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Forensische Psychiatrie: Gewalt in der Familie geht meist von Frauen aus

Gewaltdelikte von Frauen nehmen zu. Im häuslichen Umfeld sind mehr Frauen aggressiv und gewalttätig als Männer. Kindstötung ist meist ein Delikt der Mutter. Die - vorwiegend männlich dominierte - Justiz tendiert dennoch oft dazu, Frauen milder zu beurteilen als Männer. Dr. Ulrich Kobbe hat mit 31 ExpertInnen das aktuelle Wissen über die Kriminalität von Frauen zusammengetragen: "Lilith im Maßregelvollzug" ist als "frauenforensischer Praxisreader" aktuell erschienen.

Die Psychologinnen Dr. Vivienne de Vogel und Dr. Uta Kröger berichten über gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern: "Weibliches Gewaltverhalten zeichnet sich vorwiegend dadurch aus, dass es eher reaktiv ist und sich gemeinhin im Kontext sozialer Beziehungen abspielt. Es ist dagegen weniger häufig instrumenteller und/oder sexueller Art. Die meisten Gewaltopfer von Mädchen sind deren Geschwister und Gleichaltrige. Opfer der Gewalt erwachsener Frauen sind überwiegend der Intimpartner oder ihre Kinder.

 

Mädchen haben für ihr gewalttätiges Verhalten oft andere Motive als Jungen: Eifersucht, Rache, Tratsch... " Im Kontext stehen "manipulative Verhaltensweisen mit dem Ziel, interpersonelle Beziehungen zu beeinträchtigen, andere Menschen und deren Beziehungen emotional zu schädigen oder deren sozialen Status zu unterminieren. Es ist ein intrigantes Verhalten, wie Gerüchte zu verbreiten und Peers aus Gruppen auszuschließen. Häufig genannte Gewaltmotive erwachsener Frauen sind Eifersucht oder Selbstverteidigung." Bei Männern stehen eher das Erreichen bzw. Aufrechterhalten  von Status oder die bewusste und zielgerichtete instrumentale Gewalt im Vordergrund. 

 

Aggression und Gewalt exekutieren Frauen häufiger indirekt, berichtet die Psychologische Psychotherapeutin Deniz Baspinar im Kapitel "Vom verborgenen Tun der Frauen": "Im Gegensatz zu dem Bild, das nach außen aufrechterhalten wird, dominieren türkische und kurdische Frauen den Binnenraum der Familie. In fast allen Fällen von Zwangsheirat, von denen ich in meiner 20jährigen Arbeit erfahren habe, spielten die Mütter eine entscheidende Rolle. Auf psychodynamischer Ebene eskalieren hier häufig Mutter-Tochter-Konflikte. Durch die Zwangsheirat wird die Tochter diszipliniert, bestraft oder als innerfamiliäre Rivalin entfernt. Überhaupt berichten muslimische Frauen, dass repressive Erziehungsmaßnahmen hinsichtlich der weiblichen Sexualität fast immer von den Müttern ausgingen. Väter und Brüder werden in solchen Zusammenhängen von den Müttern instrumentalisiert, um die Töchter zu disziplinieren. Wenn es um das Thema Ehrenmord geht, hören wir kaum etwas über die Rolle der Mütter. Spielen die Mütter wirklich keine Rolle oder wollen wir das nicht sehen und fragen nicht nach?"

 

Statistiken belegen, dass sexueller Missbrauch von Kindern eine Domäne der Männer sei. Die Psychiatrin Monika Egli-Alge widerspricht: "Sexuelle Übergriffe finden oft im pflegerischen, fürsorglichen Kontext statt und genießen so einen gewissen fatalen Schutz. Frauen sind zuständig für die Körperbelange der Kinder. Dies impliziert auf der Seite der Opfer, dass alles, was die Mutter da macht, schon in Ordnung ist, dass sich das so gehört - allfällige Irritationen werden systematisch nicht zugelassen oder umdefiniert, als Probleme der Opfer eingeordnet. Die Aufarbeitung dieser Irritationen, das Zurechtrücken der eigenen Wahrnehmung ist oft ein langwieriger, anstrengender Prozess." Mit Blick in das überwiegende Dunkelfeld geht Egli-Alge davon aus, dass Frauen 20 bis 30 Prozent der Sexualvergehen an Kindern begehen - ohne jedwede strafrechtlichen Konsequenzen.

 

Im "frauenforensischen Praxisreader" reflektieren die AutorInnen, dass Täterinnen und Täter häufig selbst zuvor Vernachlässigung, Missbrauch, Misshandlungen, Traumatisierungen erlitten hatten - und u.U. hinter Gittern erneut erleben. Im Strafvollzug findet (fast) keine Therapie statt - und im Maßregelvollzug oft nur eine unspezifische. Lediglich etwa fünf Prozent der Häftlinge und Maßregelvollzugs-Patienten sind Frauen - und erhalten häufig nicht die Behandlung, die sie für ein gutes, integriertes Leben benötigen.

 

Ulrich Kobbe (Hrsg.) Lilith im Maßregelvollzug - Ein frauenforensischer Praxisreader.
Pabst, 912 Seiten, 2019. Hardcover ISBN 978-3-95853-445-2. eBook ISBN 978-3-95853-446-9

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Heinfried Duncker: Gewalt zwischen Intimpartnern - Liebe, Aggressivität, Tötung.
Pabst, 184 Seiten, 1999, Paperback ISBN 3-934252-10-9

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