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Die Psychotherapie läuft zunehmend Gefahr, in´s Leere zu greifen

Psychotherapie: Moderne Lebensstile bescheren der Überflussgesellschaft ein reichhaltiges Spektrum alter und neuer psychischer Störungen. Das Gefühl wächst, durch das Leben gehetzt zu werden und immer weniger Zeit für die Erfordernisse zu haben, resümiert Dr. Monika Vogelgesang in ihrem Essay "Psychotherapie in der spätmodernen Beschleunigungsgesellschaft": "Der spätmoderne Mensch kann aus der Gegenwart immer weniger auf die Zukunft extrapolieren. Daraus folgen eine tiefgreifende Verunsicherung und eine Zentrierung auf die unmittelbare Gegenwart." Die Reflexionen der Psychiatrin erschienen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Praxis - Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation".

Das Primat der persönlichen Autonomie, der Verantwortungsübernahme für das eigene Leben und dessen Planbarkeit gerät zunehmend aus dem Blickfeld zu Gunsten eines bloßen, häufig unter Zeitdruck ausgelösten Reagierens auf aktuelle Erfordernisse - insbesondere im beruflichen Bereich. Mit der Preisgabe einer autonomen, individuellen Zeit- und Lebensplanung zugunsten eines bloßen Reagierens auf extern getaktete ´Erfordernisse´, wird eine Grundposition aufgegeben. Es ist gerade dieser qualitative Sprung, der das Ende der klassischen Moderne kennzeichnet."

 

"Dementsprechend ist die spätmodern adaptierte Persönlichkeit ein Geschöpf des Augenblicks, das sich den wechselnden Gegebenheiten chamäleonartig anpassen kann. Scheinbar mühelos ist es dazu in der Lage, das jeweils erforderliche Aussehen, die Sprachcodes, das Verhalten, die Weltanschauung und vordergründig auch die Werte zu übernehmen. In der nächsten Situation ist es vollkommen egal, was zuvor gesagt oder auch zugesichert wurde. Ohne dies als Diskontinuität seines Selbst zu empfinden, ist es dem spätmodernen Menschentypus möglich, zwischen diametral entgegengesetzten Positionen zu changieren. Dauerhafte Verantwortungsübernahme, Wahrhaftigkeit und Treue verlieren vor diesem Hintergrund ihre Verbindlichkeit und letztendlich ihre Bedeutung. Der spätmoderne Mensch kann sehr schnell Kontakte aufnehmen, ist aber zu tiefer gehenden Bindungen viel weniger in der Lage. Seine Partnerschaften sind eher passager angelegt ..."

 

Vor diesem Hintergrund sieht die Psychiatrin die wachsende Bedeutung psychischer Störungen - v.a. Angst, Depression, Sucht. Und die traditionelle Psychotherapie läuft zunehmend Gefahr, in´s Leere zu greifen: "Der Versuch, ein therapeutisches Bündnis aufzubauen, hat ein hohes Risiko zu scheitern, wenn der Patient über aktuelle Kontakte hinausgehende Bindungen nicht eingehen kann. Es ist schwierig, mit einem Menschen, der sein Leben nicht mehr in Form von Geschichten ordnet und seine Zukunft nicht als potentielle Geschichte sieht, die Vergangenheit zu bearbeiten oder die Zukunft zu planen ..." Daher befindet sich die Psychotherapie in einem wachsenden Dilemma. Detailliert listet die Psychotherapeutin in ihrem Beitrag die Konsequenzen und Herausforderungen für ihre KollegInnen auf ...

 

Monika Vogelgesang: Psychotherapie in der spätmodernen Beschleunigungsgesellschaft - Notwendigkeit oder Anachronismus?
In: Praxis - Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 2019, 106, 197-206

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