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Auf den Ton kommt es an: Mit Synchronie das psychotherapeutische Gespräch verbessern

Nicht nur was gesagt wird, ist in der Psychotherapie von Bedeutung, sondern auch wie es gesagt wird. Die zeitliche Bezogenheit stimmlicher Aspekte zwischen zwei Interaktionspartnern (sog. "paraverbale Synchronie") geschieht in der Therapeut-Patient-Dyade nicht zufällig. Sie spielt eine wichtige Rolle im therapeutischen Verlauf. Zu diesem Ergebnis kommen Wolfgang Tschacher, Professor an der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Bern, und Kollegen in einer aktuellen Pilotstudie. Ihre Ergebnisse stellen die Forscher in dem kürzlich erschienenen Sammelband: "Sozialpsychologie, Psychotherapie und Gesundheit" vor.

Jeder klinisch-praktizierende Therapeut kennt sie: Momente, in denen das therapeutische Geschehen plötzlich irgendwie "festzustecken" scheint. Wie aus heiterem Himmel bleibt der Gesprächsverlauf stehen; es stockt. Oder Patient und Therapeut finden sich - trotz vieler Worte - festgefahren, fern jeglicher Veränderung. Und während man geduldig auf ein erneutes Anlaufen der Geschehnisse wartet, fragt sich so manch selbstkritischer Kollege im Stillen, woran es nur liegen mag, dass die beiderseits ersehnte Veränderung nun doch so sehr auf sich warten lässt.

Es könnte an den zeitlichen Mustern des stimmlichen Ausdrucks von Patient und Therapeut liegen, folgt man den Ergebnissen einer aktuellen Studie der Forschergruppe um Wolfgang Tschacher zur Bedeutung von Synchronie in dyadischen Interaktionen. Unter dem Begriff der "paraverbalen Synchronie" werden zeitlich aufeinander bezogene Abfolgen von Stimmparametern wie Tonhöhe, Rhythmus, Klang und Betonung zweier Interaktionspartner beforscht.  Es seien gerade diese stimmlichen Aspekte, die gesprochenen Worten oft erst ihre Bedeutung verleihen, so Tschacher. Da Sprache und Stimme das wesentliche Kommunikationsmedium im therapeutischen Austausch darstellten, sei die Stimmqualität eine wesentliche Informationsquelle in der Therapeut-Patient-Beziehung.

Tschacher et al. analysierten Videoaufzeichnungen von Therapieepisoden aus sechs psychodynamischen Kurzzeittherapien hinsichtlich der Kombination spezifischer Stimmparameter (sog. "Vocal Quality Patterns"). Dabei ist es zur Kennzeichnung eines Stimmmusters unerheblich, was gesagt wird - allein der stimmliche Ausdruck ist von Bedeutung.  Die Forscher fanden in ihrer Untersuchung erste Belege für das Vorhandensein paraverbaler Synchronie in "realen" Therapiesituationen. Die Stimmqualitäten im therapeutischen Dialog sind demnach nicht zufällig verteilt, sondern treten geordnet auf. Neun spezifische, gehäuft auftretende Muster prosodischer Interaktion konnten die Forscher identifizieren.

Vielleicht noch erstaunlicher: Die Analysen ergaben erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen bestimmten Formen paraverbalen Synchronie von Therapeut und Patient und "ausgezeichneten, änderungsrelevanten" Therapiesituationen. "Gute" Therapieepisoden waren unter anderem dadurch kennzeichnet, dass der Patient einen stimmlichen Ausdruck initiierte, woraufhin der Therapeut seinen Stimmausdruck in gleicher Weise an den Patienten "anpasste". Gab der Therapeut hingegen eine stimmliche "Tönung" vor (woraufhin der Patient "folgte"), so war die Therapieepisode meist durch ein "Feststecken" des Gesprächsverlaufs und/oder geringeres therapeutisches Fortkommen gekennzeichnet.

Insgesamt behandeln die Autoren in ihrem Beitrag drei verschiedene Ebenen von Synchronie - paraverbale, semantische, nonverbal-motorische. In diesem Feld der Psychotherapieforschung betritt die Arbeitsgruppe weitgehend Neuland. Weder besitzen Synchronieprozesse bisher einen Stellenwert in der Theorie psychotherapeutischer Verfahren, noch gehören sie in der Praxis zu den Vorgängen, denen Therapeuten große Aufmerksamkeit zuwenden. Dennoch lässt sich nach Einschätzung der Autoren belegen, dass Synchronie die Behandlungsergebnisse wesentlich verbessern kann.  LKZ

Sozialpsychologie, Psychotherapie und Gesundheit
Witte, Erich H.; Petersen, Sibylle (Hrsg.)




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