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rausch · Wiener Zeitschrift für Suchttherapie

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Forensische Psychiatrie bietet jugendlichen Straftätern ein Sozialisations- und Lernfeld

25.06.2022 In der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter werden Männer häufiger straffällig als in den folgenden Lebensjahren - allerdings fast immer mit Bagatelldelikten. Sind die jungen Täter psychisch krank bzw. suchtkrank, schickt das Gericht sie in eine forensische Jugendpsychiatrie. Bettina Hackenbroch-Hicke und Markus Wild bieten in der Fachzeitschrift "Forensische Psychiatrie und Psychotherapie" einen intensiven Einblick in die Arbeit der Jugendforensik der Karl Jaspers-Klinik Bad Zwischenahn (Niedersachsen): Die "gesamte Unterbringungssituation wird als potentiell korrigierendes Sozialisations- und Lernfeld gestaltet."

"Klassische Aufgaben der Behandlung in einem Maßregelvollzug - wie Themen der Verantwortungsübernahme, der ausführlichen Deliktbearbeitung und das Training sozialer Kompetenzen - verbinden sich in der Jugendforensik mit den Anforderungen, die sich aus der Aufgabe ergeben, dass eine funktionale Erstsozialisation im Jung-Erwachsenen-Alter der Patienten oft zunächst nachzuholen und auszubauen ist.

 

Der altersgemäße Wunsch nach Selbstbestimmung, das Treffen eigener Entscheidungen ist die passende Aufgabe dieses Alters und wird vom behandelnden Team aufgegriffen durch die Möglichkeit für die Patienten, die Abläufe, Aktivitäten und auch die Regeln auf der Station mit dem Team gemeinsam zu gestalten. In den zurückliegenden fünf Jahren seit Gründung der Jugendforensik wurde die Organisation der Binnenstruktur in einzelnen Bestandteilen immer wieder angepasst und im Sinn eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses modifiziert.

 

Dies war und ist auch deshalb notwendig, weil die Zusammensetzung der Patienten sehr heterogen ist, sie unterschiedliche Voraussetzungen, Ressourcen und Störungsbilder haben. Unter der zusätzlichen Berücksichtigung von Entwicklungsstörungen, Reifungsdefiziten, unterschiedlichen Intelligenzniveaus und sehr verschiedenen Bildungsverläufen  ergibt sich eine große Heterogenität moralischer Vorstellungen, erworbenen Wissens, persönlicher Reife und aktueller Auffassungsgabe."

 

Langeweile wird vermieden: Neben Schule oder beruflicher Ausbildung und diversen Freizeitaktivitäten führen die Patienten (teils unter Anleitung) ihren "Haushalt" in der Klinik selbst - Lebensmitteleinkäufe inclusive.

 

Konsequent wurde ein "hierarchisches Stufensystem" etabliert, das sich am Behandlungsfortschritt orientiert. "Die Stufen bauen aufeinander auf, und zu jeder gehört ein entsprechendes Anforderungsprofil. Die Zugehörigkeit zu einer fortgeschrittenen Stufe ist insofern mit einem gewissen ´Ansehen´ verbunden und wird zusätzlich dadurch attraktiv, dass auch die Gewährung von bestimmten Alltagsprivilegien erst nach entsprechendem Stufenaufstieg stattfindet und bei einem Abstieg wieder verloren geht." Diese hierarchische Gliederung verfolgt vor allem das Ziel, "eine subkulturelle Hierarchie zu vermeiden, die dann eher an dissozialen Kriterien orientiert wäre - wie die Ausübung von verdeckter oder direkter Macht, Manipulation, Bedrohung, Prahlen mit aggressivem, gewalttätigem oder kriminellem Verhalten, auch Prahlen mit den Delikten, dem Durchhalten einer therapiefeindlichen Einstellung, dem Verweigern von Zusammenarbeit, einer Orientierung am sog. Knastkodex, etc. Genau diese Verhaltensweisen sind im Kriterienkatalog des Stufensystems ebenfalls benannt, dort aber als Ausschlusskriterien bzw. Aufstiegshindernis." Wer welchen Rang im Stufensystem erhält bzw. verliert, diskutieren Therapeuten mit den Patienten grundsätzlich transparent.

 

B. Hackenbroch-Hinke, M. Wild: "Handle in eigener Freiheit richtig"
In: Forensische Psychiatrie und Psychotherapie 2022-1

 

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