Inhaltsverzeichnis
Ines Gottschalk, Anike Krämer und Dilek Tepeli
Editorial
Andrea Ploder, Angela Kühner & Phil C. Langer
Es ist professionell, Gefühle zu haben. Plädoyer für einen stark reflexiven Umgang mit Affekten und Emotionen in der qualitativen Forschungspraxis
Monique Ritter
Die Gleichzeitigkeit von Wissen(sproduktion) und Situierung – Emotionale Involviertheit und Positionierung als ›Erkenntnisfenster‹ am Beispiel einer reflexiven Grounded-Theory-Studie im Kontext Rassismuskritik
Stella Schäfer
Emotionen reflexiv fruchtbar machen – ein methodologisches Nachdenken über den Feldzugang und die Interviewführung in der Gewaltforschung
Markus Brunner & Anna Rosa Ostern
Konflikthafte Re-Subjektivierungen. Methodologische Überlegungen zur Rolle des Subjekts in tiefenhermeneutischen Auswertungssitzungen
Ines Gottschalk
Verstrickt in konfligierenden Anforderungen: Unwohlsein und Unsicherheit als methodologische Herausforderungen und Potenziale für qualitativ Forschende in normativ aufgeladenen Forschungsfeldern
Autor:innen dieses Heftes
Die Abbildungen in dieser Ausgabe sind von Phuong Tran Minh
Ines Gottschalk, Anike Krämer und Dilek Tepeli
Editorial
Psychologie & Gesellschaftskritik, 48(2), 541-565.
DOI: 10.2440/007-0019
P&G 2/24
Andrea Ploder, Angela Kühner & Phil C. Langer
Es ist professionell, Gefühle zu haben. Plädoyer für einen stark reflexiven Umgang mit Affekten und Emotionen in der qualitativen Forschungspraxis
Affekte und Emotionen von Forschenden sind konstitutiver Bestandteil ihres Forschungshandelns und bilden eine wertvolle Datenquelle für verschiedene Traditionen der qualitativen Sozialforschung. Ausgehend von dieser Grundüberzeugung, die wir 2016 in dem von Sandra Harding entlehnten Begriff starke Reflexivität zusammengefasst haben, entwickeln wir in diesem Artikel weiterführende Gedanken zum Umgang mit Affekten und Emotionen in qualitativer Forschung. Wir diskutieren das Verhältnis von starker Reflexivität, verletzbaren Forschenden und academic kindness, und zeigen, dass stark reflexive Forschung immer auch als Ort der Subjektwerdung verstanden werden kann. Weil stark reflexive Forschung die Relevanz von Forschungsbeziehungen besonders sichtbar macht, stellen wir erste Überlegungen in Richtung einer relationalen Forschungsethik an und fragen, wie eine stark reflexive Hochschullehre aussehen könnte.
Schlagwörter: Ethik, Gefühle, starke Reflexivität, Subjektivität, Vulnerabilität
Psychologie & Gesellschaftskritik, 48(2), 567-592.
DOI: 10.2440/007-0020
P&G 2/24
Monique Ritter
Die Gleichzeitigkeit von Wissen(sproduktion) und Situierung – Emotionale Involviertheit und Positionierung als ›Erkenntnisfenster‹ am Beispiel einer reflexiven Grounded-Theory-Studie im Kontext Rassismuskritik
Auf Grundlage einer qualitativen Forschungsarbeit thematisiert der Beitrag einen möglichen Widerstreit zwischen der Situierung der Forschenden, ihrer emotionalen Involviertheit im Forschungsprozess und akademischen/r Wissen(sproduktion). Ausgehend von einer reflexiven und sich im Kontext kritischer Rassismustheorie verortenden Grounded-Theory-Studie setzt sich der Beitrag mit den Auswirkungen von Emotionen, Affekten und der eigenen Positionierung sowie dem Beziehungsgeschehen im Forschungsprozess auseinander. Der Beitrag nähert sich dieser Verkopplung über das Konzept des »situierten Wissens« nach Haraway an ausgewählten Stellen im Forschungsprozess. Hierzu nimmt er die Formierung des Forschungsinteresses, die Herstellung der ersten Feldkontakte sowie die Gestaltung von Kontaktaufnahmen und
Erhebungssituationen in den Blick. An diesen Beispielen und einem (selbst-)reflexiven Einholen von Emotionen und Affekten zeigt der Beitrag auf, wie ebenjene subjektiven Momente als ›epistemologische Fenster‹ im Forschungsprozess fruchtbar gemacht werden können, Erkenntnispotenzial und -wert eröffnen und selbst Aufschluss über gesellschaftliche Verhältnisse geben.
Schlagwörter: Situierung, Wissen, Emotionen, Reflexive Grounded Theory, Rassismuskritik
Psychologie & Gesellschaftskritik, 48(2), 593-612.
DOI: 10.2440/007-0021
P&G 2/24
Stella Schäfer
Emotionen reflexiv fruchtbar machen – ein methodologisches Nachdenken über den Feldzugang und die Interviewführung in der Gewaltforschung
Emotionen sind Bestandteil qualitativer Forschungsprozesse. In der Untersuchung von Gewaltphänomenen werden oft qualitative Interviews mit Betroffenen gewählt, da Gewalt selten direkt beobachtet werden kann. Der Zugang birgt eine Besonderheit. Der Gegenstand der Gewalt wird durch die Betroffenheit von Gewalt sichtbar. Diese Betroffenheit eröffnet sich mittels der Beziehungen zwischen Interviewer*innen, Interviewpartner*innen und Dritten. In diesen Beziehungen spielen Emotionen eine zentrale Rolle. Dies erfordert Reflexivität, um Rückschlüsse auf die materiellen und sozialen Bedingungen von Phänomenen zu ziehen.
Schlagwörter: Gewalt, Subjektivierung, Interviews, Feldzugang, Emotionen
Psychologie & Gesellschaftskritik, 48(2), 613-637.
DOI: 10.2440/007-0022
P&G 2/24
Markus Brunner & Anna Rosa Ostern
Konflikthafte Re-Subjektivierungen. Methodologische Überlegungen zur Rolle des Subjekts in tiefenhermeneutischen Auswertungssitzungen
Der Beitrag diskutiert die Rolle des Subjekts in der tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppe. Ausschlaggebend hierfür war ein Workshop, in dem ein Musikvideo (Plattenbau O.S.T. von »Zugezogen Maskulin«) tiefenhermeneutisch interpretiert wurde. Um danach zu fragen, welche Bedeutung Geschlechter- und Generationenverhältnisse sowie transgenerationale Erbschaften und Erfahrungen ost-/westdeutscher Geschichtsschreibung haben, wurde im Rahmen des Workshops eine experimentelle methodische Anpassung des klassischen tiefenhermeneutischen Auswertungssettings vorgenommen. In der Folge kam es zu einer Fragmentierung und Diffusion des tiefenhermeneutischen Interpretationsraums. Der Beitrag stellt die These auf, dass durch die Einführung einer selbstreflexiven Auswertungsrunde und die Frage nach konkreten Erinnerungen und Erbschaften in das tiefenhermeneutische Setting eine irritierende bis störende Re-Subjektivierung stattgefunden hat, die der spezifischen Form der Ent-Subjektivierung, die der tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppe eigentümlich ist, zuwiderläuft. Damit lässt sich eine Aussage darüber tätigen, in welche Dynamiken das Subjekt typischerweise in der tiefenhermeneutischen Auswertungsrunde verwickelt wird.
Schlagwörter: Tiefenhermeneutik, Gruppendynamik, qualitative Methoden, Subjektivierung, Alfred Lorenzer
Psychologie & Gesellschaftskritik, 48(2), 639-659.
DOI: 10.2440/007-0023
P&G 2/24
Ines Gottschalk
Verstrickt in konfligierenden Anforderungen: Unwohlsein und Unsicherheit als methodologische Herausforderungen und Potenziale für qualitativ Forschende in normativ aufgeladenen Forschungsfeldern
Der Beitrag fokussiert Gefühle im Kontext qualitativer Forschung. Qualitative Forschung wird als komplexes Beziehungs-, Interaktions- und Anforderungsgeschehen verstanden, das mit unterschiedlichen, mitunter konfligierenden Positionierungen einhergeht und Irritationen bis hin zu Unsicherheit und Unwohlsein auslösen kann. Konkret betrachte ich eine Gesprächssituation mit einer Gastfamilie für unbegleitete minderjährige Geflüchtete – Ein Beziehungsgefüge, das paradigmatisch für ein normativ aufgeladenes Forschungsfeld steht. Konfligierende Anforderungen und ihre Begleitgefühle werden auf zwei Ebenen betrachtet, die miteinander verflochten sind. Zum einen werden aufkommende Spannungen in der Forschungssituation selbst in den Blick genommen und zum anderen solche, die zwischen Forschenden im Verhältnis zu internalisierten, konfligierenden Anforderungen ihrer wissenschaftlichen Disziplinen entstehen können. Gefühle können Forschende hemmen und methodologisch herausfordernd sein, zugleich jedoch Einblick in Charakteristika des Forschungsfelds und konfligierende, disziplinspezifische Handlungsanforderungen geben.
Schlagwörter: Qualitative Forschung, Emotionen, Unwohlsein, Spannung, Reflexivität
Psychologie & Gesellschaftskritik
48. Jahrgang • 2024 • Heft 2 (190)
Pabst, 2024
ISSN 0170-0537














