Inhaltsverzeichnis
Editorial
Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) – Aktuelle Ansätze und Forschungsergebnisse
Rüdiger Nübling , Udo Kaiser, Wolfgang Bürger, Jürgen Schmidt, Marco Streibelt
Kosten und Nutzen der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation bei Muskel- und Skelett-Erkrankungen
Rüdiger Nübling, Udo Kaiser, Wolfgang Bürger, Jürgen Schmidt, Marco Streibelt
Ambulante vs. stationäre orthopädische MBOR: Erkenntnisse zur Wahrnehmung, Umsetzung sowie der Förderung der beruflichen Teilhabe
David Bühne, Christian Hetzel, Torsten Alles
Veränderungen in der Selbstwirksamkeit während der psychosomatischen Rehabilitation als Prädiktor langfristiger beruflicher Teilhabe: Sekundäranalyse einer randomisierten kontrollierten Studie
Hannes Banaschak, Markus Bassler, Andrea Budde, David Fauser, Michaela Fleck, Nina Gabriel, Bernhard Koch, Volker Köllner, Miriam Markus, Frank Rosbiegal, Matthias Bethge
Wie unterschiedlich sind erwerbstätige Rehabilitanden im Heilverfahren (HV) und in der Anschlussheilbehandlung (AHB)? Ein Vergleich sozialmedizinisch relevanter Eingangsmerkmale in der orthopädischen Rehabilitation
Jürgen Schmidt, Udo Kaiser, Rüdiger Nübling
Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) in der orthopädischen Anschlussrehabilitation: die MBOR-AHB-Studie - Hintergrund, Methodik und erste Ergebnisse
Udo Kaiser, Rüdiger Nübling, Jürgen Schmidt, Wolfgang Bürger
Anforderungen an ein erwerbsbezogenes Behandlungsangebot in der AHB der Orthopädie (MBOR-AHB-Studie) – Erwartungen der Rehabilitanden und Sicht der Ärzte
Wolfgang Bürger, Udo Kaiser, Rüdiger Nübling, Jürgen Schmidt
Implementierung von MBOR in der orthopädischen AHB – ein Werkstattbericht zur Wechselwirkung zwischen Forschung und Praxis
Jacqueline Bahr, Peter Nichterlein, Christopher Röck, Eva Strähle, Jana Nehls, Simone Fischer, Ewald Höschele
Separata
Warum werden logische Fehlschlüsse basierend auf fragwürdigen Daten so oft kritiklos akzeptiert?
Alfred Uhl
Die ökosystemische Perspektive in der Suchtforschung Wissensintegration und Theorie – für mehr Kohärenz in Forschung und Praxis
Felix Tretter
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:207-209
DOI: doi.org/10.2440/008-0055
Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) – Aktuelle Ansätze und Forschungsergebnisse
Rüdiger Nübling, Udo Kaiser, Wolfgang Bürger, Jürgen Schmidt, Marco Streibelt
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:210-223
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0056
Kosten und Nutzen der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation bei Muskel- und Skelett-Erkrankungen
Rüdiger Nübling1, Udo Kaiser1, Wolfgang Bürger2, Jürgen Schmidt1, Marco Streibelt3
1 GfQG Karlsruhe
2 fbg Karlsruhe
3 Deutsche Rentenversicherung Bund, Berlin
Zusammenfassung
Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) dient dem Ziel, die beruflichen Teilhabechancen besonderer Risikogruppen zu verbessern. Für Muskel-Skelett-Erkrankungen ist die Evidenz der MBOR-Stufe B gut belegt, die Return-to-work-(RTW-)Quote ein Jahr nach der Rehabilitation liegt zwischen 6 und 20 Prozentpunkte höher, wenn für Versicherte mit einer besonderen beruflichen Problemlage (BBPL) eine MBOR durchgeführt wurde. Rehaeinrichtungen erhalten seit Januar 2025 bundesweit einheitlich zusätzlich 11,69 € pro Behandlungstag für eine MBOR. Bislang ist nicht untersucht, in welchem Verhältnis diese Zusatzkosten zu den arbeitsbezogenen Outcomes der MBOR stehen. Es wird eine gesundheitsökonomische Modellierung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses der MBOR für die orthopädische Rehabilitation in Trägerschaft der DRV vorgestellt. Hierzu wird der Return on Investment (ROI) als Verhältnis des Erfolgs (zusätzliche Versichertenbeiträge bei Erhalt der Erwerbsfähigkeit) zum eingesetzten Kapital (zusätzliche Kosten für MBOR) berechnet. Darüber hinaus wird der potenziell entgangene Nutzen (Opportunitätskosten) bei nötiger, aber nicht durchgeführter MBOR geschätzt. Je nach Modellannahme bzw. eingesetzten Modellparametern ergibt sich ein Return on Investment (ROI) zwischen 1,3 und 4,2; dies entspricht einem Nettogewinn zwischen 700.000 € und 9,1 Millionen €. Der potenziell entgangene Nutzen liegt den Schätzungen zufolge in der Größenordnung zwischen 1,1 und 14,9 Millionen € pro Jahr.
Schlüsselwörter: Medizinisch-Beruflich Orientierte Rehabilitation (MBOR), Return on Investment (ROI), Gesundheitsökonomie
Costs and Benefits of Work-related Medical Rehabilitation for Musculoskeletal Disorders - Health Economic Model Estimates from the Perspective of the German Pension Insurance Scheme
Abstract
Work-related medical rehabilitation (WMR) aims to improve the work capacitation of risk groups, e.g., patients with long or repeated sickness absence. For musculoskeletal disorders, the evidence for WMR level B is well established; the return-to-work (RTW) rate one year after rehabilitation is between 6 and 20 percentage points higher if WMR was implemented for insured persons with severe work-related problems or severe limitations of work participation (BBPL). Since January 2025, rehabilitation facilities receive an additional €11.69 per treatment day for WMR on a uniform nationwide basis. So far, it has not been investigated how these additional costs relate to the work-related outcomes of MBOR. A health economic modelling of the cost-benefit ratio of WMR for orthopaedic rehabilitation under the auspices of the DRV is presented. For this purpose, the return on investment (ROI) is calculated as the ratio of the success (additional contributions of insured persons in maintaining the ability to work) to the capital employed (additional costs for WMR measures). In addition, the potential lost benefit in case of necessary but not performed WMR is estimated. Depending on the model assumption or model parameters used, the current benefit yields a return on investment (ROI) of between 1.3 and 4.2; this corresponds to a net effect of between €700,000 and €9.1 million. The potential lost benefit is estimated to be in the order of €1.1 to €14.9 million per year.
Kewords: Work-Related Medical Rehabilitation (WMR), Return on Investment (ROI), Health Economics
Dr. Rüdiger Nübling
ORCID: 0000-0003-3868-5589
GfQG - Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen
Wendtstr. 1
76185 Karlsruhe
nuebling@gfqg.de
www.gfqg.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:224-234
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0057
Ambulante vs. stationäre orthopädische MBOR: Erkenntnisse zur Wahrnehmung, Umsetzung sowie der Förderung der beruflichen Teilhabe
David Bühne, Christian Hetzel, Torsten Alles
iqpr - Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen
Sporthochschule Köln
Zusammenfassung
Intendiert wurde ein Vergleich ambulanter und stationärer orthopädischer Stufe-B-Leistungen hinsichtlich der Umsetzung der Kernangebote sowie der Förderung der beruflichen Teilhabe.
Die Reha-Statistik-Datenbasis wurde herangezogen, um Unterschiede in Bezug auf die im Entlassungsbericht dokumentierten Umfänge der Kernangebote sowie die Förderung der beruflichen Teilhabe zu untersuchen. Betrachtet wurden pflichtversicherte Personen mit MBOR-Stufe-B-Heilverfahren in den Jahren 2018–2019, deren erste Entlassungsdiagnose dem ICD-10-Kapitel XIII zugehörig war. 2023 wurde zudem eine bundesweite Befragung von Einrichtungen mit Zulassung für orthopädische Stufe-B-Leistungen durchgeführt. Eingesetzt wurde ein selbstentwickelter, an den Vorgaben des MBOR-Anforderungsprofils angelehnter Fragebogen. 13 Therapeutinnen und Therapeuten wurden darüber hinaus im Rahmen von Interviews zu persönlichen Setting-Präferenzen befragt.
Bei 25,7 % der ambulanten und 37,1 % der stationären Rehabilitandinnen und Rehabilitanden wurden Kernangebote im Umfang von mindestens 11 h dokumentiert (n = 46.276). Nach Adjustierung für gesundheits- und erwerbsbezogene Merkmale waren regressionsanalytisch keine Hinweise auf die Überlegenheit einer Reha-Form hinsichtlich der Förderung der beruflichen Teilhabe zu beobachten (OR = 0,96 (95% KI: 0,90 – 1,03), p = .3; Referenzkategorie = stationäres Setting). Die Ergebnisse der Befragung spiegelten eine ausgeprägte Heterogenität hinsichtlich der Umsetzung des MBOR-Anforderungsprofils wider, wobei die ambulanten Einrichtungen tendenziell durch eine stärkere Anforderungsorientierung gekennzeichnet waren. Die berichteten Anteile der Stufe-B-Leistungen lagen vielfach unter 10 %. In den durchgeführten Interviews wurde die Chance einer Inanspruchnahme der Leistungen trotz familiärer/häuslicher Anforderungen als Vorteil des ambulanten, dagegen die Möglichkeit des Abstandnehmens und der Besinnung auf die eigene Person als Vorteile des stationären Settings benannt.
Durch das ambulante und stationäre Setting können verschiedenartige Bedarfe von Rehabilitandinnen und Rehabilitanden mit besonderen beruflichen Problemlagen adressiert werden. In beiden Reha-Formen werden bislang jedoch weniger Personen als vorgesehen der Stufe B zugewiesen und auch innerhalb dieser Leistungen werden die Vorgaben des MBOR-Anforderungsprofils vielfach nicht umgesetzt. Bezüglich der Förderung der beruflichen Teilhabe deuteten die Ergebnisse auf eine Gleichwertigkeit der Settings hin.
Schlüsselwörter: Beobachtungsstudie, Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR), Orthopädie, ambulant, stationär
Outpatient vs. inpatient orthopedic MBOR: Findings on the perception, implementation, and promotion of vocational participation
Abstract
The study aimed to compare outpatient vs. inpatient work-related medical rehabilitation (WMR) with regard to the treatment dose of work-related interventions and the promotion of work participation in patients with musculoskeletal disorders. The rehabilitation statistics database of the German Pension Insurance was used to examine differences regarding the extent of work-related interventions documented in the discharge report as well as the promotion of work participation. The analysis included patients with a primary ICD-10 Chapter XIII discharge diagnosis who underwent WMR in 2018 or 2019. In 2023, a nationwide survey was conducted among rehabilitation facilities authorized to carry out WMR in patients with musculoskeletal disorders. A self-developed questionnaire was used to examine the implementation of the WMR requirements. Additionally, 13 therapists were interviewed regarding their setting preferences. In 25.7% of the outpatient and 37.1% of the inpatient rehabilitants, work-related services were documented with a total duration of at least 11 hours (n = 46,276). With regard to the promotion of work participation, no significant difference was observed between inpatient and outpatient WMR (OR = 0.96, 95% CI [0.90, 1.03], reference: inpatient WMR). The survey results reflected pronounced heterogeneity regarding the implementation of the WMR requirement profile, with outpatient facilities generally showing a stronger orientation towards work demands. The proportion of WMR services was frequently quantified at less than 10%. In the interviews, outpatient rehabilitation was perceived as beneficial due to its compatibility with family and household responsibilities, while the inpatient setting was valued for enabling distance from everyday life and personal reflection. Outpatient and inpatient rehabilitation measures can address various needs of rehabilitants whose work participation is at risk. However, in both settings, fewer individuals than expected are assigned WMR measures. Furthermore, the WMR requirements are frequently not met. With regard to the promotion of work participation, the results indicated comparable benefits.
Kewords: observational study, work-related medical rehabilitation, musculoskeletal disorders, outpatient, inpatient
Dr. David Bühne
iqpr (Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln)
Eupener Str. 70
50933 Köln
buehne@iqpr.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:235-245
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0058
Veränderungen in der Selbstwirksamkeit während der psychosomatischen Rehabilitation als Prädiktor langfristiger beruflicher Teilhabe: Sekundäranalyse einer randomisierten kontrollierten Studie
Hannes Banaschak1, Markus Bassler2, Andrea Budde3, David Fauser1, Michaela Fleck4,
Nina Gabriel2, Bernhard Koch5, Volker Köllner6, Miriam Markus1, Frank Rosbiegal7, Matthias Bethge1
1 Universität zu Lübeck
2 Hochschule Nordhausen
3 Klinik am Hainberg
4 MediClin Bliestal Kliniken
5 Rehazentrum Oberharz
6 Reha-Zentrum Seehof
7 Rehazentrum im Naturpark Aukrug
Zusammenfassung
Psychische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Gründen für Arbeitsunfähigkeit und dauerhafte Erwerbsunfähigkeit. Die medizinische Rehabilitation ist ein zentrales Versorgungsangebot zur Sicherung beruflicher Teilhabe. Individuelle Faktoren wie Alter, Funktionsfähigkeit, Komorbidität und Selbstwirksamkeit sind mit der Rückkehr in Arbeit assoziiert. Unsere Längsschnittanalyse prüfte, ob Veränderungen der Selbstwirksamkeit während der psychosomatischen Rehabilitation prädiktiv für die berufliche Rückkehr ein Jahr nach Rehabilitationsende sind. Die Analyse nutzte Daten einer randomisierten kontrollierten Studie zur Wirksamkeit der medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation im psychosomatischen Setting (DRKS00023175). Mittels logistischer Regressionsmodelle untersuchten wir die Vorhersage stabiler Rückkehr in Arbeit ein Jahr nach der Rehabilitation durch Veränderungen der Selbstwirksamkeit unter Berücksichtigung klinischer, soziodemografischer und weiterer gesundheitsbezogener Merkmale. Nach einem Jahr kehrten 45,8 % der Teilnehmenden stabil in Arbeit zurück. Verbesserungen der allgemeinen Selbstwirksamkeit waren als unabhängiger Prädiktor mit erhöhter Rückkehrwahrscheinlichkeit assoziiert (OR = 1,99; 95-%-KI: 1,53–2,60; p < 0,001), auch nach Adjustierung für zeitgleiche Veränderungen in Depressivität und phobischen Ängsten. Rehabilitationsprogramme sollten dieses Ergebnis in herkömmlichen und in beruflich orientierten Settings aufgreifen, indem die Selbstwirksamkeit gezielt, z. B. auch durch digitale Tools und hybride Angebote sowie arbeitsplatznahe Exposition, erfasst und systematisch gefördert wird.
Schlüsselwörter: Selbstwirksamkeit, psychosomatische Rehabilitation, Rückkehr in Arbeit
Changes in self-efficacy during psychosomatic rehabilitation as a predictor of long-term work participation: Secondary analysis of a randomized controlled trial
Abstract
Mental disorders are a leading cause of sickness absence and permanent work disability. Medical rehabilitation is a key service for ensuring participation in working life. Individual factors such as age, functional ability, comorbidity, and self-efficacy are associated with a return to work. Our longitudinal analysis tested whether changes in self-efficacy during psychosomatic rehabilitation were predictive of a return to work one year after the end of rehabilitation. The analysis was based on data from a randomised controlled trial investigating the effectiveness of work-related medical rehabilitation in a psychosomatic setting (DRKS00023175). Using logistic regression models, we examined the prediction of stable return to work one year after rehabilitation based on changes in self-efficacy, considering clinical, sociodemographic, and other health-related characteristics. After one year, 45.8% of participants achieved a stable return to work. Improvements in general self-efficacy were associated with an increased likelihood of return as an independent predictor (OR = 1.99; 95% CI: 1.53–2.60; p < 0.001), even after adjusting for changes in depression and phobic anxiety.
This finding should be addressed in both conventional and work-oriented rehabilitation programmes by specifically assessing and systematically promoting self-efficacy, for example through digital tools, hybrid approaches, and workplace exposure.
Keywords: self-efficacy, psychosomatic rehabilitation, return to work
Hannes Banaschak
ORCID: 0000-0002-7102-3424
Universität zu Lübeck
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
Ratzeburger Allee 160, 23562 Lübeck
E-Mail: hannes.banaschak@uksh.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:245-259
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0059
Wie unterschiedlich sind erwerbstätige Rehabilitanden im Heilverfahren (HV) und in der Anschlussheilbehandlung (AHB)? Ein Vergleich sozialmedizinisch relevanter Eingangsmerkmale in der orthopädischen Rehabilitation
Jürgen Schmidt, Udo Kaiser, Rüdiger Nübling
Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen (GfQG), Karlsruhe
Zusammenfassung
Die Studie untersucht, ob sich erwerbstätige orthopädische Rehabilitanden , die entweder ein Heilverfahren (HV) oder eine Anschlussheilbehandlung (AHB) durchlaufen, in sozialmedizinisch relevanten Eingangsmerkmalen unterscheiden. Grundlage ist eine Sekundäranalyse zweier Datenquellen: 1) Daten einer Routinebefragung bei Entlassung (N = 21.514) sowie 2) Daten aus der Requamo-II-Studie (N = 2.981), die Selbstangaben von Rehabilitanden mit Daten der Rentenversicherung kombiniert. Analysiert werden u. a. soziodemografische Merkmale, Krankheitsdauer, Arbeitsfähigkeit, Arbeitsunfähigkeitszeiten sowie MBOR-relevante Indikatoren. Die Auswertung erfolgt deskriptiv und inferenzstatistisch (t-Test, Chi²-Test, Effektstärken nach Cohen). Es zeigen sich in mehreren Merkmalen signifikante Unterschiede zwischen HV- und AHB-Rehabilitanden, etwa beim Gesundheitszustand oder bei den AU-Zeiten im Jahr vor der Reha. Die Effektstärken des Unterschieds sind jedoch überwiegend gering. AHB-Rehabilitanden berichten häufiger funktionelle Einschränkungen und eine geringere Lebensqualität, während HV-Rehabilitanden eine längere Krankheitsdauer und mehr psychische Beschwerden aufweisen. Die MBOR-Screenings ergeben in beiden Gruppen einen vergleichbaren MBOR-Bedarf. Insgesamt wird deutlich, dass sich orthopädische HV- und AHB-Rehabilitanden mit Erwerbsbezug in der Praxis weniger klar unterscheiden als häufig angenommen wird. Die Reha-Form alleine ist für die Rehabilitanden kein verlässlicher Indikator für das Vorhandensein psychosozialer oder beruflicher Problemlagen. Eine individualisierte Bedarfsfeststellung sollte daher unabhängig von der Rehabilitationsform erfolgen.
Schlüsselwörter: Orthopädische Rehabilitation, Heilverfahren (HV) versus Anschlussheilbehandlung (AHB), Unterschiede in den Ausgangsmerkmalen von erwerbstätigen Rehabilitanden
Employed Patients in Curative (HV) vs. Post-Acute Rehabilitation (AHB): A Comparison of Socio-Medically Relevant Baseline Characteristics in Orthopedic Rehabilitation
Abstract
The study examines whether employed orthopedic rehabilitation patients undergoing either standard rehabilitation (HV) or post-acute rehabilitation (AHB) differ in socio-medically relevant baseline characteristics. It is based on a secondary analysis of two data sources: (1) routine discharge survey data (N = 21,514) and (2) data from the Requamo-II study (N = 2,981), which combines patient self-reports with records from the German Pension Insurance. Variables analyzed include sociodemographic characteristics, duration of illness, work ability, sick leave history, and indicators relevant to vocationally oriented rehabilitation (MBOR). Data are evaluated descriptively and inferentially (t-tests, chi²-tests, Cohen’s effect sizes). Significant differences emerge between HV and AHB patients in several characteristics, such as health status and sick leave days in the year prior to rehabilitation. However, effect sizes are generally small. AHB patients more frequently report functional impairments and lower quality of life, whereas HV patients show longer illness durations and more psychological complaints. MBOR screenings indicate a comparable level of need in both groups. Overall, the findings demonstrate that employed orthopedic HV and AHB patients are less clearly distinguishable in practice than commonly assumed. Rehabilitation type alone is not a reliable indicator of psychosocial or vocational risk. Consequently, individualized needs assessments should be carried out independently of the rehabilitation format.
Keywords: Orthopedic rehabilitation, Curative rehabilitation (HV), Post-acute rehabilitation (AHB), Baseline characteristics, Socio-medical factors, Employed patients
Dr. Jürgen Schmidt
GfQG – Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen
Wendtstr. 1
76185 Karlsruhe
schmidt@gfqg.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:260-277
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0060
Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) in der orthopädischen Anschlussrehabilitation: die MBOR-AHB-Studie - Hintergrund, Methodik und erste Ergebnisse
Udo Kaiser1, Rüdiger Nübling1, Jürgen Schmidt1, Wolfgang Bürger2
1 GfQG Karlsruhe
2 fbg Karlsruhe
Zusammenfassung
Während es für die Effektivität der MBOR im Bereich der Heilverfahren (HV) eine gute Evidenz gibt, liegen für die Anschlussrehabilitation (AHB) hierzu keine belastbaren Daten vor. Die MBOR-AHB-Studie hat das Ziel, eine speziell auf die AHB ausgerichtete MBOR zu entwickeln und zu überprüfen. Im Zentrum stehen dabei Fragen zur Relevanz der MBOR für die Zielgruppe (Bedarfe, Fallzahlen), zur Übertragbarkeit der MBOR-Konzepte bei HV und zu notwendigen Anpassungen auf die Spezifika des AHB-Verfahrens und der AHB-Zielgruppe.
Die als multizentrische, quasi-experimentelle Interventionsstudie (Längsschnitt, 3 Messzeitpunkte) erfolgt 3-phasig in 3 Einrichtungen der orthopädischen Rehabilitation. Die berichteten Ergebnisse basieren auf der abgeschlossenen Ausgangsmessung und der 3-Monats-Katamnese aus der Projektphase I.
Die Ausgangsstichprobe zeigt eine für die AHB typische Altersgruppe (55+), die ähnliche Problemlagen in allen Bereichen der funktionalen Gesundheit aufweist, wie sie auch in HV anzutreffen sind. Die vorausgegangene Operation scheint aufgrund der Vorbehandlungen und der Erkrankungsdauer nur der vorläufige Endpunkt eines chronischen Verschleißprozesses zu sein, der beim überwiegenden Teil der Befragten von einer zusätzlichen Multimorbidität begleitet wird. Postoperative Probleme in Form von Schmerzen und Einschränkungen werden von rund drei Vierteln der Befragten genannt, fallen jedoch überwiegend situationsabhängig gering bis mittel aus.
Es besteht ein substanzieller MBOR-Bedarf, der sich auch in den hohen berufsbezogenen Erwartungen widerspiegelt und von Rehabilitanden und Arzt deutlich unterschiedlich eingeschätzt wird, was ein erhebliches Risiko für die bedarfsgerechte Zuweisungssteuerung darstellt. Dies unterstreicht die Bedeutung des partizipativen Zielfindungsprozesses zwischen Arzt, Rehabilitand und Reha-Team, um die Folgen aus diesem Risiko zu vermeiden. Weiterhin zeigt sich bei rund einem Viertel der Befragten eine begleitende Psychokomorbidität, die sich bei vorliegender BBPL auf rund 50 % erhöht. Da sich hieraus auch stärkere Beeinträchtigungen in anderen Bereichen und im Behandlungserfolg ergeben können, ergibt sich die Notwendigkeit, diese im gesamten Reha-Prozess bedarfsgerecht zu berücksichtigen. Trotz der Verbesserungen in gesundheitsbezogenen Bereichen und der hohen Reha-Zufriedenheit liegt die RTW-Quote 3 Monate nach Entlassung insgesamt bei lediglich 74,7 % (kumulative Zeitverlaufsquote), bei vorhandener (SIBAR ≥ 8) bei 43,1 % und bei gleichzeitig vorliegender Psychokomorbidität (PHQ4 ≥ 6) auf lediglich 31,9 %, was nochmals auf deren Bedeutung hinweist.
Die gesamten berufs- bzw. erwerbsbezogenen Ergebnisse weisen auf Optimierungspotenziale in der Ausgestaltung der MBOR hin, wie sie auch aus ähnlichen Studien im Bereich der HV bekannt sind (Zuweisungssteuerung, MBOR-Dosis, Durchdringung, Nachsorge bzw. Übergangsmanagement).
Trotz verbesserter Operationstechniken finden teilweise bis zu 3 Monate nach Gelenkoperationen noch Heilungsprozesse mit abnehmenden Beeinträchtigungen im Beruf und Alltag statt, die es für eine Gesamtbeurteilung zu beachten gilt. Daher ist eine abschließende Bewertung der Ergebnisse der Projektphase I erst nach Vorliegen der Ergebnisse der Einjahres-Katamnese möglich, die die Basis für die weiteren Arbeitsschritte bildet.
Schlüsselwörter: Medizinisch-Beruflich Orientierte Rehabilitation (MBOR), orthopädische Anschlussrehabilitation, Muskel-Skelett-Erkrankungen, quasi-experimentelles Design, berufliche Teilhabe, Rückkehr zur Arbeit, psychische Komorbidität
Work-related medical rehabilitation (WMR) in orthopedic follow-up rehabilitation: the MBOR-AHB study - Background, methodology, and initial results
Abstract
While there is good evidence for the effectiveness of WMR in the field of therapeutic procedures (HV), no reliable data is available for follow-up rehabilitation (AHB). The MBOR-AHB study aims to develop and evaluate a WMR specifically tailored to AHB. The focus is on questions regarding the relevance of WMR for the target group (needs, case numbers), the transferability of MBOR concepts to HV, and the necessary adjustments to the specifics of the AHB procedure and the AHB target group.
The multicenter, quasi-experimental intervention study (longitudinal, three measurement points) is conducted in three phases in three orthopedic rehabilitation facilities. The reported results are based on the completed baseline measurement and the 3-month follow-up from project phase I.
The initial sample shows an age group typical for AHB (55+), which has similar problems in all areas of functional health as those found in HV. Due to the previous treatments and the duration of the disease, the previous operation appears to be only the preliminary endpoint of a chronic wear process, which is accompanied by additional multimorbidity in most respondents. Postoperative problems in the form of pain and limitations are mentioned by around three-quarters of respondents but are predominantly mild to moderate depending on the situation.
There is a substantial need for MBOR, which is also reflected in the high occupational expectations and is assessed very differently by rehabilitation patients and physicians, which represents a considerable risk for needs-based referral management. This underscores the importance of a participatory goal-setting process between the physician, rehabilitation patient, and rehabilitation team in order to avoid the consequences of this risk. Furthermore, around a quarter of those surveyed show accompanying psychocomorbidity, which increases to around 50% in cases of BBPL. As this can also result in more severe impairments in other areas and in the success of treatment, it is necessary to take this into account as needed throughout the entire rehabilitation process. Despite improvements in health-related areas and high rehabilitation satisfaction, the RTW rate 3 months after discharge is only 74.7% overall (cumulative time course rate), 43.1% in cases where it is present (SIBAR ≥ 8), and only 31.9% in cases where there is concomitant psychocomorbidity (PHQ4 ≥ 6), which again highlights its importance.
The overall work- and employment-related results indicate potential for optimization in the design of MBOR, as is also known from similar studies in the field of HV (referral control, MBOR dose, penetration, aftercare, and transition management).
Despite improved surgical techniques, healing processes with decreasing impairments in work and everyday life continue for up to 3 months after joint surgery in some cases, which must be taken into account for an overall assessment of AHB. Therefore, a final evaluation of the results of project phase I is only possible after the results of the one-year follow-up are available, which will form the basis for further work steps.
Keywords: Work-Related Medical Rehabilitation (WMR), Orthopedic follow-up rehabilitation, musculoskeletal diseases, quasi-experimental design, work participation, return to work, psychological comorbidity
Dr. Udo Kaiser
GfQG - Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen Wendtstr. 1
76185 Karlsruhe
kaiser@gfqg.de
www.gfqg.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:278-291
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0061
Anforderungen an ein erwerbsbezogenes Behandlungsangebot in der AHB der Ortho-pädie (MBOR-AHB-Studie) – Erwartungen der Rehabilitanden und Sicht der Ärzte
Wolfgang Bürger1, Udo Kaiser2, Rüdiger Nübling2, Jürgen Schmidt2
1 fbg-Karlsruhe (forschung & beratung im gesundheitswesen), Karlsruhe
2 GfQG (Gesellschaft für Qualität im Gesundheitswesen), Karlsruhe
Zusammenfassung
Die Standards und Therapieanforderungen für eine medizinisch-beruflich-orientierte Rehabili-tation (MBOR) sind inzwischen etabliert. Für Heilverfahren ist die inkrementelle Wirksamkeit der MBOR in der Orthopädie, auch in der Routineversorgung, gut belegt. Die MBOR-AHB-Studie untersucht die Frage, welche Zielgruppen mit welchem MBOR-Angebot und welchen Ergebnissen auch in der Anschlussrehabilitation (AHB) behandelt werden können. Bislang fehlen Daten, die Hinweise geben, ob es besondere Anforderungen an Therapieangebote in einer MBOR-AHB in der Orthopädie gibt, die sich aus der besonderen Situation der AHB-Rehabilitanden meist kurz nach einer OP ergeben.
Im Rahmen einer multizentrischen, quasi-experimentellen, kontrollierten Interventionsstudie (Längsschnitt, 3 Messzeitpunkte mit multiperspektivischer Berücksichtigung der Datenquellen Rehabilitanden, Reha-Ärzte, Reha-Team und KTL-Leistungsdaten) wird in drei Modellein-richtungen überprüft, welche Anforderungen sich an eine MBOR in der AHB ergeben. Die berichteten Ergebnisse basieren auf der abgeschlossenen Erhebung des Eingangsstatus von Rehabilitanden bei Beginn der AHB aus der Perspektive der Rehabilitanden und der aufneh-menden Ärzte in der Phase I der Studie vor Etablierung eines MBOR-Angebotes sowie den katamnestischen Befragungen 3 und 12 Monate nach Abschluss der AHB.
In den drei Modellkliniken konnten n = 1238 Rehabilitanden für die Studienteilnahme ge-wonnen werden, dabei liegen für n = 1194 Einschätzungen der Ärzte zu Beginn der AHB vor. Für 79 % bzw. 69 % der Befragten liegen Angaben im Rahmen der 3- bzw. 12-Monats-Katamnese vor.
Auch in der AHB zeigen sich substanzielle Anteile (34 %) von Rehabilitanden mit MBOR-Behandlungsbedarf. Ärzte sehen bei Rehabilitanden mit MBOR-Indikation die Verordnung von MBOR-Angeboten ohne und mit körperlichen Anforderungen in knapp ¾ der Fälle als indiziert an. Kontraindikationen gegen die Durchführung einer MBOR wie Wundheilungsstö-rungen, Schmerzmittelkonsum oder mangelnde Bereitschaft der Rehabilitanden werden von den aufnehmenden Ärzten sehr selten gesehen. Am ehesten erfordern Schmerzen (19 %), feh-lende Fähigkeiten so früh nach OP (11%) oder Kontraindikationen für bestimmte Bewe-gungsanforderungen (8 %) noch Anpassungen hinsichtlich der körperlichen Anforderungen eines MBOR-Behandlungsangebotes.
Die Motivation und das Interesse der Rehabilitanden für berufsbezogene Behandlungsange-bote und der Bedarf an Hilfe bei der Klärung der beruflichen Perspektive sind auch in der AHB hoch. Etwa 2/3 der befragten Rehabilitanden mit MBOR-Bedarf äußern Interesse an einer Klärung der beruflichen Perspektive, des beruflichen Leistungsvermögens, und wün-schen eine Beratung in berufs- und arbeitsrechtlichen Fragen. Über die Hälfte der Befragten wünscht sich eine stark auf berufliche Themen fokussierte Behandlung in der AHB.
Andererseits äußern aber auch über die Hälfte der Rehabilitanden mit MBOR-Indikation zu Beginn ihrer AHB, dass sie es noch zu früh finden, sich mit beruflichen Themen auseinander-zusetzen, und dass sie später Bedarf für diese Themen sehen.
Retrospektiv wird dann aber 3 Monate nach der AHB von über 40 % der Befragten mit MBOR-Indikation das berufsbezogene Behandlungsangebot in der bisherigen Standard-AHB als zu gering erlebt.
Die Ergebnisse sprechen auch bei AHB-Rehabilitanden für einen deutlichen subjektiven und objektiven Bedarf an MBOR-Angeboten. Deren Gestaltung erfordert aus Sicht der Rehabili-tanden und behandelnden Reha-Ärzte den hier gezeigten Ergebnissen zufolge deutlichen An-passungsbedarf gegenüber der MBOR in den allgemeinen Heilverfahren im Sinne einer Ver-schiebung des MBOR-Behandlungsschwerpunktes auf Angebote mit Fokus auf Beratungen und Unterstützung bei der Entwicklung einer krankheitsadäquaten beruflichen Perspektive sowie psychosozialer Angebote und der frühen Bahnung und Einleitung eines entsprechenden Nachsorge- und Übergangsmanagements. Körperliche Anforderungen in (Arbeits-)Trainingsangeboten sind krankheitsadäquat zu gestalten und stehen in der AHB viel weniger im Fokus, weil sie manchmal noch zu früh angesichts des Krankheitsprozesses und bei über-motivierten Rehabilitanden mit der Gefahr verbunden sind, sich zu schnell zu viel zumuten und den langfristigen Erfolg zu gefährden.
Schlüsselwörter: Medizinisch-Beruflich Orientierte Rehabilitation (MBOR), orthopädische Anschlussrehabilita-tion, Muskel-Skelett-Erkrankungen, berufliche Teilhabe, Rückkehr zur Arbeit, Behandlungskonzept
Requirements for work-related treatment in orthopedic-follow-up rehabilitation (AHB) - MBOR-AHB study – expectations of rehabilitation patients and rehabilitation physician's perspectives
Abstract
The standards and therapy requirements for work-related medical rehabilitation (WMR) are now well established. The incremental effectiveness of WMR in orthopedics, including in rou-tine care, is well documented for therapeutic procedures. The MBOR-AHB study examines the question of which target groups can be treated with which WMR services and with what results, including in follow-up rehabilitation (AHB). To date, there is a lack of data indicating whether there are special requirements for therapy services in WMR-AHB in orthopedics, which arise from the special situation of AHB rehabilitation patients, usually shortly after sur-gery.
As part of a multicenter, quasi-experimental, controlled intervention study (longitudinal, 3 measurement points with multi-perspective consideration of data sources from rehabilitation patients, rehabilitation physicians, rehabilitation teams, and KTL performance data), three model orthopedic rehabilitation facilities are examining the requirements for MBOR in AHB. The reported results are based on the completed baseline measurement of the initial status of rehabilitation patients at the start of AHB from the perspective of the rehabilitation patients and the physicians in phase I of the study before the establishment of a WMR program, as well as the follow-up surveys 3 and 12 months after completion of AHB.
In the three model rehabilitation facilities, n=1238 rehabilitation patients were recruited to participate in the study, with n=1194 assessments by physicians available at the start of AHB. For 79% and 69% of respondents, respectively, information is available for the 3-month and 12-month follow-up periods.
In AHB, too, a substantial proportion (34%) of rehabilitation patients are found to require MBOR treatment. Physicians consider the prescription of WMR services with and without physical requirements to be indicated in almost three-quarters of cases for rehabilitation pa-tients with MBOR indications. Contraindications to the implementation of MBOR, such as wound healing disorders, painkiller consumption, or a lack of willingness on the part of reha-bilitation patients, are very rarely seen by the admitting physicians. Pain (19%), lack of ability so soon after surgery (11%), or contraindications for certain movement requirements (8%) are most likely to require adjustments to the physical requirements of an MBOR treatment pro-gram.
The motivation and interest of rehabilitation patients in WMR-treatment options and the need for help in clarifying career prospects are also high in AHB. Around two-thirds of the rehabili-tation patients surveyed who require WMR express an interest in clarifying their career pro-spects and professional capabilities and would like advice on occupational and labor law is-sues; more than half of those surveyed would like treatment in AHB that focuses strongly on occupational issues.
On the other hand, more than half of the rehabilitation patients with an indication for MBOR also stated at the beginning of their AHB that they felt it was too early to deal with work-related issues and that they would see a need for these issues later on.
Retrospectively, however, three months after AHB, over 40% of respondents with MBOR indication feel that the work-related treatment offered in the previous standard AHB was insufficient.
The results also indicate a clear subjective and objective need for WMR services among AHB rehabilitation patients. From the perspective of the rehabilitation patients and treating rehabili-tation physicians, the design of these services requires significant adjustments to the MBOR in general medical treatment, as shown by the results presented here, in the sense of shifting the focus of MBOR treatment to services that focus on counseling and support in developing ca-reer prospects appropriate to the illness, as well as psychosocial services and the early initiation and implementation of appropriate aftercare and transition management. Physical requirements in (work) training services must be designed to be appropriate for the illness and are much less of a focus in AHB because they are sometimes still too early in view of the disease process and, in the case of over-motivated rehabilitation patients, are associated with the risk of taking on too much too quickly and jeopardizing long-term success.
Keywords: Work-Related Medical Rehabilitation (WMR), Orthopedic follow-up rehabilitation, musculo-skeletal diseases, work participation, return to work, treatment concept
Dr. Wolfgang Bürger
fbg, forschung & beratung im Gesundheitswesen Karlsruhe
Moltkestr. 25
76133 Karlsruhe
fbgbuerger@online.de
www.fbg-karlsruhe.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:292-298
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0062
Implementierung von MBOR in der orthopädischen AHB – ein Werkstattbericht zur Wechselwirkung zwischen Forschung und Praxis
Jacqueline Bahr¹-², Peter Nichterlein², Christopher Röck³, Eva Strähle¹, Jana Nehls³ Simone Fischer³, Ewald Höschele³
¹ Rehaklinik Bad Boll
² Vinzenz Klinik Bad Ditzenbach
³ SRH Gesundheitszentrum Dobel
Zusammenfassung
Rehakliniken eignen sich hervorragend für wissenschaftliche Forschungsprojekte, da die Rehabilitandinnen und Rehabilitanden über einen längeren Zeitraum (im Schnitt ca. 3 Wochen) in den Kliniken auf der Basis eines interdisziplinären Angebotes engmaschig betreut werden können. Das sind gute Grundvoraussetzungen für die Erforschung von Behandlungskonzepten und Therapiemaßnahmen. Allerdings bedarf es für die regelmäßige Teilnahme an Forschungsprojekten entsprechender personeller und finanzieller Ressourcen, um den dabei entstehenden Mehraufwand abdecken zu können. Für die Umsetzung der aktuellen Studie wurden die vorhandenen Personalressourcen eingesetzt, was vom Aufwand her grenzwertig und für die Klinik monetär betrachtet nicht wirtschaftlich war. Forschungsprojekte wie die MBOR-AHB-Studie sind die Grundlage für die kontinuierliche Verbesserung von Rehabilitationsmethoden sowie die Entwicklung neuer Therapiekonzepte und die Qualitätssicherung in der Versorgung. In der letzten Phase der Studie wird sich zeigen, ob durch die vorgenommenen Konzept- und Prozessanpassungen in der Identifikation des MBOR-Bedarfs und die bedarfsgerechte Nutzung des gesamten Spektrums der MBOR-Angebote die gewünschten Verbesserungen erzielt werden konnten.
Schlüsselwörter: Medizinisch-Beruflich Orientierte Rehabilitation (MBOR), orthopädische Anschlussrehabilitation, Forschungstransfer
Implementation of WMR in orthopedic AHB – a workshop report on the interaction between research and practice
Abstract
Rehabilitation clinics are ideal for scientific research projects, as patients undergoing rehabilitation can be closely monitored over a longer period (on average approx. 3 weeks) in the clinics based on an interdisciplinary program. These are good prerequisites for researching treatment concepts and therapeutic measures. However, regular participation in research projects requires appropriate human and financial resources to cover the additional costs involved. Existing human resources were used to implement the current study, which was borderline in terms of effort and not economically viable for the clinic from a financial perspective. Research projects such as the MBOR-AHB study form the basis for the continuous improvement of rehabilitation methods, the development of new therapy concepts, and quality assurance in care. The final phase of the study will show whether the desired improvements have been achieved through the conceptual and process adjustments made in identifying WMR needs and the need-based use of the entire spectrum of WMR services.
Kewords: Work-Related Medical Rehabilitation (WMR), Orthopedic follow-up rehabilitation, research transfer
Dr. med. Jacqueline Bahr
Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH
Vinzenz Klinik
Kurhausstraße 88
73342 Bad Ditzenbach
jacqueline.bahr@vinzenz.de
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:299-311
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0063
Warum werden logische Fehlschlüsse basierend auf fragwürdigen Daten so oft kritiklos akzeptiert?
Alfred Uhl
Sigmund Freud PrivatUniversität
Zusammenfassung
Der Text thematisiert zentrale methodologische Schwächen in der empirischen Human- und Sozialforschung – insbesondere in der Suchtforschung – und fragt, warum logisch fehlerhafte Schlüsse auf Basis fragwürdiger Daten oft unkritisch akzeptiert werden. Der Autor zeigt auf, dass viele Studien methodisch ungenau, inhaltlich trivial oder sogar irreführend sind – etwa durch falsche Kausalinterpretationen, problematische Kategorisierungen oder unzulässige Gleichsetzungen von Daten und Phänomenen. Auch die Kommunikation in der Suchtprävention wird kritisch beleuchtet, die oft auf Dramatisierungen statt auf belastbare Evidenz setzt. Ein zentrales Anliegen ist, das wissenschaftliche Problembewusstsein zu schärfen, Denkfehler offenzulegen und für eine evidenzbasierte, ehrliche Argumentationskultur einzutreten – auch wenn das unbequeme Fragen aufwirft. Dabei plädiert der Autor für eine differenzierte, transparente und methodologisch reflektierte Forschungspraxis, ohne populistische Verkürzungen und ethisch fragwürdige Kommunikationsstrategien.
Schlüsselwörter: Forschungsmethodologie, Suchtforschung, Kausalität, Datenqualität, Suchtprävention
Why are logical fallacies built on dubious or questionable data so frequently accepted uncritically?
Abstract
The text addresses key methodological weaknesses in empirical human and social research – particularly in addiction studies – and explores why logically flawed conclusions based on questionable data are often uncritically accepted. The author demonstrates that many studies are methodologically imprecise, substantively trivial, or even misleading – for instance, due to faulty causal interpretations, problematic categorizations, or the inappropriate conflation of data and phenomena. The communication in addiction prevention is also critically examined, as it often relies on dramatization rather than solid evidence. A central aim is to sharpen scientific awareness, uncover reasoning errors, and advocate for an evidence-based and honest argumentative culture – even if this raises uncomfortable questions. The author calls for a differentiated, transparent, and methodologically reflective research practice, free from populist simplifications and ethically questionable communication strategies.
Kewords: research methodology, addiction research, causality, data quality, addiction prevention
Prof. Dr. Alfred Uhl
Sigmund Freud PrivatUniversität
alfred.uhl@sfu.ac.at
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:312-322
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0064
Die ökosystemische Perspektive in der Suchtforschung
Wissensintegration und Theorie – für mehr Kohärenz in Forschung und Praxis
Felix Tretter
Deutsche Gesellschaft für Humanökologie
Zusammenfassung
Sowohl die Suchtforschung wie auch die Praxis der Suchthilfe ist von multidisziplinären und multiprofessionellen Perspektiven geprägt, deren Integration in der Wahrnehmung und im Umgang mit Suchtproblemen hilfreich sein dürfte, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Einem derartigen Projekt stehen jedoch verschiedene erkenntnistheoretische beziehungsweise wissenschaftstheoretische Schwierigkeiten entgegen. Deshalb wird hier zunächst versucht, ein kontextualisiertes dynamisches Modell des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses darzulegen. In einem nächsten Schritt wird die Bedeutung von Theorien betont, wobei vorgeschlagen wird, die in anderen Bereichen von Public Health bereits erfolgreich als Begriffsrahmen verwendete Sozialökologie zu nutzen, die allerdings eine explizite und theoriegeleitete Wissensintegration erfordert. Die dabei auftretende Komplexität der Modelle erfordert die qualifizierte Nutzung von systemwissenschaftlicher Expertise, was abschließend dargelegt wird. Ein ökosystemisches Modell könnte die Praxis kohärenter machen.
Schlüsselwörter: Wissensintegration, Epistemologie, Sozialökologie, Systemdenken
The Ecosystemic Perspective in Addiction Research: Knowledge Integration and Theory – For Greater Coherence in Research and Practice
Abstract
Both addiction research and the practice of addiction support are characterized by multidisciplinary and multiprofessional perspectives. Integrating these perspectives in the perception and handling of addiction problems should be helpful to avoid one-sidedness. However, such a project faces various meta-scientific and epistemological difficulties. Therefore, an attempt is made here to present a contextualized dynamic model of the scientific knowledge process. In a next step, the importance of theories is emphasized, whereby it is proposed to use social ecology, which has already been successfully used as a conceptual framework in other areas of public health, but which requires an explicit and theory-guided integration of knowledge. The complexity that occures in the models requires the qualified use of systems scientific expertise, which is explained in the conclusion. An ecosytemic model could make practice more coherent.
Kewords: knowledge integration, epistemology, social ecology, systems thinking
Prof. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter
Deutsche Gesellschaft für Humanökologie
felix.tretter@bcsss.org
Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation
38. Jahrgang • 2025 • Heft 3-4 (131/132)
Pabst, 2025
ISSN 0933-842X















