Inhaltsverzeichnis
Editorial
Martin Poltrum
Warum werden logische Fehlschlüsse basierend auf fragwürdigen Daten so oft kritiklos akzeptiert?
Alfred Uhl
Womit sich Österreich beruhigt – Wie kann man Nicht-Messbares messen?
Martin Busch
Die Inflationierung des Suchtbegriffs: Konsequenzen für Politik, Forschung und Versorgung
Gallus Bischof
Abstinenzforderung oder Verhinderung von Problemkonsum:
Alkoholpolitische Ansätze im Spannungsfeld zwischen Public Health und Sucht
Julian Strizek
Von der Dialektik der Widersprüche beim Verstehen der Funktionalität psychoaktiver Substanzen!
Ingo Ilja Michels & Heino Stöver
Plastikwörter in der Suchtforschung – das Beispiel der „(Ent-)Stigmatisierung“
Martin Wallroth
Die ökosystemische Perspektive in der Suchtforschung. Wissensintegration und Theorie – für mehr Kohärenz in Forschung und Praxis
Felix Tretter
Bildstrecke:
Tagung zum 70er von Alfred Uhl: Suchtforschung im Wandel der Zeit
Sonja Bachmayer
Was ist Trunkenheit? Einführung in die Pharmakologie und Symptomatologie des Rausches
Hasso Spode
LSD in Wien – Revision medizinhistorischer und wissenschaftlicher Aspekte
Alfred Springer
Lootboxen, Skin-Gambling und Co. – Eine Hintertür für die Glücksspielindustrie?
Die Konvergenz von Gambling und Gaming
Alexandra Puhm
Sportwetten: Geschicklichkeit oder Zufall? Der österreichische Sonderweg in der Glücksspielpolitik
Jens Kalke
Zieloffene Suchtarbeit: Ihre Umsetzung in unterschiedlichen Settings
Joachim Körkel
Die Suchttherapie wird erwachsen – restriktionsfreies und zieloffenes Arbeiten mit abhängigen Menschen in einer Schweizer Suchtklinik
Antje Monstein
Trinkgeflüster, Rausch, Drogen und Sucht im Spielfi lm
Martin Poltrum
Lebenslauf Prof. Dr. Alfred Uhl
Editorial
Martin Poltrum
Univ.-Prof. Dr. Martin Poltrum
martin.poltrum@sfu.ac.at
Warum werden logische Fehlschlüsse basierend auf fragwürdigen Daten so oft kritiklos akzeptiert?
Alfred Uhl
Zusammenfassung
Der Text thematisiert zentrale methodologische Schwächen in der empirischen Human- und Sozialforschung – insbesondere in der Suchtforschung – und fragt, warum logisch fehlerhafte Schlüsse auf Basis fragwürdiger Daten oft unkritisch akzeptiert werden. Der Autor zeigt auf, dass viele Studien methodisch ungenau, inhaltlich trivial oder sogar irreführend sind – etwa durch falsche Kausalinterpretationen, problematische Kategorisierungen oder unzulässige Gleichsetzungen von Daten und Phänomenen. Auch die Kommunikation in der Suchtprävention wird kritisch beleuchtet, die oft auf Dramatisierungen statt auf belastbare Evidenz setzt. Ein zentrales Anliegen ist, das wissenschaftliche Problembewusstsein zu schärfen, Denkfehler offenzulegen und für eine evidenzbasierte, ehrliche Argumentationskultur einzutreten – auch wenn das unbequeme Fragen aufwirft. Dabei plädiert der Autor für eine differenzierte, transparente und methodologisch reflektierte Forschungspraxis, ohne populistische Verkürzungen und ethisch fragwürdige Kommunikationsstrategien.
Schlüsselwörter: Forschungsmethodologie, Suchtforschung, Kausalität, Datenqualität, Suchtprävention
Summary
The text addresses key methodological weaknesses in empirical human and social research – particularly in addiction studies – and explores why logically flawed conclusions based on questionable data are often uncritically accepted. The author demonstrates that many studies are methodologically imprecise, substantively trivial, or even misleading – for instance, due to faulty causal interpretations, problematic categorizations, or the inappropriate conflation of data and phenomena. The communication in addiction prevention is also critically examined, as it often relies on dramatization rather than solid evidence. A central aim is to sharpen scientific awareness, uncover reasoning errors, and advocate for an evidence-based and honest argumentative culture – even if this raises uncomfortable questions. The author calls for a differentiated, transparent, and methodologically reflective research practice, free from populist simplifications and ethically questionable communication strategies.
Keywords: research methodology, addiction research, causality, data quality, addiction prevention
Prof. Dr. Alfred Uhl
Gesundheitspsychologe, seit 1977 in der Suchtforschung tätig. Abteilungsleiter-Stv. des Kompetenzzentrums Sucht der Gesundheit Österreich GmbH und stv. Leiter des englischen PhD-Programms der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Forschungsschwerpunkte: Epidemiologie, Prävention, Suchtpolitik, Evaluation, Forschungsmethodologie
alfred.uhl@sfu.ac.at
Womit sich Österreich beruhigt – Wie kann man Nicht-Messbares messen?
Martin Busch
Zusammenfassung
Zur Einnahme rezeptpflichtiger Schlaf- und Beruhigungsmittel existieren in Österreich unterschiedliche Datenquellen. Die verfügbaren Daten geben aktuell keinen Hinweis in Richtung Anstieg des Konsums rezeptpflichtiger Schlaf- und Beruhigungsmittel (in erster Linie Benzodiazepine) in Österreich während und nach der COVID-19-Pandemie. In den Datenquellen epidemiologische Abwasseranalysen (diese erfassen ausschließlich Oxazepam) und Vergiftungsinformationszentrale zeigt sich kein Anstieg. Auch aus dem Behandlungsbereich (DLD = Spitalsentlassungsdiagnosen) gibt es keinen Anstieg zu berichten. Lediglich in den während der Pandemie durchgeführten Befragungswellen der österreichischen Bevölkerungsbefragung zu suchtrelevanten Verhaltensweisen zeigt sich ein Anstieg der Einnahme rezeptpflichtiger Schlaf- und Beruhigungsmittel. Hier ist allerdings relativierend zu ergänzen, dass eine Nacherhebung ergab, dass in vielen Fällen Antidepressiva als „rezeptpflichtige Schlaf- und Beruhigungsmittel“ interpretiert wurden. Dies ist zwar ein Indiz, dass Antidepressiva während der Pandemie bei Schlafstörungen verstärkt verschrieben wurden. Diese Medikamente haben im Gegensatz zu Benzodiazepinen allerdings kein relevantes Suchtpotenzial. Dies zeigt, wie schwer es ist, im Rahmen von Bevölkerungsbefragungen valide Daten zum Konsum suchtrelevanter Psychopharmaka zu erhalten. Aus methodischer Sicht zeigt sich, dass Interpretationen hinsichtlich epidemiologischer Entwicklungen auf Basis einzelner Datenquellen sehr leicht zu Fehlschlüssen führen können. Analog dem Zusammensetzen
eines Puzzles ist es zweckmäßig unterschiedliche Datenquellen miteinander in Bezug zu setzen. Passen die Puzzleteile gut zusammen, kann ein stringentes Bild der Situation gezeichnet werden. Tun sie das nicht, sollte versucht werden, die Ursachen dafür zu finden und zu kompensieren. Falls die Widersprüche weiterbestehen, ist es wichtig diese offen zu beschreiben. Statt reißerischen Schlagzeilen, wie „Jeder 10. Österreicher nimmt täglich rezeptpflichtige Schlaf- und Beruhigungsmittel“ lässt sich so ein differenzierteres Bild zeichnen. Fehlen relevante Puzzlesteine – wie im Falle der Benzodiazepine – ist dieses Bild mit Unsicherheiten behaftet, die man offen diskutieren sollte.
Schlüsselwörter: Benzodiazepine, Beruhigungsmittel, COVID-19, Schlafmittel, Tranquilizer
Summary
There are various sources of data concerning the use of prescription-only hypnotics and sedatives in Austria. Available data do not indicate an increase in the consumption of prescription sleeping pills and tranquillisers (primarily benzodiazepines) during and after the COVID-19 pandemic in Austria. The data sources epidemiological wastewater analyses (testing for oxazepam only) and the National Poison Helpline show no increase. There is also no increase to report with respect to treatments (DLD = hospital discharge diagnoses). Only the survey waves of the Austrian population survey on addiction-related behaviours conducted during the pandemic indicate an increase in the use of prescription sleeping pills and tranquillisers. However, a followup survey revealed that in many cases antidepressants were also interpreted as ‘prescription sleeping pills and tranquillisers’. This indicates that antidepressants were increasingly prescribed for sleep disorders during the pandemic. In contrast to benzodiazepines, these drugs have no relevant addictive potential though. This shows how difficult it is to obtain valid data on the use of addiction-relevant psychotropic medications based on population surveys. From a methodological point of view, it is clear that interpretations of epidemiological developments based on individual data sources can very easily lead to erroneous conclusions. Like putting together a jigsaw puzzle, different data sources must be related to each other. If the pieces of the puzzle fit together well, a stringent picture of the situation can be drawn. If they do not fit, an attempt should be made to find the causes and to compensate for them. If the contradictions persist, it is important to describe them openly. Instead of sensationalist headlines like ‘Every 10th Austrian takes prescription-only sleeping pills and tranquillisers every day’, a more differentiated picture can be drawn. However, if relevant pieces of the puzzle are missing – as in the case of benzodiazepines – this picture is fraught with uncertainty.
Keywords: benzodiazepines, sedatives, COVID-19, sleeping pills, tranquillisers
Martin Busch
Psychologe. Er leitet das Kompetenz
zentrum Sucht der Gesundheit Österreich
GmbH. Er arbeitet seit mehr als 25 Jahren
im Suchtbereich.
martin.busch@goeg.at
Die Inflationierung des Suchtbegriffs: Konsequenzen für Politik, Forschung und Versorgung
Gallus Bischof
Zusammenfassung
Unstrittig ist, dass Abhängigkeitserkrankungen – wie alle anderen Erkrankungen – hinsichtlich Schwere und Chronizität variieren. In neueren Klassifikationssystemen wie dem DSM-5 wurde deshalb eine diagnostische Differenzierung in leichte, moderate und schwere Substanzgebrauchsstörungen vorgenommen. Während diese Schweregradeinteilung jedoch auf einer kriterienorientierten Diagnostik beruht, werden in der Forschung – sowohl hinsichtlich epidemiologischer Befunde als auch bei Interventionsstudien – oftmals Konsummaße oder Screeningverfahren zur „Definition“ von Störungen herangezogen und insbesondere in Übersichtsarbeiten oder populärwissenschaftlichen Darstellungen eine Inflationierung des Suchtbegriffs vorangetrieben, die nicht mehr zwischen gesundheitlicher Risikoerhöhung und psychischer Störung unterscheidet. Teilweise werden neue Konzepte wie „heavy use over time“ oder „pre-addiction“ vorgeschlagen, um subklinische Phänomene in den Suchtbegriff zu inkludieren. Empirisch und konzeptionell ist eine solche Erweiterung des Suchtbegriffs jedoch wenig überzeugend. Bezogen auf Epidemiologie, Prävention und Versorgung besteht die Gefahr, dass Schlussfolgerungen aus mehrheitlich subklinischen Stichproben zu inadäquaten und möglicherweise schädlichen Konsequenzen für die Gruppe der Personen mit klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen. Der vorliegende Beitrag skizziert anhand einschlägiger Arbeiten Implikationen für das Verständnis und die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen.
Schlüsselwörter: Sucht, riskanter Konsum, Prävalenz, Medikalisierung, Evidenzbasierung, Symptomatik
Summary
It is undisputed that addiction-type disorders – like all other illnesses – vary in terms of severity and chronicity. In newer classification systems such as the DSM-5, a diagnostic differentiation has therefore been made between mild, moderate and severe substance use disorders. While this severity classification is based on a criteria-oriented diagnosis, in research – both with regard to epidemiological findings and in intervention studies – consumption or screening rates procedures are often used as ‘definition’ of disorders and, particularly in reviews and popular scientific presentations, an inflation of the concept of addiction is promoted which no longer distinguishes between an increase in health risk and a mental disorder. In some cases, new concepts such as ‘heavy use over time’ or ‘pre-addiction’ are proposed in order to include subclinical phenomena in the concept of addiction. Empirically and conceptually, however, such an expansion of the concept of addiction is not convincing. With regard to epidemiology, prevention and care, there is a risk that conclusions drawn from mostly subclinical samples will lead to inadequate and potentially harmful consequences for the group of people with clinically significant impairments. This article outlines implications for the understanding and treatment of addiction disorders.
Keywords: addiction, at-risk consumption, prevalence, medicalisation, evidence-based, symptomatology
Dr. Gallus Bischof
Psychologischer Psychotherapeut, seit 1998 forschend und klinisch an der Klinik für Psychiatrie der Universität zu Lübeck tätig. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie.
gallus.bischof@uksh.de
Abstinenzforderung oder Verhinderung von Problemkonsum: Alkoholpolitische Ansätze im Spannungsfeld zwischen Public Health und Sucht
Julian Strizek
Zusammenfassung
Der Text beschreibt aktuelle Veränderungen in der wissenschaftlichen und öffentlichen Beurteilung der Frage, ab wann Alkoholkonsum als ein Problem verstanden wird. Die Unterscheidung zwischen einem Public-Health-Ansatz (im weiteren „Populationsansatz“) und einem Ansatz mit Fokus auf der Verhinderung bzw. Linderung von Suchtproblemen (im weiteren „Problemansatz“) dient als analytisches Werkzeug, um diese Entwicklung einordnen zu können. Dabei wird die Auffassung vertreten, dass aktuelle und im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten deutlich kritischere Ansichten und Positionen gegenüber Alkohol als ein Erstarken
des Populationsansatzes, als eine Neubewertung von normativen Hintergrundannahmen und als Ergebnis gesundheitspolitischer Strategien einzuordnen sind und nur zu einem Teil eine Veränderung zugrundliegender Daten widerspiegeln. Eine transparente Diskussion dieser Überlegungen ist notwendig, um komplexen Phänomen wie Entscheidungen zu risikobehafteten Verhaltensweisen oder Suchtverhalten gerecht zu werden.
Schlüsselwörter: Alkoholpolitik, Populationsansatz, Problemansatz, Risiko, Grenzwerte
Summary
Currently changes in the assessment of alcohol-related problems can be observed in science and in public opinion. The distinction between a public health approach (hereinafter referred to as the ‘Populationsansatz’) and an approach focusing on the prevention or alleviation of severe addiction problems (hereinafter referred to as the ‘Problemansatz’) can serve as an analytical tool to better understand this development. It is argued that current and increasingly critical perspectives on alcohol consumption go hand in hand with the strengthening of the population approach in alcohol research. In addition, critical perspectives on alcohol consumption are supported by a reassessment of normative background assumptions and health policy strategies, rather than reflecting a significant change in the underlying data. A transparent discussion of these considerations is necessary in order to do justice to complex phenomena such as decisions under risk or addictive behaviour.
Keywords: alcohol policy, population approach, problem approach, risk, drinking guidelines
Julian Strizek
Soziologe und Senior Health Expert am Kompetenzzentrum Sucht der Gesundheit Österreich GmbH mit den Schwerpunkten Alkohol und Suchtepidemiologie sowie Stigma. Er ist einer der Autoren des Handbuchs Alkohol Österreich, des umfassendsten Nachschlagewerks zum Thema Alkohol in Österreich.
julian.strizek@goeg.at
Von der Dialektik der Widersprüche beim Verstehen der Funktionalität psychoaktiver Substanzen!
Ingo Ilja Michels & Heino Stöver
Zusammenfassung
Es ist wichtig zum Verständnis des Konsums von psychoaktiven Substanzen, dessen Sinnhaftigkeit für die Konsumierenden zu verstehen, um diesen Konsum zu beeinflussen im Sinne der Erhöhung von Risikokompetenzen und zur Vermeidung von gesundheitlichen, psychischen und sozialen Schäden. Die durch den Konsum möglicherweise entstehenden negativen Auswirkungen für das Individuum und die Gesellschaft als Ganzes können nur aufgefangen werden, wenn nicht versucht wird, diesen Konsum zu domestizieren durch Konsumverbote und strafrechtliche Verfolgung der Konsumierenden. Auch die verstetigte Warnung vor möglichen negativen Folgen des Konsums durch Schilderung der Gesundheitsrisiken verfängt nicht wirklich, wie wir wissen aus dem Umgang mit legalen psychoaktiven Substanzen wie Alkohol und Tabakprodukten. Psychoaktive Substanzen sind ein ideales Medium, um Risikobereitschaft und -kompetenz anzuzeigen und auszudrücken. Stigmatisierungen und Sanktionierungen des Substanzkonsums erweisen sich weitgehend als ungeeignete Mittel zur Schadensbegrenzung, insbesondere dann, wenn diese zur Selbstmedikation von psychischen Beeinträchtigungen genutzt werden. Das Suchthilfesystem, das Menschen, die problematische und abhängkeitsinduzierende Konsummuster entwickelt haben, helfen will, aus dem Teufelskreislauf des sichselbst- reproduzierenden Verbleibens in diesen Mustern herauszukommen, stößt dabei an Grenzen, wenn die Struktur dieses Systems ver-säult bleibt und nicht die jeweiligen Grenzen der jeweiligen suchttherapeutischen Schulen und Behandlungsstränge verlässt. Dies führt oft lediglich zur Überanpassung an das therapeutische Ideal eines lebenslangen (freilich zufriedenen) Verzichts auf Rauscherlebnisse. Wir perpetuieren so unnötig nicht-vernetzte Hilfen in Spezialhilfesystemen. Wir stehen noch immer am Beginn zunehmender Vernetzung, zunehmenden Austausches von Erfahrung, zunehmendem Kennenlernen anderer Horizonte, zunehmender Konzentration auf fachliche Probleme und Abkehr von ideologischen Fokussierungen. Die Rolle, die die Selbstorganisation von betroffenen Menschen spielen kann und muss, wird noch immer weitgehend ignoriert oder geringgeschätzt, obwohl Menschen, die illegale psychoaktive Substanzen konsumieren, wissen, dass ein Leben mit Drogen unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oft mit Illegalität, Diskriminierung und gesundheitlicher Gefährdung verbunden ist. Außerdem wird das Recht jedes/jeder Einzelnen, sich für oder gegen den Konsum von Drogen zu entscheiden, weitgehend ignoriert oder in Frage gestellt. Die aktuelle Umsetzung der Cannabislegalisierung in Deutschland könnte – bei allen Widersprüchen in der Umsetzung – ein Muster werden zu einem neuen Umgang mit psychoaktiven Substanzen im Rahmen eines regulierten, staatlich
kontrollierten Marktes, der unter Gesichtspunkten des Jugend- und Verbraucherschutzes organisiert wird.
Schlüsselwörter: Konsum psychoaktiver Substanzen, Risikokompetenz, Lustgewinn, Prohibition als Last
Summary
It is important in regards of the consumption of psychoactive substances to understand its meaningfulness for the consumers in order to influence this consumption in the sense of increasing risk competencies and to avoid health, psychological and social damage. The negative effects for the individual and the society as a whole can only be reduced if we do not attempt to domesticate this consumption through consumption bans and criminal persecution of consumers. Even the stabilized warning of possible negative consequences of consumption by describing health risks does not really help as we already know from dealing with legal psychoactive substances such as alcohol and tobacco products. Psychoactive substances are an ideal medium to display and express risk willingness and competence. Stigmatizations and sanctioning of substance consumption are largely an unsuitable means of damage limitation, especially if these substances are used to self-medicate for psychological impairments. The addiction support system, which aims to help people with problematic and dependency-inducing patterns of consumption, to escape the vicious cycle of the self-perpetuating behaviour, reaches its limits if the structure of this system remains ridged and if the respective limits of the respective addiction therapy schools and treatment lines are not acknowledged. This often only leads to over-adaptation to the therapeutic ideal of a lifelong (of course satisfied) waiver of drug-induced highs. We unnecessarily perpetuate non-network associated help by specialized treatment and support systems. We are still at the beginning of increasing networking, increasing exchange of experience, increasing getting to know other horizons, increasing concentration on professional problems and departure from ideological focusing. The role that selforganization of affected people can and should play is still largely ignored or undervalued, although people, who are using illicit psychoactive substances, know that living with drugs under the current social framework is often associated with illegality, discrimination and health risk. In addition, we largely ignore or question the right of every individual to decide for or against consuming drugs. The current implementation of cannabis legalization in Germany could be – despite of all contradictions in the implementation – a template how to handle psychoactive substances within a regulated, state-controlled market that is organized from a perspective of youth and consumer protection.
Keywords: consumption of psychoactive substances, risk competence, pleasure seeking, prohibition as a burden
Dr. Ingo Ilja Michels
Soziologe und Fachberater für Suchtkrankenhilfe. 1999 bis 2016 Leiter der Geschäftsstelle der Drogenbeauftragten der Bundesregierung im Bundesministerium für Gesundheit in Berlin. Tätig in verschiedenen internationalen Projekten in Zentralasien und China; auch für die EU in Kooperation mit WHO und UNODC. Seit 2016 im Ruhestand, aber von 2020 bis 2024 noch tätig in dem Projekt SOLID des DAAD an der Frankfurt University of Applied Sciences, seit 2025 an der Technischen Hochschule in Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
ingoiljamichels@gmail.com
Plastikwörter in der Suchtforschung – das Beispiel der „(Ent-)Stigmatisierung“
Martin Wallroth
Zusammenfassung
Der Text analysiert die Begriffe „Stigmatisierung“ und „Entstigmatisierung“ als Plastikwörter in der Suchtforschung. Anhand der Kriterien von Uwe Pörksen wird aufgezeigt, wie diese beiden Begriffe – durch Abstraktheit, begriffliche Unschärfe und normative Aufladung – die öffentliche Diskussion über Sucht dominieren und dabei kritische Differenzierungen verdrängen. Die Autorität der Wissenschaft wird von ExpertInnen beansprucht, um gesellschaftliche Deutungshoheit zu sichern. Das Beispiel des „Manifests zur Entstigmatisierung von Suchterkrankungen“ illustriert, wie differenzierte ethische und soziale Fragestellungen durch plakative Forderungen ersetzt werden. Die Begriffe „Stigmatisierung“ und „Entstigmatisierung“ fördern so weniger Verständigung als vielmehr ein vereinheitlichendes Wirklichkeitsmodell, das komplexe Alltagserfahrungen marginalisiert und Expertinnen zur Selbstermächtigung dient.
Schlüsselwörter: Plastikwörter, Suchtforschung, Stigmatisierung, Entstigmatisierung, Diskurshoheit
Summary
This text analyses the terms ‘stigmatization’ and ‘destigmatization’ as plastic words within the field of addiction research. Applying Uwe Pörksen’s framework, it is shown how both concepts – through abstraction, vagueness, and moral urgency – consolidate discursive dominance and suppress the complexity of lived experience. The ‘Manifesto for the destigmatization of addictive disorders’ serves as an example of how such terms are used not to foster dialogue but to advance an expert-driven, oversimplified worldview. Rather than promoting genuine ethical debate, ‘stigmatization’ and ‘destigmatization’ act as instruments for self-mpowerment and social engineering by a new class of professionals.
Keywords: plastic words, addiction research, stigmatization, destigmatization, discourse
Prof. Dr. Martin Wallroth
M.A. phil., Diplom-Psychologe
wallroth@fh-muenster.de
Die ökosystemische Perspektive in der Suchtforschung. Wissensintegration und Theorie – für mehr Kohärenz in Forschung und Praxis
Felix Tretter
Zusammenfassung
Sowohl die Suchtforschung wie auch die Praxis der Suchthilfe ist von multidisziplinären und multiprofessionellen Perspektiven geprägt, deren Integration in der Wahrnehmung und im Umgang mit Suchtproblemen hilfreich sein dürfte, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Einem derartigen Projekt stehen jedoch verschiedene erkenntnistheoretische beziehungsweise wissenschaftstheoretische Schwierigkeiten entgegen. Deshalb wird hier zunächst versucht, ein kontextualisiertes dynamisches Modell des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses darzulegen. In einem nächsten Schritt wird die Bedeutung von Theorien betont, wobei vorgeschlagen wird, die in anderen Bereichen von Public Health bereits erfolgreich als Begriffsrahmen verwendete Sozialökologie zu nutzen, die allerdings eine explizite und theoriegeleitete Wissensintegration erfordert. Die dabei auftretende Komplexität der Modelle erfordert die qualifizierte Nutzung von systemwissenschaftlicher Expertise, was abschließend dargelegt wird. Ein ökosystemisches Modell könnte die Praxis kohärenter machen.
Schlüsselwörter: Wissensintegration, Epistemologie, Sozialökologie, Systemdenken
Summary
Both addiction research and the practice of addiction support are characterized by multidisciplinary and multiprofessional perspectives. Integrating these perspectives in the perception and handling of addiction problems should be helpful to avoid one-sidedness. However, such a project faces various meta-scientific and epistemological difficulties. Therefore, an attempt is made here to present a contextualized dynamic model of the scientific knowledge process. In a next step, the importance of theories is emphasized, whereby it is proposed to use social ecology, which has already been successfully used as a conceptual framework in other areas of public health, but which requires an explicit and theory-guided integration of knowledge. The complexity that occures in the models requires the qualified use of systems scientific expertise, which is explained in the conclusion. An ecosytemic model could make practice more coherent.
Keywords: knowledge integration, epistemology, social ecology, systems thinking
Prof. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter
Ehem. Chefarzt der Suchtabteilung im
Klinikum Haar 1992–2015
felix.tretter@bcsss.org
BILDSTRECKE
Suchtforschung im Wandel der Zeit:
Was heute wahr ist,
gilt morgen nicht mehr…
Tagung zum 70. Geburtstag von Alfred Uhl
Was ist Trunkenheit?
Einführung in die Pharmakologie und Symptomatologie des Rausches
Hasso Spode
Zusammenfassung
Die etablierte Alkoholforschung – und damit die entsprechend ausgebildeten Praktiker und Entscheider – weiß wenig über die kulturell bzw. historisch geprägte Seite der Trunkenheit. Es herrscht ein biologischer Reduktionismus. Mindestens ebensowenig aber weiß umgekehrt die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung über die somatische Seite dieses Phänomens. Dem soll hier Abhilfe geschaffen werden, wobei auch die uralte Frage nach dem Verhältnis von Geist und Körper ventiliert wird.
Schlüsselwörter: Alkohol, Genom, Rauschsymptome, Metabolismus, Neurobiologie, Leib-Seele-Problem
Summary
The established alcohol research – and the accordingly trained practitioners and decision-makers – knows little about the cultural and thus historical side of drunkenness, a biological reductionism prevails. And conversely, the humanities and social sciences know possibly even less about the ‘hard’ physiological side of this phenomenon. The aim here is to remedy this narrow-mindedness and in this connection discussing the relationship between mind and body.
Keywords: alcohol, genome, inebriation symptoms, metabolism, neurobiology, mind-body problem
Prof. Dr. Hasso Spode
Historiker und Soziologe Leibniz-Universität Hannover (Institut für Soziologe) und TU Berlin (HBS 6)
spode@hasso-spode.de
www.hasso-spode.de
LSD in Wien – Revision medizinhistorischer und wissenschaftlicher Aspekte
Alfred Springer
Zusammenfassung
An der Wiener psychiatrischen Universitätsklinik und im Psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien wurden ab dem Jahr 1947 Experimente mit dem Einsatz von Halluzinogenen (LSD und DMT) durchgeführt. Diese Forschungsbemühungen erlebten ihren Höhepunkt während der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts und mussten schließlich Anfang der 1970er Jahre aufgrund der Rechtslage und unzureichender Versorgung mit den Testsubstanzen eingestellt werden. Die wissenschaftliche und praktische Positionierung dieser experimentellen Forschung war klar von der Selbstdefinition als medizinisch-psychiatrisches Projekt determiniert, das sich vor allem der Erkenntnis der biologischen Basis des Schizophrenie-Phänomens verpflichtet fühlte und in verschiedenen naturwissenschaftlichen Teildisziplinen agierte: Pharmakologie, Neuro-Physiologie, Hirnforschung und Forschung zur Funktion der Sinnesorgane unter dem Einfluss halluzinogener Substanzen.
Schlüsselwörter: LSD, artefizielle Psychose, Schizophrenieforschung, Set und Setting
Summary
Experiments with the use of hallucinogens (LSD and DMT) were carried out at the Vienna University Psychiatric Clinic and the Psychiatric Hospital of the City of Vienna from 1947 onwards. These research efforts reached their peak during the 1950s and 1960s and finally had to be discontinued at the beginning of the 1970s due to the legal situation and insufficient supply of the test substances. The scientific and practical positioning of this experimental research was clearly determined by its self-definition as a medical-psychiatric project: it was primarily committed to understanding the biological basis of the schizophrenia phenomenon and operated in various scientific sub-disciplines: pharmacology, neuro-physiology, brain research and research into the function of the sensory organs under the influence of hallucinogenic substances.
Keywords: LSD, arteficial psychosis, research on schizophrenia, set and setting
Univ.-Prof. Dr. Alfred Springer
Psychotherapeut, Facharzt für neurologie und Psychiatrie, ehem. Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchtforschung (Wien) und Herausgeber der Wiener Zeitschrift für Suchtforschung
alfred.springer@meduniwien.ac.at
Lootboxen, Skin-Gambling und Co. – Eine Hintertür für die Glücksspielindustrie?
Die Konvergenz von Gambling und Gaming
Alexandra Puhm
Zusammenfassung
In den letzten Jahren haben Angebote an Bedeutung gewonnen, bei denen die Grenzen zwischen Glücksspiel und digitalen Spielen verschwimmen. Die entsprechenden Angebote sind sehr heterogen und umfassen
neben Glücksspiel(elementen) in digitalen Spielen, wie Glücksspielsymbole, Social-Casino-Games oder Lootboxen, auch kostenlose Demoversionen von Glücksspielanbietern oder die Möglichkeit, Gegenstände aus digitalen Spielen für Glücksspiel und Wetten (sog. Skin Gambling) einzusetzen. Diese sogenannten simulierten Glücksspiele weisen große Ähnlichkeit mit Glücksspiel auf, aber da nicht um Geld, sondern um Punkte oder spieleigene Währungen gespielt wird, sind die gesetzlichen Definitionskriterien für Glücksspiel nicht erfüllt. Die Kritik an simuliertem Glücksspiel ist mannigfaltig. KritikerInnen befürchten, dass simuliertes Glücksspiel die teils jungen SpielerInnen mit Glücksspiel vertraut macht, falsche Vorstellungen und Gewinnerwartungen
in Bezug auf Glücksspiel erweckt sowie den Weg zu Glücksspiel ebnet.
Schlüsselwörter: simuliertes Glücksspiel, Gambling, Gaming, Lootboxen, Skin Gambling
Summary
In recent years, offers that blur the boundaries between gambling and digital games have become increasingly important. The offers are very heterogeneous and, in addition to gambling (elements) in digital games,
such as gambling symbols, social casino games or loot boxes, also include free demo versions of gambling operators or the option of placing items from digital games for gambling and betting (skin gambling). This so-called simulated gambling is very akin to gambling, but as the offers involve points or in-game currencies rather than money, the legal definition criteria for gambling are not met. Criticism of simulated gambling is multifaceted. Some critics fear that simulated gambling introduces gambling to players, some of whom are young, creates misconceptions and false expectations about gambling and opens the door to gambling.
Keywords: simulated gambling, gambling, gaming, lootboxes, skin gambling
Mag. Dr. Alexandra Puhm, M.Sc.
Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin, seit 1992 im Suchtbereich tätig,
Health Expert am Kompetenzzentrum Sucht an der Gesundheit Österreich GmbH und Psychotherapeutin in freier Praxis.
alexandra.puhm@goeg.at
Sportwetten: Geschicklichkeit oder Zufall?
Der österreichische Sonderweg in der Glücksspielpolitik
Jens Kalke
Zusammenfassung
Österreich ist das einzige Land in der EU, in dem Sportwetten als Geschicklichkeits- und nicht als Glücksspiele gelten. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Regulierung, wie eine ungenügende Ausgestaltung des Jugend- und Spielerschutzes oder eine niedrige Besteuerung. In dem vorliegenden Beitrag werden wissenschaftliche Befunde präsentiert, die zeigen, dass kein belastbarer Zusammenhang zwischen dem sportlichem Wissen und der Prognosegüte bei Wetten existiert. Dementsprechend sollten Sportwetten im rechtlichen wie politischen Sinne zur Kategorie der Glücksspiele zählen und die entsprechenden Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes aus dem Glücksspielbereich zur Anwendung kommen. Ein zentrales Ziel sollte dabei in der Vorbeugung von kognitiven Verzerrungen bestehen, wie dem Irrglauben, bei Sportwetten durch die eigene Expertise Geld verdienen zu können.
Schlüsselwörter: Sportwetten, Geschicklichkeitsspiel, Glücksspiel, kognitive Verzerrungen
Summary
Austria is the only EU member state in which sports betting is considered a game of skill and not a form of gambling. This has a significant impact on regulation, such as inadequate youth and consumer protection or low taxation. This article presents scientific findings that show that there is no reliable correlation between sports knowledge and the quality of predictions when it comes to sports betting. Accordingly, sports betting should be classified as a form of gambling in both a legal and political sense, and the corresponding youth and consumer protection measures effective for the gambling sector should be applied. A key goal should be to prevent cognitive distortions, such as the illusion that one can earn money from sports betting through one‘s own expertise.
Keywords: sports betting, game of skill, gambling, cognitive distortions
Dr. Jens Kalke
Diplom-Politologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) und Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS, Hamburg), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Langjährige Forschungstätigkeiten im Bereich der Suchtprävention (Schwerpunkte: Glücksspiel, Cannabis)
j.kalke@isd-hamburg.de
Zieloffene Suchtbehandlung: Grundlagen und Umsetzung in unterschiedlichen Arbeitsfeldern
Joachim Körkel
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt das Konzept der Zieloffenen Suchtbehandlung (ZOS) dar, bei dem die Behandlungsziele der Abstinenz, Konsumreduktion und Schadensminderung gleichberechtigt nebeneinanderstehen und vom
Klienten1 selbst bestimmt werden. Auf Grundlage eines humanistischen Menschenbildes und eines zieloffenen Suchtverständnisses sowie der Prinzipien des Motivational Interviewing wird der Konsum aller Substanzen systematisch erfasst, die Änderungsintentionen werden geklärt und passgenaue evidenzbasierte Interventionen eingesetzt. Die Umsetzung erfolgt in vier Schritten und ist in unterschiedlichen Arbeitsfeldern – von ambulanter Beratung über stationäre Rehabilitation und Wohngemeinschaften bis zu niedrigschwelliger Drogenhilfe und forensischen Kontexten – anwendbar. Neben der Darstellung arbeitsfeldübergreifender Prinzipien werden spezifische Anpassungen für verschiedene Settings beschrieben sowie die Notwendigkeit der systematischen Implementierung von ZOS herausgestellt.
Schlüsselwörter: Zieloffene Suchtbehandlung (ZOS), Abstinenz, Konsumreduktion, Schadensminderung, Motivational Interviewing, Multisubstanzkonsum, Implementierung
Summary
This article presents a treatment approach in the field of addiction that allows clients to define their own goals – whether abstinence, self-controlled (reduced) use, or harm reduction – while treating these goals as
equally valid. Based on a humanistic view of the person, a non-dogmatic understanding of addiction, and the principles of Motivational Interviewing, the consumption of all substances is systematically assessed, intentions for change are clarified, and tailored evidence-based interventions are applied. Treatment proceeds in four steps and can be applied across different contexts, ranging from outpatient counseling and inpatient rehabilitation to supported housing, low-threshold drug services, and forensic settings. In addition to outlining cross-field principles, the article describes specific adaptations for various settings and emphasizes the need for a systematic organizational implementation of this flexible, client-centered treatment approach.
Keywords: goal-open addiction treatment, abstinence, self-controlled consumption, harm reduction, polysubstance use, motivational interviewing, implementation
Prof. Dr. Joachim Körkel
Institut für innovative Suchtbehandlung und Suchtforschung (ISS) und Institut für Motivational Interviewing Nürnberg
joachim.koerkel@evhn.de
Die Suchttherapie wird erwachsen – restriktionsfreies und zieloffenes Arbeiten mit abhängigen Menschen in einer Schweizer Suchtklinik
Antje Monstein
Zusammenfassung
Eine Schweizer Suchtklinik konzeptualisiert ein Modell, welches recoveryorientierte Grundhaltung, restriktionsfreies Arbeiten, zieloffene Suchtarbeit und die integrative Behandlung der Komorbiditäten integriert. Die Entstehung dieses „Münsterlinger Modells der Suchtbehandlung“, die Inhalte und Wirksamkeit werden im Folgenden erläutert. Ergebnisse einer internen Evaluation unter PatientInnen und MitarbeiterInnen werden vorgestellt.
Schlüsselwörter: Abhängigkeitserkrankung, stationäre Therapie, Recovery, Patientenautonomie, Restriktionsfreiheit, Zieloffene Suchtarbeit, Komorbiditäten, integrative Therapie, Abstinenz, Konsumreduktion, Schadensminderung, Veränderungsmotivation
Summary
A Swiss addiction clinic conceptualizes a model that integrates a recovery-oriented approach, restrictionfree work, open-ended addiction work and integrative therapy for comorbidities. The development of this ‘Münsterling model of addiction treatment’, its content and effectiveness are explained below. The results of an internal evaluation among patients and staff are presented.
Keywords: substance use disorder, inpatient therapy, recovery, patient autonomy, non-restrictive approach, goal-open addiction treatment, comorbidities, abstinence, reduction of substance use, harm reduction, motivation to change
Dr. Antje Monstein (geb. Kemter)
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Schwerpunkt Psychiatrie und Psychotherapie der Abhängigkeitserkrankungen. Ärztliche Bereichsleitung Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Spital Thurgau AG (Schweiz).
antje.monstein@stgag.ch
Trinkgeflüster, Rausch, Drogen und Sucht im Spielfilm
Martin Poltrum
Zusammenfassung
Spielfilme und Serien, welche psychischen Störungen behandeln, haben trotz vieler Limitationen einen didaktischen Wert für Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Sozialarbeiter, Pflegepersonen, Angehörige
von psychisch Kranken, Betroffene und interessierte Laien. Das wird im Beitrag anhand der Darstellung von Substanzkonsum, Rausch, Ekstase und Sucht gezeigt. Legale und illegale Drogen spielen eine große Rolle in populären Spielfilmen und das Suchtmotiv stellt seit über 100 Jahren ein beliebtes Thema des amerikanischen und europäischen Kinos dar. Alkohol und Drogenkonsum werden im Film entweder witzig-omisch, melodramatisch-tragisch, präventiv-aufklärerisch, propagandistisch, sozialkritisch oder ästhetisch beleuchtet.
Schlüsselwörter: psychische Störungen, Rausch, Ekstase, Sucht, Alkoholismus, Drogen, Film, Serien
Summary
Despite many limitations, feature films and series dealing with mental disorders have a didactic value for psychologists, psychotherapists, psychiatrists, social workers, caregivers, experts by experience, relatives of mentally ill people and interested laypeople. This is shown in this article by means of the illustration of substance use, intoxication, ecstasy and addiction. Legal and illegal drugs play a major role in popular feature
films and the addiction motif has been a popular theme in American and European cinema for over 100 years. In film, alcohol and drug consumption are either examined in a funny-comic, melodramatic-tragic, preventiveeducational, propagandistic, social-critical or aesthetic way.
Keywords: mental disorders, intoxication, ecstasy, addiction, alcoholism, drugs, film, series
Univ.-Prof. Dr. Martin Poltrum
Professor für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund-Freud-PrivatUniversität Wien; Philosoph, Psychotherapeut, Lehrtherapeut
martin.poltrum@sfu.ac.at
Lebenslauf von Alfred Uhl
rausch - Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
14. Jahrgang • 2025 • Heft 1-2
Pabst, 2025 ISSN 2190-443X














