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Demenz: Die Erinnerung geht, und das Gefühl bleibt

Gefühle scheinen sich trotz Gedächtnisverlust stark ins Gedächtnis einzuprägen: Vergisst ein Amnesiepatient, was er erlebt oder erzählt bekommen hat, so bleiben die damit verbundenen Gefühle dennoch bestehen. Somit dauert auch eine gute oder schlechte Stimmung an, selbst wenn der Auslöser vergessen ist. Das haben amerikanische Mediziner in Versuchen mit Amnesiepatienten beobachtet, indem sie ihnen stark emotionale Filme präsentierten. Ihre Ergebnisse, über die sie im Fachblatt "PNAS" berichten, könnten ebenso eine starke Bedeutung für den Umgang mit Alzheimerpatienten haben, die unter ähnlichen Beeinträchtigungen des Gedächtnisses leiden.

"Ein simpler Besuch oder Anruf von Angehörigen könnte einen anhaltend positiven Einfluss auf die Zufriedenheit eines Patienten haben, auch wenn der Patient den Besuch oder Anruf selbst womöglich schnell vergisst", erzählt Justin S. Feinstein von der University of Iowa. "Andererseits könnte routinemäßige Vernachlässigung seitens des Personals in Heimen den Patienten traurig, frustriert und einsam zurücklassen, auch wenn sich der Patient nicht erinnern kann, warum." Feinstein und seine Kollegen hatten fünf Patienten mit einer Schädigung am Hippokampus untersucht, einer Hirnregion, die essenziell daran beteiligt ist, Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu überführen. Ist diese Region entsprechend geschädigt, verschwinden neue Erinnerungen einfach wieder. Dieselbe Art Amnesie ist auch ein frühes Anzeichen für Alzheimer.

Die Probanden sahen zwanzigminütige Filme, die starke Emotionen auslösten - von schallendem Gelächter bis zu kummervollen Tränen. Zehn Minuten nach dem Clip prüften die Mediziner mit einem Gedächtnistest, was sich die Versuchsteilnehmer von dem Film merken konnten. Während ein Mensch mit einem gesunden Gedächtnis rund 30 Details behalten, war es bei den Amnesiepatienten im Extremfall kein einziges. Nach diesem Test sollten die Probanden dann noch Fragen beantworten, um ihre Emotionen einzuschätzen. "In der Tat fühlten sie immer noch die Emotion", erläutert Feinstein. "Traurigkeit tendierte dabei dazu, ein weniger länger anzuhalten als Fröhlichkeit, aber beide Emotionen blieben über ihre Erinnerungen an die Filme hinaus bestehen." Während man bei gesunden Menschen beobachten könne, dass die Gefühle mit der Zeit verschwinden, sei dies bei zwei Patienten nicht der Fall gewesen. "Tatsächlich blieb ihre Traurigkeit bestehen", sagt Feinstein.

"Hier ist der klare Beweis dafür, dass die Gründe dafür, Alzheimerpatienten mit Respekt und Achtung zu behandeln, über einfache menschliche Moral hinausgehen", erklärt der Mediziner Diese Ergebnisse könnten somit einerseits Auswirkungen auf die Betreuung von Alzheimerpatienten haben. Andererseits stellen die Erkenntnisse auch die gängige Annahme in Frage, dass es psychische Leiden verschwinden lassen könnte, wenn eine schmerzhafte Erinnerung aus dem Gedächtnis gelöscht wird.




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