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Menschliche Höherentwicklung: "Rolltreppe der Vernunft" - oder?

Bewegt sich die Menschheit in Richtung Abgrund? Psychologen setzen der Weltuntergangsstimmung einen faktenbasierten verhaltenen Optimismus entgegen. Ihr Reader "Menschliche Höherentwicklung" trägt im Titel kein Fragezeichen. Herausgeber Professor Gerd Jüttemann intoniert die Aufsatzsammlung: "Der Wunsch nach schöpferischer Gestaltung kennzeichnet den Menschen und bildet wahrscheinlich sein wichtigstes Definitionsmerkmal."

Wie weit es die schöpferische Gestaltung gebracht hat, skizziert Steven Pinker: "Seit Beginn der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts ist die Lebenserwartung des Menschen weltweit von 30 auf 71 Jahre gestiegen, in den wohlhabenden Ländern auf 81." Aber: "Weltweit leben heute 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Fast eine Million Kinder sterben jedes Jahr an Lungenentzündung, eine halbe Million an Diarrhoe. Jedes Jahr kommen fünf Millionen Menschen bei einem Unfall ums Leben, und mehr als 400.000 werden ermordet ..."

 

Dennoch sieht Pinker eine "Rolltreppe der Vernunft - insbesondere durch Alphabetisierung, Weltbürgertum und Bildung." "Wenn ganz unterschiedliche Menschen durch kosmopolitische Strömungen ins Gespräch kommen, wenn Redefreiheit herrscht und wenn man die gescheiterten Experimente der Geschichte durchleuchtet, spricht alles dafür, dass Wertesysteme sich in Richtung eines liberalen Humanismus entwickeln ..."

 

Hubert Kiesewetter belegt in seinem Beitrag anhand von zwei Beispielen, wie der Mensch Fortschritte erzielen, dadurch Probleme schaffen - und sie auch lösen kann: Die immer besseren Ernteerträge und die Industrialisierung ermöglichten im 19. Jahrhundert in Europa einen reichlichen Alkoholkonsum und führten zu einem epidemischen süchtigen  Missbrauch. Den deutlichen Rückgang des Alkoholismus im 20. Jahrhundert sieht Kiesewetter im Zusammenhang mit positiven Veränderungen wirtschaftlicher Verhältnisse, mehr Bildungs- und Freizeitangeboten, gestiegenem Lebensstandard, höheren Konsumansprüchen, einer rationaleren Lebensplanung u.a..

 

Die hohen Ernteerträge der modernisierten Landwirtschaft bescherten seit Ende des 18. Jahrhunderts auch eine bisher ungekannte Ernährungssicherheit - und Menge. Daher wurde Kinderreichtum - d.h. die Altersversorgung der Eltern - möglich und wünschenswert; die Bevölkerung wuchs in Europa beinahe bedrohlich, die Armut nahm zu. Vor allem soziale Fortschritte - z.B. die Bismarckschen Sozialgesetze - führten jedoch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer ökonomisch und ökologisch verträglichen Geburtenrate.

 

Die heute analoge weltweite Bevölkerungsexplosion macht jede Umweltpolitik unwirksam, solange soziale Fortschritte die Entwicklung nicht ändern. Der Optimismus bezüglich einer Höherentwicklung der Menschheit ist ein kühnes  Postulat.

 

Gerd Jüttemann (Hrsg.) Menschliche Höherentwicklung.
Pabst, 324 Seiten. Hardcover ISBN 978-3-95853-500-8, e-book ISBN 978-3-95853-501-5

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