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Psychologie & Gesellschaftskritik

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2012-2/3 (142/143)

Editorial

Maria Tsenekidou
Lagebewusstsein und kritische Intervention - Gegenwärtige Herausforderungen politischer Psychologie
Zusammenfassung | Abstract

Markus Brunner & Jan Lohl
»Außerdem würde ich gerne mal einen Orgon-Akkumulator bauen…«
Zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven der psychoanalytischen Sozialpsychologie. Geschichtsüberblick und Umfrageergebnisse
Zusammenfassung | Abstract

Hans-Joachim Busch
Unbehagen - und sonst gar nichts? Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose
Zusammenfassung | Abstract

Nora Ruck
Kritische Sozialpsychologie als Wissenschaftskritik
Evolutionspsychologische Attraktivitätsforschung als Naturalisierung neoliberaler Geschlechterverhältnisse
Zusammenfassung | Abstract

Ralf Quindel
»…nicht dermaßen regiert zu werden«
Kritische Sozialwissenschaft in der Tradition Michel Foucaults
Zusammenfassung | Abstract

Josua Handerer
Über den ›Versuch‹ einer ›Selbstbefreiung‹
Erfahrungen beim Verfassen einer psychologischen Diplomarbeit
Zusammenfassung | Abstract

Rebekka Schulte
SpurenSuche: Gekritzel_geschichtet

 


Lagebewusstsein und kritische Intervention - Gegenwärtige Herausforderungen politischer Psychologie
Maria Tsenekidou

In diesem Beitrag wird der emanzipatorische Gehalt des Wissenschaftsverständnisses Peter Brückners herausgearbeitet. Der Begriff des Lagebewusstseins wird mit der Frage nach heutigen Bedingungen und Bestimmungen kritischer Wissenschaft kontextualisiert. Schließlich werden Gedanken über gegenwärtige Herausforderungen politischer Psychologie im Spannungsfeld von Erfahrung, Theorie und Praxis zur Diskussion gestellt.

Schlüsselbegriffe: Geschichte, Erfahrung, Lagebewusstsein, Kritik, Politisierung


Lagebewusstsein and critical intervention - Contemporary challenges in political psychology

This paper outlines the emancipatory content of Peter Brückner’s understanding of science. The concept of  "Lagebewusstsein" (situation awareness)  is related to today’s conditions and defintions of critical science. At last, reflections on current challenges for political psychology are discussed.

Keywords: history, experience, situation awareness, critique, politicization


Maria Tsenekidou
kidou@web.de

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»Außerdem würde ich gerne mal einen Orgon-Akkumulator bauen ...«
Zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsperspektiven der psychoanalytischen Sozialpsychologie. Geschichtsüberblick und Umfrageergebnisse
Markus Brunner & Jan Lohl

Die an die Kritische Theorie angelehnte psychoanalytische Sozialpsychologie wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend marginalisiert und aus den Hochschulen gedrängt. Dieses ›Schicksal‹, das die psychoanalytische Sozialpsychologie mit anderen kritischen Wissenschaften teilt, hat aber durchaus auch zu einer erneuten Repolitisierung und einem erneuten Aufflammen des psychoanalytisch orientierten kritischen Denkens beigetragen, das auch von einer jüngeren Generation getragen wird. Der Beitrag zeichnet die Geschichte der psychoanalytischen Sozialpsychologie in ihren Grundlinien nach und berichtet vor diesem Hintergrund erstmalig von Ergebnissen einer Umfrage unter aktuell praktizierenden psychoanalytischen SozialpsychologInnen. Diese wurden zur eigenen Arbeit, zu wichtigen Themen der psychoanalytischen Sozialpsychologie, zu zentralen Ansätzen der Tradition, aber auch zu Anschlussstellen an andere sozialwissenschaftliche Ansätze, und schließlich zu den Zukunftsperspektiven der psychoanalytischen Sozialpsychologie selbst befragt.

Schlüsselbegriffe: Psychoanalyse, Psychoanalytische Sozialpsychologie, Kritische Sozialpsychologie, Fragebogenuntersuchung.


»By the way, I'd love to build an orgone accumulator…«
Past, present, and future perspectives of psychoanalytic social psychology. Historical overview and survey results

Psychoanalytic social psychology draws heavily on critical theory and has been increasingly marginalized or eliminated altogether in most places in the course of the last two decades. This ›fate‹, shared with other critical sciences, has also led to a renewed politicization and a rekindling of psychoanalytically oriented critical thought by a younger generation. This article traces the main historical trajectories of psychoanalytic social psychology. Against this backdrop, results from a survey among currently practicing psychoanalytic social psychologists are presented. Participants were asked about their own work, important topics in psychoanalytic social psychology, main approaches of their tradition, links to other social scientific approaches, and the future perspectives of psychoanalytic social psychology.

Key Words: Psychoanalysis, Psychoanalytic Social Psychology, Critical Social Psychology, Questionnaire Survey


Markus Brunner
brunner@agpolpsy.de

Jahn Lohl
lohl@sigmund-freud-institut.de

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Unbehagen - und sonst gar nichts? Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose
Hans-Joachim Busch

Eine zentrale psychoanalytisch-sozialpsychologische Diagnose moderner Befindlichkeit ist das "Unbehagen in der Kultur". In der spätmodernen Gesellschaft hat sich dieser seelische Zustand nicht etwa gemildert, sondern verschärft. Dafür sorgt weiter anwachsende Destruktivität, auch und gerade gegenüber der äußeren Natur. Das gegenwärtige Bewusstsein verfügt aber über Mechanismen, durch die es diese Zusammenhänge ausblenden kann. Doch finden die gesellschaftlichen Belastungen gleichwohl seelische Ausdrucksformen. Die Erschöpfungssymptome des flexiblen Selbst zeugen davon. Das Subjekt bedarf einer Anstrengung der "Affektbildung", um zu neuen Bewusstseinsformen zu gelangen, die eine Praxis der Lebenspolitik und des postnationalen Verfassungspatriotismus ermöglichen.

Schlüsselwörter: Subjekt, Unbehagen in der Kultur, psychoanalytische Sozialpsychologie, spätmoderne Gesellschaft, Affektbildung


Uneasyness - nothing else? A psychoanalytic social-psychological diagnosis of the present

The "uneasiness in culture" is an important psychoanalytical and social psychological diagnosis of modern mental state. In late modern societies, this psychological state has not  been mitigated, but rather increased. This is due to the growing destructivity especially against the outward nature. The present consciousness, however, has mechanisms which help to conceal these insight. But social strains do find a psychological expression, as the exhaustion symtoms of the flexible self show. The subject requires a specific act of affect-constitution in order to reach new forms of consciousness which make possible a practice of life politics and postnational constitutional patriotism.

Keywords: subject, uneasiness in culture, psychoanalytical social psychology, late modern society, affect constitution


Prof. Dr. Hans-Joachim Busch
Busch@soz.uni-frankfurt.de

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Kritische Sozialpsychologie als Wissenschaftskritik
Evolutionspsychologische Attraktivitätsforschung als Naturalisierung neoliberaler Geschlechterverhältnisse
Nora Ruck

Dieser Beitrag geht von einem Verständnis von kritischer Sozialpsychologie als Wissenschaftskritik aus und rekonstruiert die Verbindungslinien zwischen Wissenschaft und Gesellschaft exemplarisch anhand evolutionspsychologischer Theorien der Geschlechterdifferenz. Nach einer kritischen Analyse empirischer Belege für die sogenannte ›gute Gene‹-Hypothese körperlicher Schönheit wird nach deren gesellschaftlichen Bedingungen gefragt. Der These des Beitrags zufolge konnte diese Hypothese sowohl im Populärdiskurs als auch im wissenschaftlichen Diskurs vor allem deshalb so erfolgreich werden, weil sie die neoliberale vergeschlechtlichte Arbeitsteilung ihrer Entstehungszeit naturalisiert und damit ein gesellschaftliches Legitimationsvakuum für ebendiese füllt.

Schlüsselbegriffe: Kritische Sozialpsychologie, Wissenschaftskritik, Naturalisierung sozialer Ungleichheiten, feministische Ökonomie, Evolutionspsychologie


Critical social psychology as critique of science. How evolutionary attractiveness research naturalizes neoliberal gender relations

Critical social psychology can serve as a critique of science. In this paper, the intricate relations between science and society are reconstructed using the example of evolutionary psychological research on sex differences. Empirical evidence for the so-called ›good gene‹-hypothesis of physical beauty is critically interrogated and the hypothesis is contextualized within its social conditions of emergence. It is proposed that this hypothesis could gain momentum both within popular and scientific discourse because it naturalizes the neoliberal gendered division of labor and can be used as a legitimation for it.

Key Words: critical social psychology, critique of science, naturalization of social inequalities, feminist economy, evolutionary psychology


Nora Ruck
nora.ruck@univie.ac.at

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»...nicht dermaßen regiert zu werden«
Kritische Sozialwissenschaft in der Tradition Michel Foucaults
Ralf Quindel

Kriterien kritischer Sozialwissenschaft werden in Anschluss an Michel Foucault exemplarisch an einer empirischen Untersuchung in Form von Interviews mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Sozialpsychiatrischen Diensten angewandt. Die Bedeutung des medizinischen Erklärungsmodells für die Identität und die Handlungsmöglichkeiten der professionellen HelferInnen wird herausgearbeitet. Der Beitrag endet mit einer kritischen Diskussion des Empowerment-Ansatzes in der Sozialpsychiatrie.

Schlüsselwörter: Diskursanalyse, Empowerment, Kritische Sozialwissenschaft, nicht-/diskursive Praktiken, Psychiatrie.


"Not being governed quite so much"
Critical Social Studies in the Tradition of Michel Foucault

Criteria of critical social studies are applied, following Michel Foucault, using the example of an empirical study in the form of interviews with workers in social psychiatric services. The paper elaborates the importance of the explanatory model of medicine for the identity and the possibilities of action of professional helpers. It concludes with a critical discussion of the empowerment approach in social psychiatry.

Keywords: discourse analysis, empowerment, critical social sciences, non-/discoursive practices, psychiatry


Prof.Dr. Ralf Quindel
quindel@khsb-berlin.de

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Über den ›Versuch‹ einer ›Selbstbefreiung‹
Erfahrungen beim Verfassen einer psychologischen Diplomarbeit
Josua Handerer

Peter Brückner steht für eine dezidiert kritische Sozialpsychologie. Unabhängig davon, ob er über den Kapitalismus, die Wissenschaften oder den Zusammenhang von Sozialisation und Identität schreibt, immer kreisen seine Gedanken dabei um ein Thema: Die individuelle und kollektive »Selbstbefreiung« des Einzelnen und der Gesellschaft. 30 Jahre nach seinem Tod drohen Brückners Überlegungen allerdings in Vergessenheit zu geraten. Sie sind aufs engste mit der sog. ›68er-Bewegung‹ verknüpft und zehren damit von einem Lebensgefühl, das uns fremd geworden ist. Im Folgenden soll daher von eigenen Erfahrungen berichtet und meine psychologische Diplomarbeit als der ›Versuch‹ einer ›Selbstbefreiung‹ beschrieben werden. Das Anliegen des Aufsatzes ist dabei ein zweifaches: Indem ich meine Erfahrungen zu Brückners Überlegungen in Bezug setze, soll sowohl dessen Aufruf zur Selbstbefreiung aktualisiert, als auch mein eigener Versuch, mich zu befreien, in ein allgemeineres, da theoretisch gebrochenes Licht gerückt werden.

Schlüsselbegriffe: Peter Brückner, Provokation, Selbstbefreiung, Psychologiestudium, Universitätskritik


An experiment in ›self-liberation‹
Some experiences while writing a diploma thesis in psychology

Peter Brückner stands for a decidedly critical social psychology. Whether writing about capitalism, science, or the connection between socialization and identity, his thinking always circles around one issue: the individual and collective »self-liberation« of both the individual and society. 30 years after his death, however, Brückner’s ideas are at risk of being forgotten. As they are closely connected with the so called ›’68 movement‹, they draw on an attitude now alien to us. Therefore, I will report my own experiences and describe my diploma thesis in psychology as an experiment in ›self-liberation‹. The aim of this report is twofold: Linking my own experiences to Brückner’s deliberations, I hope to specify and refresh his call for self-liberation and place my own attempt to liberate myself in a theoretically refracted and, therefore, more general light.

Key words: Peter Brückner, provocation, self-liberation, study of psychology, university criticism


Josua handerer
Josua.Handerer@t-online.de

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