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Drogenabhängige unter Substitution: Psychosoziale Behandlung verbessert Ergebnisse

Das Therapiemanual "Psychosoziale Behandlung von Drogenabhängigen unter Substitution" wurde von Heinrich Küfner und Monika Riedinger entwickelt. "Mit dem Buch haben Neueinsteiger und erfahrene Praktiker ein gutes Übersichtswerk zur Hand, um die eigene Praxis zu überprüfen und ggfs. zu verbessern", kommentieren Beat Kläusler und Rudolf Stohler (Zürich) in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Sucht" (Nr. 1/2010, S. 77/78).

Die Rezensenten schreiben:
 
"Nachdem therapeutische Angebote für Personen mit einer Abhängigkeitsstörung lange nur in abstinenzorientierten Behandlungseinrichtungen verfügbar waren, gehört heute eine begleitende soziale- und psychotherapeutische Behandlung von Patienten in einer Substitutionsbehandlung in vielen Institutionen zum Standard. Obwohl dieses Angebot heute somit weit verbreitet ist, gibt es im deutschsprachigen Raum erst wenig Übersichtsarbeiten dazu, was man unter dieser psychosozialen Begleitbehandlung versteht und wie man diese den Patienten anbieten soll.

Mit ihrem neu entwickelten Buch haben die Autoren diese Lücke nun geschlossen. Das darin enthaltene Therapiemanual wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie zur Optimierung der Behandlung von Patienten in einer Substitutionsbehandlung entwickelt. Es bietet eine Übersicht über verschiedene etablierte und evidenzbasierte Interventionsmethoden der psychosozialen Behandlung dieser Patientengruppe.

Unter dem Begriff psychosoziale Behandlung verstehen die Autoren verschiedene Interventionsformen aus den Bereichen Psychologie und Soziale Arbeit. Sie verzichten dabei auf eine in diesem Bereich eher Verwirrung stiftende Unterscheidung zwischen Psychotherapie und Sozialtherapie. Die von ihnen zusammengestellte Form von psychosozialer Behandlung enthält Elemente beider Interventionsformen, geht aber auch darüber hinaus.

Das Buch ist als Manual aufgebaut und umfasst die wichtigsten therapeutischen Verfahren für zentrale soziale und psychische Störungsbereiche. Die therapeutische Grundhaltung orientiert sich an den Basisvariablen der klientenorientierten Gesprächstherapie: Empathie, Wärme, Akzeptanz und Echtheit. Methodisch liegt der Schwerpunkt auf kognitiv/verhaltenstherapeutischen-, lösungs-  und ressourcenorientierten Ansätzen, sowie auf der Motivierenden Gesprächsführung. Interventionsformen für kritische Therapiesituationen wie drohender Behandlungsabbruch oder der Umgang mit Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung werden speziell vorgestellt.

Viele Patienten mit einer Abhängigkeitsstörung leiden zusätzlich zu ihren komorbiden psychischen Erkrankungen unter zahlreichen sozialen Belastungen und wünschen Unterstützung bei der Bewältigung dieser Probleme.

Folgerichtig widmet sich ein wichtiger Teil des Manuals, neben den im engeren Sinn therapeutischen Aufgaben, der Unterstützung der Patienten bei der Lösung ihrer rechtlichen, finanziellen aber auch interpersonellen Konflikten sowie dem case management. In diesen Bereichen werden Patienten manchmal zu wenig unterstützt, teilweise mit der Absicht, dass sie ermächtigt werden sollen, ihre Probleme selber zu lösen oder weil ihre Ressourcen überschätzt werden. Hier empfehlen die Autoren nun erfreulicherweise und in Übereinstimmung mit angelsächsischen Konzepten, dass die Patienten durch die Therapeuten tatkräftig und aktiv unterstützt werden sollen.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil wird in die Drogenabhängigkeit eingeführt; es werden die zentralen Konzepte und Modelle der Behandlung vorgestellt und kritisch diskutiert. Im zweiten und dritten Teil werden diese Modelle dann in Form von Checklisten und Arbeitsblättern für den Behandlungsalltag verfügbar gemacht.

Den Autoren ist dabei der Konflikt zwischen individueller, flexibler Behandlung einerseits und dem Anspruch auf standardisierte Leitlinien mit möglichst genauen Ziel- und Zeitvorgaben andererseits bewusst. Sie betonen daher, dass die gut strukturierten Behandlungsmanuale mit den Patienten nicht einfach abgearbeitet werden dürfen, sondern vom erfahrenen Kliniker zusammen mit den Patienten an deren unterschiedliche und teilweise wechselnde Bedürfnisse angepasst werden müssen.

Die therapeutische Grundposition ist die einer Schadensminderung. Diese kann und soll aber auf darüber hinausgehende Bedürfnisse und Möglichkeiten der Patienten erweitert werden. Die genauen Behandlungsziele werden mit Unterstützung einer Zielhierarchie nach Körkel von der Sicherung des Überlebens, der Sicherung eines möglichst gesunden Überlebens, der sozialen Rehabilitation und Integration, der psychischen Stabilisierung bis zur Selbstrealisierung und Autonomie des Patienten bestimmt.

Mit diesem Buch haben der Neueinsteiger und der erfahrene Praktiker ein gutes Übersichtswerk zur Hand, um die eigene Praxis zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. Hilfreich wäre, wenn die Checklisten und Arbeitsblätter noch im Internet oder mit einer CD zur Verfügung gestellt würden. Kritisch anzumerken bleibt, dass man sich dieses Buch schon vor 10 Jahren gewünscht hätte.

Für die Zukunft der psychosozialen Behandlung von Drogenabhängigen unter Substitution wird man sich auch fragen müssen, ob diese immer älter werdende Patientengruppe, mit ihrer oft langen Therapieerfahrung und dementsprechender Therapiemüdigkeit, nicht eher weniger Psychotherapie bräuchte, sondern - neben der Substitutionsbehandlung - vor allem auf Unterstützung bei ihren aktuellen gesundheitlichen und sozialen Problemen angewiesen wäre."




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