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Gewaltstudie: Schläge sind für ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland Alltag

Eine sozialwissenschaftliche Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung deckt hohes Gewaltniveau auf: Sozial benachteiligte Kinder sind besonders betroffen. Um mit Gewalterfahrungen besser umzugehen, bietet die Kinderförderung im Rahmen ihres neuen Förderprogramms ein Konflikt-Training für Arche-Kinder an. Schirmherrin Katharina Saalfrank ruft zum Umdenken auf.

Gewalt ist in Deutschland für viele Heranwachsende erschreckender Alltag. Fast ein Viertel (22,3 Prozent) wird von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen; 28 Prozent davon sind Kinder ab sechs Jahren, etwa 17 Prozent Jugendliche. Überraschend ist dieses Ergebnis vor allem deshalb, weil es bereits seit 13 Jahren ein gesetzlich verankertes Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gibt. Die  "Gewaltstudie 2013" der Universität Bielefeld hat im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung untersucht, wie präsent Gewalt- und Missachtungserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland heute noch sind und inwiefern sie von Armutslagen abhängen. Die sozialwissenschaftliche Studie ist einzigartig, weil bislang zum ersten Mal bereits Kinder ab sechs Jahren befragt wurden. In der zweiten Altersgruppe wurden Jugendliche bis einschließlich 16 Jahre befragt. Die Studie ist mit 900 Teilnehmern bevölkerungsrepräsentativ.

Kinder in Armutslagen werden öfter und härter geschlagen

Auch wenn Heranwachsende aus allen Schichten Gewalterfahrungen machen, lassen sich doch eindeutige soziale Unterschiede feststellen. "Vor allem Kinder aus prekären Lebenslagen werden häufiger und offenbar auch in höherer Intensität geschlagen als Kinder, deren sozialer Status durchschnittlich oder privilegiert ist", bestätigt Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler, Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Insgesamt geben 32,5 Prozent der sozial benachteiligten Kinder an, oft oder manchmal von Erwachsenen geschlagen worden zu sein - 17,1 Prozent sogar so heftig, dass sie blaue Flecken hatten. Bei den durchschnittlich bis privilegiert gestellten Kindern kommt das weitaus weniger häufig vor (6,6 und 1,4 Prozent). Im Vergleich zu den Kindern sind die Gewalterfahrungen von Jugendlichen zwar auch, jedoch weniger eindeutig mit dem sozioökonomischen Status assoziiert. 22,1 Prozent der sozial benachteiligten im Vergleich zu 17,9 Prozent der privilegierten Jugendlichen berichten, oft oder manchmal geschlagen zu werden. 6,4 Prozent der sozial benachteiligten Jugendlichen hatten anschließend blaue Flecken - im Gegensatz zu 3 Prozent der privilegierten.

Dumm, faul und weniger wert

Gewalt äußert sich jedoch nicht nur durch Schläge, sondern auch durch (verbale) Missachtung. Ein Viertel aller befragten Heranwachsenden (25,1 Prozent) hat die Erfahrung gemacht, von Erwachsenen als "dumm" oder "faul" beschimpft zu werden (26,7 Prozent Kinder, 23,9 Prozent Jugendliche). Ein Fünftel gibt an, dass Erwachsene ihnen das Gefühl geben, weniger wert zu sein. Bei den Kindern werden erneut sozioökonomische Unterschiede sichtbar: Mit 23,6 Prozent sind sozial benachteiligte Kinder im Vergleich zu den privilegierten Kindern (9,9 Prozent) mehr als doppelt so häufig dieser Erfahrung ausgesetzt. Bei den Jugendlichen ist das hohe Gesamtniveau über alle Schichten hinweg erschreckend: Knapp 24 Prozent wurden von Erwachsenen schon mal als "dumm" oder "faul" bezeichnet, 26 Prozent haben das Gefühl, weniger wert zu sein. Erziehungswissenschaftler Prof. Ziegler: "Wir wissen, dass sich solche verbalen Missachtungserfahrungen deutlich - und unter Umständen auch stärker als körperliche Gewalterfahrungen - auf das Ausmaß emotionaler Probleme, das Wohlbefinden oder Selbstvertrauen der Heranwachsenden auswirken."

Privilegierte Kinder in der Schule bevorzugt?

Auch im schulischen Umfeld spielen Missachtungserfahrungen eine Rolle - die erlebte Fairness im Klassenzimmer ist sozial sehr ungleich verteilt. 45 Prozent der Kinder aus prekären Lebenslagen berichten, dass LehrerInnen bestimmte Schüler besser behandeln - bei den privilegierten Kindern empfinden das nur 22,6 Prozent so. Fast dreimal so viele der sozial benachteiligten Kinder (14,4 Prozent) im Vergleich zu den privilegierten Kindern (4,9 Prozent) geben an, Angst vor dem Klassenlehrer zu haben. Fast ein Viertel hat das Gefühl, unfair behandelt zu werden. Jugendliche nehmen ihre LehrerInnen als noch weniger fair wahr, die Unterschiede nach sozialer Lage sind jedoch weniger stark ausgeprägt: 55 Prozent der Jugendlichen aus prekärer Lage geben an, dass bestimmte Schüler besser behandelt werden; in der Gruppe der Privilegierten sind es 51,9 Prozent.

Soziales Gefälle auch beim Mobbing

Sozial benachteiligte Heranwachsende machen stärkere Mobbingerfahrungen durch Peers als privilegierte. So berichten 70,6 Prozent der Kinder davon, zumindest manchmal von anderen gehänselt oder beleidigt worden zu sein, im Vergleich zu knapp 60 Prozent der privilegierten Kinder. Davon geben 15,3 Prozent der sozial benachteiligten Kinder und 14,3 Prozent der Jugendlichen gegenüber 6,3 Prozent der privilegierten Kinder bzw. 5,9 Prozent der privilegierten Jugendlichen an, oft gehänselt oder beleidigt zu werden. Mit Absicht nicht beachtet zu werden, erleben knapp 11 Prozent der sozial benachteiligten Kinder im Gegensatz zu 2,1 Prozent der privilegierten Kinder. Bei den Jugendlichen ist das Verhältnis ähnlich (10,1 vs. 3 Prozenz).

Eltern-Kind-Beziehung wichtig

Gewalt- und Missachtungserfahrungen bleiben nicht ohne Folgen - das weiß auch Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank. Die neue Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung will für das Tabuthema "Gewalt in der Familie" ein öffentliches Bewusstsein schaffen und sieht ihre Aufgabe darin, Eltern bei ihrer Eltern-Kind-Beziehung zu begleiten und zu unterstützen: "Kinder und Jugendliche kommen nicht gewalttätig auf die Welt und ihr Verhalten hat immer einen Grund. Wenn sie in ihren ersten Beziehungen - also durch Eltern oder Familie - Gewalt oder Missachtung erleben, integrieren sie diese Erfahrungen in sich und entwickeln ein nur sehr geringes Selbstwertgefühl. Dieses kompensieren sie dann mit Gewalt und übernehmen so diese gelernten Muster in ihr eigenes Handeln", sagt Saalfrank, die in der Familienberatung tätig ist.

In der Gewaltstudie zeigen sich bei der Elternbeziehung statistisch bedeutsame Unterschiede nach sozioökonomischen Status. Die Frage, ob Eltern gegebene Versprechen einhalten, verneinen etwa 40 Prozenz der Kinder aus prekären Lebenslagen - im Gegensatz zu rund 20 Prozenz der privilegierten Kinder. Nur knapp die Hälfte der sozial benachteiligten Kinder wird regelmäßig von den Eltern nach ihrer Meinung gefragt; bei Kindern mit privilegiertem Hintergrund sind es hingegen zwei Drittel. Rund 30 Prozenz der sozial benachteiligten Jugendlichen berichten ebenfalls davon, sich nicht auf Versprechen ihrer Eltern verlassen zu können und mehr als 40 Prozent haben das Gefühl, die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen zu können; bei den privilegierten Jugendlichen sind es unter 30 Prozent.

Kein eigenes Zimmer, nicht genügend Geld

Die sozioökonomische Lage der Familie wird auch von den jungen Menschen selbst ganz unmittelbar wahrgenommen. Mehr als ein Viertel (27 Prozent) der Kinder und Jugendlichen aus prekären Lebenslagen hat kein eigenes Zimmer, im Gegensatz zu nur 2 Prozent der privilegierten und 5 Prozent der durchschnittlich gestellten Heranwachsenden. Bereits jedes fünfte Kind (21,4 Prozent) aus prekären Lebenslagen ist sich bewusst, dass die eigene Familie nicht genügend Geld hat, um sich alles leisten zu können. Von den privilegierten Kindern macht nur jedes 50. Kind (2 Prozent) eine solche Erfahrung.

Bepanthen-Kinderförderung unterstützt Arche-Kinder

Die "Gewaltstudie 2013" belegt, dass Gewalt und Missachtung für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag gehören. Um vor allem den häufig betroffenen sozial benachteiligen Kindern eine Möglichkeit der Verarbeitung solcher Erlebnisse zu geben, hat die Bepanthen-Kinderförderung im Mai 2013 als Förderprogramm ein bundesweites Konflikt-Training an 13 Standorten des Kinder- und Jugendwerks "Die Arche" gestartet. "Die Kinder können in diesem Rahmen begleitet ihre Erfahrungen im geschützten Raum der Arche ansprechen - und auch verstehen, dass jede Gewalt an ihnen eine Grenzüberschreitung bedeutet und nicht ok ist und Unrecht bedeutet", so Saalfrank.

Sowohl die Schirmherrin als auch Studienleiter Holger Ziegler wünschen sich mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Tabuthema Gewalt. "Denn Gewalt an Kindern in jeglicher Form ist nicht nur gesetzlich verboten, sondern beeinträchtigt vor allem die Entwicklung von Kindern nachhaltig. Jeder Schlag hinterlässt tiefe Schrammen auf der Seele. Im Sinne der Kinder müssen wir als Gesellschaft die wissenschaftlichen Erkenntnisse über gesundes Aufwachsen von Kindern endlich in die pädagogische Praxis integrieren und ein Umdenken als notwendige, gesellschaftliche Aufgabe begreifen", betonen die Diplom-Pädagogin und der Erziehungswissenschaftlerin.




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