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Dissoziationsstörungen bei Migranten: Fehlerhafte Diagnosen sind häufig - und vermeidbar

Dissoziative Störungen bei Migranten werden häufig fehlerhaft diagnostiziert und behandelt. "Dies zeigen kritische Analysen von Fallberichten und von epidemiologischen Studien. Re-Analysen führen häufig zu dem Ergebnis, dass Diagnostiker im Fall eines ´Nichtverstehens´ oder in der Unkenntnis kultureller Eigenarten dazu neigen, vorschnell oder vorrangig auf die eigenen gelernten Bewertungssysteme zurückzugreifen", berichtet Professor Dr. Peter Fiedler in dem Reader "Dissoziation und Kultur".

"Schizophrenie? Hysterie? Psychopathie? In vielen Fallberichten findet sich bei fast allen kulturellen Störungen immer wieder die Hypothese einer ´psychotischen Störung´ oder ´Schizophrenie´, die sich bei genauer Betrachtung als fehlerhaft erwies. Auch die Sammelbegriffe ´Hysterie´ und ´Psychopathie´ werden nach wie vor gern eingesetzt, obwohl sie u.a. wegen ihrer Überbedeutung längst abgeschafft wurden.

Schulenspezifische Ausdeutung? Diagnostiker suchen ihre Lösung zur Bewertung kultureller Störungen in einem Abgleich mit Ätiologieüberlegungen ihrer Therapieschule. Die von diesen Autoren verfassten Fallberichte über kulturabhängige Störungen sind gespickt mit Hinweisen auf eine fragwürdige ´ödipale´ oder auch ´präödipale´ Verursachung mit zum Teil hochkompliziert abgefassten Begründungen. Auch die verhaltenstherapeutische Ursachenvermutung einer instrumentellen oder klassischen Konditionierung wird nicht selten vertreten.

Kulturspezifische Diagnosen? Ein drittes Bias findet sich bei Autoren, die eine grundsätzliche Skepsis gegenüber jedweder Art psychiatrischer Diagnostik propagieren. Entsprechend wird versucht, ausschließlich die in den jeweiligen Kulturkreisen gültigen Vorstellungen bei Diagnose und Behandlung zu bevorzugen."

"Nur ganz allmählich scheint das Bemühen zuzunehmen, Diagnosefehler der beschriebenen Art zu vermeiden. Das ganze Spektrum der publizierten Publikationen lässt sich zwischen den Extremen ´absolutistisch´ versus ´relativistisch´ verorten. Die absolutistische Perspektive unterstellt, dass psychische Störungen weltweit auf gleichartige Entstehungsbedingungen zurückgeführt werden können, dass sie transkulturell bedeutsame Grundmuster tragen und dass die Entwicklung psychiatrischer Diagnosesysteme ohnehin auf der Grundlage weltweiten Austauschs geschieht. In der relativistischen Perspektive werden Auffälligkeiten nur dann als psychische Störung akzeptiert, wenn sie als solche in der jeweiligen kulturellen Umgebung als Störungsbilder gelten ..."

"Beide Perspektiven sind wichtig," betont Peter Fiedler. In der Ausgewogenheit beider Perspektiven liegt die einzige Chance einer zielführenden Diagnostik

Der Aufsatzband "Dissoziation und Kultur" bietet eine Reihe von Hinweisen auf das Verstehen - u.U. höchst bizarrer Formen - von Dissoziation. Bereits Pierre Janet hat nach wie vor gültige Beobachtungen publiziert.

Dr. Mechthilde Kütemeyer beschreibt in ihrem Beitrag ausführlich Phänomene, die von Psychotherapeuten jeglicher Provenienz viel zu wenig beachtet werden: Die hochdifferenzierte, aufschlussreiche physische Symptomatik dissoziativer Störungen ist in allen Kulturen und Generationen gleich.

 

Uwe Wolfradt, Gerhard Heim, Peter Fiedler (Hrsg.) Dissoziation und Kultur.
Pabst, 120 Seiten. ISBN Paperback 978-3-89967-887-1 


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