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Zu wenig Zeit für zu viel Welt: Wie Menschen an der Zeit leiden und psychisch erkranken

Menschen der Postmoderne haben "zu wenig Zeit für zu viel Welt". Daher "muss nicht nur zwischen unzähligen Lebensmöglichkeiten gewählt, sondern auch dem Zwang einer Wahl individueller biographischer Verwirklichung begegnet werden. Zwei Reaktionen auf diesen Konflikt, die narzisstisch-schizoide und die symbiotisch-dependente Abwehr, führen zu Formen der Desynchronisierung von Eigen- und Weltzeit. Beide können in der Manie, der melancholischen Depression oder auch der Zwangsstörung psychologische Ausdrucksformen annehmen. Auch das Leiden an der Dominanz der Gegenwart findet ihren Ausdruck in einer psychischen Krankheit: der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie lässt sich auch in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang verstehen", diagnostiziert Dr. Dr. Daniel Sollberger in seiner Studie "Das Leiden an der Zeit und ihr Ausdruck in der psychischen Krankheit".

Die leidvoll erlebte "Desynchronisierung in Form eines ´zu-spät-Seins´, einer Retardierung der Eigenzeit gegenüber der Weltzeit zeigt sich im Abwehrmuster der depressiven Reaktion. Erlebt wird Zeitdruck unter dem Unvermögen, die Erwartungen (zeit-)gerecht zu erfüllen, den Verpflichtungen (zeit-)gerecht nachzukommen. Man bleibt hinter den Erfordernissen, bzw. theoretisch formuliert, hinter den impliziten und expliziten Erwartungen zurück. Es entstehen Schuldgefühle mit retardierender Struktur, die Person bleibt an die Versäumnisse der Vergangenheit fixiert" - in Gedankenkreisen emotional besetzt. Das Vergangene vergeht nicht. Schuldgefühle steigern sich u.U. ins Wahnhafte, während die Weltzeit unerbittlich weiterläuft und das Zeitgefühl des Depressiven ignoriert. Depression ist in der postmodernen Gesellschaft die zweithäufigste Krankheit.

 

"Ähnlich in der Überwertigkeit der Vergangenheit kann auch die Zeitstruktur der Zwangsstörung skizziert werden. Das eigentümliche Erleben des Zwangskranken besteht darin, etwas nicht vergangen zu setzen und abschließen zu können. Auch der Zwangskranke erfährt eine Desynchronisierung in Form einer Retardierung der Eigenzeit gegenüber der Weltzeit, allerdings weniger in Form einer Fixierung des Vergangenen, als vielmehr daraus, dass Geschehenes ungeschehen gemacht werden soll. Die Zeit soll angehalten werden, das Symptom der als unsinnig erlebten, stereotypen Wiederholung von Gedanken und Handlungen erhält seinen Sinn als Versuch, die Zeit still zu stellen. Grund dafür, so kann die Psychodynamik beschrieben werden, bildet die Abwehr eigener Aggression, d.h. die unbewusste Befürchtung, ´ etwas Aggressives, Unerwünschtes, Anstößiges gedacht oder gewünscht zu haben´, das es zu revidieren gilt. Die unter solcher Revisionsabsicht stehenden Gedanken und Handlungen geraten zum Versuch eines Stillstellens der Zeit."

 

Daniel Sollberger: Zu wenig Zeit für zu viel Welt -
Das Leiden an der Zeit und ihr Ausdruck in psychischer Krankheit

In: Sollberger, Boehlke, Kobbe (Hrsg.) Leiden - Pathos - Ausdruck.
Pabst, 236 Seiten

 

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