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Anti-Aggressivitätstraining in der Suchthilfe: notwendig, aber oft vernachlässigt

Aggressivität und Sucht sind häufig in Wechselwirkungen miteinander assoziiert. Viele Therapeuten unterliegen dem Irrtum, die Aggressivität lasse sich durch eine erfolgreiche Suchtbehandlung erledigen. Daher "wird sehr häufig versäumt, gewaltfrie Bewältigungsalternativen im Rahmen einer Suchtbehandlung einzuüben," kritisiert PD Dr. Johannes Lindenmeyer (Berlin). Im aktuellen Handbuch über "Gewalt in der Suchthilfe" stellen Lindenmeyer, Barbara Winkler und Torsten Rehwald detailliert ihre unterschiedlichen Anti-Aggressivitätstrainings vor.

Lindenmeyer, verhaltenstherapeutisch orientiert, fokussiert, dass Aggression und Gewalttätigkeit multidimensionale Konstrukte sind:

  • kognitiv: negative bzw. feindselige Annahmen und Einstellungen gegenüber anderen Personen
  • affektiv: Ärger oder Wut
  • Verhalten: absichtliche verbale oder körperliche Verletzung anderer Personen

Grundlage des Anti-Aggressivitätstrainings "ist daher das Erklärungsmodell, das die Wechselwirkung zwischen Alkohol und allen Ebenen von Aggression betont. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Überwindung von Gewalttätigkeit keine Frage von Einsicht und Reue (Gedankenebene) allein ist, sondern nur dadurch möglich wird, dass die Betroffenen angemessene Verhaltensweisen für Stress- und Konfliktsituationen erarbeiten und diese in Alltagssituationen unter Anspannung (Gefühlsebene) immer wieder erproben ...

Das Anti-Aggressivitätstraining trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich bei Aggression und Gewalt um impulsive Verhaltensweisen handelt, die durch systematisches Einüben von Selbstkontrolle und alternativen Verhaltensweisen überwunden werden können. Außerdem wird berücksichtigt, dass Aggression und Gewalt für den Täter kurzfristig enormen Verstärkerwert haben und daher durch therapeutisches Verständnis allein nicht aufgegeben werden.
 
Entsprechend gilt auch innerhalb der Gruppensitzungen absolute Nulltoleranz gegenüber aggressivem und abwertendem Verhalten der Teilnehmer. Es geht darum, dass diese teilweise völlig automatisierten Verhaltensweisen (inkl. Sitzhaltung, Mimik und Grimassierung) durch den Therapeuten unmittelbar unterbrochen, markiert und konsequent korrigiert werden ..."
 
Ähnlich hat Diplompsychologin Barbara Winkler ihr Anti-Aggressivitätstraining konzipiert: "Der Teilnehmer wird delikt- und defizitspezifisch konfrontiert, um ein pro-soziales Verhalten zu fördern. Dabei gilt es, Fehlwahrnehmungen zu verdeutlichen, erneute Opfer zu vermeiden, weiterreichende Sanktionen zu verhindern und Handlungskompetenzen im Umgang mit aggressionsverstärkenden Situationen zu fördern. Durch dieses Prinzip soll deutlich werden, dass wir zwar verstehen, aber nicht einverstanden sind."
 
Der Sozialpädagoge Torsten Rehwald, psychoanalytisch orientiert, postuliert als entscheidende Ziele seines Anti-Gewalt-Trainings:

  • kritische Selbstreflexion bezüglich Gewalt
  • Motivation zur Gewaltfreiheit
  • Erkennen der Nachteile gewalttätigen Verhaltens für die eigene Person
  • Verstehen psychodynamischer Zusammenhänge zwischen erlittener und ausgeübter Gewalt
  • Bewusstmachung des persönlichen Gewaltstils
  • Integration abgespaltener Ich-Anteile und Aufbau eines kohärenten Selbstbilds
  • Infragestellung eines überhöhten Selbstbilds
  • Verbesserung der Affektregulation
  • Verbesserung der Frustrationstoleranz
  • Verbesserung der Realitätsprüfung
  • Verbesserung der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit
  • Empathisches Empfinden und Akzeptanz von Alterität

Seinem differenzierenden Aufsatz hat Rehwald ein Zitat von Friedrich Nietzsche vorangestellt: "Wer sich selber hasst, den haben wir zu fürchten; denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen."

Gewalt – Sprache der Verzweiflung
Vom Umgang mit Gewalt in der Suchthilfe
Fais, Jürgen (Hrsg.)




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