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Außerordentlich: Kreativität psychiatrischer PatientInnen

außerordentlich Kunst, Psychiatrie, Gesellschaft heute Schriftenreihe der DGPA, Band 43

Die Nachtwandlerin (1919). Quelle: Reinhardt (1996).

Selbstbildnis mit Zigarette (1931. Quelle: Müller (2024).

Psychiatrische PatientInnen erleben und erleiden außergewöhnliche Welten - und sind in Ausnahmefällen in der Lage, daraus Kunst zu schaffen. Der neue Bild- und Textband "außerordentlich" stellt faszinierende Beispiele vor. Mit dem Interesse an außer-ordentlichen Kreationen verbindet sich eine Sehnsucht nach Authentizität.

Der Psychiater Dr. Axel-Uwe Walther erinnert in seinem Beitrag an Elfriede Lohse-Wächter (1899-1940), eine der wichtigsten deutschen Malerinnen im frühen 20. Jahrhundert: Ihre Bilder nahmen expressionistische Elemente - und nüchterne Bestandsaufnahmen der Neuen Sachlichkeit auf. Walther reproduziert u.a. das Selbstbildnis der Künstlerin mit Zigarette: "Das Gesicht wirkt ikonenhaft erstarrt, wie für die Ewigkeit gemalt." Gleichzeitig zeigt er erotische Motive, in denen "Liebe als Kampf und das Begehren als Abgrund eine geradezu emblematische Form annehmen." Eine unglückliche Ehe der Künstlerin bildet den Hintergrund. 

Der Kampf um den Lebensunterhalt, Armut, zeitweise Wohnungslosigkeit drängten Elfriede Lohse-Wächter an den Rand ihrer psychischen Kraft. Psychiater stellten bei ihr eine Schizophrenie-Diagnose und brachten sie zeitweise - unfreiwillig - in der Klinik unter; dort portraitierte sie tagaus, tagein, wie unter Zwang, MitpatientInnen - u.U. auch gegen deren eigenen Willen. Elfriede Lohse-Wächter gestaltete ihre Bilder "immer empathisch verbunden mit den Armen, Ausgestoßenen und Randgruppen der Gesellschaft. Auch in den Psychiatrien, in die sie - meist gegen ihren Willen - eingeliefert wurde, interessierte sie sich vor allem für ihre Mitpatienten, deren Leid sie intuitiv erkannte und in vielen  Bleistift- und Farbskizzen festhielt," schreibt Walther.

"In der Klinik Arnsdorf wurde sie nach drei Jahren Zwangsunterbringung aus ´rassenhygienischen Gründen´ im Jahr 1935 sterilisiert, was sie menschlich und künstlerisch fast zerbrechen ließ. Auch die letzten fünf Lebensjahre musste sie gegen ihren Willen in der Klinik Arnsdorf bleiben. Trotzdem versuchte sie, sich noch immer wieder als Malerin mit kleineren Formaten zur Wehr zu setzen - bis zum Tod in der Gaskammer der Euthanasie-Anstalt Pirna-Sonnenstein am 31. Juli 1940."

Ein Teil der Werke wurde als sog. ´entartete Kunst´ zerstört, ein anderer Teil zeitweise vergessen, jedoch seit Ende des 20. Jahrhunderts wieder erfolgreich öffentlich ausgestellt. Der Handel mit Werken der zeitlebens fast mittellosen Künstlerin erzielt inzwischen bis zu 80.000 Euro für ein Gemälde ...

 

außerordentlich
Kunst, Psychiatrie, Gesellschaft heute
Schriftenreihe der DGPA, Band 43
Sollberger, Daniel; Boehlke, Erik; Kobbé, Ulrich (Hrsg.)
Pabst, 224 Seiten

 




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