Inhaltsverzeichnis
Editorial
Madeleine Kassar & Klaus Hoffmann
Die Frau als Feindbild und Vorbild
Geschlechterstereotype im Maßregelvollzug
Madeleine Kassar & Corinna Stamminger
Operationalisierte Risikoeinschätzung bei Frauen unter besonderer Berücksichtigung der ILRV-R
Norbert Nedopil
Die rätselhafte Patientin – Psychosen in der forensischen Psychiatrie erkennen, verstehen und behandeln
Stanislav Dikov
Zwischen Chaos und Hoffnung
Systemsprengerinnen im Maßregelvollzug
oder
Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Frauenmaßregelvollzug nach § 63 StGB behandelbar?
Matthias Wiesmayr
Therapie suchtkranker Frauen: Geschlechtsspezifische Unterschiede, neue Entwicklungen und praktische Umsetzung im Maßregelvollzug
Georgios Troumpoukis
Pflegeausfallmanagement im Maßregelvollzug
Karoline Aigner
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:203-204
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0041
Editorial
Madeleine Kassar & Klaus Hoffmann
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:205-218
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0042
Die Frau als Feindbild und Vorbild
Geschlechterstereotype im Maßregelvollzug
Madeleine Kassar & Corinna Stamminger
Zusammenfassung
Geschlechterstereotype sowie Misogynie beeinflussen die Wahrnehmung, Behandlung und Chancen von Frauen sowohl in der Gesellschaft als auch im Justizsystem. Aus forensisch-psychiatrischer Sicht ist es dringend notwendig, stereotype Denkmuster durch Schulungsprogramme und Sensibilisierung abzubauen, um gerechtere Urteile, bessere Behandlungsansätze und eine faire Resozialisierung zu ermöglichen. Der Einfluss stereotyper Denkweisen auf das Risikomanagement, insbesondere bei KI-gestützten Systemen, birgt das Risiko verzerrter Daten, wodurch Ungleichheiten befördert werden.
Um dem entgegenzuwirken, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich: Bildung, Sensibilisierung, strukturelle Reformen sowie gesellschaftliche Normen sollten aktiv verändert werden, um Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, stereotype Denkmuster zu überwinden und somit ein gerechteres, inklusives Rechtssystem zu ermöglichen.
Schlüsselwörter: Geschlechterstereotype, Misogynie
The woman as Enemy Image and Role Model
Gender stereotypes in Forensics
Abstract
Gender stereotypes and misogyny influence the perception, treatment, and opportunities of women both in society and within the justice system. From a forensic-psychiatric perspective, it is urgently necessary to dismantle stereotypical thinking through training programs and awareness initiatives to enable fairer judgments, improved treatment approaches, and equitable rehabilitation. The impact of stereotypical mindset on risk management, especially in AI-supported systems, carries the risk of biased data, which can perpetuate inequalities.
To counteract this, a holistic approach is required: education, awareness-raising, structural reforms, and societal norms should be actively changed to promote gender equality, overcome stereotypical thinking, and thereby enable a fairer, more inclusive justice system.
Keywords: gender-stereotypes, misogyny
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:219-230
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0043
Operationalisierte Risikoeinschätzung bei Frauen unter besonderer Berücksichtigung der ILRV-R
Norbert Nedopil
Zusammenfassung
Seit den 1980er Jahren befasst sich die Forschung in der Forensischen Psychiatrie intensiv mit der Risikoeinschätzung bei straffällig gewordenen psychisch Kranken und Gestörten, ein Thema, das früher etwas unscharf als Prognoseforschung bezeichnet wurde. Es wurden unterschiedliche Methoden entwickelt, erprobt und evaluiert, wobei sich aktuarische, statistische und Verfahren des Structured Professional Judgement (SPJ) herauskristallisiert haben und eine Kombination dieser drei Vorgehensweisen für die Praxis empfohlen wird.
Allerdings erfolgten die Evaluierungen der Verfahren in der Regel an Männern, was besonders bei den aktuarischen und statistischen Verfahren zu groben Fehleinschätzungen führt, wenn diese Verfahren bei Frauen eingesetzt werden, die eine deutlich geringere Kriminalitäts- und Rückfallrate als Männer haben.
Demgegenüber eignen sich SPJ-Verfahren, die in der praktischen Anwendung keine quantitative Zuordnung zu einer Rückfallhäufigkeit nahelegen, auch zur Risikoeinschätzung bei Frauen, da es bei diesen Instrumenten nicht darum geht, eine Rückfallwahrscheinlichkeit für den Einzelnen zu beziffern, sondern darum, Risikomerkmale, welche aufgrund des Erfahrungswissens wichtig sind, nicht zu übersehen und ein nachvollziehbares individuelles Risikoprofil zu erstellen, anhand dessen sich das Risikomanagement orientieren kann.
In diesem Artikel werden die vom Autor entwickelte und 2021 revidierte Integrierte Liste der Risikovariablen (ILRV-R) und deren Anwendung bei Frauen vorgestellt.
Schlüsselwörter: Risikoeinschätzung, Aktuarische Verfahren, Verfahren des Structured Professional Judgements (SPJ), ILRV-R, Frauen
Risk assessment for women - JLRV-R re-visited
Abstract
Since the 1980s, research in forensic psychiatry has focused intensively on risk assessment for mentally ill and disturbed individuals who have committed crimes, a topic that was previously referred to as prediction research. Various methods have been developed, tested, and evaluated, from this research actuarial, statistical, and structured professional judgment (SPJ) methods emerged as most promising, and a combination of these three approaches is recommended for practical use.
However, the evaluations of the methods were generally carried out on men, which leads to gross misjudgments – especially in the case of actuarial and statistical methods – when they are applied to women, who have significantly lower crime and recidivism rates than men.
In contrast, SPJ methods, which in their practical application do not suggest a quantitative assignment to a recidivism frequency, are also suitable for risk assessment in women, as these instruments are not concerned with quantifying the probability of recidivism for individuals, but rather with ensuring that risk characteristics that – based on empirical knowledge – are important will not be overlooked, and with creating a comprehensible individual risk profile that can be used to guide risk management.
This article presents the Integrated List of Risk Variables (ILRV-R), an SPJ instrument developed by the author and revised in 2021, and its application to females.
Keywords: Risk assessment, actuarial methods, structured professional judgment (SPJ), ILRV-R, women
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:231-247
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0044
Die rätselhafte Patientin – Psychosen in der forensischen Psychiatrie erkennen, verstehen und behandeln
Stanislav Dikov
Zusammenfassung
Eine präzise, gründliche und differenzierte Diagnostik des psychotischen Krankheitsbildes, das zur Einweisung in eine forensisch-psychiatrische Klinik geführt hat, stellt bereits im Rahmen der Eingangsbegutachtung einen zentralen Schritt dar. Die diagnostische Einordnung beeinflusst nicht nur die gerichtliche Entscheidung über eine in der Regel langfristige Unterbringung, sondern bildet auch die Grundlage für die Entwicklung eines tragfähigen Behandlungsplans, für eine forensisch orientierte präventive Psychotherapie sowie für die kontinuierliche Einschätzung des Rückfallrisikos während aller Behandlungsphasen. Darüber hinaus ist sie maßgeblich für die Indikationsstellung von Vollzugslockerungen sowie für die Planung eines geeigneten Entlass-Settings. Betrachtet man die typischen Krankheitsbilder im Maßregelvollzug bei Frauen, denkt man zunächst an paranoide Schizophrenie und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Diese Störungen dominieren zweifellos im klinischen Alltag. Dennoch erweist sich der diagnostische Prozess in der Realität als weitaus komplexer, als es zunächst den Anschein hat. In diesem Übersichtsartikel beleuchtet der Autor diagnostische, klinische und therapeutische Aspekte verschiedener psychotischer Störungen – darunter Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, psychotische Depressionen, organisch bedingte Psychosen, wahnhafte Störungen und substanzinduzierte Psychosen – aus forensisch-psychiatrischer Perspektive unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Besonderheiten. Aus Sicht des Autors ist ein verstärkter Fokus auf geschlechtersensible Forschung dringend erforderlich, um sowohl bestehende Prognoseinstrumente frauenspezifisch weiterzuentwickeln als auch eine individualisierte, strukturierte Therapieplanung im forensischen Kontext zu ermöglichen.
Schlüsselwörter: Forensische Psychiatrie, Psychotische Störungen, geschlechtsspezifische Unterschiede, Maßregelvollzug
Psychotic States in Female Offenders – Diagnostic and Therapeutic Challenges in Forensic Psychiatry
Abstract
A precise, thorough, and differentiated diagnosis of the psychotic condition that led to admission into a forensic psychiatric facility represents a crucial step already during the initial forensic psychiatric assessment. The diagnostic classification not only influences the court’s decision regarding typically long-term involuntary commitment but also forms the foundation for the development of a sustainable treatment plan, for forensic-oriented preventive psychotherapy, and for the ongoing assessment of relapse risk throughout all phases of treatment.
Moreover, it plays a key role in decisions regarding therapeutic relaxations and in planning an appropriate discharge setting. When considering typical psychiatric conditions in female patients under forensic psychiatric care, paranoid schizophrenia and borderline personality disorder often come to mind first. While these disorders undoubtedly dominate in clinical practice, the diagnostic process in reality proves to be far more complex than it may initially appear. This review article examines diagnostic, clinical, and therapeutic aspects of various psychotic disorders – including schizophrenia spectrum disorders, psychotic depression, organic psychoses, delusional disorders, and substance-induced psychoses – from a forensic psychiatric perspective, with particular emphasis on gender-specific characteristics. From the author’s point of view, there is an urgent need to intensify gender-sensitive research in order to further develop existing risk assessment tools in a female-specific manner and to enable individualized, structured treatment planning within the forensic context.
Keywords: Forensic Psychiatry, Psychotic Disorders, Gender Differences, Forensic Psychiatric Hospitalization, Female Offenders
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:248-265
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0045
Zwischen Chaos und Hoffnung
Systemsprengerinnen im Maßregelvollzug
oder
Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Frauenmaßregelvollzug nach § 63 StGB behandelbar?
Matthias Wiesmayr
Zusammenfassung
Obwohl der Begriff Systemsprenger/-in kein fundierter Fachbegriff der Psychiatrie ist, kommt er dennoch immer häufiger zum Einsatz bei der Beschreibung von delinquentem Patientenklientel. Gemeinsam ist dieser heterogenen Gruppe nicht nur ein scheinbar gebahnter Weg in den Maßregelvollzug, sondern gemäß Beobachtungen unserer Facheinrichtung auch weitere Eigenschaften in einem biopsychosozialen Verständnis: Besonders hervorzuheben ist im Frauenmaßregelvollzug und in folgender Abhandlung das – durch das spezialisierte Setting vorgegebene – weibliche Geschlecht und die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Anhand einer versuchten Korrelation von gängigen Leitlinien zur Behandlung der Erkrankung und oft komplementär wirkender Grundvoraussetzungen im Maßregelvollzug wird versucht, das Phänomen der Systemsprengerin sowohl vor ihrem Eintritt in die Forensik sowie auch während einer oft langwierigen Behandlung näher einzuordnen und Herausforderungen bzw. eigene Lösungsansätze herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter: Forensische Psychiatrie, Borderliner-Persönlichkeitsstörung, S3-Leitlinie, Systemsprenger, SSP
System crasher - between chaos and hope.
Is guideline based treatment of borderline personality disordered in specialised forensic mental health care applicable?
Abstract
Although the term ´system crasher´ or disruptor [SC] is not a formally established concept within psychiatric nomenclature, it is used to describe delinquent patients, also in forensic mental health care [FMHC]. This heterogeneous group shares not only a trajectory toward institutionalisation in FMHC services, but – following observations in our specialised clinical institution – also additional characteristics within a biopsychosocial framework. In our context of female-only FMHC, particular emphasis is placed on the female gender itself – predefined by the specialised treatment setting – and the diagnosis of borderline personality disorder [BPD]. By attempting to correlate established treatment guidelines with predicaments of the often complementary conditions of FMHC, this analysis aims to contextualise the phenomenon of the female BPD patient progression to becoming a SC both prior to her entry into FMHC and throughout the course of treatment. Challenges and institution-specific approaches to coop and care are explored accordingly
Keywords: forensic mental health care, borderline personality disorder, S3-guidelines, system crasher or disruptor
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:266-278
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0046
Therapie suchtkranker Frauen: Geschlechtsspezifische Unterschiede, neue Entwicklungen und praktische Umsetzung im Maßregelvollzug
Georgios Troumpoukis
Zusammenfassung
Die folgende Arbeit beleuchtet die komplexe Entstehung von Suchterkrankungen in Verbindung mit Delinquenz, insbesondere bei Frauen im Maßregelvollzug, und betont die Rolle genetischer, psychosozialer und geschlechtsspezifischer Faktoren. Ziel ist es, durch differenzierte Betrachtung dieser Einflussfaktoren eine wirksame, rückfallpräventive Behandlung im Rahmen der aktuellen gesetzlichen Vorgaben (§ 64 StGB) zu ermöglichen. Suchtverhalten stellt häufig einen dysfunktionalen Bewältigungsversuch dar, bei dem aversive psychische Zustände – bedingt durch frühkindliche Bindungsstörungen, traumatische Erfahrungen oder mangelnde Emotionsregulation – nicht durch stabile zwischenmenschliche Beziehungen, sondern über den Konsum psychotroper Substanzen kompensiert werden. Besonders bei Frauen im Maßregelvollzug zeigen sich geschlechtsspezifische Besonderheiten hinsichtlich der Delinquenzmuster, der Persönlichkeitsstruktur sowie der sozialen Rollenwahrnehmung, die eine differenzierte therapeutische Herangehensweise erforderlich machen. Der Text verweist auf die geringe Erfolgsquote stationärer Suchtbehandlungen (ca. 10 % langfristige Abstinenz), die hohe Komorbidität mit Persönlichkeitsstörungen sowie die besondere Bedeutung von traumasensiblen, beziehungsorientierten Behandlungssettings. Institutionelle Besonderheiten, wie z. B. Mutter-Kind-Stationen, verdeutlichen zusätzliche therapeutische Herausforderungen und den Bedarf an geschlechterspezifischen Interventionsmodellen im forensisch-psychiatrischen Kontext . Der Text geht auch auf den Ansatz der Milieutherapie bei der Behandlung von drogenabhängigen Straftätern in forensischen Einrichtungen ein. Die Milieutherapie wird hier als bewusst gestaltetes soziales und institutionelles Umfeld verstanden, das emotionale Stabilisierung, soziale Integration und Verhaltensänderung durch strukturierte Tagesabläufe, Rollenübernahme und Gruppenprozesse fördern soll. Therapeutische Gemeinschaften (TG) stehen dabei im Zentrum: Sie wirken durch ein klar geregeltes soziales Gefüge, Peer-Kontrolle, Verantwortungsübernahme und partizipative Regeln. Verschiedene Studien belegen die Wirksamkeit dieser Ansätze hinsichtlich Rückfallvermeidung, Abstinenzerhalt und Förderung psychosozialer Kompetenzen. Besonders bei Personen mit komplexen Störungsbildern, etwa komorbiden Persönlichkeitsstörungen, zeigt sich die therapeutische Wirkung des milieugestalteten Settings. Dabei ist der Übergang zwischen Therapie und Alltag (Resozialisierung) ein kritischer Erfolgsfaktor. Der Text stellt damit ein praxisnahes und wissenschaftlich fundiertes Konzept der Suchtbehandlung im forensischen Bereich vor.
Schlüsselwörter: Sucht, Delinquenz, § 64 StGB, Forensische Psychiatrie, Persönlichkeitsstörungen
Treatment of Women suffering from Addiction in Forensics – Theory and Practice
Abstract
The text explores the complex development of addiction in connection with delinquency, particularly among women in forensic psychiatric care, emphasizing genetic, psychosocial, and gender-specific factors. The goal is to enable effective, relapse-preventive treatment by addressing these influencing factors in line with current legal frameworks (§ 64 of the German Criminal Code). Addiction behavior is often a dysfunctional coping strategy in which aversive psychological states—stemming from early attachment disruptions, traumatic experiences, or impaired emotional regulation—are not addressed through stable relationships, but through the use of psychoactive substances. Especially in female forensic psychiatric populations, gender-specific patterns emerge regarding delinquency, personality structure, and role identity, necessitating a differentiated therapeutic approach. The text highlights the low long-term success rate of inpatient addiction treatment (approx. 10 % continuous abstinence), the high prevalence of comorbid personality disorders, and the crucial need for trauma-informed, relationship-focused therapeutic settings. Institutional features such as mother-child units underscore the unique treatment challenges and emphasize the importance of gender-sensitive interventions in forensic psychiatry. The text addresses also the milieu therapy approach in the treatment of substance-dependent offenders within correctional and forensic psychiatric settings. Milieu therapy is conceptualized as a deliberately structured social and institutional environment designed to promote emotional stabilization, social integration, and behavioral change through daily routines, role-taking, and group processes. Therapeutic communities (TCs) are central to this model: they function through clearly defined social structures, peer accountability, shared responsibility, and participatory rule systems. Multiple studies confirm the effectiveness of these approaches in terms of relapse prevention, sustained abstinence, and the development of psychosocial skills. Therapeutic effects are particularly evident in individuals with complex disorders, such as co-occurring personality disorders. The transition from therapy to everyday life (resocialization) is identified as a critical factor for long-term success. Thus, the text presents a practical and evidence-based concept for addiction treatment in forensic contexts.
Keywords: addiction, deliquency, § 64 StGB, forensic psychiatry, personality disorders
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, 2025.35:279-289
DOI: https://doi.org/10.2440/009-0047
Pflegeausfallmanagement im Maßregelvollzug
Karoline Aigner
Zusammenfassung
Der Maßregelvollzug sieht sich gegenwärtig mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert, die sowohl struktureller als auch individueller Natur sind. Eine zentrale Problematik stellt die Überbelegung dar, die nicht nur räumliche, sondern auch personelle Ressourcen überstrapaziert. Dies resultiert in einer erhöhten Belastung für Mitarbeitende aus der Pflege, was wiederum die Qualität der Versorgung potenziell beeinträchtigen kann. Ein weiterer Aspekt ist die hohe Personalfluktuation, die durch Faktoren wie Fachkräftemangel, emotionale Erschöpfung und mangelnde Perspektiven begünstigt wird. Die Rekrutierung und langfristige Bindung qualifizierter Mitarbeitender gestaltet sich zunehmend schwierig, insbesondere in spezialisierten Bereichen wie der forensischen Psychiatrie. Zudem beobachten wir im Klinikalltag eine Veränderung der Patientinnenstruktur. Zunehmend komplexe Krankheitsbilder, komorbide Störungen und heterogene biografische Hintergründe erfordern ein hohes Maß an Differenzierung in Diagnostik und Therapie. Insbesondere im Kontext des Maßregelvollzugs für Frauen manifestieren sich spezifische Anforderungen. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen einem Wandel. Die Novellierung von Gesetzen, veränderte Anforderungen an Dokumentation und Risikoeinschätzung sowie steigende Erwartungen an Sicherheitsstandards erhöhen den Druck auf die Einrichtungen. Hinzu kommt der demografische Wandel und finanzielle Engpässe – eine „Gesamtwetterlage“, die neuen Konzepte erfordert.
Schlüsselwörter: Maßregelvollzug, psychisch kranke Straftäterinnen, Personalbindung, Beziehungsgestaltung, Safewards, Dienstplan, Versorgungsqualität
Management of service disruptions in nursing in the forensic psychiatric hospital
Abstract
Forensic psychiatric institutions are currently facing a number of challenges, both structural and individual. A key problem is overcrowding, which places excessive strain on both space and human resources. This leads to increased stress for therapeutic and nursing staff, which in turn can compromise the quality of care. Another aspect is high staff turnover, which is exacerbated by factors such as a shortage of skilled workers, emotional exhaustion and a lack of prospects. Recruiting and retaining qualified staff is becoming increasingly difficult, especially in specialist areas such as forensic psychiatry. In addition, we are observing a change in the patient structure in clinical practice. Increasingly complex clinical pictures, comorbid disorders and heterogeneous biographical backgrounds require a high degree of differentiation in diagnosis and therapy. Specific requirements arise in particular in the context of the criminal detention of women. The legal framework is also subject to change. Legislative changes, modified requirements for documentation and risk assessment, and rising expectations regarding safety standards are increasing the pressure on institutions.
Keywords: forensic psychiatry, female offenders, clinical climate, staff retention, therapeutic relationships
Forensische Psychiatrie und Psychotherapie
33. Jahrgang · 2025 · Heft 3
Pabst, 2025
ISSN 0945-2540













