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Philosophie der Medizin: Leben im stabilen Nichtgleichgewichtszustand am Rand des Chaos

Der Mensch lebt und stirbt zwischen diesseits und jenseits. Michael Imhof, Arzt und Philosoph, reflektiert den Spannungsbogen in seiner Monografie "Mensch zwischen Physik und Metaphysik", Band 3 der Reihe "Philosophie der Medizin und des Menschen".

 "Das Leben ist ein integrierter Prozess, der sich nach den Gesetzen der Autopoiese und Selbstorganisation in der Nähe des Chaos entwickelt. Die Lebensprozesse müssen daher gesetzmäßig auch krisenhafte Zustände , d.h. Krankheiten ausbilden. In der bewussten Erfahrung dieser krisenhaften Zustände erfährt der Mensch sich selbst in seiner Innerlichkeit. Nur die Bedrohung eines um sich besorgten Wesens vermag die Erfahrung von Innerlichkeit zu begründen," schreibt Imhof. 

"Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich der Sterblichkeit und der Offenheit seiner Zukunft bewusst ist. Damit ist er auch mehr oder weniger unausgesprochen unterwegs nach einem Sinn seiner eigenen Existenz. Sinn, für sich selbst gefundener Sinn, scheint die einzige magische Formel zu sein, welche die Angst vor der eigenen Sterblichkeit zu mildern vermag. Diese Suche nach Sinn, die in jedem Menschen angelegt ist, stellt sich in besonderer Schärfe in der existentiellen Not einer Erkrankung. In der sich öffnenden Kluft tauchen Fragen auf, die noch nie so gestellt worden waren. Möglicherweise werden Ereignisse der Vergangenheit neu bewertet: Wenn ich mein Leben überschaue, war es sinnvoll? Fragen nach einem Ganzen des Lebens sind per se Fragen nach dem Sinn. Kann die Sinnfrage geklärt werden, so können sich daraus neue Perspektiven und Möglichkeiten für den zukünftig noch verbleibenden Rest an Lebenszeit ergeben, auch wenn dieser noch so begrenzt sein sollte... Krankheiten können also Anlass zu einer mit Sinn erfüllten Lebenskunst geben..."

Imhof widerspricht der Erwartung an ein lineares, rhythmisch gleichmäßiges Leben. "So ist die normale physiologische Herztätigkeit nicht streng periodisch, sie zeigt vielmehr eine Periodizität nach dem Modell eines Grenzzyklus, und sie findet in der Nähe zum Chaos statt: So sind es oft jene quasirhythmischen, wechselnden und chaotischen Prozesse in Gestalt von Grenzzyklen, die einen physiologischen Herzschlag signalisieren, während anderseits eine EKG-Kurve dann auf eine Herzerkrankung hinweisen kann, wenn ihre elektrischen Ausschläge starr gleichmäßig sind. Grenzzyklen als Form nichtlinearer chaotischer Prozesse sind kennzeichnend für physiologische Prozesse in einem stabilen Nichtgleichgewichtszustand. Denn ein physiologisches Verhalten setzt eine flexible Reaktionsfähigkeit gegenüber den sich ständig ändernden Zuständen des Organismus voraus." 


Michael Imhof: Mensch zwischen Physik und Metaphysik -
Philosophie der Medizin und des Menschen, Band 3
 Pabst, 288 S. Hardcover ISBN 978-3-95853-713-2 eBook ISBN 978-395853-714-9

 

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