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Essstörungen: KlientInnen mit wenig Krankheitseinsicht, aber hohem Zuwendungsbedarf

In der Behandlung von Essstörungen geben nicht die leitliniengerecht korrekten Abläufe den entscheidenden Ausschlag, sondern vielmehr "die menschlichen Qualitäten der BehandlerInnen und die Zusammensetzung der Gruppe der MitpatientInnen. Die Stimmung auf der Station, das Gefühl willkommen zu sein, verstanden und ernst genommen zu werden, schaffen die Grundvoraussetzungen, sich zu öffnen. KlientInnen berichten nach Klinikaufenthalten, wie sie sich dort gefühlt haben und weniger, wie sie dort behandelt wurden," resümiert die Berliner Psychologin Sylvia Baeck ihre 25jährigen Erfahrungen.

"Die Bereitschaft für einen Klinikaufenthalt ist bei KlientInnen mit Übergewicht am höchsten. Der Wunsch nach Abgabe der Verantwortung steht im Vordergrund. Dem sollte sehr genau nachgegangen werden. Ambulante Versuche sollten zumindest bereits vorangegangen sein. Und damit meine ich nicht kläglich gescheiterte Diätversuche, sondern professionell begleitete Versuche wie Verhaltenstherapie und/oder Gruppenarbeit. Dies bezieht sich auch auf chirurgische Maßnahmen, die häufig zu schnell und ohne sinnvolle Nachbetreuung durchgeführt werden.
 
Schwierigkeiten gibt es in der Regel bei bulimischen KlientInnen. Sie haben eher den Ehrgeiz, ihre Problematik selbst zu lösen; zudem ist die Erkrankung sehr schambesetzt. Die Angst vor der Aufgabe der Symptomatik wird bestimmt von der Angst vor Gewichtszunahme. Dies gilt auch für Magersüchtige, die zudem auch kaum eine Krankheitseinsicht haben. Da der überwiegende Teil der Kliniken mit Gewichtsvereinbarungen arbeitet, ist hier die Motivation am schwierigsten und am langwierigsten.
 
Für eine psychosomatische Behandlung ist eine ausreichende Verweildauer in der Klinik, zwei bis drei Monate, unbedingt erforderlich. Nur so können korrigierende Erfahrungen und Prozesse in Gang gesetzt und gefestigt werden, die u.a. auch durch das Entstehen persönlicher Beziehungen getragen werden."
 
Die - soweit möglich - Einbeziehung von Angehörigen und die ambulante Nachsorge können die Rückfallrisiken deutlich verringern.
 
Bei allen Vorteilen der Klinikbehandlung warnt Baeck vor eventuell möglichen Risiken:

  • Verführung, die Eigenverantwortung abzugeben
  • Trennung von Verwandten und Freunden
  • unrealistische Vorstellungen über die "Haltbarkeit" der Erfolge
  • Vernachlässigung der sofortigen Nachsorge

Der Bericht über "Behandlung von Esstörungen" ist erschienen in:

Manfred Zielke (Hrsg.) Indikation zur stationären Verhaltenstherapie und medizinischen Rehabilitation bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Pabst, 600 Seiten, ISBN 978-3-89967-528-3




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