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Gutachten in der Forensik: wissenschaftlich fundiertes Instrumentarium ohne Ausweg aus den Dilemmata

11.06.2021 Forensische Gutachten entscheiden über Schicksale - oft mit relevanten Prognosen, gelegentlich mit katastrophalen Folgen. Die Qualität der psychologisch- psychiatrischen Expertise ist so unterschiedlich wie die Charaktere der GutachterInnen. Dr. Ulrich Kobbe und KollegInnen bieten im Praxismanual "Forensische Prognosen" eine kritische, breitgefächerte Übersicht über die wichtigsten Methoden und Instrumente.

 

Unmittelbar nützlich sind  "Arbeitshilfen", die systematisch Schritt für Schritt sicherstellen, dass keine aussagefähige Exploration übersehen wird:

 

- Der grundlegende Anamneseleitfaden umfasst annähernd 700 Fragen; zunächst thematisiert er Kindheit und Jugend - inclusive der frühen psychosexuellen Entwicklung - und endet mit der "Einstellung zur Tat".  Zum Konsum von Suchtmitteln und zu Verhaltenssüchten folgt ein zusätzlicher, kürzerer Anamneseleitfaden.

 

- Die prognostische Beurteilung des möglichen Behandlungserfolgs ist auf sehr unterschiedliche Weise möglich und notwendig. Kobbe bietet dazu in einer Checkliste mehr als 60 Stichpunkte und Schlüsselbegriffe als prismatische Orientierung zu persönlichkeitsstrukturellen Kriterien, psychosozialen Ressourcenbedingungen, Konzeptualisierung und Operationalisierung.

 

- Die Checkliste zur Lockerungsprognose nennt zehn Items (jeweils mit mehreren Unterpunkten): Regelkenntnis, Compliance, Impulskontrolle, Regeleinhaltung, Beziehung zum Behandlungsteam, aktuelle interne oder externe Stressoren, aktive Krankheitssymptome, Risiko aus Delikt, Regelverletzungen in der Vergangenheit.

 

- Abschließend thematisiert die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) die persönlichen Ressourcen der Probanden auf mehreren Achsen.

 

Ulrich Kobbe, selbst erfahrener psychologischer Gutachter, verdrängt bei aller Bemühung um Validität nicht: Was bedeutet es, Menschen = Subjekte (meist aus benachteiligten Lebensverhältnissen) "objektiv" einschätzen zu wollen? Und:  "Ab welcher empirisch bestimmten Rückfallwahrscheinlichkeit ein Mensch als ´hoch´, ´moderat´ oder ´niedrig´ gefährlich anzusehen ist, wird immer eine politische, juristische und ethische Frage bleiben, die sich auf dem statistischen Weg nicht beantworten lässt."  Wie hoch ist das Risiko, eine Entlassung in die Freiheit zu befürworten, d.h. weitere Verbrechen zu ermöglichen? Auf der anderen Seite: Wie häufig wird einem realiter ungefährlichen Straftäter die Entlassung vorenthalten?  In einem intensiven philosophisch-psychologischen Diskurs reflektiert Kobbe die Antagonismen. Forensische GutachterInnen bleiben in den Dilemmata gefangen und werden nicht gelockert.

 

Ulrich Kobbè (Hrsg.) Forensische Prognosen - Ein transdisziplinäres Praxismanual.

Pabst, 2017, 528 Seiten, Hardcover, Print:978-3-95853-243-4, eBook 978-3-95853-244-1   

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