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Psychologie & Gesellschaftskritik

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2021-1/2

Markus Brunner, Hans-Dieter König,Julia König, Jan Lohl
Editorial


Markus Brunner
Von stummen und lärmenden Massen. Zu einigen Widersprüchen in Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse


Hans-Dieter König, Michael Lacher
Canettis Konzept der Masse und ihr Verhältnis zu Freuds Massenpsychologie. Eine sozialpsychologische Rekonstruktion


Julia König
Wer zuletzt lacht. Ozeanische Träume von der Deutschen Kolonie und die männliche Lust an ihrer Zerstörung


Jan Lohl
Freuds Unternehmung. Über Massenpsychologie und rechtspopulistische Propaganda


Saira Rafiee & Daniel Hildebrandt
‚Mit Freud den Horror des Regimes erklären‘ Interview mit der iranischen Politikwissenschaftlerin Saira Rafiee über die Übersetzung von Massenpsychologie und Ich-Analyse ins Farsi und die Möglichkeiten der Freudschen Theorie zur Analyse der Islamischen Republik

 

Einzelbeiträge


Charlotte Uhlig & Tom Uhlig
„Gleich fangen sie an, Ziegen zu melken“. Tiefenhermeneutische Erkundungen der Identitären Bewegung


Steffen Elsner
Das Unheimliche der infantilen Sexualität – Frühe Formen ideologischen Denkens


Elke Horn
Transgenerationale Linien. Wie Flucht- und Gewalterfahrungen der Kriegskinder bei den Nachkommen weiterwirken. Eine Fallgeschichte über drei Generationen


Peter Pogany-Wnendt
Generationsübergreifende Wiederherstellung zerstörter menschlicher Bindungen nach dem Holocaust.

 

Literatur und Film


Sebastian Winter & Marc Schwietring
„Vielleicht sollte man sie umarmen“? Ein Literaturessay über die affektive Annäherung an Rechtsextreme während der Feldforschung anhand von Thomas Wagners Die Angstmacher, Cornelia Koppetschs Gesellschaft des Zorns und einer romantischen Beziehung


Bernd Nitzschke
Religiöse und politische Inszenierungen infantiler Erlösungshoffnungen und autoritärer Heilsversprechungen – (nicht nur) im Trump-Zeitalter, dargestellt am Beispiel eines Romans (1927) und seiner zweifachen Verfilmung (1960/2018)

 

AutorInnen in diesem Heft

 


 



Editorial
Markus Brunner, Hans-Dieter König, Julia König, Jan Lohl


 

Von stummen und lärmenden Massen. Zu einigen Widersprüchen in Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse“
Markus Brunner

Zusammenfassung:
Der Beitrag rekonstruiert die in Freuds Schrift „Massenpsychologie und Ich-Analyse formulierten Überlegungen zur libidinösen Struktur der Masse. Er legt dabei seinen Fokus auf einige Widersprüche in Freuds Argumentation und arbeitet heraus, dass sich Freud eigentlich mit zwei unterschiedlichen Massenprozessen beschäftigt, mit „lärmenden“ und vom Autoren „stummen“ genannten, die sich in ihrer Struktur ähneln und sich über eine komplexe Zeitlogik gegenseitig bedingen. Am Beispiel des Nationalismus, aber auch maskulinistischer Massen, wird dem Zusammenspiel der beiden Massenprozesse nachgegangen und gezeigt, dass in Freuds impliziter Theoretisierung der „stummen Masse“ eine originelle massenpsychologisch formulierte Sozialisationstheorie steckt.

Schlüsselwörter:
Massenpsychologie, Schiefheilung, Nationalismus, Geschlecht, Sozialisation 

 

Silent and Noisy Masses. Some contradictions in Freud‘s „Mass Psychology and Ego Analysis“

Abstract
The article reconstructs the argumentation about the libidinous structure of the mass formulated in Freud’s writing “Group psychology and the analysis oft he Ego”. It focuses on some contradictions in Freud’s argumentation and works out that Freud actually deals with two different mass processes, with “noisy” and what the author calls “silent” masses, which are similar in their structure and mutually condition each other via a complex temporal logic. Using the example of nationalism, but also masculinist masses, the interplay of the two mass processes is explored. The author argues that Freud’s implicit theorization of the “silent mass” contains an original socialization theory formulated in terms of mass psychology.

Keywords:
Mass psychology, crooked cure, nationalism, gender, socialization


Dr. Markus Brunner
Sigmund Freud PrivatUniversität
Freudplatz 1
A-1020 Wien
brunner@agpolpsy.de

 



Canettis Konzept der Masse und ihr Verhältnis zu Freuds Massenpsychologie. Eine sozialpsychologische Rekonstruktion
Hans-Dieter König & Michael Lacher

Zusammenfassung:
In diesem Beitrag wird Sigmund Freuds Massenpsychologie zu Elias Canettis Konzept der Masse in Beziehung gesetzt. Im ersten Teil wird Canettis Text rekonstruiert. Canetti ist der Auffassung, dass die Menschen die sie voneinander distanzierende »Berührungsfurcht« überwinden, indem sie in der Masse miteinander verschmelzen, um archaische Triebe auszuleben, die sie mit Tieren teilen. Der zweite Teil setzt sich mit Canettis Kritik an Freud auseinander. Zu Recht hält Canetti Freud vor, die Masse nur abstrakt beschrieben zu haben. Canetti habe sich dagegen emotional auf die Masse eingelassen und sie szenisch-bildhaft beschrieben. Allerdings fällt Canetti dadurch hinter Freud zurück, dass er den Triebbegriff in einer biologistischen Weise aus dem Konzept der Metapsychologie herauslöst. Daher ignoriert er, dass die Triebe durch das Bewusstsein zensiert werden und unterschiedliche Verläufe nehmen: Im einen Fall werden Triebwünsche im Einklang mit der kulturellen Moral zur Sprache gebracht. Im anderen Fall werden sie verdrängt oder auch sublimiert. Im dritten und vierten Teil wird untersucht, wie Canetti die Konfrontation mit dem Völkermord an den europäischen Juden vermeidet und sich zugleich damit auseinandersetzt, indem er sich mit dem Schrecken der nationalsozialistischen Verbrechen durch die Untersuchung der Gewalt und Grausamkeit in afrikanischen und australischen Völker auseinandersetzt.

Schlüsselwörter:
Triebtheorie, Massenpsychologie, Metapsychologie, Nationalsozialismus, Auschwitz

 

Canetti‘s concept of the mass and its relation to Freud‘s mass psychology. A social psychological reconstruction

Abstract:
In this article, Sigmund Freud’s mass psychology is related to Elias Canetti’s concept of mass. In the first part, Canetti’s text is reconstructed. Canetti believes that humans overcome the “fear of touch” that distances them from each other by merging in the mass in order to live out archaic impulses that they share with animals. The second part deals with Canetti’s critique of Freud. Canetti Freud rightly accuses him of describing the mass only in the abstract. Canetti, on the other hand, had emotionally engaged with the crowd and described it as a scenic and pictorial one. However, Canetti falls behind Freud by removing the concept of the instinct from the concept of metapsychology in a biologistic way. Therefore, he ignores the fact that the shoots are censored by consciousness and take different courses: in one case, impulse desires are brought up in harmony with cultural morality. In the other case, they are displaced or sublimated. The third and fourth parts examine how Canetti avoids the confrontation with the genocide of European Jews and at the same time deals with it by dealing with the horror of Nazi crimes by investigating the violence and cruelty in African and Australian peoples.

Keywords:
Drive theory, mass psychology, metapsychology, national socialism, Auschwitz


Prof. Dr. phil. habil. Hans-Dieter König
Cobbenheimweg 18
44388 Dortmund
h.d.koenig@web.de

Dipl.-Psych. Michael Lacher
Ostwall 23
44135 Dortmund
michael.lacher@dpv-mail.de


 

Wer zuletzt lacht. Ozeanische Träume von der Deutschen Kolonie und die männliche Lust an ihrer Zerstörung
Julia König

Zusammenfassung:
Der Beitrag nimmt eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts zirkulierende ›Witzpostkarte‹ mit kolonialem Motiv zum Ausgangspunkt für eine zweifache Analyse ihres Gehalts und seiner Massenwirksamkeit. Dieser wird einerseits über den soziohistorischen Kontext und andererseits über eine tiefenhermeneutische Analyse des Postkartenmotivs rekonstruiert. Die so entstehende Konstellation lässt die massenbildende Funktion solcher kolonialen Inszenierungen im Kontext der patriarchalen Geschlechterordnung des deutschen Kaiserreichs aufscheinen und gibt Hinweise auf deren Rolle in der Konstitution des ›weißen Subjekts‹ in den Jahren um 1900.

Schlüsselwörter:
Tiefenhermeneutik, Kolonialismus, Witzpostkarte, Sexualität, Zote

 

He who laughs last. Oceanic Dreams of the German Colony and the Male Desire for its Destruction

Abstract:
This article takes a ›joke postcard‹ with a colonial motif circulating at the beginning of the 20th century as the starting point for a twofold analysis of its content and its mass appeal. This is reconstructed on the one hand via the socio-historical context, and on the other hand via a depth hermeneutic analysis of the postcard motif. The resulting constellation reveals the mass-building function of such colonial stagings in the context of the patriarchal gender order of the German Empire and provides clues to their role in the constitution of the ›white subject‹ in the years around 1900.

Key words:
Depth hermeneutics, colonialism, joke postcard, sexuality, dirty joke


Prof. Dr. phil. Julia Koenig
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Fachbereich 02
Institut für Erziehungswissenschaft
55099 Mainz
j.koenig@uni-mainz.de


 

Freuds Unternehmung. Über Massenpsychologie und rechtspopulistische Propaganda
Jan Lohl

Zusammenfassung:
Der Artikel geht anhand einer Einzelfallstudie empirisch der Frage nach, wie Menschen aus der Grauzone zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus sich rechte Einstellungen und Handlungsbereitschaften aneignen. Welche biographischen Dispositionen und psychischen Dynamik, welche Gruppenprozesse und sozialen Praxen werden für diese Aneignung bedeutsam? Mittels einer tiefenhermeneutischen Analyse eines biographisch-narrativen Interviews mit einem AfD-Mitglied wird verdeutlicht, dass in rechten Gruppierungen und durch rechte Propaganda ein psychosozialer Prozess angestoßen wird, der lebensgeschichtlich entwickelte Abwehrstrukturen und biographische Kompetenzen, Krisen und Konflikte zu bearbeiten, schwächt. Hierdurch erst werden im Verlauf rechter Sozialisationsprozesse psychische Dynamiken, un(v)erträglichen Erlebnisse und Affekte des Subjekts nachträglich virulent gemacht, die mittels einer völkischen Idealisierung und einer projektiven Feindbildung schiefgeheilt werden.

Schlüsselwörter:
Tiefenhermeneutik, psychoanalytische Sozialpsychologie, Rechtsextremismusforschung, Propagandaforschung, biographisch-narrative Interviews

 


Freud‘s venture. On mass psychology and right-wing populist propaganda

Abstract:
The article uses a single case study to empirically investigate how people from the grey area between conservatism and right-wing extremism acquire right-wing attitudes and willingness to act. Which biographical dispositions and psychological dynamics, which group processes and social practices become significant for this appropriation? By means of a deep hermeneutic analysis of a biographical-narrative interview with an AfD member, it is made clear that in right-wing groups and through right-wing propaganda a psychosocial process is initiated that weakens life-historically developed defense structures and biographical competencies to deal with crises and conflicts. It is only through this process that, in the course of rightwing socialization processes, the subject’s psychological dynamics, unbearable experiences, and affects are subsequently made virulent, and these are healed wrongly by means of folk idealization and projective enemy formation.

Key words:
Depth hermeneutics, psychoanalytic social psychology, right-wing extremism research, propaganda research, biographical narrative interviews


Prof. i.K. Dr. phil. Jan Lohl
Institut Fort- und Weiterbildung
Katholische Hochschule Mainz
Postfach 23 40
55013 Mainz
jan.lohl@kh-mz.de

 



‚Mit Freud den Horror des Regimes erklären‘ Interview mit der iranischen Politikwissenschaftlerin Saira Rafiee über die Übersetzung von Massenpsychologie und Ich-Analyse ins Farsi und die Möglichkeiten der Freudschen Theorie zur Analyse der Islamischen Republik
Saira Rafiee & Daniel Hildebrandt

Zusammenfassung:
Saira Rafiee, geboren 1985 in Teheran und studierte in Teheran und New York. In ihrer Abschlussarbeit analysierte sie aus einer psychoanalytischen Perspektive die Propaganda der Islamischen Republik Iran, seither forscht sie zu Kritischer Theorie und zur Sozialpsychologie des Faschismus. Sie veröffentlichte 2014 die erste Übersetzung von Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse ins Farsi, dieses Jahr wird eine Übersetzung von Adornos Einleitung in die Soziologie veröffentlicht und die Autorin arbeitet an einer persischen Ausgabe von Adornos Studien zum autoritären Charakter. Daniel Hildebrandt von der Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie sprach mit ihr über ihre Arbeit an der City University of New York, die Rolle der psychoanalytischen Kritik im Iran und die Aktualität der Freudschen Massenpsychologie. Das Interview wurde im Februar 2021 im schriftlichen Austausch geführt.

Schlüsselwörter:
Massenpsychologie, Psychoanalyse im Iran, Propaganda, Islamische Republik Iran, Autoritarismus

 

‚Using Freud to explain the horror of the regime‘ Interview with the Iranian political scientist Saira Rafiee on the translation of mass psychology and ego analysis into Farsi and the possibilities of Freudian theory for analysing the Islamic Republic

Abstract:
Saira Rafiee was born in Tehran in 1985 and studied in Tehran and New York. In her thesis, she analyzed the propaganda of the Islamic Republic of Iran from a psychoanalytic perspective; since then, she has been researching critical theory and the social psychology of fascism. She published the first translation of Sigmund Freud’s Group Psychology and the analysis of the Ego into Farsi in 2014, a translation of Adorno’s Introduction to Sociology will be published this year, and the author is working on a Persian edition of Adorno’s Authoritarian Personality. Daniel Hildebrandt, board member of the Society for Psychoanalytic Social Psychology spoke with her about her work at the City University of New York, the role of psychoanalytic criticism in Iran, and the relevance of Freudian mass psychology. The interview was conducted by written exchange in February 2021.

Keywords:
Mass psychology, psychoanalysis in Iran, propaganda, Islamic Republic of Iran, authoritarianism


Daniel Hildebrandt
d.hildebrandt@posteo.de

 



„Gleich fangen sie an, Ziegen zu melken“. Tiefenhermeneutische Erkundungen über die Identitäre Bewegung
Charlotte Uhlig, Tom Uhlig

Zusammenfassung:
Gleichwohl die etwa 500 Mitglieder starke völkisch-rechte Identitäre Bewegung zumindest in Deutschland auf ihrem vorläufigen Tiefpunkt angelangt ist, werden die verantwortlichen Personen wohl weiter ihr ideologisches Angebot aus völkischem Denken, Elitendünkel und Jugendkult unterbreiten. In diesem Artikel möchten wir diskutieren, worin die psychische Attraktivität des Angebotes der IB liegt. Einer Darstellung der inhaltlichen Programmatik und Geschichte der IB folgt darum die Ergebnisdiskussion zweier tiefenhermeneutischer Gruppendiskussionen von Propagandamaterial der IB und ihrem französischen Vorbild, der bloc identitaire. Die psychoanalytisch informierte Videoanalyse förderte massenpsychologisch bedeutsame Momente des Sich-Identisch-Machens bei gleichzeitigen Ausschlussbewegungen zutage. Das geteilte Ich-Ideal der Volksgemeinschaft folgt nicht nur einer Regression auf Verschmelzungsphantasien, sondern befördert auch eine Brutalität gegen alles, was sich der Verschmelzung entzieht; eine Gewaltförmigkeit, die auch im ideologischen Angebot der IB zutage tritt.

Schlüsselwörter:
Identitäte Bewegung, Tiefenhermeneutik, Neue Rechte, Massenpsychologie, Psychoanalyse


„In a moment they will start milking goats“. Deep hermeneutic explorations on the Identitarian Movement

Abstract:
Although the approximately 500-member Volkish-right Identitarian movement has reached its low point for the time being, at least in Germany, its leaders will probably continue to make their ideological offer of Volkish thinking, elitist conceit and youth cult. In this article we would like to discuss what the psychological appeal of the IB‘s offer is. A description of the IB‘s programme and history is followed by a discussion of the results of two deep-hermeneutic group discussions of propaganda material of the IB and their French role model, the bloc identitaire. The psychoanalytically informed video analysis revealed mass-psychologically significant moments of making oneself identical along with simultaneous exclusionary movements. The shared ego-ideal of the Volksgemeinschaft not only follows a regression to fantasies of fusion, but also encourages a brutality against everything that resists fusion; a form of violence that also emerges in the ideological offer of the IB.

Keywords:
Identitarian movement, depth hermeneutics, New Right, mass psychology, psychoanalysis


Charlotte Uhlig, M.A.
charlotte.uhlig@posteo.de


 

Das Unheimliche der infantilen Sexualität – Frühe Formen ideologischen Denkens
Steffen Elsner

Zusammenfassung:
An der Schnittstelle zwischen Subjekt und Gesellschaft operiert ein lustvoller, psychischer Mechanismus, der so alltäglich und heimelig ist, dass sein unheimlicher Charakter schnell aus dem Blick gerät. Gemeint ist die Verleugnung. Wir alle brauchen sie, um mit der Not des Lebens zurecht zu kommen. Sie wird bereits früh im Feld der als unheimlich empfundenen infantilen Sexualität durch die Erwachsenen in den Kindern angelegt und hat hierbei die Funktion, die Denkstrukturen, Glaubenssätze und ideologischen Überzeugungen der Erwachsenen zu stützen, damit diese nicht an ihrer eigenen (schmerzhaften) Wahrheit rütteln müssen. Die Struktur der Verleugnung ist dabei der Struktur der Ideologie identisch. Wahres und Unwahres stehen unbehelligt nebeneinander. Diese ideologische Ichspaltung stellt eine besonders triviale und gleichzeitig schwerwiegende Verkennung der inneren, wie der äußeren Wahrheit dar, welche der Anpassung an gesellschaftliche Verhältnisse – aktuell den nationalistischen und neoliberalen dient – und ihnen zu einer Massenbasis verhilft. Nach einführenden Bemerkungen zum wackeligen Charakter der Sexualität und zum Begriff der psychischen Arbeit, wird sowohl am scheiternden sexuellen Verhältnis zwischen Mann und Frau, als auch am Mismatch in der Mutter/Vater-Kind-Beziehung die Negativität des Subjekts (das Freud’sche Unbewusste) als gestaltende Kraft in normalen und pathologischen Begegnungen aufgezeigt. Anschließend wird das Unheimliche der erogenen Zonen aufgegriffen, um die Genese des Freud’schen Verleugnungsbegriffes nachzuzeichnen und dessen strukturelle Ähnlichkeit zum zeitgenössischen Begriff der Ideologie herauszustellen. Abschließend wird die entwickelte Formel aktueller Ideologie an drei Beispielen erläutert: Am Amazon-Produkt „Alexa“, am Brexit sowie an einem politischen Webevideo aus Israel: „Der Duft des Faschismus“.

Schlüsselwörter:
Infantile Sexualität, psychische Arbeit, sexuelles Verhältnis, Mutter-Kind-Beziehung, Mismatch, Verleugnung, Ideologie, Das Unheimliche, Fetischismus, Trieb, Neoliberalismus

 

The Uncanniness of Infantile Sexuality - Early Forms of Ideological  Thinking

Abstract:
At the interface between subject and society operates a lustful, psychic mechanism that is so commonplace and homely that its uncanny character is quickly lost sight of. What is meant is disavowal. We all need it to cope with the hardship of life. It is already laid out in children by adults at an early age in the field of infantile sexuality, which is perceived as uncanny. It has the function of supporting the thought structures, beliefs and ideological convictions of the adults so that they do not have to shake their own (painful) truth. The structure of disavowal is identical to the structure of ideology. The true and the untrue stand side by side unchallenged. This ideological ego split represents a particularly trivial and at the same time serious misrecognition of the inner as well as the outer truth, which serves the adaptation to social conditions – currently the nationalist and neoliberal ones – and helps them to gain a mass base. After introductory remarks on the shaky character of sexuality and on the notion of the concept of psychic labour, the negativity of the subject (the Freudian unconscious) is illustrated both by the failing sexual relationship between man and woman and by the mismatch in the mother/father-child relationship as a shaping force in normal and pathological encounters. Subsequently the uncanny of the erogenous zones is shown in order to trace the genesis of the Freudian concept of disavowal and to highlight its structural similarity to the contemporary concept of ideology. Finally, the developed formula of current ideology is explained using three examples: the Amazon product „Alexa“, Brexit as well as a political ad video from Israel: „The Fragrance of Fascism“.

Keywords:
Infantile sexuality, psychic labour, sexual relationship, mother-child relationship, mismatch, disavowal, ideology, the uncanny, fetishism, drive, Neoliberalism


Steffen Elsner
elsner.steffen@gmail.com

 


 


Transgenerationale Linien. Wie Flucht- und Gewalterfahrungen der Kriegskinder bei den Nachkommen weiterwirken. Eine Fallgeschichte über drei Generationen
Elke Horn

Zusammenfassung:
Die Autorin vertritt die These, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in deutschen Familien besonders schwierig ist, wenn sich Aspekte von Täter- und Mitläuferschaft mit Traumatisierung durch Kriegsfolgen mischen. An Ausschnitten einer psychoanalytischen Behandlung zeigt sie exemplarisch auf, wie unbewusste Täteridentifikationen und Traumatisierung von Kriegskindern sich der nächsten Generation vermitteln. Dabei spielen Sprachhandeln, psychosomatische Reaktionen, Träume und Atmosphärisches eine Rolle. Es wird versucht, das transgenerationale Geschehen mit objektbeziehungstheoretischen Überlegungen und mit der Theorie der Erlebnissymbole zu durchdringen.

Schlüsselwörter:
Nationalsozialismus, Traumatisierung, Vergewaltigung, Folgen für die Nachkommen, Psychoanalyse


Transgenerational lines. How the experiences of flight and violence of the children of war continue to have an effect on their descendants. A case history over three generations

Abstract:
The author argues that coming to terms with the Nazi past in German families is particularly difficult when aspects of perpetration and complicity are mixed with traumatisation caused by the consequences of war. Using excerpts from a psychoanalytic treatment, she exemplifies how unconscious perpetrator identifications and traumatisation of war children are conveyed to the next generation. Language, psychosomatic reactions, dreams and atmospheric factors play a role. An attempt is made to explain the transgenerational occurences with object relations theory and the theory of experiential symbols.

Keywords:
National Socialism, traumatisation, rape, consequences for the descendants, psychoanalysis


Dr. med. Elke Horn
Ackerstraße 144g
D-40233 Düsseldorf
praxis@elke-horn.de

 


 


Generationsübergreifende Wiederherstellung zerstörter menschlicher Bindungen nach dem Holocaust.
Peter Pogany-Wnendt

Zusammenfassung
Der Holocaust machte aus Menschen Feinde (Täter und Opfer). Er führte zu einer Zerstörung der für die Bildung von Gemeinschaften notwendigen menschlichen Bindungen, die auf gegenseitige Solidarität und Fürsorglichkeit beruhen. Die Beteiligten selbst waren später nicht in der Lage, die humanen Bindungen wiederherzustellen. Sie gaben die feindseligen Gefühlen an die Nachkommen unbewusst weiter. Dieses psychologische Erbe kann destruktive Auswirkungen entfalten, wenn es unerkannt bleibt. Daher ist es Aufgabe der Nachkommen, die zerstörten Bindungen wiederherzustellen. Möglichkeiten der Überwindung des schwierigen Erbes im Dialog zwischen den Nachkommen beider Seiten werden aufgezeigt.

Schlüsselwörter:
Menschliche Bindungen, Menschlichkeit, Liebe, Selbstentmenschlichung, ‚Arier’ und ‚Nicht-Arier’, ‚Rassenschande’, Dialog, Holocaust, transgenerationelle Weitergabe, Auschwitz. Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust, ehem. PAKH e.V.

 

Intergenerational restoration of destroyed human bonds after the Holocaust.

Abstract:
The Holocaust turned people into enemies (perpetrators and victims). It led to the destruction of the human bonds necessary for the formation of communities based on mutual solidarity and caring. The participants themselves were later unable to restore the humane bonds. They unconsciously passed on the hostile feelings to the descendants. This psychological legacy can have destructive effects if left unrecognised. Therefore, it is the task of the descendants to restore the destroyed bonds. Possibilities of overcoming the difficult legacy in dialogue between the descendants of both sides will be shown.

Keywords:
Human bonds, humanity, love, self-dehumanisation, ‚Aryans‘ and ‚non-Aryans‘, ‚racial shame‘, dialogue, Holocaust, transgenerational transmission, Auschwitz. Working Group for Intergenerational Consequences of the Holocaust, ex. PAKH e.V.


Dr. med. Peter Pogany-Wnendt
Spichernstr. 40
50672 Köln
nc-poganype@netcologne.de

 


 

„Vielleicht sollte man sie umarmen“? Ein Literaturessay über die affektive Annäherung an Rechtsextreme während der Feldforschung anhand von Thomas Wagners Die Angstmacher, Cornelia Koppetschs Gesellschaft des Zorns und einer romantischen Beziehung
Sebastian Winter & Marc Schwietring

Zusammenfassung:
In der Forschung über die deutsche extreme Rechte sind in den letzten Jahren vermehrt qualitative Feldforschungsmethoden, insbesondere Interviews und teilnehmende Beobachtung, benutzt worden. Die sinnverstehende Perspektivübernahme unter Einbezug auch affektiver Reaktionen ermöglicht es dabei, das zu erkennen, was die extrem Rechten über sich und die Anderen denken und empfinden. Das, was sie vor sich selbst verdecken, indem sie es „othern“, bleibt aber auch dem forschenden Blick entzogen. In den Forschungsergebnissen zeigt sich in der Folge teilweise ein affektives Verständnis und eine Angleichung der Analysemuster mit den analysierten Mustern. Das üblicherweise als Lösung postulierte, mehr oder weniger versöhnte Changieren zwischen Nähe und Distanz in der Feldforschung reicht nicht aus. Denn auch die entlarvende Kritik des Untersuchungsgegenstands ist hier notwendig und Nähe und Distanz stehen in einem unangenehmen Konflikt zueinander. An drei Beispielen aus der Literatur wird dieses Problem dargestellt und anschließend die Tiefenhermeneutik und die Ideologiekritik als Methoden vorgeschlagen, die die eigene Subjektivität nicht tabuisieren, sondern das affektive und kognitive Angebot der rechten Show zu verstehen und nachzuempfinden versuchen – um es dann tiefgründiger dekonstruieren und als falsche Ideologie entzaubern zu können.

Schlüsselwörter:
Rechtsextremismusforschung, Empathie, Ideologiekritik, Tiefenhermeneutik, Subjektivität, Strong Reflexivity


„Perhaps they should be embraced“? A literary essay on the affective approach to right-wing extremists during fieldwork based on Thomas Wagner‘s Die Angstmacher, Cornelia Koppetsch‘s Gesellschaft des Zorns, and a romantic relationship

Abstract:
In recent years, research on the German extreme right has increasingly used qualitative field research methods, in particular interviews and participant observation. The understanding takeover of perspectives, including affective reactions, makes it possible to recognize what extreme right members think and feel about themselves and the others. What they conceal from themselves by “othering” it, however, also remains hidden from the researcher’s gaze. The results of this research show, in part, an affective understanding and an alignment of the analysis patterns with the analyzed patterns. The more or less reconciled oscillation between closeness and distance in field research, which is usually postulated as a solution, is not enough. Because the unmasking criticism of the object of investigation is also necessary here and proximity and distance are in an unpleasant conflict with one another. This problem is presented by using three examples from research literature and then depth-hermeneutics and critique of ideology are proposed as methods that do not taboo one’s own subjectivity, but try to understand and empathize with the affective and cognitive offerings of the right-wing show - in order to then deconstruct it more profoundly and as to be able to disenchant it as false ideology.

Keywords:
research on right-wing extremism, empathy, critique of ideology, depth-hermeneutics, subjectivity, strong reflexivity


PD Dr. Sebastian Winter
Leibniz Universität Hannover
Institut für Soziologie
Im Moore 21
30167 Hannover
winter@agpolpsy.de

Marc Schwietring, M.A.
marc.schwietring@ipu-berlin.de


 


Religiöse und politische Inszenierungen infantiler Erlösungshoffnungen und autoritärer Heilsversprechungen – (nicht nur) im Trump-Zeitalter, dargestellt am Beispiel eines Romans (1927) und seiner zweifachen Verfilmung (1960/2018)
Bernd Nitzschke

Zusammenfassung:
Es hat in der Geschichte der Menschheit wohl nie eine größere kriegerische Auseinandersetzung gegeben, bei der sich die Beteiligten nicht des Beistands ihres (jeweiligen) Gottes, beziehungsweise seiner Stellvertreter auf Erden, der Gottesdiener (vulgo Priester genannt), versichert hätten. Das änderte sich (vorübergehend) mit der Aufklärung, in deren Folge Gott starb – um als Nation, Volk, Rasse oder Klasse Wiederauferstehung zu feiern. Inzwischen haben die traditionellen und säkular-politischen Religionen in einem Konglomerat aus alten Erlösungsversprechen und neuen Heilsverkündigungen abermals zusammengefunden. Damit hat ein neues Zeitalter begonnen: das Zeitalter der Re-Religionisierung der Politik. Die Hintergründe dieses Wandels werden anhand von Beispielen aus der Literatur- und Filmgeschichte im Zusammenhang mit zeitgenössischen populistischen ‚Bewegungen‘ diskutiert.

Stichwörter:
Sinclair Lewis, Elmer Gantry, evangelikale Bewegung, politische Religion, Volk, Heimat, Autoritätsgläubigkeit, Sinnsuche, Populismus, Fake News, Aufklärung, Religionskritik


Religious and political stagings of infantile hopes for salvation and authoritarian promises of salvation - (not only) in the Trump age, illustrated by the example of a novel (1927) and its two film adaptations (1960/2018)

Abstract:
In the history of mankind, there has probably never been a major military conflict in which the parties involved had not assured themselves of the support of their (respective) god, or his representatives on earth, the godservants (vulgo priests). This changed (temporarily) with the Enlightenment, in the wake of which God died - to be resurrected as a nation, people, race or class. In the meantime, the traditional and secular-political religions have once again come together in a conglomerate of old promises of salvation and new proclamations of salvation. Thus a new age has begun: the age of the re-religionisation of politics. The background to this change is discussed using examples from literary and film history in the context of contemporary populist ‚movements‘.

Keywords:
Sinclair Lewis, Elmer Gantry, evangelical movement, political religion, people, homeland, faith in authority, search for meaning, populism, fake news, enlightenment, critique of religion


Dr. phil. Bernd Nitzschke
Am Wehrhan 67
D-40211 Düsseldorf
bernd.nitzschke@t-online.de
werkblatt.at/nitzschke/


 



Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung
25. Jahrgang · 2021  · Heft 1/2

Pabst, 2021
ISSN 1615-8393
Preis: 24,- €

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