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Wie uns Fehler beim Erkennen helfen

FRANKFURT. Wenn wir kurz hintereinander dieselben Objekte sehen, gibt uns unser zweiter Blick immer ein leicht verfälschtes Bild der Objekte wieder. Unser Kurzzeitgedächtnis macht hier systematische Fehler, wobei es sich an verschiedenen Merkmalen der Objekte wie Bewegungsrichtung, Farbe und räumliche Position orientiert. Offenbar helfen uns diese Fehler, die ständig wechselnden Eindrücke unserer Umgebung zu stabilisieren. Dies haben Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Psychologie der Goethe-Universität Frankfurt jetzt herausgefunden.

 

Schon als Kind haben wir es gelernt: Wer vorbildlich die Straße überquert, blickt erst nach links, dann nach rechts und zum Schluss noch einmal nach links. Wenn wir beim ersten Linksblick ein Auto und einen Fahrradfahrer herannahen sehen, wird diese Information im Kurzzeitgedächtnis gespeichert. Beim zweiten Linksblick meldet das Kurzzeitgedächtnis: Fahrrad und Autofahrer waren vorher schon da, es sind dieselben, sie sind immer noch weit genug entfernt. Wir gehen gefahrlos über die Straße.

Das stimmt allerdings gar nicht, unser Kurzzeitgedächtnis betrügt uns. Denn unser Auge sieht beim zweiten Linksblick etwas komplett anderes: Fahrradfahrer und Auto haben nicht mehr dieselben Farben, weil sie gerade durch den Schatten eines Baumes fahren, sie sind nicht mehr am selben Ort, und das Auto ist vielleicht etwas langsamer geworden. Dass wir trotzdem Fahrradfahrer und Auto direkt wiedererkennen, liegt daran, dass die Erinnerung an den ersten Linksblick die Wahrnehmung des zweiten Linksblicks verfälscht.

Wissenschaftler der Goethe-Universität um den Psychologen und Privatdozenten Christoph Bledowski und die Doktorandin Cora Fischer haben – sehr abstrakt – die Verkehrssituation im Labor nachgestellt: Studienteilnehmer bekamen die Aufgabe, sich an die Bewegungsrichtung von grünen oder roten Punkten zu erinnern, die über einen Bildschirm wanderten. Pro Versuchsdurchlauf bekamen die Probanden hintereinander jeweils ganz kurz zwei wandernde Punktewolken zu sehen und mussten anschließend die Bewegungsrichtung einer dieser beiden Punktewolken angeben. In weiteren Versuchsreihen waren die beiden Punktewolken gleichzeitig nebeneinander zu sehen. Alle Probanden absolvierten jeweils viele Versuchsdurchläufe hintereinander.

Die Frankfurter Wissenschaftler waren sehr daran interessiert, welche Fehler die Probanden machten und wie diese Fehler in aufeinander folgenden Versuchsdurchläufen systematisch zusammenhingen. Wenn zum Beispiel die zu beobachtenden Punkte im vorigen Versuchsdurchlauf in Richtung 10 Grad wanderten und im folgenden Versuchsdurchlauf in Richtung 20 Grad, dann gaben die meisten Menschen für den zweiten Versuchsdurchlauf 16 bis 18 Grad an. Wenn im folgenden Versuchsdurchlauf aber 0 Grad richtig wären, geben sie für den zweiten Versuchsdurchlauf 2 bis 4 Grad an. Der Richtung des vorangegangenen Versuchsdurchlaufs verzerrt also die Wahrnehmung des folgenden, „nicht sehr viel, aber systematisch“, sagt Christoph Bledowski. Er und sein Team haben in Erweiterung bisheriger Untersuchungen den Einfluss der Kontext-Informationen Farbe, Raum (rechts oder links) und Verlauf (zuerst oder als zweites gezeigt) untersucht. „Damit nähern wir uns realen Situationen an, in denen wir ja viele unterschiedliche visuelle Informationen von Objekten aufnehmen“, erklärt Bledowski. Auch diese Kontext-Informationen, besonders Raum und Verlauf, tragen entscheidend zur Verzerrung der Folgewahrnehmung im Kurzzeitgedächtnis bei. Erstautorin Cora Fischer sagt: „Die Kontext-Informationen helfen uns dabei, zwischen verschiedenen Objekten zu unterscheiden und so nur Informationen des gleichen Objektes über die Zeit hinweg zu integrieren.“

Was sich daraus für die Verkehrssituation ableiteten lässt? „Zunächst einmal hört es sich nicht so gut an, wenn unser Kurzzeitgedächtnis etwas anderes wiedergibt, als wir physikalisch sehen“, meint Bledowski. „Wenn allerdings unser Kurzzeitgedächtnis dies nicht könnte, würden wir bei beim zweiten Linksblick eine für uns komplett neue Verkehrssituation sehen. Das wäre ganz schön irritierend, denn plötzlich wären wie aus dem Nichts ein anderer Fahrradfahrer und ein anderes Auto aufgetaucht. Das leichte ‚Verschleifen‘ unserer Wahrnehmung durch die Erinnerung führt letztlich dazu, dass wir unsere Umgebung, deren Erscheinung sich durch Bewegungen und Lichtwechsel permanent ändert, als stabiler wahrnehmen. Die aktuelle Wahrnehmung des Autos zum Beispiel wird dabei nur von der vorherigen Wahrnehmung des Autos, nicht aber von der Wahrnehmung des Fahrradfahrers beeinflusst.“

 

Pressemitteilung: https://idw-online.de/de/news745467




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