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Suchterkrankungen bei Migranten: Vorurteile können nicht bestätigt werden

Sind Migranten in der Suchtszene tatsächlich, wie Vorurteile behaupten, überrepräsentiert? Welche Rückschlüsse lassen sich aus den vorhandenen Daten ziehen? Müssen Therapeuten Rücksicht auf verschiedene Herkunftsländer ihrer Patienten nehmen? All dies untersuchten Meryam Schouler-Ocak (Berlin) und Eckhardt Koch (Marburg) und stellen ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift rausch (Augabe 2/3 2018) vor. Das Ergebnis ist vor allem: Das Thema Sucht bei Menschen mit Migrationshintergrund ist vielfältig und muss sehr differenziert betrachtet werden.

Tatsächlich beträgt der Migrantenanteil in der Drogenszene etwa ein Drittel – demgegenüber steht ihr Anteil in stationärer oder ambulanter Suchthilfe, der sich nur auf 5 bis 10 Prozent beläuft. Auch hier sind Unterschiede zu beobachten: Vor allem in der ambulanten Suchthilfe sind immigrierte Männer in etwa entsprechend ihres Bevölkerungsanteils vertreten, während Frauen deutlich unterrepräsentiert sind. Menschen mit Migrationshintergrund begeben sich verhältnismäßig seltener wegen Alkoholkonsums in Behandlung – Drogen- und Spielsucht sind die weitaus häufigeren Anlässe.

Ebenfalls ergaben sich Unterschiede bei den Herkunftsländern und den entsprechenden Diagnosen: So litten psychiatrische Patienten aus der Türkei deutlich seltener an Abhängigkeitserkrankungen als solche, die aus Osteuropa stammen: In dieser Gruppe stellte die Alkoholabhängigkeit sogar die häufigste Störung insgesamt dar. In der Türkei selbst dagegen liegt der Anteil an Alkoholabhängigen bei nur 1,3 Prozent, was ohnehin klar unter den Raten europäischer Vergleichsländer liegt.

Auch die Religion spielt eine Rolle: Muslimische Jugendliche beispielsweise trinken signifikant weniger Alkohol als einheimische Deutsche oder (Spät-)Aussiedler (meist aus Polen und Rumänien). Dazu passt, dass das Konsumverhalten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund abhängig von der Aufenthaltsdauer in Deutschland zunimmt. Je „deutscher“, desto mehr Alkohol?

Um trotz dieser statistischen Differenziertheit Migranten erfolgreich (sucht-)therapeutisch behandeln zu können, fordern die Autoren, auf die individuellen und kulturspezifischen Aspekte Rücksicht zu nehmen. Menschen mit Migrations- und erst recht mit Fluchthintergrund haben besondere gesundheitliche, psychosoziale und ökonomische Belastungen, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Vor allem die kulturellen Hintergründe sind im Auge zu behalten: Die Sensibilität eines Behandlers für z.B. ethnienspezifische Sichtweisen und vertraute Kommunikationsstrukturen, die sich durchaus von denen einheimischer Patienten unterscheiden, können den entscheidenden Unterschied in Sachen Behandlungserfolg machen.

 

Meryam Schouler-Ocak, Eckhardt Koch: Suchterkrankungen bei Migranten. In rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie. Ausgabe 2/3 2018. Pabst, S. 193–202.

Dietmar Czycholl: Integration heißt Erneuerung. Beiträge zu Migration und Sucht.  Pabst, 2018.  Paperback ISBN 978-3-95853-350-9. eBook ISBN 978-3-95853-351-6
 

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