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Psychoanalyse

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2010-1 (24)

Religion - archaische Erbschaft

Oliver Decker
Editorial

Edgar Weiß
Mutmaßungen über die Renitenz des Religiösen

Gerhard Vinnai
Religiöse Wunschwelten und säkularisierte Moderne
Zusammenfassung

Franz Maciejewski
"Illusion" und "historische Wahrheit" - Zur Dialektik der psychoanalytischen Religionskritik
Zusammenfassung

Gesine Palmer
Freud auf dem Weg nach Bielefeld oder: Was wird aus einer 'archaischen Erbschaft', wenn die Moderne selbst archaisch geworden ist?
Zusammenfassung

Stefanie Rinke
Die religiöse Mystik als »archaische Erbschaft« bei Jacques Lacan, Luce Irigaray und Julia Kristeva
Zusammenfassung


Ost-West-Tagung der DPV "Generationen und Generationskonflikte im vereinten Deutschland"

Helga Krempp-Ottenheym
Grußwort

Eike Hinze
Identitäten und Wende: Reflektionen aus der Sicht der Älteren

Bertram von der Stein
Identitätsdiffusion, Wende und Anorexie bei einer jungen deutschen Patientin


Einzelbeiträge

Heidi Möller, Svenja Taubner & Elisabeth Pauza
Selbstkonfrontationsinterviews als Methodik der Selbstevaluation von PsychotherapeutInnen - ein etwas anderer evaluativer Zugang
Zusammenfassung

Barbara Handke
Carl Gustav Jungs Individuationsprozess in den Novellen Herz der Finsternis und Arraia
Zusammenfassung

 


Religiöse Wunschwelten und säkularisierte Moderne
Gerhard Vinnai

Zusammenfassung:
Die folgenden Ausführungen versuchen keine umfassende Einschätzung der Bedeutung der Religion in der gegenwärtigen westlichen Kultur. Sie stellen vielmehr, ohne den Versuch zu machen, sie zu verknüpfen, einige recht heterogene Gedankengänge vor, die Hinweise auf wesentliche Elemente dieses Problemfeldes liefern sollen. Der Text versucht die Psychoanalyse mit der kritischen Gesellschaftstheorie zu verbinden. Bei dem beschränkten Raum, der mir zur Verfügung steht, kommt dabei leicht nur eine halbe Psychoanalyse und eine halbe kritische Theorie zur Geltung. Ich nehme das in Kauf, weil es mir vor allem darauf ankommt, neue Interpretationshorizonte zu öffnen. In meinem Buch "Jesus und Ödipus" (Vinnai 1999) habe ich das, was in den beiden ersten beiden Abschnitten vorgeführt wird, genauer ausgeführt. Meine Gedankengänge wollen, thesenartig formuliert, vor allem das weitere Nachdenken anregen.

Schlüsselwörter: Religion, Geschichte, Politik, Aufklärung, Kapitalismus, Terrorismus


Gerhard Vinnai
Anna-Lührung-Str.19
D-28205 Bremen
E-Mail:
vinnai@uni-bremen.de

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"Illusion" und "historische Wahrheit" - Zur Dialektik der psychoanalytischen Religionskritik
Franz Maciejewski

Zusammenfassung: Die grundlegende Argumentationslinie verbindet die beiden Knotenpunkte der Freudschen Religionskritik, "Illusion" und "historische Wahrheit", und versucht, über deren Widersprüchlichkeit aufzuklären. Einer allgemeinen, wissenschaftsinspirierten Religionskritik, die auf das Modell einer fortschreitenden "Rationalisierung" (Max Weber) zurückgeht, steht offenbar eine besondere, rettende Religionssicht gegenüber, die dem Modell einer Transformation folgt und paradigmatisch den judäischen Monotheismus in den Blick nimmt. Es wird die Frage diskutiert, ob die Psychoanalyse nicht selber den patri-ödipalen Strukturen der mosaischen Religion verhaftet und damit als "letzte gewandelte Form des Judaismus" (Yerushalmi) zu begreifen ist.

Schlüsselwörter: Monotheismus, Judaismus, Beschneidung, Psychoanalye, Christentum


Dr. Franz Maciejewski
Handschuhsheimer L-Str. 52
D-69121 Heidelberg
E-Mail:
framac@t-online.de

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Freud auf dem Weg nach Bielefeld oder: Was wird aus einer 'archaischen Erbschaft', wenn die Moderne selbst archaisch geworden ist?
Gesine Palmer

Zusammenfassung:
Im Folgenden geht es um eine kleine Verschiebung, die dem Denken Freuds durch das Weiterdenken vieler Menschen mit ihm widerfahren zu sein scheint. Der zur Hervorhebung eines Problems angeschlagene unsensible und polemische Ton ist intendiert, sollte aber nicht dahingehend missverstanden werden, dass es der Autorin an Respekt, ja an Hochachtung für die Errungenschaften der modernen Wissenschaft fehle.
Die seit 1979 immer lauter beschworene sogenannte Rückkehr des Religiösen scheint gegenwärtig wieder abgelöst zu werden durch eine Rückkehr der offensiven Religionskritik. Aber das, was von dieser neuen Bewegung, wenn man sie denn so nennen will, in den Medien ankommt, wirkt ähnlich zurückgeblieben wie das, was als ein zurückgebliebenes Festhalten an religiöser Illusion kritisiert werden soll. Kann man sich im Ernst darum streiten wollen, ob Gott irgendwo existiert und unsere idiotischsten Handlungen fordert, rechtfertigt, belohnt oder bestraft, und wenn man ihn nirgends nachweisen kann, sagen "Ätsch, es gibt ihn ja gar nicht, kommt mal wieder besser so klar?"
Was kann einem dazu einfallen? Geredet wird so, als hätte es nie eine philosophische oder theologische oder ernsthaft psychoanalytische Beschäftigung mit Religion gegeben, sondern nur einen infantilisierenden Klippschulunterricht, wie er hierzulande ja tatsächlich in Hinterhöfen wie auf ordentlichen Schulbänken gelegentlich noch stattfinden mag - und wie er natürlich auch zunehmend selbstbewusster in die eine oder andere Fernsehkamera gesprochen wird, oft von Leuten, denen man mal zugetraut hatte, dass sie es besser wissen könnten. (Menschen, die in theokratischen Gemeinwesen Erdbeben als Gottesstrafe für menschliche Sünden interpretieren, zähle ich nicht zu denen, die es besser wissen könnten; bei manchen ist das Wissen durch schlichte politische Überwältigung blockiert - wer dergleichen aber ohne Not und trotz großer Bildung vermeldet, soll bitte Rechenschaft darüber ablegen, wie er es mit Glaube, Vernunft, Wissenschaft und ihren jeweiligen Resten hält).
Bringt man gegen eine schlichte Behauptung von der Existenz Gottes Freud in Stellung, wird er selbst auf diese Weise ebenso wie andere Forschungen an der menschlichen Seele an der schwächsten Stelle genommen, der reduktionistischen. Sofern er ihr selbst das Wort redet, wie er es an vielen Stellen tut, werde ich ihn nicht verteidigen, interessant bleibt er aber, weil er stärkere Seiten hat.
Ein erklärendes Reden scheint sich hier fast zu verbieten. Es würde ja sehr schnell uferlos werden, so viele Zitate könnte man gar nicht bringen, so viele Texte gar nicht referieren, so viele Missverständnisse gar nicht auflesen, wie sich immer wieder neu zwischen jedem Satz und seinem Nachfolger aufbauen würden, und dafür werden Ihnen jetzt Zeit und Nerven fehlen, wir warten zum Thema auf Bücher von berufeneren Kolleginnen und Kollegen, in denen diese nicht versäumen werden, auch auf die vielen bereits geschriebenen Bücher berufenerer Kolleginnen und Kollegen hinzuweisen.
Wie aber dann sich jetzt dazu äußern?
Ich habe mich entschieden, Ihnen zunächst diese Existenzsache metaphorisch und vielleicht ein bisschen slapsticartig, aber nicht ohne ernstes Scherzen vorzuführen, indem ich das Wort Bielefeld aus meinem Titel erläutere.

Schlüsselwörter: Psychoanalyse, Religionspsychologie, Religionskritik, Gottesstrafe


Dr. Gesine Palmer
Kulmer Str. 32
D-10783 Berlin
E-Mail:
gesine.palmer@t-online.de
www.gesine-palmer.de

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Die religiöse Mystik als »archaische Erbschaft« bei Jacques Lacan, Luce Irigaray und Julia Kristeva
Stefanie Rinke

Zusammenfassung:
Dieser Beitrag geht der These nach, dass Liebeskonzepte der religiösen Mystik des Mittelalters als »archaische Erbschaft« für psychoanalytische Werke von Lacan, Irigaray und Kristeva verstanden werden können. Das Erbe der Mystik besteht für die psychoanalytische Theorie darin, dass mystische geschlechtsspezifische Codierungen unhinterfragt übertragen wurden. Das lässt sich anhand von Lacan und auch anhand von Irigaray und Kristeva zeigen. Lacan bezieht sich etwa in seinem Seminarband Encore (1975) auf die Ekstasen der heiligen Theresa von Avila und auf das Genießen Gottes der Begine Hadewijch. Er lässt aber unberücksichtigt, dass die religiösen Übungen und Erfahrungen der Mystikerinnen auf mittelalterlichen (Selbst)Inszenierungsstrategien fußten. Ähnlich lässt sich auch für Irigaray und Kristeva zeigen, dass auch sie mystische Wissensformen und mittelalterliche Geschlechterdifferenz in ihre Ansätze übernehmen, ohne zu thematisieren, dass die Mystikerinnen im Gegensatz zu männlichen Mystikern auf den Laienstatus und auf den Körper als Ort der Spiritualität eingegrenzt wurden.

Schlüsselwörter: Mystik, Mystikerinnen, Mittelalter, Liebe, Geschlechterdifferenz, Maria, unio mystica, Genießen, Genießen des Körpers, Genießen Gottes, Lacan, Kristeva, Irigaray, Hildegard von Bingen, Bernhard von Clairvaux


Stefanie Rinke
Danziger Str. 132
D-10407 Berlin
E-Mail:
rinke@mail.uni-paderborn.de

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Selbstkonfrontationsinterviews als Methodik der Selbstevaluation von PsychotherapeutInnen - ein etwas anderer evaluativer Zugang
Heidi Möller, Svenja Taubner & Elisabeth Pauza

Zusammenfasssung:
Psychotherapieforschung ist aufgrund ihrer "Outcome-Orientierung" bislang noch wenig interaktionistisch ausgerichtet. Da Supervision als Hauptinstrument der Therapiedidaktik dient und zudem als Ort der Qualitätssicherung auch erfahrener PsychotherapeutInnen gilt, können Supervisionsgruppen an dieser Stelle zum Ort sinnvoller Psychotherapieforschung werden. Als besonderer Vorteil wird hierbei erachtet, dass die beforschte PsychotherapeutIn in ihrer Kompetenz gefragt ist und die wissenschaftliche Methodik sich nicht substantiell verschieden zeigt von den Methoden, mit denen in Psychotherapieprozessen gearbeitet wird.
Die Evaluation von Psychotherapie kann folglich PsychotherapeutInnen als ausgewiesene ExpertInnen zum Gegenstand der Forschung machen. Der ExpertInnenzugang stammt aus der KI (künstliche Intelligenz)-Forschung, deren Anfänge darin bestanden, ExpertInnen aufzufordern, "laut zu denken". Um die ExpertInnensicherheit als Forschungsressource zu nutzen, plädieren wir für die Methodik des "stimulated recalls" oder des Selbstkonfrontations-Interviews, wie Breuer (1998) es nennt. Im supervisorischen Setting werden einzelne aufgezeichnete Psychotherapiesitzungen gemeinsam angehört und mit den BehandlerInnen werden Selbstkonfrontationsinterviews durchgeführt. Dabei gilt es herauszufinden, welche persönlichen Heurismen die PsychotherapeutInnen leiten. Vor dem Hintergrund der Interaktion der Dyade PsychotherapeutIn/ForscherIn ist die Auswertungsperspektive einerseits auf die manifeste inhaltliche Ebene ausgerichtet (Inhaltsanalyse) und andererseits auf das Abgewehrte, kollektiv Ausgeschlossene (Tiefenhermeneutik).

Schlüsselwörter: Supervision, Psychotherapieforschung, Evaluation, Selbstkonfrontations-Interview, Tiefenhermeneutik


Heidi Möller
Universität Kassel
Fachbereich 04 - Sozialwesen
Arnold-Bode-Str. 10
D-34109 Kassel
E-Mail:
heidi.moeller@uni-kassel.de

Svenja Taubner
Universität Kassel
Fachbereich 04 - Sozialwesen
Arnold-Bode-Str. 10
D-34109 Kassel
E-Mail:
svenja.taubner@uni-kassel.de

Elisabeth Pauza
Universität Kassel
Fachbereich 04 - Sozialwesen
Arnold-Bode-Str. 10
D-34109 Kassel
E-Mail:
pauza@uni-kassel.de

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Carl Gustav Jungs Individuationsprozess in den Novellen Herz der Finsternis und Arraia
Barbara Handke

Zusammenfassung: Die beiden Novellen Herz der Finsternis (1899) von Joseph Conrad und Arraia (2004) von Anne Zielke werden als Reisen ins Innere verstanden, die mit dem seelischen Reifungsprozess der Protagonisten einhergehen. Die These, dass es sich bei Arraia um ein Rewriting von Conrads Klassiker handelt, wird belegt und zudem die Frage nach der Motivation für eine solche Neuschreibung gestellt. Grundlage der Interpretation und des Vergleiches der beiden Werke bildet der Individuationsprozess nach C.G. Jung, wobei sich seine Konzepte des Schattens und der Anima als zentral erweisen.

Schlüsselwörter: Literaturwissenschaft, C.G. Jung, Individuation, Joseph Conrad, Anne Zielke, Herz der Finsternis, Heart of Darkness, Arraia

Barbara Handke
Agentur des Rauhen Hauses
Postfach 1260
D-22802 Norderstedt
E-Mail:
handke@agentur-rauhes-haus.de

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