NEWSBÜCHERJOURNALEONLINE-SHOP



 

Sie befinden sich hier: JOURNALE » rausch » Bisher erschienen » Inhalt lesen

« zurück

rausch · Wiener Zeitschrift für Suchttherapie

» rausch im Online-Shop...


2020-3/4

Inhaltsverzeichnis


Editorial
Wolfgang Beiglböck

The Commission on Narcotic Drugs (CND) and international drug policies
Mirella Dummar Frahi & Billy Batware
Beitrag als PDF

International drug policy: the impact of civil society and opportunities for addiction professionals to engage
Penelope Hill, Orsi Fehér & Jamie Bridge
Beitrag als PDF

Neue Entwicklungen in der internationalen Drogenpolitik. Herausforderungen, Trends, Debatten und mögliche Auswirkungen auf die Praxis
Robert Lessmann

Bildstrecke: Die Minenarbeiter von Potosí
Fotoreportage © Ritchy Pobaschnig

Neue Chancen in der globalen Drogenpolitik: Die Rolle von entwicklungs-, gesundheits- und menschenrechtsorientierten Ansätzen
Daniel Brombacher & Antonia Schmidt

Drogen- oder Politikproblem? Pragmatische Wege zur Beendigung der Prohibition
Geoff Gallop & Khalid Tinasti

Schadensminderung für mündige Bürger?
Ambros Uchtenhagen

Bildstrecke: Opium für das Volk oder eine Pilgerreise nach Mariazell im Sommer 2020
Sonja Bachmayer & Christine Koblitz

Drogenpolitik in Deutschland – Stagnation in den Rahmenbedingungen trotz hoher Konsumprävalenzen
Heino Stöver & Ingo Ilja Michels

Innovationsversprechen und Repressionsrealität in der Schweizer Drogenpolitik
Michael Herzig

Österreichische Drogenpolitik
Alfred Uhl & Martin Busch


The Commission on Narcotic Drugs (CND) and international drug policies
Mirella Dummar Frahi & Billy Batware

Summary
The purpose of this article is to provide an overview of international drug policies though the history of its main intergovernmental body, the Commission on Narcotic Drugs and the influence of civil society organizations (CSOs) in this context.

Keywords: international drug policy, Commission on Narcotic Drugs, United Nations, civil society, non-governmental organisations, NGO, CSO


Zusammenfassung
Dieser Beitrag soll einen Überblick über die Internationale Drogenpolitik bieten – aus dem  Blickwinkel der historischen Entwicklung der „Commission on Narcotic Drugs“ (Suchtstoffkommission) der Vereinten Nationen und der damit verbundenen Einflussmöglichkeiten der Zivilgesellschaft.

Schlüsselwörter: internationale Drogenpolitik, Suchtstoffkommission, Vereinte Nationen,  Zivilgesellschaft, Nicht-Regierungsorganisationen, NGO, CSO

Mirella Dummar Frahi


Billy Batware

 


International drug policy: the impact of civil society and opportunities for addiction professionals to engage
Penelope Hill, Orsi Fehér & Jamie Bridge

Summary
This paper discusses civil society engagement in drug policy making processes and political spaces at the United Nations. Reviewing the structure of international drug policy making, mechanisms of NGO participation, its challenges, and the considerable progress in changing the landscape of the debates at the Commission on Narcotic Drugs, the authors offer their practical expertise. The make-up and functioning of the global drug control system, the interagency approaches at play, and the role of civil society in the international structure of drug policy making is explained. The paper takes account of the history of civil society engagement, the efforts of non-state actors to influence high-level debates and offers practical ways for practitioners and non-diplomats to be involved in advocating for and engaging in policy reform from the ground.

Keywords: civil society engagement, United Nations, international drug control system, drug policy reform


Zusammenfassung
Dieses Papier diskutiert das zivilgesellschaftliche Engagement bei drogenpolitischen Entscheidungsprozessen bei den Vereinten Nationen. Die Autoren geben einen Überblick über die Struktur der internationalen Drogenpolitik, die Mechanismen der Beteiligung von Nichtregierungsorganisationen, ihre Herausforderungen und die beträchtlichen Fortschritte bei der Veränderung der Debatten in der Suchtstoffkommission und bieten ihre praktische Expertise an. Der Aufbau und die Funktionsweise des globalen Drogenkontrollsystems, die behördenübergreifenden Ansätze und die Rolle der Zivilgesellschaft in der internationalen Struktur der Drogenpolitik werden erläutert. Der Beitrag berücksichtigt weiters die historische Entwicklung des zivilgesellschaftlichen Engagements, die Bemühungen nichtstaatlicher Akteure, die Debatten auf hoher Ebene zu beeinflussen, und bietet praktische Möglichkeiten für Praktiker und Nicht-Diplomaten, sich für politische Reformen vor Ort einzusetzen und zu engagieren.

Schlüsselwörter: Beteiligung der Zivilgesellschaft, Vereinte Nationen, internationales Drogenkontrollsystem, Reform der Drogenpolitik

Penelope L. Hill, BHS, MSc


Orsolya Fehér, BSc, MSc

Jamie Bridge

 


Neue Entwicklungen in der internationalen Drogenpolitik Herausforderungen, Trends, Debatten und mögliche Auswirkungen auf die Praxis
Robert Lessmann

Zusammenfassung
Dieser Beitrag beschreibt neue Entwicklungen in der internationalen Drogenpolitik in Folge der UNGASS 2016 (Special Session of the United Nations General Assembly on the World Drug Problem – Sondersitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Weltdrogenproblem) nach dem Scheitern des „War on Drugs“. Herausforderungen, Trends und mögliche Auswirkungen auf die Praxis werden diskutiert.

Schlüsselwörter: neue Entwicklungen der internationalen Drogenpolitik, internationale Drogenkontrolle, Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Drogenproblematik, War on Drugs, Trends und Entwicklungen


Summary
This paper describes new developments in international drug policy in the aftermath of UNGASS 2016 (Special Session of the United Nations General Assembly on the World Drug Problem) following the failure of the War on Drugs. Challenges, trends and potential implications for practice will be discussed.

Keywords: new developments in international drug policy, international drug control, United Nations  General Assembly on the world drug problem, war on drugs, trends and developments

Dr. Robert Lessmann

www.robert-lessmann.com

 


Neue Chancen in der globalen Drogenpolitik: Die Rolle von entwicklungs-, gesundheits- und menschenrechtsorientierten Ansätzen
Daniel Brombacher & Antonia Schmidt*

Zusammenfassung
Über mehrere Jahrzehnte verschrieb sich die internationale Drogenpolitik dem Ziel einer  drogenfreien Welt, das viele Staaten bis heute mit repressiven, militarisierten und vorwiegend auf  Strafverfolgung basierenden Maßnahmen der Angebotseindämmung zu erreichen versuchen. Die globalen Trends in den Drogenmärkten deuten jedoch nicht auf einen langfristigen Erfolg dieser eingleisigen Strategie hin.
Dies führte im April 2016 zur Einberufung einer Sondersitzung der UN-Generalversammlung zum Weltdrogenproblem (Special Session of the United Nations General Assembly on the World Drug Problem, UNGASS). Das daraus hervorgegangene Abschlussdokument ist das erste hochrangige politische Dokument in der Geschichte des UN-Drogenkontrollsystems, das den Menschenrechten sowie entwicklungsorientierten Ansätzen eigenständige Kapitel widmet und soziale wie gesundheitliche Perspektiven stärker hervorhebt.
Für die Verankerung dieser Aspekte in der internationalen drogenpolitischen Debatte setzt sich auch Deutschland seit vielen Jahren gemeinsam mit gleichgesinnten Mitgliedstaaten und zivilgesellschaftlichen Partnern ein. Entwicklungspolitische Impulse setzt die deutsche Bundesregierung international auch  mit der Globalen Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung (Global Partnership on Drug Policies and Development, GPDPD), einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beauftragt ist und unter der politischen Schirmherrschaft der deutschen Drogenbeauftragten umgesetzt wird.
Dieser Beitrag geht auf neue Ansätze und Entwicklungen in der globalen Drogenpolitik ein mit einem Fokus auf den Schwerpunkten des deutschen entwicklungspolitischen Engagements und stellt beispielhaft Projektaktivitäten der GPDPD vor.

Schlüsselwörter: Vereinte Nationen, Drogenkontrollsystem, Entwicklungspolitik, Deutschland, Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung, Deutsche Gesellschaft für Internationale  Zusammenarbeit, GIZ


Summary
For several decades, international drug policy was committed to the goal of a drug-free world, which many states continue to try to achieve today with repressive, militarized, and predominantly law  enforcement-based measures of supply reduction. However, global trends in drug markets do not point to the long-term success of this single-track strategy.
This led to the convening of a Special Session of the United Nations General Assembly on the World Drug Problem (UNGASS) in April 2016. The resulting outcome document is the first high-level policy document in the history of the UN drug control system to devote separate chapters to human rights and development-oriented approaches, and to place greater emphasis on social and health perspectives.
Germany, together with like-minded member states and civil society partners, has been working for many years to anchor these aspects in the international debate on drug policy. The German government also provides development policy impetus internationally through the Global Partnership on Drug Policies and Development (GPDPD), a project of the Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH commissioned by the German Federal Ministry for Economic Cooperation and Development (BMZ) and implemented under the political auspices of the Federal Drug Commissioner of Germany.
This article addresses new approaches and developments in global drug policy with a focus on the priorities of German development cooperation and presents policy engagement and presents exemplary project activities of the GPDPD.

Keywords: United Nations, drug control system, development policy, Germany, global partnership on drug policies and development, German Agency for International Cooperation, GIZ

Daniel Brombacher Mag.


Antonia Schmidt

 


Drogen- oder Politikproblem? Pragmatische Wege zur Beendigung der Prohibition
Geoff Gallop & Khalid Tinasti

Zusammenfassung
Dieser Artikel beschreibt die Ansichten der Weltkommission für Drogenpolitik und erklärt, wie es  ihrer Meinung nach dazu kam, dass Drogen in der Gesellschaft als Übel wahrgenommen wurden, und jene, die sie konsumieren, als Versager gebrandmarkt werden. Sie erklärt, wie das auf falschen Annahmen und fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende internationale Kontrollsystem versagt hat und wie die Gesellschaft für den „Krieg gegen die Drogen“ und die repressiven Maßnahmen den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Preis bezahlt. Die Mitglieder der Weltkommission schlagen Wege vor, wie sich die Unzulänglichkeiten im derzeitigen Vorgehen gegen Drogen beheben lassen: nämlich indem der Fokus der Drogenkontrolle auf die Gesundheit und die Menschenrechte gelegt wird, indem sichergestellt wird, dass die Drogenpolitik nicht länger Millionen Menschen den Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln versperrt, indem für illegale Drogen Konsum und Besitz für den Eigengebrauch entkriminalisiert werden, für Drogendelikte angemessene Urteile gesprochen werden und nicht zuletzt indem die Verantwortung für den Drogenmarkt übernommen wird.

Schlüsselwörter: Weltkommission für Drogenpolitik, Versagen des internationalen  Drogenkontrollsystems, War on Drugs, Menschenrechte, Entkriminalisierung, Drogenmarkt


Summary
This article describes the views of the Global Commission on Drug Policy, and explores its analysis  of the negative societal perceptions on drugs and people who use them. It explains how the international control system, based on false assumptions and lack of scientific evidence, has failed and how society is paying the social, economic and cultural price for the “war on drugs” and repressive measures. The members of the Global Commission propose five pathways to address the shortcomings in the current approach to drugs, namely: by shifting the focus of drug control to health and human rights, by ensuring that drug policies allow millions of people better access to essential medicines, by decriminalizing consumption and possession for personal use, by delivering proportionate sentences for drug offences and, last but not least, taking the legal responsibility of the drug market.

Keywords: Global Commission on Drug Policy, international drug control regime, people who use  drugs, classification, decriminalization, legal regulation


Prof. em. Dr. Geoff Gallop


Khalid Tinasti

 


Schadensminderung für mündige Bürger?
Ambros Uchtenhagen

Zusammenfassung
Jede Politik im Interesse des öffentlichen Gesundheitswesens und der öffentlichen Ordnung (Public health and public order) muss bestrebt sein, Schäden vorzubeugen, indem mögliche Risiken kleingehalten werden. Darüber, wie das am besten zu erreichen sei, gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Sollen Gesetzgebung und Regeln für die Alltagspraxis die Bevölkerung durch Aufklärung und praktische Hilfestellungen befähigen, sich zu schützen durch sachgerechtes Verhalten? Oder aber: In welchem Ausmaß muss das Verhalten durch bindende Vorschriften gesteuert werden, um zu verhindern, dass Einzelne oder Gruppierungen ihre partikulären Interessen ohne Rücksicht auf andere oder sogar auf deren Kosten verfolgen? Anders gesagt: Ist Schadensminderung eine staatliche Aufgabe zum Schutz der Bevölkerung, oder wie weit kann sie der freien Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger überlassen bleiben?
In diesem Artikel sollen diese beiden Positionen sowie die ihnen nachfolgenden durch historische Beispiele veranschaulicht und auf ihre Vor- und Nachteile hin analysiert werden.

Schlüsselwörter: öffentliches Gesundheitswesen, öffentliche Ordnung, Schadensminderung, gesetzliche Regelungen, freie Entscheidung


Summary
Any public health and public order policy must seek to prevent harm by minimizing potential risks. However, opinions differ widely on how best to achieve this. Should legislation and rules for everyday practice enable the population to protect itself through appropriate behavior by providing information and practical assistance? Or: to what extent must behavior be controlled by binding regulations to prevent individuals or groups from pursuing their particular interests without regard for others or even at their expense? In other words, is harm reduction a state task to protect the population, or to what extent can it be left to the free decision of citizens?
This article will illustrate these two positions, as well as those that follow them, with historical examples and analyze their advantages and disadvantages.

Keywords: public health, public policy, harm reduction, legal regulation, free decision


Prof. em. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen

 


Drogenpolitik in Deutschland – Stagnation in den Rahmenbedingungen trotz hoher Konsumprävalenzen
Heino Stöver & Ingo Ilja Michels

Zusammenfassung
Drogenpolitik in Deutschland lässt sich auf mehreren Ebenen beschreiben: auf der Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes. Zwischen und auf diesen Ebenen existieren verschiedene „Drogenpolitiken“, d. h. unterschiedliche Ausrichtungen, Herangehensweisen und Schwerpunktsetzungen. Dazu kommen unterschiedliche Akteure, Institutionen, Berufsverbände, Organisationsformen etc. Aufgrund dieser Heterogenität kann es auch keine konsistente oder gar verbindliche Drogenpolitik – weder „von oben“ noch „von unten“ – geben.
Dieser Artikel beschränkt sich auf die Organisation und drogenpolitischen Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene, obwohl es viele lokal und regional finanzierte Beispiel guter Praxis zu berichten gibt, auf die in diesem Rahmen jedoch nur am Rande eingegangen werden kann.

Schlüsselwörter: Deutschland, Drogenpolitik, Akteure, Organisation, kritische Bewertung


Summary
Drug policy in Germany can be described at several levels: at the level of the municipalities, federal states and the federal government. Between and at these levels there are different ‘drug policies’, i. e. different orientations, approaches and priorities. In addition, there are different actors, institutions, professional associations, forms of organization, etc. Due to this heterogeneity, there can be no consistent, or even binding drug policy – neither ‘from above’ nor ‘from below’.
This article is limited to the organization and drug policy framework at the national level, although there are many locally and regionally funded examples of good practice to report on, which can, however, only be dealt with marginally in this framework.

Keywords: Germany, drug policy, actors, organisation, critical evaluation


Prof. Dr. Heino Stöver


Dr. Ingo Ilja Michels

 


Innovationsversprechen und Repressionsrealität in der Schweizer Drogenpolitik
Michael Herzig

Zusammenfassung
Dieser Artikel beschreibt die geschichtliche Entwicklung der Schweizer Drogenpolitik und unterzieht  die derzeitige Schweizer Drogengesetzgebung einer kritischen Bewertung.

Schlüsselwörter: Schweiz, Drogenpolitik, Drogengesetzgebung, geschichtliche Entwicklung, kritische Bewertung


Summary
This article describes the historical development of Swiss drug policy and critically evaluates the current Swiss drug legislation.

Keywords: Switzerland, drug policy, drug legislation, historical development, critical evaluation


Michael Herzig

 


Österreichische Drogenpolitik
Alfred Uhl & Martin Busch

Zusammenfassung
Im Jahr 2015 hat die österreichische Bundesregierung eine Suchtpräventionsstrategie verabschiedet, die modernen und humanen Grundsätzen entspricht. In dieser Strategie wird explizit anerkannt, dass Sucht eine multifaktorielle, oft rezidivierende Krankheit darstellt, die man nicht als Willensschwäche oder moralische Verfehlung bewerten sollte. Großer Wert wird auf Schadensminimierung gelegt und dabei betont, dass Behandlung Vorrang vor Maßnahmen der Sicherheit und Justiz haben sollte. Für Personen, die in großem Umfanggewerbsmäßigen Suchtgifthandel betreiben, wird hingegen Repression als geeignete Maßnahme gesehen. Für Süchtige, die zur Finanzierung ihrer Sucht straffällig werden, wird, sofern die Delikte nicht zu schwer sind, Therapie statt Strafe bevorzugt, – wobei im Falle von Opioidabhängigkeit die Substitutionsbehandlung als Methode der Wahl und abstinenzorientierte Behandlung nur als Möglichkeit für jene Minderheit der Opioidabhängigen gesehen wird, für die Abstinenz eine realisierbare Option darstellt. Große Bedeutung wird auch der Schadensminimierung und einer weitgehenden Entkriminalisierung von Suchtgift konsumierenden Personen beigemessen. In Fällen, wo kein Kontroll- oder Therapiebedarf vorliegt, wird Straffreiheit ohne Auflagen präferiert, in Fällen mit Kontroll- oder Therapiebedarf wird Straffreiheit allerdings daran geknüpft, dass diesen Auflagen nachgekommen wird. Das österreichische Suchtgiftrecht war ursprünglich geprägt von einem moralisierend-punitiven Zugang, der als Ziel ausschließlich völlige Suchtgiftabstinenz akzeptierte und bei dem Sanktionierung von Suchtgiftdelikten primär auf die zur Last gelegten Suchtgiftmengen fokussierte. Dabei wurde bereits der Umgang mit relativ geringen Suchtgiftmengen als abstraktes Gefährdungsdelikt konstruiert, ein Sachverhalt, der als „Verbrechen wider die Volksgesundheit“ präsentiert wurde. Inzwischen hat sich das Suchtgiftrecht sukzessive in Richtung eines humanen, auf Schadensbegrenzung fokussierenden Zugangs entwickelt, der in den Süchtigen primär kranke Menschen sieht und bei Zwangsmaßnahmen auf Verhältnismäßigkeit achtet. Da bei Suchtgiftgesetzesnovellierungen immer stark auf einen Ausgleich zwischen unterschiedlichen Positionen geachtet wurde, um populistische Polemiken in der Öffentlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden und den Modernisierungsprozess nicht zu gefährden, gibt es allerdings nach wie vor Aspekte im Suchtgiftrecht, die den modernen Vorstellungen der Suchtpräventionsstrategie nicht eindeutig und konsequent gerecht werden. Auch wenn die Entwicklung des Suchtgiftrechts insgesamt als sehr positiv zu beurteilen ist, gibt es nach wie vor Relikte aus den Anfangszeiten des Suchtgiftrechts, Unschärfen und Kann-Bestimmungen, die Entscheidungen von der subjektiven Beurteilung durch Entscheidungsträger/innen abhängig machen. Dadurch kommen immer wieder Maßnahmen und Urteile zustande, die die Zielvorstellungen der offiziellen österreichischen Suchtpräventionsstrategie deutlich konterkarieren.

Schlagworte: Drogenpolitik, Suchtgiftrecht, Suchtprävention, Suchtstrategie


Summary
In 2015, the federal Austrian government adopted a strategy to prevent addiction in line with modern and humane principles. This strategy explicitly recognizes that addiction is a multifactorial, commonly relapsing disease that should not be viewed as a weakness of will or moral failing. Great emphasis is placed on harm reduction, and it was emphasized that treatment should be prioritized over police measures and law enforcement. Repression is perceived as an appropriate response though for violators engaged in large-scale commercial drug trafficking. For addicts committing crimes in order to finance their addiction, provided the offenses are not too severe, treatment rather than punishment is favoured. In the case of opioid dependence, substitution treatment is regarded as method of choice. Abstinence-oriented treatment is considered appropriate for a minority of addicts for whom reaching abstinence is a realistic goal. Great emphasis is placed on harm reduction and depenalising drug users as far as possible. In case there is no need for control measures or treatment, depenalisation without any additional requirements is recommended. If control or therapy seems needed, any exemption from prosecution requires compliance with accepting these necessities. The Austrian narcotic act originally was shaped by a moralizing and punitive attitude only accepting total abstinence from narcotic drugs as acceptable treatment objective and primarily focussing on the quantity of narcotic drugs involved. Even being involved with small amounts of narcotics was construed to be an abstract crime of public endangerment – labelled a “Felony of Endangering Public Health”.
In the meantime, the Austrian narcotic act has gradually developed towards a more humane, harm reduction oriented approach. Addicts are primarily perceived as diseased individuals and proportionality considerations when considering coercive measures are of paramount importance. Since amendments to the Narcotic Drugs Act have always paid great attention to balance different positions in order to prevent populist polemics in the public as far as possible, not to jeopardize the modernization process, there are still some aspects in the Narcotic Drugs Act that do not fully and consistently meet modern ideas of an addiction prevention policy. Even if the development of the Narcotic Drugs Act can overall be judged quite positively, there are still leftovers from the early days of the Narcotic Drugs Act, with vagueness and optional provisions, making some decisions dependent on subjective assessments of decision-makers. This repeatedly results in decisions clearly counteracting the objectives of the official Austrian addiction prevention strategy.

Keywords: drug policy, narcotics law, addiction prevention, addiction strategy


Priv.-Doz. Dr. Alfred Uhl


Dr. Martin Busch


 



rausch -  Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
9. Jahrgang · 2020 · Heft 3/4
Pabst, 2020
ISSN 2190-443X
Preis: 30,- €

» rausch im Online-Shop...





alttext