaunersdorfer & Doris Hasler
Zusammenfassung
Bisherige Studien weisen darauf hin, dass sich Sexualstraftäter in ihren psychiatrischen Komor- biditäten stark unterscheiden und dies daher im Risikomanagement berücksichtigt werden soll. In diesem Zusammenhang wurde wiederholt dargestellt, dass selbst die Gruppe der sexuellen Kindesmissbrauchstäter sehr heterogen ist. Die folgende Arbeit verfolgt daher das Ziel, psych- iatrische und sexuelle Störungen bei einer Gruppe verurteilter Kindesmissbraucher näher zu beleuchten. Dabei zielten wir vor allem auf die Gruppe der ausschließlich Pädophilen ab, da von dieser die größte Rückfallgefahr ausgeht. Diese Gruppe stellten wir den anderen Kindesmissbrauchstä- tern gegenüber. Unsere Ergebnisse zeigen, dass in beiden Gruppen übliche psychiatrische Er- krankungen, wie etwa Angststörungen, depressive oder psychotische Störungen nur eine unter- geordnete Rolle spielen. Etwa 50% wiesen aber eine Persönlichkeitsstörung auf. Bei etwa 30% der ausschließlich Pädophilen war die Diagnose einer weiteren sexuellen Perversion – unab- hängig von der einer Pädophilie – zu stellen, während hingegen nur in 16% der Vergleichsgruppe. Vorläufige Schlussfolgerungen weisen vor allem auf die allgemein schwerere sexuelle Störung – unabhängig von der Pädophilie selbst – in der Gruppe der ausschließlich Pädophilen hin.
Schlüsselwörter: Pädophilie, sexuelle Kindesmissbraucher, Komorbitität, sexuelle Störung

Psychiatric comorbidity in exclusive pedophilic child sexual abusers
Summary
Several studies indicate that sex offenders differ in their psychiatric comorbidities and that this should therefore be considered in risk management. In this context it has been repeatedly point- ed out that even the group of child molesters is very heterogeneous. The following study there- fore aims to take a closer look on psychiatric and sexual disorders in a group of convicted sex- ual offenders who had transgressed against minors. In doing so, we shed the light on the group of exclusive pedophiles in particular, as this is the group who is most likely to relapse. We compared this group with all other child molesters. Our results show that in both groups common psychiatric disorders such as anxiety disorders, de- pressive disorders or psychotic disorders play only a minor role. However, about 50% had a personality disorder. In about 30% of exclusive pedophiles, the diagnosis of a further paraphil- ic disorder – other than pedophilia – was found, whereas in only 16% of the comparison group. Preliminary conclusions corroborate the fact that exclusive pedophiles – independent of the diagnosed pedophilia itself – are more sexually disturbed than controls.
Key words: pedophilia, child molesters, comorbidity, sexual disorder
Kathrin Gaunersdorfer, kathrin.gaunersdorfer@justiz.gv.at


 

Selbstsicherheit und soziale Fähigkeiten in unterschiedlichen Sexualstraftäterpopulationen
Sabrina Eberhaut & Patricia Twardowksy
Zusammenfassung
Wie sich Menschen in sozialen Interaktionen erleben und präsentieren, kommt neben vielen anderen bedeutsamen Faktoren in der Pathogenese von Sexualstraftaten eine wesentliche Rolle zu. Die vorliegende Studie überprüfte, ob sich unterschiedliche Typen von Sexualstraftätern im Erleben ihrer Selbstsicherheit und sozialen Kompetenz unterscheiden. Differenziert wurde hierbei zwischen Sexualstraftäter mit erwachsenen Opfern, Kindesmissbrauchstäter ohne Dia- gnose einer Pädophilie, Kindesmissbrauchstäter mit der Diagnose einer nicht exklusiven Pädo- philie und Kindesmissbrauchstäter mit der Diagnose einer exklusiven Pädophilie. Die Ergeb- nisse zeigten hypothesenkonform, dass sich Personen, welchen die Diagnose einer exklusiven Pädophilie attestiert wurde, im Vergleich zu den anderen Tätergruppen insgesamt am wenigsten selbstsicher bzw. sozial kompetent beschrieben. Somit können die vorliegenden Ergebnisse zu einem besseren Verständnis pädophiler Störungen beitragen, sie können für die entsprechende Diagnosefindung dienlich sein und sind auch für die Etablierung geeigneter, auf die individuel- len Bedürfnisse abgestimmte Behandlungsprogramme relevant.
Schlüsselwörter: Selbstsicherheit, soziale Kompetenz, Kindesmissbrauch, Pädophilie

Self­esteem and social competence in sexual offender subpopulations
Abstract
The way one experiences and presents oneself in social interactions, plays a particular part in explaining sexual offenses. The present study examined differences between different types of sexual offenders in regards to how they perceive their own self-confidence and social compe- tence. It was differentiated between sexual offenders with adult victims, sexual offenders with- out the diagnosis of pedophilia, sexual offenders with non-exclusive pedophilia and sexual of-
 Mag. Sabrina Eberhaut, MA,; 




Sexuell deviantes Verhalten an Mitinsassen im Strafvollzug
Brigitte Hansmann & Anna Lohner
Zusammenfassung
Hintergrund: Die Anzahl an Studien, die die Ursachenentstehung sexueller Übergriffe in Haft ergründen, ist überschaubar. Damit geht ein mangelhaftes Verständnis im Hinblick auf die Ent- stehungsdynamiken einher und erschwert die notwendige Früherkennung und Etablierung prä- ventiver Handlungsschritte. Zielsetzung: Die vorliegende Arbeit dient dem besseren Verständnis von Risikosituationen und -faktoren, die sexuelle Übergriffe in Haft begünstigen und widmet sich darüber hinaus der Fra- gestellung, ob sexuelle Übergriffe in Haft primär aufgrund einer sexuellen Devianz der Täter erfolgen. Methodik: Der Artikel bedient sich der Untersuchung von 29 Vollzugsakten (2000-2015) über Fälle sexueller Übergriffe in Haft. Ergänzend wurde eine qualitative Einzelfallanalyse, die das Tatgeschehen eines sexuell-sadistischen Übergriffs veranschaulicht, angewendet. Ergebnisse: 72,2% der Übergriffe erfolgten in gerichtlichen Gefangenenhäusern und davon 55,6% in Untersuchungshaft (11% unbekannte Daten). Die meisten Übergriffe erfolgten in Gruppen (82,8%). Die Täter waren zwischen 14,5 und 26,8 Jahre alt. In drei Fällen wurde eine Sadismus-Diagnose vergeben. Schlussfolgerung: Sexuelle Übergriffe in Haft werden primär von jungen Tätern und in Gruppen ausgeführt. Die Tathandlungen weisen eher auf sexualisierte Aggressionshandlungen als auf sexuelle Devianz hin.
Schlüsselwörter: sexuelle Übergriffe in Haft, Gewalt an Mitinsassen, sexualisierte Aggression, sexueller Sadismus, Präventionsmaßnahmen in Haf

Sexually deviant behaviour among inmates the prison syste
Summary
Background: The number of studies exploring the causes of sexual assault in prisons are limit- ed. This lack of understanding hinders the early identification of such behaviour and the estab- lishment of preventive measures. Objective: This article identifies situations and factors of risk that instigate sexual assault in incarceration and explores whether sexual assault is primarily the result of sexual deviancy. Method: By analysing 29 court records involving sexual assault by inmates, archived at the Austrian Federal Evaluation Centre of Violent and Sexual Offenders between 2000 and 2015, these results present a qualitative content analysis with an individual qualitative case analysis. Results: 72.2% of the cases of assault occurred in court prisons, of which 55.6% occurred in pre-trial detention (11% unknown data). Most of the cases of assault were carried out in groups (82.8 %) and the offenders were between 14.5 and 26.8 years of age. In three cases sexual sa- dism was diagnosed. Conclusion: Sexual assault among inmates is primarily committed by young perpetrators and in groups. These cases point to sexualized acts of aggression, rather than to the sexual deviancy of perpetrators.
Key words: sexual assault in prison, inmate violence, sexualized aggression, sexual sadism, preventive measures in prison
Mag. Brigitte Hansmann,  brigitte.hansmann@justiz.gv.at




Pharmakologische Behandlung der paraphilen Störung
Daniel Turner & Peer Briken
Zusammenfassung
Die medikamentöse Behandlung der paraphilen Störung kann bei einigen Männern, die auf- grund einer Sexualstraftat verurteilt wurden oder ein hohes Risiko für die Begehung einer Se- xualstraftat aufweisen, eine sinnvolle Ergänzung zur Psychotherapie darstellen. Derzeit werden folgende Pharmaka empfohlen: Selektive-Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer und Testoste- ron-senkende Pharmaka (direkte Testosteronantagonisten und GnRH-Agonisten). Obwohl ak- tuelle Leitlinien zur Behandlung der paraphilen Störung sowohl für erwachsene als auch für jugendliche Patienten klare Behandlungsempfehlungen geben, erfüllt der derzeitige Stand der Wissenschaft noch nicht die hohen Voraussetzungen an eine evidenzbasierte Medizin. Kürzlich wurde jedoch die erste randomisiert-kontrollierte Studie publiziert, die eine stärkere Abnahme der sexuellen Dranghaftigkeit unter GnRH-Antagonisten im Vergleich zu Placebo in einer Gruppe von Männern mit einer pädophilen Störung fand. Zumindest für den deutsch-sprachi- gen Raum werden vergleichbare Untersuchungen in naher Zukunft aber nicht möglich sein. Mit kleineren Einschränkungen lassen sich die Leitlinien auch auf die Behandlung der zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung übertragen. Vor dem Einsatz der derzeit empfohlenen Pharmaka sollte eine ausführliche Aufklärung des Patienten über Nutzen und Risiken der Medikation er- folgen, nicht zuletzt auch, um dadurch die Compliance zu erhöhen. In ausgewählten Ausnah- mefällen wird die medikamentöse Therapie sehr lange durchgeführt, ein Absetzen der Medika- tion sollte vor dem Hintergrund der umfangreichen Nebenwirkungen aber stets angestrebt wer- den. Findet das Absetzen unter kontrollierten und strukturierten Rahmenbedingungen statt, kann es erfolgreich verlaufen. In zukünftigen Untersuchungen sollte insbesondere die Wirkung der Testosteron-senkenden Pharmaka auf den Hirnstoffwechsel untersucht werden. Dadurch könnte es gelingen, spezifischere Therapieziele zu identifizieren, was es unter Umständen er- lauben würde weniger invasive Therapiemethoden zu etablieren.
Schlüsselwörter: Sexualstraftäter, antihormonelle Therapie, Rückfallrisiko

Pharmacological treatment of paraphilic disorder
Summary
Pharmacological treatment is a reasonable addition to psychotherapy in some men convicted for a sexual offence or with a high risk of sexual offending. At present, the following pharma- cological agents are recommended: Selective-Serotonin-Reuptake-Inhibitors (SSRI) and tes- tosterone-lowering medications (antiandrogens and GnRH-agonists). Current guidelines con- cerning the pharmacological treatment of paraphilic disorders provide clear treatment recom- mendations; however, the current state of research is still far away from fulfilling the high re- quirements of an evidence-based medicine. Recently though, the first randomized-controlled trial was published showing that GnRH-antagonists led to a significantly stronger decrease in sexual preoccupation and other sexual risk variables compared to placebo in a group of pedo- philic men. Conducting comparable studies in German-speaking countries will, however, not be possible in the near future. With some limitations current guidelines can also be transferred to the treatment of compulsive sexual behavior disorders. Before starting treatment all patients need to be informed about the risks and benefits of the medication. Especially testosterone-low- ering medications are frequently accompanied by (severe) adverse effects. In individual cases treatment can be carried on for many years. In case therapy should be terminated this should be performed under controlled and structured circumstances. Future studies should assess the ef- fect of testosterone-lowering medications on brain functioning and brain metabolism. These insights could guide the development of more specific and less invasive treatment methods.
Keywords: sexual offenders, antilibidinal medication, re-offence risk
Dr. Dr. Daniel Turner; daniel.turner@unimedizin-mainz.de


Antihormonelle Behandlung von Sexualstraftätern – ein klinischer Erfah­ rungsbericht
Dirk Hesse
Zusammenfassung
Das Maßregelvollzugszentrum Moringen hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Behandlung von Sexualstraftätern mit triebdämpfender Medikation. Bei 69% der 36 Patienten wurde die Medikation im Laufe der Zeit abgesetzt, bei einem Drittel aus somatischen Gründen, vor allem einer medikamentös nicht beherrschbaren Osteoporose, oder dem Wunsch nach einer befriedi- genden Sexualität mit einer Partnerin/einem Partner. Die Dauermedikation über viele Jahre und Jahrzehnte stellte damit eher eine Seltenheit dar. Dies muss bei der Prognose bedacht werden, zumal eine Lockerungsrücknahme rechtlich nicht ohne weiteres möglich ist. Darüber hinaus gibt es spezielle Schwierigkeiten, die vor einer Behandlung bedacht werden müssen. Insgesamt überwiegen inzwischen die Bedenken bei der antihormonellen Therapie.
Schlüsselwörter: Sexualstraftäter, Triebdämpfung, GnRH-Analoga, Osteoporose, Prognose, Lockerung

Antihormonal treatment of sexual offenders – A field study
Summary
The forensic psychiatric hospital Moringen has 20 years of expertise in the treatment of sexual offenders with antilibidinal medication. Antihormonal medication had to be stopped during treatment in 69% of patients because of severe side effects. Of those, osteoporosis and sexual dysfunctions while trying to build up a partnership were the most reported concerns. However, all these clinical and therapeutic issues have to be considered when starting antihormonal treat- ment, all the more since special leaves or conditional releases, once granted, cannot be with- drawn easily.
Keywords: sexual offenders, antilibidinal treatment, GnRH analogues, osteoporosis, risk as- sessment

 Dr. Dirk Hesse, 


 

Forensische Psychiatrie und Psychotherapie
27. Jahrgang · 2020 · Heft 2

Pabst, 2020
ISSN 0945-2540
Preis: 15,- €

 

 

 

 

 

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