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Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation

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2019-3 (107)

Editorial
Beate Muschalla

Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF): Kodiersystem, juristisches Regelwerk und theoretisches Konzept
Michael Linden

Das Mini-ICF-APP in psychiatrischen Gutachten zuhanden einer kantonalen Stelle der Eidgenössischen Invalidenversicherung in der Schweiz
Stephanie Christensen & Beate Martin

Begutachtungen mit dem Mini-ICF-APP in der Schweizer Invalidenversicherung (IV) – Zwei Fallbeispiele
Paula Kunze

Erfassung von Fähigkeitsbeeinträchtigungen mit dem Mini-ICF-APP und Mini-ICF-APP-S
Stefanie Baron

Mini-ICF-Job-Fit: Operationalisierung des psychischen Person-Job-Fit mit dem Fähigkeitskonzept nach Mini-ICF-APP
Beate Muschalla

Die psychische Bedeutung der Wohnung und die Erfassung der Wohnfähigkeit mit dem Mini-ICF-APP-H
Jan Podschus & Michael Linden

Psych-Fit for Future? Die Rolle von Soft Skills in Schule, Studium und Berufsausbildung
Margó Weimann, Pauline Hehn & Beate Muschalla
 


Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF): Kodiersystem, juristisches Regelwerk und theoretisches Konzept
Michael Linden

Kurzfassung
Die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10)“ der WHO stellt Nummern zur Verfügung zur Verschlüsselung von Diagnosen für gesundheitsstatistische Zwecke. Sie erläutert nicht, wie Diagnosen zu stellen sind, was auch für das Kapitel V bzgl. der psychischen Störungen gilt. Die dort genannten Algorithmen sind als Schwellenkriterien und nicht als Diagnoseleitlinien zu verstehen. Diagnosen sind gutachterliche Feststellungen, die besagen, dass ein Leidenszustand als Krankheit zu verstehen ist, was eine unabdingbare Voraussetzung für die Einleitung von Behandlungen oder sozialmedizinischen Hilfen ist. Die Therapie hängt im Weiteren nicht von der Diagnose ab, sondern vom Krankheitszustand, d.h. den Funktionsstörungen (=Krankheitssymptomen), Fähigkeitsbeeinträchtigungen und Teilhabeeinschränkungen. Die WHO gibt auch für die Verschlüsselung der Krankheitsausprägungen und -folgen Nummern vor in der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Wie in der ICD werden auch hier keine Operationalisierungen, sondern nur die Konnotationsbeschreibungen vorgegeben. Die Messung erfolgt je nach Kategorie auf sehr unterschiedliche Art, sei es mit einem Blutdruckmessgerät, einem Depressionsfragebogen oder einem beruflichen Assessmentverfahren. Dabei ist immer auch ein Qualifying bzw. Schwererating erforderlich, das bzgl. der Funktionsstörungen internationalen Normen, hinsichtlich der Fähigkeitsbeeinträchtigungen individuellen kontextadjustierten Normen folgt. Anders als die Nummern der ICD, kommen Verschlüsselungen nach ICF in der Praxis kaum zur Anwendung. Jedoch hat das der ICF zugrundeliegende bio-psycho-soziale Krankheitsmodell in einer Reihe von juristischen Regelungen seinen Niederschlag gefunden, wie beispielsweise der UN-Behindertenkonvention, der Arbeitsunfähigkeitsrichtlinie oder dem Bundesteilhabegesetz.

Schlüsselwörter
Bundesteilhabegesetz, UN-Behindertenkonvention, Teilhabe, Kontext, Krankheitsfolgen, diagnostische Algorithmen


The International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF): Coding system, legal rules, theoretical concept

Abstract
The „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10)“, as published by the WHO, gives numbers for the coding of illnesses for statistical purposes, but no diagnostic guidelines. Even the diagnostic criteria in the chapter V on mental disorders are threshold definitions only. Diagnoses must be understood as expert conclusions which decide that a certain health status is an illness, which is a prerequisite for treatment or sociomedical help. The treatment of an individual is not guided by the diagnosis but the state of illness, which encompasses disorders of functions, limitations of capacities, and restrictions in participation. These dimensions can be coded by using numbers of the „International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)“, which has also been published by the WHO. Similarly to the ICD it does not give operationalizations of items. The measurement must be done in very different ways like with a blood pressure equipment, depression scales or work assessments. There is always a qualifying needed, which follows international norms in regard to disorders of functions, but individual norms adjusted to the context with regard to limitations in capacity. While the numbers of the ICD are widely used, this is not the case for the numbers of the ICF. Still, the ICF and its underlying bio-psycho-social concept had much impact on legal norms like the „UN Convention on the Rights of People with Disabilities“, the „Directive for the Assessment of Work Inability“ or the „Federal Law on Disability“ in Germany.

Keywords
„UN Convention on the Rights of People with Disabilities“, „Directive for the Assessment of Work Inability“, „Federal Law on Disability“, participation, context, illness consequences, diagnostic algorithms


Prof. Dr. Michael Linden
Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation (FPR)
Charité Universitätsmedizin Berlin
Medizinische Klinik m. S. Psychosomatik
Hindenburgdamm 30
CBF, Hs IIIA, Rm 13/14
12200 Berlin

 


Das Mini-ICF-APP in psychiatrischen Gutachten zuhanden einer kantonalen Stelle der Eidgenössischen Invalidenversicherung in der Schweiz
Stephanie Christensen & Beate Martin

Kurzfassung
Im Jahr 2014 hat sich im Schweizerischen Sozialversicherungsrecht bei der Beurteilung der Invalidität die Rechtsprechung in Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit psychisch kranker Versicherter geändert. In diesem Zusammenhang rückte die Anwendung des Mini-ICF-APP in den Fokus der versicherungsmedizinischen und versicherungsrechtlichen Aufmerksamkeit der Schweiz.
In dieser Studie wird anhand von Stichproben aus psychiatrischen Gutachten, die von einer kantonalen Stelle der Invalidenversicherung an externe psychiatrische GutachterInnen oder Gutachteninstitute in den Jahren 2013, 2016 und 2019 in Auftrag gegeben wurden und jeweils im Mai des entsprechenden Jahres eingingen, untersucht, ob sich die Anwendung des Mini-ICF-APP in diesem Kontext im zeitlichen Verlauf quantitativ und qualitativ verändert hat. Es wird analysiert, ob sich zwischen den Stichproben vom jeweils 01. bis 31. Mai 2013, 2016 und 2019 Unterschiede ergeben hinsichtlich des Anteils von psychiatrischen Gutachten mit Einsatz des Mini-ICF-APPs und der Erfüllung einiger formaler Qualitätskriterien beim Mini-ICF-APP, die aus dem Manual von Linden et al. extrahiert wurden (Angabe eines Bezugskontextes, Angabe einer Informationsbasis, Benennung der einzelnen Fähigkeitsdimensionen, eindeutiges Qualifying, Erfassung einer Begründung).
Im Mai 2013 wurde in 12 (27%) der 45 analysierten psychiatrischen Gutachten das Rating nach Mini-ICF-APP schriftlich festgehalten, 2016 in 25 Gutachten (57%) und 2019 in 34 Gutachten (72%), was einem statistisch signifikanten Unterschied im Verlauf zwischen 2013 und 2019 entspricht (Chi2-Test = 19.77; p<0.05). Bei einer Punktebewertung der fünf Qualitätskriterien auf teilweise (1 Punkt) oder vollumfängliche (2 Punkte) Erfüllung des Kriteriums konnte keines der untersuchten Gutachten alle Kriterien vollumfänglich erfüllen, d.h. es erreichte kein Gutachten den maximalen Summenscore von 10 Punkten. Für die psychiatrischen Gutachten im Mai 2013 ergab sich ein Mittelwert von 2.58 Punkten (95% CI [1.39; 3.78]) für die fünf Qualitätskriterien, im Mai 2016 von 4.36 Punkten (95% CI [3.63; 5.09]) und im Mai 2019 von 4.38 Punkten (95% CI [3.58; 5.19]). Die Summen der Qualitätskriterien vom Mai 2019 (Median = 3.76) waren signifikant höher als im Mai 2013 (Median = 2.05; Wilcoxon-Test: z=-2.54, p=0.01). Bezüglich der einzelnen Qualitätskriterien zeigte sich nur beim Kriterium der „exakten Bewertung von Items“ eine signifikante qualitative Verbesserung: Wurden in 05/2013 nur in einem (8%) von 12 Gutachten alle einzelnen Fähigkeitsdimensionen dem Qualifying unterzogen, waren dies 05/2019 19 (56%) der 34 Gutachten (Chi2-Test = 19.62; p<0.01). Die anderen Qualitätskriterien haben sich seit 2013 nicht signifikant verändert.
Unter Verwendung eines gemischten linearen Regressionsmodells, das die Unterschiede zwischen den GutachterInnen in Form zufälliger Effekte berücksichtigte, ergaben sich statistisch signifikante Verbesserungen in den pro Gutachten über alle fünf Qualitätskriterien errechneten Summenscores (zwischen Mai 2013 und Mai 2016 um durchschnittlich 1.61 Punkte (95%-CI [0.52, 2.70]; p=0.004), zwischen Mai 2013 und Mai 2019 1.58 Punkte (95%-CI [0.50, 2.67]; p = 0.004) bei ähnlichen Unterschieden zwischen den Begutachtenden wie zwischen den Expertisen.
Auch in den Stichproben von psychiatrischen Gutachten zuhanden einer kantonalen IV-Stelle lässt sich die zunehmende Bedeutung des Mini-ICF-APP als Baustein auf dem Weg zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einer psychisch kranken Person nachweisen. Um jedoch das Qualifying für den Rechtsanwender plausibel und nachvollziehbar darzustellen, sollten beim Mini-ICF-APP-Rating die Anweisungen von Linden, Baron & Muschalla (2015) umgesetzt werden. Dies ermöglicht Rückschlüsse auf die Arbeitsfähigkeit psychisch kranker Versicherter. Maßnahmen auf kantonaler und überregionaler Ebene sind empfehlenswert, um die Qualität des Mini-ICF-Ratings in Expertisen zu verbessern.

Schlüsselwörter
Eidgenössische Invalidenversicherung, Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen, psychiatrische Fachgutachten, Mini-ICF-APP


The Mini-ICF-APP in psychiatric evaluations on the part of a Swiss Cantonal Disability Insurance

Abstract
In 2014, in Switzerland social security law changed the case-law regarding the evaluation of the disability status of mentally ill persons. Under these circumstances the application of the Mini-ICF-APP became the focus of Swiss insurance medicine and insurance law.
This study uses samples of psychiatric evaluations which were commissioned by a cantonal disability insurance to external psychiatric assessors or appraisal institutes in 2013, 2016 and 2019 and received in May of each year, to examine whether the use of the Mini-ICF-APP in this context has changed quantitatively and qualitatively over time. It will be analyzed if there are any differences between the samples from May 1st to May 31st, 2013, 2016 and 2019 regarding the proportion of psychiatric evaluations using the Mini-ICF-APP and the fulfillment of some formal quality criteria using the Mini-ICF-APP which were extracted from the manual of Linden et al. (specification of a reference context, specification of an information base, naming of the individual capability dimensions, clear qualifying, establishment of justification).
In May 2013, in 12 (27%) of the 45 psychiatric evaluations analyzed, the Mini-ICF-APP rating was recorded in writing, 2016 in 25 evaluations (57%) and in 2019 in 34 evaluations (72%), which is a statistically significant difference between 2013 and 2019 (Chi2 test = 19.77, p <0.05). In the case of a scoring of the five quality criteria for partial (1 point) or full (2 points) fulfillment of the criterion, none of the evaluations examined could fully meet all the criteria, i.e. no report reached the maximum sum score of 10. The psychiatric evaluations in May 2013 showed an average of 2.58 points (95% CI [1.39; 3.78]) for the five quality criteria, 4.36 points (95% CI [3.63; 5.09]) in May 2016 and 4.38 points (95% CI [3.58; 5.19]) in May 2019. The sum scores of May 2019 (median = 3.76) were significantly higher than in May 2013 (median = 2.05, Wilcoxon test: z = -2.54, p = 0.01). With regard to the individual quality criteria, only the criterion of the “exact evaluation of items” showed a significant improvement: while in 05/2013 only in one (8%) of 12 evaluations all capacity dimensions were subjected to the qualifying, in 05/2019 it was 19 (56%) of the 34 evaluations (Chi2 test = 19.62, p <0.01). The other quality criteria have not changed significantly since 2013. Using a mixed linear regression model, which took into account the differences between the experts as random effects, statistically significant improvements were achieved in the sum scores calculated for each report across all five quality criteria (between May 2013 and May 2016 by an average of 1.61 points (95% CI = (0.52, 2.70); p=0.004), between May 2013 and May 2019 of 1.58 points (95% CI = (0.50, 2.67); p = 0.004) with similar differences between the assessors as between the reports.
Samples of psychiatric evaluations of a cantonal disability insurance also show the increasing importance of the Mini-ICF-APP as a building block on the way to assessing the work ability of a mentally ill person. However, in order to present the qualifying for the legal user in a plausible and comprehensible manner, the instructions of Linden, Baron & Muschalla (2015) should be implemented to allow conclusions about the work capacity of mentally ill persons. Measures at cantonal and supra-regional level are recommended to improve the general quality of the Mini-ICF rating in evaluations.

Keywords
Swiss disability insurance, work ability of a mentally ill person, psychiatric evaluations, Mini-ICF-APP


Stephanie Christensen
Fachärztin für Prävention und Gesundheitswesen, 
Master of Insurance Medicine
Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes bei der 
Basel Sozialversicherungsanstalt Basel-Landschaft

 


Begutachtungen mit dem Mini-ICF-APP in der Schweizer Invalidenversicherung (IV) – Zwei Fallbeispiele
Paula Kunze

Kurzfassung
Der Artikel beschreibt zwei Fallbeispiele sozialmedizinischer Begutachtung von Arbeitsfähigkeit im Kontext der Schweizerischen Invalidenversicherung. Verhaltensnahe Beschreibungen der Beeinträchtigungsgrade verschiedener Fähigkeiten sowie Würdigung des bisherigen Erkrankungsverlaufs unter Therapieversuchen gehören zur nachvollziehbaren Begründung etwaiger festgestellter Leistungsminderungen.

Schlüsselwörter
Invalidenversicherung (IV) der Schweiz, Sozialmedizin, Mini-ICF-APP, Arbeitsfähigkeit, Begutachtung


Social medicine investigations with the Mini-ICF-APP – Two cases from the Switzerland social insurance context

Abstract
This article describes two cases of social medicine investigation and evaluation of work capacity with the help of the observer rating for psychological capacities, the Mini-ICF-APP. Degrees of capacity impairment are validated by behavior descriptions, and decision for work ability is reasoned with respect to the course of illness and treatment.

Keywords
Switzerland, social medicine, Mini-ICF-APP, work ability investigation


Dipl.-Psych. Paula Kunze
Psychologische Psychotherapeutin
St. Gallische Psychiatrie-Dienste Süd
Psychiatrie-Zentrum Rheintal
Balgacherstrasse 202
CH-9435 Heerbrugg

 


Erfassung von Fähigkeitsbeeinträchtigungen mit dem Mini-ICF-APP und Mini-ICF-APP-S
Stefanie Baron

Kurzfassung
Das Mini-ICF-APP ist ein Fremdratinginstrument zur Beschreibung von psychisch bedingten Fähigkeitsbeeinträchtigungen. Es findet seit der Erstpublikation (Linden, Baron, Muschalla, 2009) weite Verbreitung in der sozialmedizinischen Begutachtung im deutschsprachigen Raum und wird auch in Gutachterleitlinien empfohlen (DRV, 2012; SGPP, 2012). Der Artikel stellt zusammenfassend die Fremdbeurteilungs- und eine neue Selbstbeurteilungsversion des Mini-ICF-APP vor.

Schlüsselwörter
Mini-ICF-APP, Sozialmedizin, Begutachtung, Fremdrating, Selbstrating


Description of capacity limitations with the Mini-ICF-APP observer rating and the Mini-ICF-APP-S self-rating

Abstract
The Mini-ICF-APP is an observer rating for the description of psychological capacity impairment. Since is was first published (Linden, Baron, Muschalla 2009) it has been widely used in social medicine practice in work ability description. It is also recommended in guidelines from the federal insurance companies in Germany and Switzerland (DRV, 2012; SGPP, 2012). The article gives a conceptual summary on the Mini-ICF-APP observer rating and the self-rating.

Keywords
Mini-ICF-APP, social medicine, work ability description, observer rating, self-rating


Dr. Stefanie Baron
Psychologische Psychotherapeutin
Praxis für Psychotherapie
Rothenburgstraße 11
12165 Berlin

 


Mini-ICF-Job-Fit: Operationalisierung des psychischen Person-Job-Fit mit dem Fähigkeitskonzept nach Mini-ICF-APP
Beate Muschalla

Kurzfassung
Psychische Erkrankungen sind häufige und chronische Erkrankungen, etwa ein Viertel der Menschen leiden an irgendeiner psychischen Erkrankung. Ein Großteil von ihnen sind berufstätig. Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind daher ein nicht zu vernachlässigendes Phänomen. Ein häufiges Problem ist Arbeitsunfähigkeit wegen psychisch bedingter Beeinträchtigungen in der Arbeitsausübung. Um die Arbeitsfähigkeit festzustellen, kann das Fähigkeitsprofil eines Menschen mit dem Profil der Fähigkeitsanforderungen am Arbeitsplatz verglichen werden. Das Fähigkeitsprofil der Person (und etwaige Beeinträchtigungen) kann mit dem Mini-ICF-APP beschrieben werden. Analog dazu ist eine Beschreibung der Arbeitsanforderungen notwendig. Diese kann mit dem Mini-ICF-APP-W erfolgen. Das Mini-ICF-APP-W kann als Selbst- oder Fremdrating verwendet werden. Es erfasst für die 13 psychischen Fähigkeitsdimensionen, in welcher Weise und in welchem Ausmaß diese Fähigkeiten in der konkreten Tätigkeit von einem Menschen verlangt werden.
Wenn bei einem Abgleich deutlich wird, dass die Arbeit Fähigkeiten verlangt, die eine Person nicht erbringen kann, dann liegt ein Problem mit dem „Person-Job-Fit“ vor (French, 1973). Darauf gibt es drei mögliche Reaktionen: a) die Wiederherstellung der unzureichenden Fähigkeiten (z.B. Therapie oder Training), b) die Entpflichtung von der Arbeit (z.B. Arbeitsunfähigkeitsattest oder Erwerbsminderungsrente) oder c) die Herstellung eines passenden, d.h. leidensgerechten Arbeitsplatzes (z.B. BEM, LTA, Arbeitsplatzanpassung).

Schlüsselwörter
ICF, Fähigkeiten, psychische Erkrankung, Sozialmedizin, Person-Job-Fit


Capacity-Job-Fit: Operationalisation of the psychological person-job-fit with the Mini-ICF-APP capacity dimensions

Abstract
Mental disorders are frequent and chronic health problems. About one fourth of the general population is suffering from any common mental disorder like anxiety, depression, adjustment disorders. A great part of them are working employees. Mental disorders at work are therefore an important topic in both the clinical as well as occupational setting, especially as nowadays psychosocial capacities and soft skills, resp., such as flexibility, endurance, contact building and group interaction are the mainly needed skills at work.
In order to describe the person-job-fit (and thus work ability) precisely, the skills profile of the person must be compared with the skill demands the workplace poses. This can be done with the skills concept of the Mini-ICF-APP (Linden, Baron & Muschalla, 2009). The Mini-ICF-APP is an ICF-based short instrument which allows to describe the soft skills profile of a person on thirteen skills dimensions. In parallel to the skills profile of the person, the skill demands of the workplace must be known. For assessing these work demands, the Mini-ICF-APP-W has been developed. It measures to which degree each of the thirteen soft skills dimensions is needed in a specific workplace. It thus describes the soft skills demand profile of the workplace.
In case there are big differences between the skills level of the employee and the skill demands the workplace poses, this may be an indicator that there is a problem with the person-job-fit. Three reactions are possible: a) improving or restoring the soft skill(s) of the person by training or therapy, b) dispensing the person from work (sick leave certification), c) workplace adjustment, in order to adjust the skills demands to the person´s skills level and skills profile.

Keywords
ICF, soft skills, capacity, mental disorder, social medicine, person-job-fit


Prof. Dr. Beate Muschalla
Psychologische Psychotherapeutin
Technische Universität Braunschweig
Psychotherapie und Diagnostik
Humboldtstraße 33
38106 Braunschweig

 


Die psychische Bedeutung der Wohnung und die Erfassung der Wohnfähigkeit mit dem Mini-ICF-APP-H
Jan Podschus & Michael Linden

Kurzfassung
Wohnfähigkeit und Wohnverhältnisse sind dynamisch und wechselseitig aufeinander bezogen. Nicht nur äußere Gegebenheiten wie Raumaufteilung, Klima, Lärm oder Nachbarschaft, sondern auch die Beeinträchtigung der Wohnfähigkeit durch Krankheit und Behinderung können den Verbleib in der eigenen Wohnung bedrohen. Das Mini-ICF-APP-H dient als Fremdrating-Instrument der Einschätzung der Wohnfähigkeit. Die Beurteilung der Passung von Person und Wohnen kann bei der Vermeidung von Wohnungsnotfällen und Wohnungsverlust helfen. Je nach Beeinträchtigung der Wohnfähigkeit und ihrer Prognose können differenzierte Hilfen zum Erhalt der Wohnfähigkeit und damit zum Verbleib in der Wohnung gegeben werden.

Schlüsselwörter
Wohnfähigkeit, Mini-ICF-APP-H, ICF, Wohnungsnotfall, Wohnungsverlust, psychische Erkrankung, mentale Gesundheit, WHO


The meaning of housing for mental health and operationalization of housing ability with the Mini-ICF-APP-H

Abstract
Housing capacity and living conditions are dynamic and interrelated. Not only external circumstances such as rooms, climate and noise can impair the ability to live in one’s own home, but also disability due to illness. The Mini-ICF-APP-H is an observer rating instrument for the assessment of the capacity to live independently at home. The evaluation of those capacities of a person can help to avoid housing emergencies and housing loss. Depending on the impairment of housing capacities and its prognosis, different forms of help can be given to maintain independent housing.

Keywords
Housing capacity, Mini-ICF-APP-H, ICF, housing emergency, loss of housing, psychiatric disorders, mental health, WHO


Dr. med. Podschus
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie –
Sozialmedizin
Gesundheitsamt, Koordinator FB 3
Leiter Sozialpsychiatrischer Dienst
Treptow-Köpenick, Berlin

 


Psych-Fit for Future? Die Rolle von Soft Skills in Schule, Studium und Berufsausbildung
Margó Weimann, Pauline Hehn & Beate Muschalla

Kurzfassung
Auch in der Schule spielen neben dem Wissenserwerb zunehmend psychische Fähigkeiten, sogenannte Soft Skills, eine Rolle. Immer mehr Abiturienten gehen nach ihrem Schulabschluss an die Universität, auch wenn ihre Fähigkeiten eher zu einer Berufsausbildung passen würden. Etwa ein Drittel der Studienanfänger brechen jedoch ihr Bachelorstudium ab (Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Heublein & Schmelzer, 2018). Eine fähigkeitsgerechte Wahl der beruflichen Ausbildung kann mögliche Probleme verhindern, die durch Nichtpassung von Fähigkeiten und Anforderungen entstehen. Für erfolgreiches Absolvieren einer praktischen Berufsausbildung scheinen soziale Fähigkeiten wie Kommunikations- und Gruppenfähigkeit noch bedeutsamer zu sein als für das Absolvieren eines Studiums, bei dem kognitive und Selbstmanagementfähigkeiten im Vordergrund stehen. Schüler, die eine Präferenz für eine Berufsausbildung äußerten, schätzten sich in ihrer Flexibilität signifikant besser ein als Schüler, die eine Präferenz für ein Studium hatten. Bei Studiums-Präferierenden zeigte sich eine Tendenz zu besseren Leistungen im naturwissenschaftlichen Bereich, während in sozialwissenschaftlichen, musischen und sprachlichen Fächern bei Studiums- wie auch Berufsausbildungs-Präferierenden ähnliche Leistungen in beiden Gruppen vorlagen. Um im späteren Berufsleben, welches gegenwärtig stark von Teamstrukturen geprägt ist, gut zurechtzukommen, sollte auch in der akademischen Ausbildung soziales Fähigkeitentraining durch Diskussionen, Gruppenarbeiten oder -präsentationen erfolgen.

Schlüsselwörter
Schüler, Berufswahl, Eignung, Studium, Berufsausbildung, Fähigkeitentraining


Psych-Fit for Future? The Role of Soft Skills in Academic and Professional Education

Abstract
Most jobs in our modern working require psychological capacities, i.e. the so-called soft skills. Thus, young persons who are presently finishing high school and need to decide about their professional education need to know about their soft skills profile. The question is which soft skills are required in practical professional training on the one hand and academic education on the other hand.
Social skills seem to be more important in practical professional education, whereas cognitive and self-management capacities are focused in academic studies. Self-rated capacity profiles of high school students show that they describe their capacity level differentiatedly according to requirements of their preferred professional education (academic or practical).

Keywords
School, students, professional education, academic education, soft skills, capacity training


B.Sc. Margó Weimann
B.Sc. Pauline Hehn
Prof. Dr. Beate Muschalla
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
Humboldtstraße 33
38106 Braunschweig


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Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation
32. Jahrgang · 2019 · Heft 3 (107)

Pabst, 2019
ISSN 0933-842X
Preis: 14,- €

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