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Forensische Psychiatrie und Psychotherapie

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2019-3

Dirk Hesse, Klaus Hoffmann & Kolja Schiltz
Editorial

Florian Engel & Frank Schilling
Rückfalldaten im österreichischen Maßnahmenvollzug nach § 21 öStGB

Astrid Vellinga & Uta Kröger
Zwangsbehandlung in den Niederlanden

Dirk Hesse & Andreas Tänzer
Rechtliche Grenzen der medikamentösen Behandlung unter Zwang – Aktuelle Erfahrungen aus Niedersachsen

Tina Nitsche & Boris Reinecke
Patientenbefragungen im Maßregelvollzug – Erfahrungen aus der Praxis

Andreas Emmerich & Tina Nitsche
Der Maßregelvollzug im Spannungsfeld zwischen Vermeiden von Zwang – Anwenden von Zwang

34. Münchner Herbsttagung der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Forensischen Psychiatrie (AGFP) vom 10.10. – 12.10.2019
Programm + Abstracts
 


Rückfalldaten im österreichischen Maßnahmenvollzug nach § 21 öStGB
Florian Engel & Frank Schilling

Zusammenfassung

Seit dem Jahr 2012 werden in der Generaldirektion für den Strafvollzug und den Vollzug freiheitsentziehender Maßnahmen im Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz für den Maßnahmenvollzug gem. § 21 öStGB strukturiert Daten erhoben, ausgewertet und in einem jährlichen Bericht („Monitoringbericht“) für den justizinternen Gebrauch zusammengefasst. Unter anderem werden darin auch die Rückfalldaten geistig abnormer Rechtsbrecher gemäß § 21 öStGB dargestellt.
Angeregt durch eine aktuelle Studie über die Rückfalldaten im deutschen Maßregelvollzug nach § 63 dStGB (Seifert, Klink und Landwehr 2018) wird die Entwicklung der Wiederkehrer-Rate entlassener Untergebrachter aus dem österreichischen Maßnahmenvollzug (Fuchs 2015) anhand vollzugsinterner Daten über einen langen Katamnesezeitraum (2002 bis 2014) im Detail analysiert.
Für die Gesamtgruppe der geistig abnormen Rechtsbrecher zeigt sich, dass die Behandlung effektiv ist, zumindest wenn die Rückfälligkeit, wie in der Studie von Seifert et al. aus 2018, als Messkriterium herangezogen wird. Erneute schwere Straftaten finden sich bei 13,9 % der bedingt Entlassenen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass zwar bei der Gruppe der „Schizophrenen“ (§ 21 Abs. 1 öStGB) die Rückfallrate niedrig ist (8,3 %), die Gruppe der „Persönlichkeitsgestörten“ (§ 21 Abs. 2 öStGB) allerdings eine knapp 3-fach höhere Rückfälligkeit (22,3 %) aufweist. Neuerliche Straftaten werden dabei insbesondere von Gewalt- und Sexualstraftätern aus dem Maßnahmenvollzug gem. § 21 Abs. 2 öStGB begangen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Hochrisikogruppe der persönlichkeitsgestörten Gewalt- und Sexualstraftäter besser identifiziert und die Effektivität des Risiko- und Behandlungsmanagements für diese Gruppe erhöht werden muss. Das seit 2015 systematisch angewandte Risikoprognoseinstrument der Violence Risk Scale (bzw. Violence Risk Scale-Sexual Offense Version) bietet die Möglichkeit, diese Gruppe nach kriminologischen und klinisch relevanten Aspekten differenzierter zu betrachten und Behandlungsmaßnahmen danach auszurichten.

Schlüsselwörter: Maßnahmenvollzug, psychisch kranke Rechtsbrecher, Rückfälligkeit, Risikoprognose, Straftäterbehandlung


Recidivism data in preventive detention according to § 21 of the Austrian Criminal Code

Abstract
Since 2012 the Directorate General for the Prison Service and Preventive Detention within the Federal Ministry of Constitutional Affairs, Reforms, Deregulation and Justice has been collecting data on preventive detention in a structured manner. This data is analysed and summarized in an annual report ("monitoring report") for internal use. Among other aspects, recidivism data of mentally disordered offenders sentenced according to § 21 Austrian Criminal Code is presented therein.
Inspired by a recent study about recidivism data of patients treated in forensic psychiatric hospitals according to § 63 German Criminal Code (Seifert, Klink and Landwehr 2018), the development of recidivism rate (Fuchs 2015) of released mentally ill offenders in Austria is analysed in detail.
For the population of the mentally ill offenders it appears that treatment is effective, at least if abstinence from crime, as in the German study, is defined as the decisive criterion. Severe criminal acts were committed by 13,9 % of the released offenders. Closer examination reveals that the recidivism rate in the group of “schizophrenic” is low (8,3 %), the group of “personality disordered” however shows an almost three times higher rate (22,3 %). Newly crimes were committed especially by sexual and violent offenders released from preventive detention according to § 21/2 Austrian Criminal Code.
The results indicate that the high-risk-group of personality-disordered sexual and violent offenders has to be identified better and the effectiveness of risk management and treatment for this group must be increased. The risk prognosis instrument Violence Risk Scale (or Violence Risk Scale-Sexual Offense Version), which has been systematically applied since 2015, offers the opportunity to further distinguish this group according to criminological and clinical relevant aspects and to align treatment after that.

Keywords: preventive detention, mentally ill offenders, recidivism, risk assessment, offender treatment


Florian Engel
Bundesministerium für Verfassung, 
Reformen, Deregulierung und Justiz
Museumstraße 7
1070 Wien

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Zwangsbehandlung in den Niederlanden
Astrid Vellinga & Uta Kröger

Zusammenfassung

Im Jahre 2020 tritt in den Niederlanden ein neues Gesetz in Kraft, das die Zwangsunterbringung und -behandlung psychisch kranker Menschen regelt. Das bisher geltende Gesetz ist im Kern ein Unterbringungsgesetz, das eine Zwangseinweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus zur Abwehr einer sich aus einer psychischen Störung ergebenen Gefahr ermöglicht. Eine Zwangsbehandlung darf nur zur Gefahrabwehr während der stationären Unterbringung durchgeführt werden und ausnahmsweise, wenn eine Gefahr auch außerhalb des psychiatrischen Krankenhauses auf Dauer nicht abzuwenden ist. Im neuen Gesetz steht die Behandlung im Vordergrund. Psychisch Kranke können zur Behandlung gezwungen werden, wenn sie als Folge ihrer Erkrankung gravierende Nachteile erfahren. Das frühzeitige unfreiwillige Eingreifen soll präventiv wirken und psychische Dekompensation sowie Zwangseinweisung verhindern. Gleichzeitig ist es ein Grundanliegen des neuen Gesetzes, die Autonomie des Patienten zu stärken. Manche sozialen Einrichtungen erwarten viel von dieser Gesetzesreform, vor allem die Möglichkeit, Zwangsbehandlung bei mehr Patienten anzuwenden. Da viele Patienten unfreiwillige Maßnahmen als negativ erleben, ist eine sorgfältige Entscheidungsfindung in Bezug auf ihre Anwendung unerlässlich. Anhand einer Kasuistik wird der Nutzen ethischer Fallbesprechungen beschrieben, in denen das Durchführen einer Zwangsbehandlung vorab unter Berücksichtigung verschiedener Perspektiven wie auch alternativer Lösungen reflektiert wird.

Schlüsselwörter: Zwangsbehandlung, Zwangsunterbringung, Forensische Psychiatrie, Ethische Fallbesprechung


Forced Treatments in the Netherlands

Summary
In 2020, a new law will enter into force in the Netherlands regulating the involuntary psychiatric admission and involuntary treatment of mentally ill people. The aim of the current law is essentially involuntary admission in a psychiatric hospital to avert danger resulting from a mental disorder. An involuntary treatment may only be carried out for providing protection during inpatient care and, in exceptional situations, when a danger cannot be averted permanently outside the psychiatric hospital. In the new law, the treatment is in the foreground, and mentally ill persons can be forced to treatment if they experience serious disadvantages as a result of their disease. The early involuntary intervention should have a preventive effect and avoid mental decompensation as well as involuntary admission. At the same time, it is a basic concern of the new law to give the patient more autonomy. Some social institutions expect much from this law reform, especially the possibility to use involuntary treatment for more patients. Because many patients have negative experiences with involuntary measures, careful decision-making on their use is essential. Case reports describe the benefits of ethical case deliberations in which involuntary treatment is reflected in advance, taking into account different perspectives, as well as alternative solutions.

Keywords: involuntary treatment, involuntary psychiatric admission, forensic psychiatry, ethical case deliberation


Dr. Astrid Vellinga
Ärztliche Direktorin
Zentrum für Psychiatrie Mentrum/Arkin
Baarsjesweg 224
1058 AA Amsterdam

 


Rechtliche Grenzen der medikamentösen Behandlung unter Zwang – Aktuelle Erfahrungen aus Niedersachsen
Dirk Hesse & Andreas Tänzer

Zusammenfassung

Die Behandlung eines Menschen gegen seinen (natürlichen) Willen bei Einwilligungsunfähigkeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen juristischen, psychopharmakologischen, fachpsychiatrischen, ethischen und forensisch-psychiatrischen Fragen. Eine besondere Schwierigkeit stellen dabei inzwischen die oft schweren, chronischen Verlaufsformen der Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis dar, die behandlungsbedürftig sind. Geschieht dies nicht, droht eine jahrelange Verwahrpsychiatrie, ohne dass eine Entlassungsperspektive entwickelt werden kann. Während für den akuten Erregungszustand zahlreiche Medikamente zur Verfügung stehen, ist die Auswahl zur parenteralen Behandlung erheblich eingeschränkt. Im Rahmen der Behandlung gegen den natürlichen Willen werden derzeit in Niedersachsen die begrenzten pharmakologischen Möglichkeiten bei in der forensischen Psychiatrie Untergebrachten intensiv unter verschiedenen Blickwinkeln diskutiert. Da das Bundesverfassungsgericht die Zwangsbehandlung als einen besonders schwerwiegenden Grundrechtseingriff ansieht, muss dies etwa auch für den Off-Label-Use gelten. Hier sind vor allem die Fachgesellschaften gefragt, sich einer Lösung zu nähern, die den Juristen Entscheidungskriterien und den Behandlern Rechtssicherheit, etwa auch in Haftungsfragen, an die Hand geben.

Schlüsselwörter: Schizophrene Psychose ohne Erregungszustand, Psychopharmaka, parenterale Zwangsbehandlung, Bundesverfassungsgericht, Off-Label-use


Legal limits of coercive drug treatment – Current experiences from the German state of Lower Saxony

Abstract
The treatment of a person against his or her natural will in the situation of incapacity to consent is subject to the conflicting areas of legal, psychopharmacological, psychiatric, ethical and forensic-psychiatric issues. Meanwhile, the often severe, chronic forms of psychosis of schizophrenic origin that require treatment pose a particular challenge. If this does not happen, there is a threat of experiencing years of psychiatric detention without a prospect of release being developed. While numerous drugs are available for acute episodes of agitation, the choice of parenteral treatment is considerably limited. Within the framework of treatment against the natural will, the limited pharmacological possibilities in forensic psychiatric patients are currently being intensively discussed from various perspectives in the German state of Lower Saxony. Since the Federal Constitutional Court regards coercive treatment as a particularly serious encroachment on fundamental rights, this must also apply to off-label use. Here, scientific committees must be called upon to find a solution that provides the practitioners with decision-making criteria and legal certainty, for example with respect to questions of liability.

Keywords: schizophrenic psychosis without states of agitations, psychotropic drugs, parenteral coercive treatment, Federal Constitutional Court, off-label use


Dr. med. Dirk Hesse
MRVZN Moringen
Mannenstraße 29
37186 Moringen

 


Patientenbefragungen im Maßregelvollzug – Erfahrungen aus der Praxis
Tina Nitsche & Boris Reinecke

Zusammenfassung

Patientenbefragungen sind in der Gesundheitsversorgung seit längerem fester Bestandteil des Qualitätsmanagements, im Bereich des Maßregelvollzugs kommen sie dagegen selten zum Einsatz. Anhand der Erfahrungen mit Patientenbefragungen in der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie, der größten Maßregelvollzugsklinik in Rheinland-Pfalz, wird exemplarisch gezeigt, wie Forensische Psychiatrien im Sinne der Patientenorientierung und aktiven Patientenpartizipation von Befragungen dieser Art profitieren können. Durch Berücksichtigung der besonderen forensischen Bedingungen und aufgrund der konstruktiven Teilnahme der Patienten an den Befragungen, konnten in der Klinik Nette-Gut wertvolle Rückschlüsse auf das Meinungsbild der untergebrachten Personen gezogen und vielfältige Veränderungsvorschläge erarbeitet werden, um die Unterbringungsbedingungen im Sinne der Patienten positiv zu gestalten.

Schlüsselwörter: Patientenbefragung, Maßregelvollzug, Patientenorientierung, Qualitätsmanagement


Patient Surveys in Forensic Psychiatric Hospitals – Practical Experiences

Abstract
Patient surveys are an integral part of quality management in general health care. In the field of forensic psychiatric hospitals however, patient surveys are still rarely applied. Since 2011, the Nette-Gut Clinic, the largest forensic psychiatric hospital in Rhineland-Palatinate, has implemented patient surveys on a regular basis. The experiences show that forensic psychiatric hospitals may profit from surveys of this kind in terms of patient orientation and participation. Due to the specific conditions of a forensic setting as well as the constructive participation of the patients in the survey, the Nette-Gut Clinic was able to acquire valuable insights into patients’ opinions. As a result a catalogue of measures has been developed that aims to improve the conditions of the patients’ stay in a forensic psychiatric hospital.

Key words: patient survey, forensic psychiatric hospital, patient orientation, quality management


Tina Nitsche
Stabstelle „Statistik und Dokumentation“
Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie 
an der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach
Am Nette-Gut 2
56575 Weißenthurm

 


Der Maßregelvollzug im Spannungsfeld zwischen Vermeiden von Zwang – Anwenden von Zwang
Andreas Emmerich & Tina Nitsche

Zusammenfassung

Die Behandlung in der Klinik Nette-Gut dient der Besserung und Sicherung der Patienten auf der Grundlage des Maßregelvollzugsgesetzes des Landes Rheinland-Pfalz. Alle Therapiemaßnahmen sind darauf ausgerichtet, die Resozialisierung der Patienten mit der größtmöglichen Sicherheit für die Bevölkerung zu verbinden. Der fachliche Anspruch, der in der Klinik Nette-Gut gestellt wird, umfasst sowohl eine kontinuierliche Reflektion des täglichen Handelns der Mitarbeiter als auch die regelhafte Evaluation von Leitlinien, Konzepten, Verfahrensanweisungen, Orientierungshilfen und weiteren Vorgaben, an denen sich die Mitarbeiter orientieren. In diesem Zusammenhang erfolgt immer wieder und unvermeidbar die persönliche und professionelle Auseinandersetzung mit der Thematik „Vermeiden von Zwang – Anwenden von Zwang“. Der vorliegende Artikel soll dem Leser einen Überblick darüber geben, wie sich die Mitarbeiter einer Maßregelvollzugseinrichtung in diesem Spannungsfeld bewegen und welche konkreten Maßnahmen erarbeitet werden, damit die Anwendung von Zwang vermieden bzw. so gering wie möglich gehalten werden kann. Diese Maßnahmen tragen der eigenen Haltung und den eigenen Ansprüchen an diese Thematik genauso Rechnung wie den aktuellen Entwicklungen, zum Beispiel in Bezug auf die Stärkung der Patientenrechte.

Schlüsselwörter: Spannungsfeld „Vermeidung von Zwang – Anwendung von Zwang“, Haltung und Position der Klinikleitung, klinikinterne Studie


Avoiding coercion – Applying coercion
An area of conflict in hospital order treatment


Abstract
The Nette-Gut Clinic provides hospital order treatment on the basis of the hospital order treatment Act of the state of Rhineland-Palatinate (Germany). All therapeutic measures are aimed at providing rehabilitation and re-integration of patients and, at the same time, providing greatest possible safety to the population. The professional standard embraced by the Nette-Gut Clinic includes continuous reflection on the daily activities of the staff as well as regular evaluation of guidelines, concepts, procedures, orientation aids and other requirements to which the staff are oriented. In this context, the personal and professional confrontation with the topic of “Avoiding coercion – Applying coercion” takes place again and again and cannot be avoided. This article is intended to give the reader an overview of how the employees of a forensic clinic navigate in this area of conflict and what concrete measures are being developed to avoid or minimize the application of coercion. These measures take into account one’s own attitude and standards regarding this topic as well as current developments, for example with regard to strengthening patient rights.

Key words: Area of conflict “Avoiding coercion – Applying coercion”, attitude and stance of the clinic directors, internal study performed by the clinic


Andreas Emmerich
Dipl. Pflegewirt (FH)
Pflegedirektor Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie 
an der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach
Am Nette-Gut 2
56575 Weißenthurm

 



Forensische Psychiatrie und Psychotherapie
26. Jahrgang · 2019 · Heft 3

Pabst, 2019
ISSN 0945-2540
Preis: 15,- €

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