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Psychose-Kranke sind Seismographen unserer Gesellschaft

Jeder und jede kann an einer Psychose erkranken. Das Risiko ist für sensible, kreative Menschen überdurchschnittlich hoch. Psychose-Betroffene und ihre Therapeuten stellten in München im Universitätsklinikum Rechts der Isar ihr neues Buch vor: "Psycho-Tisch" - Erinnerungen, Reflexionen, literarisch Anspruchsvolles, Lyrik, Gemälde. Der Band verdeutlicht, dass auch die leidvollste Psychose intellektuelles und künstlerisches Potential nicht dezimieren muss, sondern weiterentwickeln und vertiefen kann.

 

Hintergrund der Herausgeber- und Autoren-Gruppe ist das Münchner Psychose-Seminar, in dem Erkrankte, ihre Angehörigen und professionellen Therapeuten in einem Trialog auf gleicher Augenhöhe zusammenarbeiten. Dr. Heinrich Berger, Psychotherapeut und Gründer des Psychose-Seminars, nimmt aus dem Seminar Wertvolles mit: "Wenn das Universum psychotischer Symptomatiken im unvoreingenommenen Austausch zur Sprache kommt, entstehen in mir Ideen, Hypothesen über den möglichen verborgenen Sinn. Mit dem Blick auf sogenannte Fokusverschiebungen ergeben sich immer wieder nachvollziehbare Zusammenhänge der Symptome mit sozialen Situationen, biografischen Belastungen und familiengeschichtlichen Konstellationen, denen gemeinsam nachgegangen werden kann: Hat der - in der aktuellen Situation nicht nachvollziehbare - Verfolgungswahn z.B. etwas mit erlebter Realität zu tun?"

 

Der Trialog außerhalb des therapeutischen Alltags ist selbst nach Extremereignissen für alle Beteiligte wertvoll, berichtet Professor Dr. Josef Bäuml: Musste in der Psychiatrie in einer akuten Gefahrensituation Zwang angewandt werden, sind nicht nur Patienten, sondern auch das Personal verletzt und in einem tiefen Zwiespalt. Später, in fast entspannter Situation am Psycho-Tisch, können  beide Seiten ihre zwar unterschiedlichen, aber immer verstörenden Empfindungen einander verständlich machen. Wie weit der Trialog reicht, verdeutlicht Bäuml nicht nur mit kritischen, sondern auch selbstkritischen Reflexionen im Buch, auf bayrisch gereimte Art.

 

Peter Bechmann kann seiner früheren bipolaren Störung im Rückblick Unterhaltsames abgewinnen: In seinem Größenwahn hatte er sich zu Papst Petrus II avanciert. "Was war es für eine Genugtuung, als ein Reporter meine frühere Identität lüftete und die BILD-Zeitung  mit der Schlagzeile aufmachte: ´Ist unser Papst verrückt?´ Ein Papst, der Stimmen hört? Ja natürlich, was ist der Heilige Geist anderes als eine Stimme? Ein Papst, der Ideen und Visionen hat? Aber bitte, wer wenn nicht der Papst darf Visionen haben?"

 

Und: Bechmann schreibt nicht nur gut und gern - Schreiben war auch, bekennt er, seine "erste Liebe". "Bevor ich entdeckte, dass ich mit Bildern und Zeichnungen etwas Besonderes ausdrücken kann, wusste ich, dass Schreiben machtvoll ist - und befreiend." 

 

Den Gedanken- und Bilderreichtum verdankt das Buch nicht zuletzt der Schreibschulung von Jörg Zimmermann und der Kunsttherapie der Akademie der Bildenden Künste: Schreiben und Malen als Weg zur Rekonvaleszenz, oft auf der Suche nach dem eigenen Bild in einem zerbrochenen Spiegel. Jörg Zimmermann: "Mit ihrer besonderen Vulnerabilität sind Psychose-Kranke auch Seismografen unserer Gesellschaft. Schreiben bedeutet, sich Zeit zu nehmen für den zweiten Blick. Durch die anderen TeilnehmerInnen in der Gruppe kommt ein fremder Blick hinzu. Schreiben bedeutet auf diese Weise auch immer Konfrontation."

 

Dr. Katarina de Valerio, ehemals erkrankt und inzwischen als Genesungsbegleiterin für Patienten tätig, hat gelernt, "ihr Anderssein nicht auf Mängel zu reduzieren. Mein psychisches Anderssein ist grundmenschlich. In unserer Vielfalt sind wir Betroffene produktiv und bereichernd für uns selbst und unsere Gesellschaft. Wenn es um Barrieren geht, geht es auch immer um Menschenrechte, um die Würde, die Gleichwertigkeit." Kämpferisch wendet sich de Valerio gegen Diskriminierung und Ausgrenzung: "Barrieren zu überwinden kann nur Resultat individuellen und gesellschaftlichen Handelns sein - egal ob mentale, psychische, kulturelle, ökonomische oder andere Barrieren bestehen."

 

Veronique Dehimi, gleichfalls Genesungsbegleiterin, trägt zum Band u.a. ein Gedicht bei, das die Spuren der Krankheit erahnen lässt - und die Anstrengung einer Gesundung:

 

Kleeanemohn

 

Die Sonne regnet

Halb verblasst wie der Morgen Mond

Hängt sie gelb in der Nacht

Die morgens aufgebrochen war

 

Die goldene Nacht

In die linke Schale

Die silberne Sonne

In die rechte

 

Wirf Dein purpurnes Kleid

Mir zu

 

Berger, Bechmann, Dehimi, De Valerio, Bäuml (Hrsg.): Psycho-Tisch
Geschichten und Bilder aus dem Münchner Psychose-Seminar

Pabst, 2020, 326  Seiten, Hardcover,  ISBN 978-3-95853-231-1, eBook ISBN 978-3-95853-232-8

 

Weitere Informationen

 

 




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