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Antisemitismus:"Jude" ist ein gängiges Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen

Antisemitismus wird wieder mehr und mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Antisemitische Ausschreitungen, kippatragende Juden, die auf offener Straße angegriffen werden – kürzlich wurde sogar der Echo-Musikpreis abgeschafft, auf der Spitze einer Debatte über shoaverharmlosende Textzeilen in Rapsongs. Jugendliche, nicht zuletzt Hauptzielgruppe dieser Musikrichtung, sind besonders gefährdet, antisemitisches Denken vorbehaltlos zu adaptieren. Katharina Rhein und Tom David Ulrich von der Bildungsstätte Anne Frank berichten in Psychologie & Gesellschaftskritik (Ausgabe 1/2019) über ihre politische Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, vor allem in pädagogischen Räumen.

In mehreren Fällen 2017 und 2018 sahen sich jüdische Schüler gezwungen, wegen antisemitischen Mobbings ihre Schulen zu verlassen. Lehrer*innen berichten davon, dass „Jude“ längst zum gängigen Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen geworden ist. Eine erschreckende Entwicklung, die Mitarbeiter*innen der politischen Bildungsarbeit versuchen, in den Griff zu bekommen. Schwierig wird das allerdings, wenn sogar Lehrer*innen und andere Pädagog*innen nicht frei von antisemitischen Ressentiments sind – und diese, vielleicht auch unbewusst, durch ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen weitertragen.

Antisemitismus unterliegt einer problematischen Komplexitätsreduktion: Jüdinnen und Juden werden für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht; ihnen wird eine diffuse Macht zugeschrieben, sie werden als Inkorporierung gesellschaftlicher Umbrüche gesehen, mit der die Menschen nicht zurechtkommen. Die politische Bildungsarbeit gegen Antisemitismus steht dementsprechend vor der Herausforderung, ihren eigentlich theoretisch hohen Anspruch dramatisch verkürzen zu müssen, was die Aufklärung angeht, da sie sonst schlicht nicht verstanden wird.

Antisemitismuskritische Bildung sollte sich allerdings nicht nur auf die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus beschränken. Der aktuell von der Politik geforderte Schulklassen-Pflichtbesuch von Holocaust-Gedenkstätten kann nicht das bieten, was eigentlich notwendig ist: eine angemessene Menschenrechtspädagogik auf Augenhöhe. Dazu müssen Lehrer*innen aber zunächst einmal Antisemitismus als solchen erkennen und ihn als gesellschaftliches Problem ernst nehmen. Antisemitische Äußerungen in der Schule, die von den Lehrer*innen nicht problematisiert werden – auch wenn keine jüdischen Schüler*innen anwesend sind – , tragen zur „Legitimation“ einer judenfeindlichen Einstellung bei.

Die antisemitismuskritische Bildungsarbeit muss daher nicht nur bei den Jugendlichen, sondern mindestens ebenso intensiv bei der Ausbildung von Lehrkräften einsetzen.

 

Literatur:

 

Katharina Rhein & Tom David Ulrich: „Jude oder nicht Jude, du musst damit klarkommen“.
Zur antisemitismuskritischen Arbeit in pädagogischen Räumen.
In: Psychologie & Gesellschaftskritik, Ausgabe 1/2019, S. 31–52. Pabst ISSN 0170-0537

 

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