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Psychoonkologie: dem Patienten die Chance geben, erkannt zu werden

Psychoonkologie: "Wir Menschen haben eine existentielle Sehnsucht; wir möchten zu Lebzeiten auf dieser Erde in unserem Dasein, unserer Persönlichkeit erkannt werden. In einer Lebenskrise, etwa bei Krebs, droht die Zeit dafür knapp zu werden oder auszugehen. Die Angst verstärkt sich, von dieser Erde Abschied nehmen zu müssen, ohne im eigenen Wesen erkannt worden zu sein", berichtet der Psychoonkologe Dr. Thomas Schopperth. Er sieht es als Aufgabe des Therapeuten, dem Patienten die Möglichkeit zu geben, erkannt zu werden.

Im dapo-Jahrbuch "Psychoonkologie - Risiken und Chancen des Wandels" berichtet Schopperth über einen Krebspatienten, der sich, wenn auch zögerlich, mit seiner Erinnerung öffnete: Als junger Bauingenieur war er gezwungen worden, Pläne für Exekutionskommandos zu zeichnen. Schopperth "fragte ihn, ob er dies schon einmal erzählt habe, und er antwortete: ´Kein Wort. Wer hätte das verstehen sollen? Ich war doch kein Opfer, ich war auf der Seite der Täter ...?! Oder ...?´
 
Er weinte leise in sich hinein. Nachdem er seinen Blick wieder vorsichtig gehoben hatte, schaute ich ihm in die Augen und sagte, aufgeregt und gerührt: ´Ich bin offen. Wenn Sie mögen, erzählen Sie mir das.´ Wir hatten weitere Gespräche, irgendwann gab er mir zu verstehen, es sei jetzt gut. Wochen später ist er gestorben. Er konnte jetzt offenbar gehen.
 
Psychoonkologie hieß in diesem Falle: Dem Patienten in wertschätzender Weise Raum zu geben, um seine Bedrängnisse zu erinnern, das vermeintlich Unaussprechliche zu artikulieren, diesen Menschen mit seiner Tragödie und Not ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, als etwas Einzigartiges, etwas Kostbares.
 
Manchmal geschieht Erkanntwerden durch Reden, manchmal durch Schweigen. Zuweilen braucht es mehrere Anläufe, um eine gemeinsame Spur zu finden. Oft genug entsteht Hoffnung, indem Menschen erleben: Hier ist jemand, der da bleibt, statt wegzulaufen, der hinhört, statt sich abzuwenden. Einer, der das Gefühl bestärkt: Wie ich fühle, was mich bewegt, darf sein, es hat Bedeutung; ich habe Bedeutung."




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