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Konservierte Leichen in "Körperwelten": Utopien in Plastik

Die Zurschaustellung plastinierter Menschenleichen ist ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Gegenwärtig gastiert die Wanderausstellung "Körperwelten" in Osnabrück. Ihre Tabubrüche bieten reichliche Faszination. Die Psychologin Dr. Liselotte Hermes da Fonseca hat - gemeinsam mit Kollegen - das bizarre Phänomen als "gesellschaftliches Schlüsselereignis" analysiert. Die einführenden und kritischen Reflexionen sind in einem Reader erschienen: "Verführerische Leichen - verbotener Verfall".

Konservative  Leichen in

Der Arzt Dr. Gunther von Hagens hat die Leichenplastination zunächst für den Anatomie-Unterricht konzipiert, inzwischen jedoch für die Show weiterentwickelt: Einzelteile aus Körpern werden so zusammengefügt und konserviert, dass die "Untoten" lebendig, dynamisch, aktiv und "ansprechend" wirken - etwa beim Laufen oder beim Geschlechtsverkehr. Die propagierte "Faszination des Echten" basiert also auf kunstvollem Handwerk.

 

Liselotte Hermes da Fonseca: "Im Plastinat fließt immer mehr ein klassisches, wundenloses Schönheitsideal mit dem sonst als unrein vorgestellten zerstückelten Körper zum ´Ganzkörperplastinat´ zusammen. Der als ´eklig´ bezeichnete Körper des lebenden oder toten Menschen erscheint mit dem Plastinat sozusagen entkörpert und zugleich als Idealbild verkörpert... Von Hagens behauptet, dass der Mensch im Plastinat physisch überlebe, und verleugnet den Toten im Namen einer Enttabuisierung. Die ´Körperwelten´ zeichnen ein Leben ohne Geschichte, ohne Verletzbarkeit und Trauer ..." Damit forciere er eine "narzisstisch-wahnhafte Utopie".

 

Alexander Kissler mag in seiner Rezension in der Süddeutschen Zeitung nicht allen Schlussfolgerungen der AutorInnen folgen, "legt das Buch jedoch bereichert zur Seite".

 

 

Liselotte Hermes da Fonseca, Thomas Kliche (Hrsg.) Verführerische Leichen - verbotener Verfall. "Körperwelten" als gesellschaftliches Schlüsselereignis.
Pabst, 448 Seiten, ISBN 978-3-89967-169-8

 




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