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"Rauchen rettet Leben": Ein Fake löst sich in Rauch auf

05.07.2021 In den jüngeren Generationen wird immer weniger Tabak und immer mehr illegaler Stoff geraucht. Um gegenzusteuern, müsste die Tabakindustrie massiv werben. Doch der Gesetzgeber hat dies untersagt. Schlechter Rat ist daher teuer, aber einen Versuch wert - Corona sei Dank.

Im April 2020 publizierten Ärzte des Pitie-Salpetriere Hospital Paris, unter der Federführung eines gewissen Professor Zahir Amoura, die sensationelle "Beobachtung", dass unter den Corona-Toten nur fünf Prozent Raucher waren. Nikotin biete womöglich eine Schutzwirkung gegenüber Covid-19. So attraktiv die Hypothese war, so zügig machte sie die Runde - trotz der WHO-Kalkulation: 8 Millionen Tabak-Tote jährlich weltweit.

Dies ließ nun einige Wissenschaftler, die seit Jahren im hochdotierten Dienst der Tabakindustrie stehen, nicht ruhen: Allen voran der griechische Kardiologe Konstantinos Farsalinos, der mit einer "Erklärung" aufzuwarten wünschte: Der ACE-2-Rezeptor, Einfallstür des Coronavirus in die menschliche Zelle, werde von Nikotin geschlossen. Da der Herr Professor seit Jahren auch die Vorzüge der E-Zigaretten untersucht und mit allen erdenklichen Mitteln propagiert, testierte er gleichzeitig auch ihnen den wohltätigen Effekt. Etwa ein Dutzend Publikationen mit seiner Rauch-Empfehlung konnte er placieren.Im September 2020 trat Farsalinos als Sprecher im Panel "The role of nicotin in the fight against covid-19" auf - gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Direktor von British American Tobacco (lucky Strike).

Vor allem libertäre Magazine popularisierten die Heilsbotschaft - bis zum zugespitzten Slogan: "Rauchen rettet Leben."

Stephane Horel und Ties Keyzer haben verschiedene, teils verwirrende Geldflüsse aus der Tabakindustrie an diverse Wissenschaftler recherchiert und im British Medical Journal beschrieben. Allerdings dürften die Transaktionen für alle Beteiligten nicht nur peinlich, sondern auch kontraproduktiv sein: Etliche Publikationen mussten zurückgezogen werden. Alle großen Studien belegen, dass für Raucher das Sterberisiko bei einer COVID-19-Infektion in Wahrheit etwa 10 bis 20 Prozent höher liegt als für Nichtraucher. Und: Der Absatz an Zigaretten ist auch im Jahr 2020 weiter zurückgegangen ... 

Stephane Horel, Ties Keyzer: Covid 19 - How harm reduction advocates and the tobacco industry capitalised on the pandemic to promote nicotine. BMJ2021;373n1303, 02 june 2021


Literatur zumThema

Tabakatlas Deutschland 2020  Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.)

Pabst, 2020, 192 Seiten, Print: 978-3-95853-638-8, PDF: 978-3-95853-639-5

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DHS Jahrbuch Sucht 2021 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. (Hrsg.)

Pabst, 2021, 267 Seiten, Hardcover, Print: 978-3-95853-691-3, PDF: 978-3-95853-692-0

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