Etwa ein Drittel der Suchtkranken in Deutschland nehmen keine professionelle therapeutische Behandlung in Anspruch, sondern suchen Unterstützung im Umgang mit ihrer Sucht und den daraus entstandenen Problemen in einer Selbsthilfegruppe. Unter dem Leitspruch "Hilfe zur Selbsthilfe" kommen Betroffene zusammen, stehen sich zur Seite, tauschen sich aus. Häufig besuchen auch Angehörige diese Gesprächsgruppen. Doch was als "Raum für Offenheit und Ehrlichkeit" konzipiert ist, entwickelt sich nicht selten zu einer Kammer des Schreckens für die Gesprächsteilnehmer, in der gegenseitige Schuldzuweisungen, Anklagen oder hilfloses Schweigen ihren Lauf nehmen.
"Die Zeit der aktiven Sucht ist für viele Betroffene und Angehörige geprägt von Schuld- und Schamgefühlen, Ohnmacht, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und nicht zuletzt seelischen und körperlichen Verletzungen. Die Kommunikation in der Suchtselbsthilfe ist beeinflusst von diesen Suchterfahrungen", erläutert Carla Ahrens-Lück. Aufgrund der Ermangelung geeigneter Kommunikationsmittel würden insbesondere auch gerade scham- oder schuldbesetzte Themen wie häusliche Gewalterfahrungen in Suchtselbsthilfegruppen oft tabuisiert und blieben damit fatalerweise unbeachtet. Dabei zeigten sich gerade in der Suchtentstehung und der Entstehung häuslicher Gewalt Parallelen, in denen Beteiligte Opfer und Täter gleichermaßen sind.
Die Suchtreferentin sieht in der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg eine Möglichkeit, diesen destruktiven Kommunikationsmustern zu begegnen und damit einen Raum zu schaffen, in dem Empathie und Wertschätzung herrschen und das Erlernen neuer Sicht- und Verhaltensweisen begünstigt wird. Die Nachfrage an Seminaren zu den Themen Kommunikation und Umgang miteinander in der Gruppe sei groß und zeige den hohen Bedarf an Kommunikationstrainings im Bereich der Suchtselbsthilfe an.
Die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg bezeichnet nicht nur eine Sprachtechnik zur Konfliktbewältigung, sondern vielmehr eine (Lebens-)Haltung. Es geht dabei vor allem um die einfühlsame Verbindung zu sich selbst und zu anderen; "das Erkennen der eigenen Verantwortung für Gefühle und die oft verschütteten, nicht wahr- und ernstgenommenen Bedürfnisse sind der Schlüssel zu einer gewaltfreien Kommunikation", so Ahrens-Lück. Themen, denen in der Sucht- und Gewalthilfe allgemein eine große therapeutische Bedeutung zugesprochen wird.
Zur Verdeutlichung der verschiedenen Kommunikationsformen bedient sich die gewaltfreie Kommunikation einer Tier-Analogie: der Wolf und die Giraffe.
"Der Wolf [
] steht für die uns gewohnte Sprache, die wir gelernt haben. Sie ist geprägt von Urteilen und Schuldzuweisungen und der Abgabe der Verantwortung für unsere eigenen Gefühle", erklärt Ahrens-Lück. "Die Giraffe dagegen spricht die Sprache des Herzens. Sie ist das Landtier mit dem größten Herzen und daher als Symboltier der GFK gewählt. Die Giraffe gibt sich selbst und ihrem Gegenüber Empathie und legt Wert auf Wertschätzung und Respekt. Der Giraffensprache liegt keine moralische Bewertung zugrunde, sondern Werturteile, die auf unseren Überzeugungen beruhen."
In Trainings zur gewaltfreien Kommunikation werden mit den Teilnehmern 4 Schritte herausgearbeitet, um von einer moralisch-wertenden zu einer empathischen Haltung zu gelangen, sich vom Wolf zur Giraffe zu wandeln:
- Schritt 1 Beobachten, ohne zu bewerten vermittelt einen Umgang mit Konflikten, der allein auf wahrnehmbaren Tatsachen beruht. (Leitfrage: Was habe ich wahrgenommen?)
- Schritt 2 Gefühle behandelt das Einfühlen in eigene Gefühle, die durch den Konflikt wachgerufen worden sind. (Leitfrage: Wie fühle ich mich?)
- Schritt 3 Bedürfnisse behandelt die Frage nach zugrundeliegenden Bedürfnissen. (Leitfragen: Was ist mir wichtig? Welche Bedürfnisse sind erfüllt oder unerfüllt?)
- In Schritt 4 Bitte wird eine konkrete Bitte formuliert, um Mitmenschen die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu verdeutlichen und ihnen damit die Chance einer Reaktion zu ermöglichen. (Leitfrage: Worum möchte ich meine Mitmenschen bitten?)
"Die Menschen in den Trainings bekommen schnell einen Zugang zu der Entstehung von Gefühlen und der Bedeutung von Bedürfnisse", fasst Ahrens-Lück ihre praktischen Erfahrungen mit der gewaltfreien Kommunikation im Bereich der Suchtselbsthilfe zusammen. "Es wirkt sehr entlastend, wenn festgestellt wird, dass sie nicht für die Gefühle ihres Gegenübers verantwortlich sind, sondern diese durch die eigenen Bewertungen entstehen."
Ermutigt durch die positive Resonanz, entwickelt die Suchtreferentin vielfältiges Praxismaterial für die Gruppengestaltung. Ihr Ziel: Die gewaltfreie Kommunikation möglichst praktisch und erlebnisnah vermitteln. Die Seminare und Workshops der Suchtreferentin sind gefragt und auch einige der großen Selbsthilfe- und Abstinenzverbände in Deutschland haben Interesse an einer Implementierung eines solchen Angebots bekundet.
"Inzwischen sind viele Menschen in der Suchtselbsthilfe Wolf und Giraffe begegnet.", sagt Ahrens-Lück. "Es zeigt sich, dass ein breites Verständnis für diese Haltung existiert und darauf auch in anderen Zusammenhängen gebaut werden kann. [
] Auch wenn es bei einer Veranstaltung nicht um ein primäres Kommunikationstraining nach der gewaltfreien Kommunikation geht, kann diese Lebensweise das Miteinander in der Suchtselbsthilfe begleiten und bereichern."
Eines ist sicher: Ebenso wie die dauerhafte Abstinenz nach Suchterfahrung einen lebenslangen Prozess darstellt, benötigt die Haltung der gewaltfreien Kommunikation Übung und konstantes Lernen. Es ist eben mehr als eine Technik. Doch trifft diese Haltung gerade in der Suchtselbsthilfe auf einen "lohnenden und motivierten Nährboden", konstatiert Ahrens-Lück. ALZ
Gewalt – Sprache der Verzweiflung
Vom Umgang mit Gewalt in der Suchthilfe
Fais, Jürgen (Hrsg.)















