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Schmerzen noch vor der Chronifizierung an der Wurzel packen: Neue Wege bei ambulanter Schmerzbehandlung: Modellprojekt PAIN2020

Wenn Schmerzen erst einmal chronisch geworden sind, ist das Leid für die Betroffenen groß. Die Folge ist häufig, dass die Lebensqualität sinkt, Alltagskompetenzen eingeschränkt sein können, die Psyche leidet und die Arbeitsfähigkeit nachlässt oder verloren geht. „Handeln, bevor Schmerzen chronisch werden – das ist der Grundgedanke des bundesweiten Modellprojekts PAIN2020“, sagt die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. anlässlich des 8. bundesweiten Aktionstages gegen den Schmerz am 4. Juni 2019.

Über zwölf Millionen Menschen in Deutschland sind von lang anhaltenden chronischen Schmerzen betroffen. „Bei den meisten Menschen mit chronischen Schmerzen dauert es oft mehrere Jahre, bis sie eine wirksame Schmerzbehandlung erhalten“, sagt Professor Dr. med. Claudia Sommer, Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. und Leitende Oberärztin und Schmerzforscherin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Uniklinikums Würzburg. Mit dem Dauerschmerz kommen weitere negative Effekte: Die körperlichen Belastungen beeinträchtigen den Alltag, depressive Stimmungen treten auf, Angst- und Schlafstörungen sowie Konzentrationsschwierigkeiten können zusätzlich belasten. Die Arbeitsfähigkeit ist mitunter nicht mehr vorhanden und lange Krankschreibungszeiten können die Folge sein. „Handeln, bevor Schmerzen chronisch werden – das ist die Devise des bundesweiten Versorgungsforschungsprojektes PAIN2020, mit dem Patienten über eine ambulante interprofessionelle Therapie vor chronischen Schmerzen bewahrt werden sollen“, erklärt die Präsidentin der Schmerzgesellschaft.

 

Bestimmte Anzeichen weisen auf das Risiko einer Chronifizierung von Schmerzen hin: wenn sie beispielsweise länger als sechs Wochen andauern oder immer wieder zurückkehren, obwohl man in fachspezifischer Behandlung ist; wenn die Lebensqualität durch den Schmerz beeinträchtigt ist oder aufgrund der Schmerzen schon seit vier Wochen eine Arbeitsunfähigkeit besteht beziehungsweise eine zusammengerechnete Arbeitsunfähigkeit von mindestens sechs Wochen in den letzten zwölf Monaten. „Wenn es gelingt, diese ‚Risikopatienten‘ früh zu identifizieren und dann auch früh zu behandeln, bleibt ihnen möglicherweise ein jahrelanger Leidensweg erspart“, sagt Sommer.

 

Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. hat daher mit der Krankenkasse BARMER und weiteren Partnern das Projekt PAIN2020 initiiert. Es steht für: Patientenorientiert. Abgestuft. Interdisziplinär. Netzwerk. Untersucht wird, ob sich die Versorgungssituation von Patienten verbessern lässt, wenn sie frühzeitig eine interdisziplinäre Diagnostik und entsprechende Therapieempfehlungen erhalten. Das Modellprojekt wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit sieben Millionen Euro gefördert, startete vor einem Jahr und läuft über drei Jahre. Bereits 27 Kliniken, Schmerzzentren und Schmerzambulanzen sind PAIN2020-Zentren und haben die ersten Patienten in das Projekt aufgenommen, rund 6000 weitere Teilnehmer werden im Zeitraum des vom G-BA-Innovationsfonds bewilligten Projekts folgen.

 

Den Patienten erwartet eine interdisziplinäre multimodale Bewertung durch ein Team aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten. Sie empfehlen gemeinsam auf Basis ihrer jeweiligen Befunde eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Therapie. Das Team informiert und berät den Patienten, welche Therapie ambulant, stationär oder in einer Tagesklinik empfehlenswert ist. Dabei werden somatische (also den Körper betreffende), psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt. „Was wir als Schmerzexperten immer fordern, nämlich eine ganzheitliche Sicht auf den Patienten und die möglichen Ursachen seiner Schmerzen, wird bei PAIN2020 möglich: Ein interprofessionelles Team trifft zusammen mit dem Patienten zu einem frühen Zeitpunkt eine gemeinsame Therapieentscheidung“, betont Sommer.

 

In dem Projekt werden zudem zwei verschiedene, jeweils interdisziplinäre und multimodale (Schmerz) Therapiemodule erprobt, die die üblichen Therapieformen in der ambulanten Versorgung ergänzen sollen: Beim Therapiemodul „Edukation (E-IMST)“ handelt es sich um eine einmalige Schulung: Der Patient erhält in einer drei Stunden dauernden Gruppenschulung Basisinformationen zu Ursachen und Formen sowie zur Bewältigung von Schmerzen und über die Bedeutung von Eigenverantwortung in der Anwendung schmerzreduzierender Strategien. Das Therapiemodul „Begleitende Therapie (B-IMST)“ ist berufsbegleitend mit 32 Stunden, verteilt über zehn Wochen, umfangreicher. In Gruppen von acht Patienten werden die Teilnehmer ebenfalls über die Erkrankung und die Methoden der Schmerzbewältigung informiert sowie dabei unterstützt, selbstverantwortlich mit körperlichen und psychischen Bedürfnissen umzugehen und Strategien im Umgang mit Schmerzen und anderen Belastungen zu entwickeln. Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. ergänzt: „Das Gesundheitswesen ist für die Patienten da – und nicht umgekehrt! Von daher sind wir schon jetzt sehr zuversichtlich, dass das Projekt nach Evaluation und Projektabschluss in die Regelversorgung übernommen werden kann und den Kampf gegen den Schmerz wesentlich verbessert.“

Pressemeldung http://www.pain2020.de/

Literatur zu Thema

Ursula Frede: Herausforderung Schmerz, psychologisce Begleitung von Schmerzpatienten
Pabst, 376 Seiten, ISBN 978-3-8997-378-4

 




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