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Schizophrenie: Tagebuch eines fragmentierten, isolierten Menschen

"Wir stiegen bei einem Gitter in einen des Nachts abgeschlossenen Park, um dort open-air zu übernachten. Dabei kam es zu Streicheleinheiten meinerseits zu Aurore Clement über den Bauch bis zur Genitalregion. Aurore bedankte sich des Morgens dafür," notiert Herbert S. in sein Diarium. Er leidet unter Schizophrenie. Mit 33 Jahren scheidet er aus dem Leben und hinterlässt etwa 2000 Tagebuchseiten - ein filigranes Dokument der Schizophrenie. Die Psychologin Dr. Vera Luif hat die Texte in einer intensiven Studie analysiert - "Die Psychose als Erzählgeschehen".

"Obwohl der Autor des Tagebuchs nur selten Begegnungen und Interaktionen mit ihm bekannten weiblichen Figuren festhält, kommen Frauen wiederholt vor. Meist handeln die Tagebucheinträge von flüchtigen Bekannten oder Unbekannten, deren Bild unterschiedliche Facetten aufweist und sich nicht vereinheitlichen lässt. Herbert S. nimmt eine teils ehrfurchtsvolle, teils entwertende Distanz zu Frauen ein. Diesen werden mal erotische, mal gefährliche Attribute verliehen, und vermeintliche, mögliche oder tatsächliche Kontakte mit ihnen sind für Herbert meist frustrierend und desillusionierend." Dennoch schließt die Schizophrenie die Sehnsucht und Hoffnung nicht aus.
 
Herbert S. beschreibt einen tatsächlichen oder fiktiven Nervenzusammenbruch, den er in Zürich auf offener Straße erleidet: "Als ich gerade auf dem Pflaster am Anfang der Kirchgasse in die Winkelwiese einmünden wollte, gab mir ein wildfremdes Mädchen eine Ohrfeige und sagte: `Du hast ja nichts zwischen den Beinen.`. Ich entgegnete ihr: ´Du hast wohl Drogen genommen ....´"
 
Der experientielle, d.h. Erlebenskern des schizophrenen Menschen ist die Fragmentation des Ich-Selbst-Erlebens. Diese schwerste Form der Dissoziation betrifft die elementaren Dimensionen des Ich-Bewusstseins: die dem gesunden Menschen selbstverständliche Gewissheit, lebendig da zu sein.
 
Die Analyse der Tagebuch-Texte verdeutlicht die Verrückung des Schizophrenen aus dem Realitätsbezug in zweifacher Hinsicht: verrückt aus dem verlässlichen Ich-Bezug und dem Bezug zur umgebenden Alltagsrealität. Zugleich wird ein Aspekt der Affektivität deutlich: Nicht einmal die Herbert sexuell reizende Frau wird von ihm als Umwelt erfahren und in eine interpersonelle Interaktion einbezogen - im Sehnen, im Werben, im Suchen und im Ermöglichen von Nähe, die dann zur Intimität der Vereinigung führte. In einer geradezu schaurigen Weise wird in solchen Szenen sichtbar, wie depersonalisiert-objektal Herbert lebt, in Isolation und Alienation.




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