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Anne Will: Bildungschancen vertan

Warum ist ein großer Teil der Schulabgänger nicht ausbildungsfähig?

Hans-Olaf Henkel nannte bei Anne Will als ersten der diversen Gründe: Viele Eltern lassen es an Vorbildlichkeit und Engagement fehlen. Die realistische, unpopuläre Feststellung wurde dann nicht weiter vertieft. Auch die Empfehlung, Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern externe "Bildungspaten" an die Seite zu stellen, blieb ohne Erläuterung.

Hätte die Redaktion von Anne Will kompetente Experten eingeladen, hätte sie erfahren können: Gern äußern sich viele Eltern abfällig oder desinteressiert über Lerninhalte und Lehrer, legen jedoch größten Wert auf gute Schulnoten; und selten sehen Kinder bei diesen Eltern, dass sie selbst lesen, lernen, reflektieren. Die Psychologen Albert Ziegler und Heidrun Stöger belegen: Wenn Eltern Bildung wertschätzen und sich selbst gern weiterbilden, können sie ihre Kinder am besten motivieren.

Mit negativen Highlights wartete der Sprachstil-Ausbilder Wolf Schneider bei Anne Will auf, etwa: "... wieviel Segen man mit Leistungsdruck ausüben kann." Die Moderatorin kommentierte, etliche seiner Schüler befänden sich vor ihm "auf den Knien"; selbstgefällig reagierte er darauf, "er könne damit gut leben."

Schneider ortete die Bildungsproblematik vor allem bei den modernen Medien: Sie stehlen Zeit und Konzentration. "Es gibt eine große Zahl von Leuten, die sich um jede Information herumzappen." Niemand in der Will-Runde bestritt häufigen bildungsfernen Mediengebrauch. Doch nur Lehrerin (und Schulsenatorin) Christa Götsch plädierte für einen klugen Einsatz neuer Medien - und dafür, die Kinder adäquat anzuleiten. Wolf Schneider insistierte wiederholt darauf, seine Unkenntnis der Problematik zu demonstrieren. Hätte er sich kundig gemacht, wüsste er z.B., dass moderne Computerspiele sich dazu eignen, Phantasie, Sorgfalt und Kooperation zu trainieren; Professorin Maja Pivec belegt in einer Studie, dass gute Computerspiele strukturiertes Denken und Handeln stimulieren - von einem Level zum nächsthöheren; diese Erfolge können die Reifung fördern und die Motivation verstärken.

Um den traditionell bildungsbeschwerten Diskutanten eine unterhaltsame Reibungsfläche zu bieten, hatte die Redaktion eine Dame aus dem bildungsfernen Entertainment eingeladen. Mit mühsam verbrämter Häme, viel Empörung und fern jeder Argumentationskraft arbeiteten sich die Bildungsvertreter an der Unterhalterin ab; ob die Bloßstellung peinlicher für die Dame oder die Herren war, lässt sich schwer entscheiden. Niemand zeigte auch nur den Ansatz eines Nachdenkens, warum das elektronische Entertainment derart zunimmt. Verdankt sich diese "Kultur" auch dem Umstand, dass im Nahbereich der meisten Kinder die Vorbilder fehlen - und stattdessen auf dem Bildschirm gesucht werden?

Wolfgang Pabst




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