"Der durchschnittliche Lebensentwurf, die alltägliche Selbstauslegung des Daseins, reichen in Situationen, in denen wir mit Krankheit, Leid, Tod, Schuld und Angst konfrontiert sind, nicht aus. Solche Situationen, die Karl Jaspers Grenzsituationen nennt," provozieren bei Betroffenen ein philosophisches Klärungsbedürfnis. Hier setzt Poltrum mit seiner ´Klinischen Philosophie´ bzw. ´Philosophischen Therapeutik´an. In einer Evaluationsstudie mit Suchtkranken zeigten sich bei 45% der Betroffenen die Wirkfaktoren Auseinandersetzung/Reflexion, bei 23% Horizonterweiterung/Wissensgewinn, bei 16% Handlungsaktivierung und bei 8% die Abnahme materieller Werte.
"Nicht alle Philosophien sind in der Lage, Orientierung zu bieten und die noetischen Ressourcen der Patienten zu aktivieren. Nicht einmal einzelne Philosophen und deren Weltentwurf als Ganzes können für ein klinisch relevantes Philosophieren genutzt werden. So gibt es z.B. viele fruchtbare Überlegungen in der stoischen Philosophie, die v.a. bei affektiven Störungen und emotionaler Instabilität als kognitive Gegenkonzepte sehr gut helfen": z.B. mit der Dihairesis, der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Problemen. Anderseits ist die positive Sicht der Stoa auf den Suizid in der Therapie kontraindiziert.
Die Auswahl philosophischer Texte bleibt daher eine immer neue individuelle, störungsbezogene Entscheidung, zu der Martin Poltrum auf der Basis eigener therapeutischer Erfahrungen motiviert und anleitet. C.G. Jung hatte - nicht als erster - bemerkt: "Ich kann es kaum verschleiern, dass wir Psychotherapeuten eigentlich Philosophen oder philosophische Ärzte sein sollten, oder vielmehr, dass wir es schon sind, ohne es wahr haben zu wollen ..."
Martin Poltrum: Klinische Philosophie -
Logos Ästhetikus und Philosophische Therapeutik.
Pabst, 152 S., Paperback ISBN 978-3-89967-598-6













