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Nicht nur „Gefühle malen“ – Kunsttherapie mit handwerklichem Einsatz

Chronisch alkoholabhängige Menschen haben oft nicht mehr viel mit der Person gemeinsam, die sie vor ihrer Abhängigkeit waren. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu regulieren, sind innerlich „stehen geblieben“ und zeigen kaum aktives Handeln. Umso schwieriger ist es für Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter, sie zu einem aktiven und selbstregulierenden Handeln zu bewegen. Anne Schulz-Delcuve von der Caritas in Bonn versucht es mit kunsttherapeutischen Maßnahmen: In einer umfassenden Projektarbeit hat sie beachtliche Erfolge in der Arbeit mit suchtkranken Patienten erzielt – nachzulesen im Journal Musik-, Tanz- und Kunsttherapie, Ausgabe 1/19.

Abhängigkeitserkrankte haben nicht nur mit den eigenen Problemen der Alltagsbewältigung zu kämpfen, sondern auch mit Vorurteilen – nicht nur von Seiten der Gesellschaft, sondern auch von Therapeuten bzw. Solzialarbeitern. Als schwierig im Umgang gelten die Betroffenen - mit wenig Krankheitseinsicht und kognitiv beeinträchtigt.

Die Autorin zeigt, dass vor allem kunsttherapeutisches Handeln eine Brücke zu den Erkrankten schlagen kann – und so die gängigen Vorurteile überwindet. Auch wenn durch anhaltenden Alkoholkonsum Konzentration und Merkfähigkeit erheblich verringert sind und kognitive Interventionen dementsprechend schwierig, so sind doch fast alle Betroffenen in der Lage, sich künstlerisch-kreativ zu betätigen.

Schulz-Delcuve bot innerhalb eines Wohnheims für chronisch Suchtkranke ein wöchentlich stattfindendes Projekt, „Gefühlswelten“, an. Dabei wurden weder künstlerische noch handwerkliche Fertigkeiten vorausgesetzt. „Entscheidend war es, Übungen und Materialien so zu planen, dass die Teilnehmer ins Handeln kommen und es gelingt, möglichst freies, spontanes und experimentelles Gestalten anzuregen.“ Ziel war die Gestaltung und Herstellung einer Stele, dazu wurden zunächst Entwürfe, Collagen und Zeichnungen angefertigt. Anschließend sollten die erarbeiteten Motive für Tonarbeiten verwendet werden, es wurden Kacheln hergestellt. Zuletzt wurden die Kacheln für die Verkleidung der entsprechenden Stele verwendet. Hintergrund war ein symbolischer und bildnerischer Ausdruck der Gefühle. Für die mehrheitlich männlichen Bewohner bot dieses „handwerkliche“ Projekt einen attraktiveren Zugang als das sonst gängige kunsttherapeutische „Malen“ von Emotionen, Erinnerungen und Eindrücken.

Das Projekt erstreckte sich über drei Monate und bot Raum für „eine umfassende dynamische Entwicklung und zahlreiche stärkende Erfahrungen“. Alle Teilnehmer konnten sich mit ihren individuellen Fähigkeiten einbringen und erlebten einen beeindruckenden Entwicklungsprozess – in kleinen, sinnlich erfahrbaren Etappen. Das Projekt brachte die sonst eher stagnierenden Persönlichkeiten in Bewegung, sie erlebten als Teil einer Gruppe die Genese eines Werks, von der Idee bis zum Endergebnis, und profitierten erheblich davon. Laut Schulz-Delcuve zeigt diese erfolgreiche Arbeit vor allem, was mit den als „schwierig“ verrufenen Suchtkranken möglich ist, und inspiriert für ähnliche kunsttherapeutische Projekte.

 

Literatur:

 

Anne Schulz-Delcuve: Vom Teil zum Ganzen - Ein aktualgenetischer Prozess in der kunst- und suchttherapeutischen Arbeit.

In: Musik-, Tanz- und Kunsttherapie, Ausgabe 1/2019. Pabst Science Publishers.

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