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Wo sich die deutsche Durchschnitts-Seele tummelt

Projektleiter Dr. Meinald Thielsch

Psychologen der WWU initiieren mit Forschern aus Osnabrück und Leipzig eine Online-Plattform für Befragungen

 

Manche psychologischen Mythen halten sich hartnäckig: Etwa, dass die Handschrift unsere Persönlichkeit widerspiegelt oder dass bei Vollmond die Rate an Gewalttaten steigt. "Alles falsch", sagt Dr. Meinald Thielsch vom Institut für Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). "Die Empirie widerlegt solche Volksweisheiten." Auf der Online-Plattform "PsyWeb" klären er und seine Kollegen Prof. Dr. Fred Rist (WWU Münster), Prof. Dr. Uwe Kanning (Hochschule Osnabrück) und Prof. Dr. Stefan Schmukle (Universität Leipzig) seit November über Mythen der Psychologie auf. Doch das ist nur ein Ziel des Angebots - vor allem wollen sie Probanden für die Teilnahme an psychologischen Studien gewinnen.

Bislang stützte sich psychologische Forschung vor allem auf Daten von Ratten, Kranken und Studierenden, merkte der amerikanische Psychologe Michael Birnbaum einmal ironisch an. "Das ist natürlich nicht die Lebenswelt, die uns interessiert", sagt Projektleiter Meinald Thielsch. Um mehr über die deutsche Durchschnitts-Seele zu erfahren, starteten die Wissenschaftler die Online-Plattform "PsyWeb". Das Internet ist für Psychologen mittlerweile ein ideales Forschungsfeld: Immerhin  73 Prozent aller Deutschen surfen laut der "ARD/ZDF-Onlinestudie 2011" im Netz, unter ihnen Menschen aus allen Alters- und Bildungsschichten. "Einen solchen Querschnitt erreichen wir bei Befragungen am Telefon oder in der Fußgängerzone nicht", erläutert Meinald Thielsch die Vorteile der Online-Plattform.

Schon rund 1500 Deutsche sowie einige Schweizer und Österreicher haben sich im "PsyWeb" angemeldet - täglich kommen zehn bis 15 neue Mitglieder hinzu. An den Untersuchungen nimmt jedoch nur ein Bruchteil von ihnen teil. "Bei geplanten zwölf bis 15 Studien im Jahr wären die Mitglieder schnell genervt, wenn sie jede mitmachen müssten", erklärt Meinald Thielsch. Daher limitiert ein automatisches Skript die Menge der Einladungen pro Person. Mit Erfolg: Die Rücklaufquoten sind überdurchschnittlich hoch.

Die Motivation für die Anmeldung sei vor allem der Wunsch nach Selbsterkenntnis, so Meinald Thielsch: Der Test zu "Fakten und Mythen der Psychologie" etwa ist einer von zurzeit fünf dauerhaften Tests, mit denen registrierte Mitglieder mehr über sich erfahren können. So können sie Fragebögen zur Persönlichkeit, zum Sucht- oder zum Aufschiebeverhalten und zu sozialen Kompetenzen ausfüllen und nach der Teilnahme eine detaillierte Rückmeldung erhalten. "Diese Tests sind sonst meist kostenpflichtig - bei uns gibt es sie gratis", erläutert der Wissenschaftler. Darüber hinaus erhalten Teilnehmer auch Informationen zu Ergebnissen der Studien, an denen sie teilgenommen haben.

Meinald Thielsch und seine Kollegen garantieren eine sichere Datenübertragung und Anonymität: Für jede Studie generiert das System automatisch Identitätsnummern, die den Studienteilnehmern zugewiesen werden. So ist es nur über Umwege möglich, die erhobenen Daten mit den Stammdaten oder gar der E-Mail-Adresse des Probanden zu verknüpfen. Die Wissenschaftler speichern die Datensätze zudem an einem Ort, auf den über das "PsyWeb" nicht zugegriffen werden kann. "Bestimmte persönliche Daten wie das Einkommen erheben wir erst gar nicht - das ist die sicherste Form des Datenschutzes", betont der Psychologe. Wert legt das Forscherteam außerdem auf die Ethik der Studien: Täuschungsstudien etwa, bei denen Teilnehmer absichtlich in eine schlechte Stimmung versetzt werden, führen sie im "PsyWeb" nur sehr selten durch.

Schon jetzt freuen sich die Wissenschaftler über die ersten Erfolge der Plattform: "Unserem Persönlichkeitstest liegt inzwischen eine bessere Referenzpopulation zugrunde als in der ursprünglichen deutschen Publikation", meint Meinald Thielsch. Da die ersten beiden Stellen der Postleitzahl erhoben werden, sei es künftig außerdem möglich, Befragungsstichproben nach geografischen Aspekten zusammenzustellen. Denkbar seien auch Längsschnittstudien, bei denen Teilnehmer in regelmäßigen Abständen erneut befragt werden. Langfristig wollen die Wissenschaftler über das "PsyWeb" repräsentative Studien schnell umsetzen. "Doch dafür brauchen wir mindestens 10.000 Mitglieder", sagt Projektleiter Meinald Thielsch.




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