Inhaltsverzeichnis
Editorial
Maximilian Römer
Der Psychoanalytiker als Psychonaut?
Anmerkungen zur substanzinduzierten Bewusstseinsforschung
David Reincke
Zwang, Sucht, Ekstase, Rausch: Psychoanalytische Erörterungen zu einem komplexen Phänomen
Nikolaus Lehner
Zum analytischen Verständnis und Psychotherapie der Suchterkrankungen
Peter Subkowski
Bildstrecke: Sigmund Freud Museum Wien
Georg Herder
Funktionsweisen der Sucht
Gerald Abl
Cannabiskonsum in der Adoleszenz – die Suche nach Beruhigung in einer Zeit der Instabilität des inneren psychischen Raumes
Carsten Caesar
Der Tanz auf dem Vulkan – Sucht als Ausdruck kulturellen Unbehagens
Maximilian Stützer
„Circe, die Göttin der tausend Drogen…“
Rausch und Entgrenzung in der postmodernen Homer-Adaption von Lob und Pichard
Thomas Ballhausen
Bildstrecke: Odysseus
Jacques Lob & Georges Pichard
Sucht als Abwehroperation – Abhängigkeitserkrankungen vor dem Hintergrund früher Kindheits- und Beziehungstraumata
Katja Fuchß
Die psychoanalytisch-interaktionelle Methode als einheitliche therapeutische Haltung in der stationären Rehabilitation suchtkranker Menschen
Andreas Dieckmann
Vom Rückzug zur Beziehung: Behandlung und Entstehung von Pathologischer und Problematischer Internetnutzung. Verhaltenssüchte psychodynamisch verstehen – Möglichkeiten und Grenzen im ambulanten Setting
Valentina Albertini
Leere Erregung: Psychoanalytische Überlegungen zu Sexsucht, Liebessucht und Perversion im Film Shame (2011)
Nora Kühnert & Aaron Lahl
Editorial
Maximilian Römer
Der Psychoanalytiker als Psychonaut?
Anmerkungen zur substanzinduzierten Bewusstseinsforschung
David Reincke
Zusammenfassung
Von der These ausgehend, dass Psychoanalyse und Psychedelika Methoden zur Erforschung des Unbewussten sind, nimmt sich der Beitrag ihrer konflikthaften Beziehung an. Psychedelika galten im therapeutischen Kontext als probates Mittel für Forschungsreisen in die terra incognita, während sie in der gegenwärtigen „Renaissance“ psychoanalytisch noch weitestgehend unberücksichtigt bleiben. Außer dem ambivalenten Verhältnis des Urvaters Freud gegenüber Rauschmitteln scheint eine tradierte Drogenskepsis nebst kolonialem Erbe in der Psychoanalyse Einfluss zu nehmen. Gemäß dem Primat der Erkenntnissuche, verfolgen beide Ansätze, allen Differenzen zum Trotze, ein gemeinsames Ziel im Dienste der Bewusstseinsforschung – auf unterschiedlichen Wegen.
Schlüsselwörter: Psychoanalyse, Psychedelika, Bewusstseinsforschung, Wissenschaftstheorie
Summary
Starting from the thesis that psychoanalysis and psychedelics are methods for exploring the unconscious, this article examines their conflictual relationship. In a therapeutic context, psychedelics were considered an effective means for journeys of discovery into terra incognita, whereas in the current ‘renaissance’ they remain largely ignored by psychoanalysis. In addition to the ambivalent attitude of the forefather Freud towards intoxicants, a traditional skepticism towards drugs, along with a colonial legacy, seems to be gaining influence in psychoanalysis. In accordance with the primacy of the search for knowledge, both approaches, despite all their differences, pursue a common goal in the service of consciousness research – by different means.
Keywords: psychoanalysis, psychedelics, consciousness research, scientific theory
David Reincke, M.A.
Psych., Research Fellow an der Internationalen
Psychoanalytischen Universität Berlin
(IPU), Ausbildungskandidat am Berliner
Institut für Psychotherapie und Psychoanalyse
e.V. (BIPP).
david.reincke@ipu-berlin.de
Zwang, Sucht, Ekstase, Rausch: Psychoanalytische Erörterungen zu einem komplexen Phänomen
Nikolaus Lehner
Zusammenfassung
Sucht und Rausch sind zwei Möglichkeiten, um die Erfahrung des Lebens zu bewältigen. Die Sucht drückt sich in einer Verengung der Erfahrung aus. So wird in der psychoanalytischen Literatur zuweilen auf die Nähe der Sucht zum Zwang hingewiesen. Dagegen kann der Rausch, mit seiner Verwandtschaft zu Psychose und Traum, als eine Auflösung oder zumindest als ein Eintauchen in die Erfahrung des bewussten Erlebens beschrieben werden. Im Folgenden möchte ich versuchen, einige Überlegungen zum Verhältnis von Bewusstseinsverengung und Bewusstseinserweiterung, von emotionaler Erfahrung und dem Kappen dieser Erfahrung anzustellen. Dabei ist nicht anzunehmen, dass diese Polaritäten jeweils nur positiv oder negativ zu bewerten sind. Vielmehr dürfte es sich unabhängig jeglicher Wertung um grundlegendere Seinsmodi handeln. Psychoanalytisches Arbeiten befasst sich, nicht nur im Suchtkontext, mit dem Umgang, den wir für diese Modi finden.
Schlüsselwörter: Psychoanalyse, Sucht, Zwang, Ekstase, Rausch, Abhängigkeit, mystische Erfahrung, Bewusstseinsverengung, Bewusstseinserweiterung, Bewusstseinszustände
Summary
Addiction and intoxication are two ways of coping with the experience of life. Addiction manifests as a narrowing of experience. In psychoanalytic literature, the proximity of addiction to compulsion is often noted. Intoxication, on the other hand – with its kinship to psychosis and dreaming – can be described as a dissolution or at least an immersion into the experience of conscious awareness. In what follows, I would like to explore some reflections on the relationship between the narrowing and expansion of consciousness, between emotional experience and the severing of that experience. It should not be assumed that these polarities are to be judged as purely positive or negative. Rather, they may represent more fundamental modes of being, independent of any value judgment. Psychoanalytic work engages, not only in the context of addiction, with the ways in which we navigate these modes.
Keywords: psychoanalysis, addiction, compulsion, intoxication, ecstasy, dependence, mystical experience, narrowing of consciousness, expansion of consciousness, states of consciousness
Mag. Dr. Nikolaus Lehner
Psychoanalytisch orientierter Psychotherapeut
in eigener Praxis. Soziologe und
Politikwissenschaftler. Ausbildungen als
Meditationslehrer und in psychedelischer
Integration. Veröffentlichungen zu klinischen,
bewusstseinsphänomenologischen und
gesellschaftlichen Themen.
nikolaus.lehner@outlook.com
Zum analytischen Verständnis und Psychotherapie der Suchterkrankungen
Peter Subkowski
Zusammenfassung
In dieser Arbeit wird zunächst nach einer Definition der Sucht bzw. der Abhängigkeitserkrankungen das biopsychosoziale Modell der Abhängigkeitserkrankungen beschrieben. Nach den grundlegenden psychodynamischen Mechanismen der Sucht werden die wichtigsten triebtheoretischen, narzissmustheoretischen, Ich-psychologischen und objektbeziehungstheoretischen Modelle der Suchtdynamik dargestellt. Für beide Geschlechter wird dann ein geschlechtsspezifisches Modell der Suchtentwicklung vorgeschlagen, das auf der frühen ambivalenten Mutterbeziehung bei Versagen des triangulierenden Vaters beruht, und beschrieben, wie dies später in die stoffliche Abhängigkeit mündet. Abschließend werden Erfahrungen aus der ambulanten Psychotherapie von PatientInnen mit Suchtproblemen unter Berücksichtigung der Gegenübertragung beschrieben und Hinweise für die Psychotherapie gegeben.
Schlüsselwörter: Definition der Abhängigkeitserkrankung, Psychodynamik der Sucht, biopsychosoziales Modell der Abhängigkeitserkrankung, triebtheoretische, narzissmustheoretische, Ich-psychologische und objektbeziehungstheoretische Suchtmodelle, Geschlechtsspezifität der Sucht, Rahmenbedingungen und Gegenübertragung bei der ambulanten Psychotherapie von PatientInnen mit Suchtproblemen
Summary
This paper first defines addiction and addictive disorders and then describes the biopsychosocial model of addictive disorders. After discussing the basic psychodynamic mechanisms of addiction, it presents the most important drive theory, narcissism theory, ego psychology, and object relations theory models of addiction dynamics. A gender-specific model of addiction development is then proposed for both genders, based on an early ambivalent relationship with the mother and the failure of the triangulating father, and describes how this later leads to substance dependence. Finally, experiences from outpatient psychotherapy with patients with addiction problems are described, taking countertransference into account, and recommendations for psychotherapy are given.
Keywords: definition of addiction, psychodynamics of addiction, biopsychosocial model of addiction, drive theory, narcissism theory, ego psychology, and object relations theory models of addiction, gender specificity of addiction, framework conditions, and countertransference in outpatient psychotherapy for patients with addiction problems
Dr. Peter Subkowski
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie,
Facharzt für Psychosomatische Medizin und
Psychotherapie, Lehr- und Kontrollanalytiker
der DPV/IPA, D3G-Gruppenlehranalytiker.
Bis 2022 ärztlicher Direktor des Paracelsus-
Therapiezentrums, Bad Essen, und in eigener
psychoanalytischer Praxis tätig.
drpsubkowski@t-online.de
Funktionsweisen der Sucht
Gerald Abl
Zusammenfassung
Im Beitrag wird mithilfe eines psychodynamischen Ansatzes versucht, die vielfältigen und teilweise auch gegensätzlichen Funktionsweisen der Abhängigkeitserkrankungen in ihren wesentlichen Mechanismen zu erfassen und darzustellen. Durch die weite Verbreitung und die Multifunktionalität des Alkoholkonsums bieten sich hierzu besonders die Erfahrungen aus den entsprechenden Entwöhnungsbehandlungen an. Aus der Analyse der darin sich verdeutlichenden Funktionen ergeben sich schließlich als grundlegend zusammenzufassende Suchtfunktionen die ökonomischen, die strukturellen und die existenziellen.
Schlüsselwörter: Abhängigkeitserkrankung, Sucht, Suchtfunktionen, Suchttherapie, Psychoanalyse
Summary
This article uses a psychodynamic approach to attempt to capture and describe the diverse and sometimes contradictory mechanisms underlying addiction disorders. Due to the widespread nature and multifunctionality of alcohol consumption, experiences from corresponding withdrawal treatments are particularly useful in this regard. Analysis of the functions that become apparent in these treatments ultimately reveals that the fundamental functions of addiction can be summarized as economic, structural, and existential.
Keywords: addiction disorder, addiction, addiction functions, addiction therapy, psychoanalysis
Dr. Gerald Abl
Psychologischer Psychotherapeut für tiefenpsychologisch
fundierte und analytische
Psychotherapie (DGPT), Suchttherapeut
(VdR) und Dozent in Weiterbildungen in
dynamischer Sucht- und Psychotherapie.
isla.margarita@web.de
Cannabiskonsum in der Adoleszenz – die Suche nach Beruhigung in einer Zeit der Instabilität des inneren psychischen Raumes
Carsten Caesar
Zusammenfassung
In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, welche Funktionen Cannabisprodukte, hier unter dem Begriff Cannabis zusammengefasst, in der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz übernehmen können. Die aktuellen Zahlen zur auch missbräuchlichen Verwendung von Cannabis verweisen auf eine hohe Attraktivität in der Altersgruppe zwischen 14 und 25 Jahren. Versteht man den Cannabiskonsum als einen Versuch innerpsychisches Konfliktgeschehen abzuwehren, so muss zwischen verschiedenen entwicklungspsychologischen Voraussetzungen unterschieden werden. Diese werden hier kurz zusammengefasst dargestellt. Sie stellen die Grundlage dar, Cannabis entweder zur innerpsychischen Abwehr von Entwicklungsaufgaben im Transitionsalter zu verwenden oder aber als Substitut oder Möglichkeit zur Verplombung misslungener kindlicher Entwicklungsschritte zu verstehen. Diese Möglichkeiten werden anhand von drei Fallvignetten dargestellt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass ein verstehender Zugang in psychodynamischen Jugendlichenbehandlungen essenziell ist. Hier muss ein Weg zwischen der berechtigten Sorge um die psychische Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten und einem Sprechen ohne Sorge vor juristischen oder erzieherischen Maßnahmen gesucht werden.
Schlüsselwörter: Transitionsalter, Neuordnung von innerpsychischer Abwehr, Cannabis als Abwehr, Substitution, Verplombung
Summary
This article explores the question of what role cannabis products, collectively referred to here as cannabis, can play in coping with the developmental tasks of adolescence. Current figures on the misuse of cannabis indicate that it is highly attractive to the 14 to 25 age group. If cannabis use is understood as an attempt to ward off internal psychological conflicts, a distinction must be made between different developmental psychological prerequisites. These are briefly summarized here. They form the basis for either using cannabis as an internal psychological defense against developmental tasks in the transitional age or understanding it as a substitute or a way of sealing off failed childhood developmental steps. These possibilities are illustrated by three case vignettes. In summary, it can be said that an understanding approach is essential in psychodynamic adolescent treatment. Here, a balance must be found between legitimate concern for the mental health of our patients and speaking without fear of legal or educational measures.
Keywords: transitional age, reorganization of inner psychological defenses, cannabis as a defense mechanism, substitution, sealing
Carsten Caesar
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
und Analytischer Kinder-Jugendlichenpsychotherapeut,
niedergelassen in Berlin,
Supervisor und Lehranalytiker am Jung-Institut
Berlin und dem Institut für Psychotherapie e.V.,
Berlin.
praxis-c.caesar@t-online.de
Der Tanz auf dem Vulkan – Sucht als Ausdruck kulturellen Unbehagens
Maximilian Stützer
Zusammenfassung
Der vorliegende Text versucht Suchterkrankungen als ein komplexes kulturelles Phänomen zu begreifen. Die Metapher Tanz auf dem Vulkan dient in diesem Text als Verbildlichung der Dynamik von Suchterkrankungen aus einer kulturellen Perspektive. Im Zentrum steht die Annahme, dass Suchtverhalten Ausdruck innerpsychischer Konflikte und unbewusster Spannungen ist. Als Leitmotiv verwende ich die Metapher Tanz auf dem Vulkan, da dieses Bild das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Kontrollverlust aus einer psychoanalytischen Perspektive trefflich beschreibt. Die Wechselbeziehungen zwischen Schuld und Scham und die daraus hervorgehenden sozialen Dynamiken werden im Kontext von Kulturalität erläutert. Der Text plädiert für eine vertiefte psychoanalytische Betrachtung von Suchtdynamiken, die kulturelle Wandlungsprozesse, Ich-Strukturen und Übertragungsphänomene gleichermaßen berücksichtigt.
Schlüsselwörter: Kontrollverlust, Gegenübertragung, Sucht, Kultur, psychoanalytisch-interaktionelle Methode (PIM)
Summary
The present text seeks to conceive of addiction disorders as a complex cultural phenomenon. The metaphor ‘dancing on a volcano’ serves to illustrate the dynamics of addiction from a cultural vantage point. At its core lies the assumption that addictive behavior reflects intrapsychic conflicts and unconscious tensions. I employ the metaphor ‘dancing on a volcano’ as a guiding motif, as it vividly encapsulates the tension between control and the loss of control from a psychoanalytic perspective. The interplay between guilt and shame, along with the social dynamics that emerge from it, is discussed within the framework of cultural context. The text advocates for a more profound psychoanalytic exploration of addiction dynamics – one that equally considers cultural transformation processes, ego structures, and transference phenomena.
Keywords: loss of control, countertransference, addiction, culture, psychoanalytic-interactional method (PIM)
Maximilian Stützer
Psychologe M.A. und Psychotherapeut i.A.
am Institut für Psychotherapie Potsdam
in den Verfahren Tiefenpsychologie und
Psychoanalyse, tätig in Lehrpraxis in Berlin.
Außerordentliches Mitglied der DGPT.
maxstuetzer@me.com
„Circe, die Göttin der tausend Drogen…“
Rausch und Entgrenzung in der postmodernen Homer-Adaption von Lob & Pichard
Thomas Ballhausen
Zusammenfassung
Mit ihrer Homer-Adaption Odysseus bieten Jacques Lob und Georges Pichard ihre radikale Neuinterpretation eines literarischen Klassikers an. In ihrer Interpretation des antiken Epos nehmen sie nicht nur wesentliche Perspektivenverschiebungen und Aktualisierungen vor, ihre Strategien des Erzählens lassen sich retrospektiv der Postmoderne zuordnen. Lob und Pichard ordnen sich mit ihrer gleichermaßen anspruchsvollen wie provokativen Adaption in eine lange Reihe von Auseinandersetzung mit Homer ein, wenngleich ihrem Buch aufgrund radikaler Aneignung und Transformation eine Sonderposition zukommt. In diesem Artikel wird auch deshalb nicht nur auf Verbindungen zur literarischen Vorlage eingegangen, sondern die Darstellung der Circe exemplarisch herausgehoben. An ihr lassen sich Momente der Entgrenzung und der Rauscherfahrung zeigen und in einem übergeordneten Kontext verhandeln.
Schlüsselwörter: Drogen/künstlerische Darstellung, Postmoderne, Graphic Novel/Comic
Summary
With their adaptation of Homer’s Odyssey, Jacques Lob and Georges Pichard offer a radical reinterpretation of a literary classic. In their interpretation of the ancient epic, they not only make significant shifts in perspective and updates, but their narrative strategies can also be retrospectively classified as postmodern. With their equally sophisticated and provocative adaptation, Lob and Pichard join a long line of interpretations of Homer, although their book occupies a special position due to its radical appropriation and transformation. For this reason, this article not only discusses connections to the literary source material, but also highlights the portrayal of Circe as an example: She allows moments of dissolution and intoxication to be identified and negotiated in a broader context.
Keywords: drugs/artistic representation, postmodernism, graphic novel/comic
Mag. DDr. Thomas Ballhausen
Autor, Kulturphilosoph, Literaturwissenschaftler.
Internationale Tätigkeit als Kurator,
Vortragender und Herausgeber. Lehrt und
forscht u. a. am Institut für Open Arts der
Universität Mozarteum Salzburg; aktueller
Leiter der Interuniversitären Einrichtung
Wissenschaft & Kunst (Salzburg).
t.ballhausen@gmail.com
Sucht als Abwehroperation – Abhängigkeitserkrankungen vor dem Hintergrund früher Kindheits- und Beziehungstraumata
Katja Fuchß
Zusammenfassung
Der Beitrag argumentiert für ein psychodynamisches Verständnis von Sucht, das abhängiges Verhalten primär als Abwehrorganisation gegen frühkindliche, quälende Affektlagen („Initialverstimmung“) konzeptualisiert. Aufbauend auf den Denkfiguren von Wolf-Detlef Rost und Roland Voigtel wird Sucht nicht als eigenständige Störungskategorie, sondern als funktionales, wenn auch destruktives Regulativ verstanden. Therapeutisch folgt daraus, dass Abstinenz ein Ziel, aber nicht die zwingende Eintrittsbedingung darstellt. Die Arbeit skizziert die zentralen Rahmenbedingungen, Interventionstechniken und therapeutische Haltung, welche die Arbeit mit verletzten inneren Anteilen, die Aktivierung von Ressourcen und die Integration des Geworden-Seins ermöglichen kann.
Schlüsselwörter: Initialverstimmung, unbelebtes Objekt, Regression, Trauma, donale Verschiebung, Abwehroperation, Sucht-Teufelskreis, Sucht als Abwehrorganisation
Summary
The article argues for a psychodynamic understanding of addiction that conceptualizes dependent behavior primarily as a defensive organization against early childhood, distressing affective states (‘initial dysphoria’). Building on the conceptual frameworks of Wolf-Detlef Rost and Roland Voigtel, addiction is not understood as an independent diagnostic category, but as a functional – albeit destructive – regulatory mechanism. Therapeutically, this implies that abstinence is a goal, but not a mandatory prerequisite for treatment. The paper outlines the central framework conditions, intervention techniques, and therapeutic attitude that can facilitate working with injured inner parts, activating resources, and integrating the patient’s becoming.
Keywords: initial dysphoria, inanimate object, regression, trauma, donal displacement, defense mechanism, vicious cycle of addiction, addiction as defensive organization
Katja Fuchß
Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin
(TP), freiberuflich tätig in eigener
Praxis in Berlin und an der Hochschulambulanz
der Internationalen Psychoanalytischen
Universität Berlin (IPU) sowie als Dozentin
an verschiedenen Ausbildungsinstituten für
Psychotherapie
katja.fuchss@gmail.com
Die psychoanalytisch-interaktionelle Methode als einheitliche therapeutische Haltung in der stationären Rehabilitation suchtkranker Menschen
Andreas Dieckmann
Zusammenfassung
Die konsistente Einstellung des Teams einer stationären Rehabilitation lässt Patientinnen und Patienten die Sicherheit der Objektkonstanz erleben. Die theoretischen Grundlagen sind vielfach publiziert. Der vorliegende Text fokussiert schwerpunktmäßig die praktische Umsetzung der psychoanalytisch-interaktionellen Haltung sowohl im Real- als auch im Therapieraum des klinischen Umfelds.
Schlüsselwörter: Psychoanalytisch-interaktionelle Methode, Objektkonstanz, Gegenübertragungs-/Übertragungsanalyse, antwortender Modus, stigmatisierende pseudotherapeutische Zuschreibungen, Einheit von
Real- und Therapieraum, Therapeutische Implikationen, Erfolg und Misserfolg in der Therapie
Summary
The consistent approach of the therapeutic team in inpatient rehabilitation allows patients to experience the security of object constancy. The theoretical foundations have been published many times. This text focuses on the practical implementation of the psychoanalytical-interactional approach both in the real and therapeutic space of the clinical environment.
Keywords: psychoanalytic-interactional method, object constancy, countertransference/transference analysis, responsive mode, stigmatizing pseudo-therapeutic attributions, unity of real and therapeutic space, therapeutic implications, success and failure in therapy
Dr. Andreas Dieckmann
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie,
Psychoanalyse, Sozialmedizin.
Bis 2014 Chefarzt der Hartmut-Spittler-
Fachklinik für Suchtrehabilitation in Berlin.
Lehranalytiker (DGPT), Dozent in der Suchttherapeutenausbildung
der DGWS; DGPT,
DGAP, tätig in freier Praxis.
dr.a.dieckmann@gmx.de
Vom Rückzug zur Beziehung: Behandlung und Entstehung von Pathologischer und Problematischer Internetnutzung
Verhaltenssüchte psychodynamisch verstehen – Möglichkeiten und Grenzen im ambulanten Setting
Valentina Albertini
Zusammenfassung
Der vorliegende Artikel untersucht die psychodynamische Behandlung verschiedener Verhaltenssüchte, darunter Internetabhängigkeit, Pathologisches Gaming, exzessives Streaming, Glücksspiel und zwanghaftes
Sexualverhalten. Neben einer Darstellung der diagnostischen Kriterien und der historischen Entwicklung des Störungsbildes wird eine vertiefte psychodynamische Analyse dieser Phänomene vorgenommen. Aufbauend auf den theoretischen Ansätzen Freuds, Bubers sowie zentraler Vertreter der Objektbeziehungstheorie wird die Bedeutung von Beziehungserfahrungen und der Präsenz eines realen Gegenübers im therapeutischen Prozess herausgearbeitet. Anhand klinischer Fallbeispiele wird illustriert, wie Beziehungsgestaltung im therapeutischen Setting zur Bearbeitung suchtbezogener Dynamiken beitragen kann. Abschließend wird die Rolle technologischer Entwicklungen, insbesondere künstlicher Intelligenzen, im Kontext zukünftiger Beziehungs- und Suchtphänomene kritisch reflektiert.
Schlüsselwörter: Verhaltenssüchte, Psychodynamik, Künstliche Intelligenz, Beziehungsgestaltung, psychodynamische Kombinationsbehandlungen aus Einzel- und Gruppentherapie
Summary
This article examines the psychodynamic treatment of various behavioral addictions, including Internet Addiction, Pathological Gaming, Excessive Streaming, Gambling and Compulsive Sexual Behaviour Disorder. In addition to presenting the diagnostic criteria and historical development of the disorder, an in-depth psychodynamic analysis of these phenomena is conducted. Building on the theoretical approaches of Freud, Buber, and key proponents of object relations theory, the importance of relationship experiences and the presence of a real counterpart in the therapeutic process is elaborated. Clinical case studies are used to illustrate how relationship building in the therapeutic setting can contribute to addressing addiction-related dynamics. Finally, the role of technological developments, especially artificial intelligence, in the context of future relationship and addiction phenomena is critically reflected upon.
Keywords: behavioral addictions, psychodynamics, artificial intelligence, relationship building, psychodynamic combined treatment of individual and group therapy
Valentina Albertini
Diplom-Psychologin, Lehrtherapeutin und
Supervisorin an der Berliner Akademie
für Psychotherapie (BAP). Niedergelassen
in Berlin in eigener Praxis als Psychoanalytikerin
(DGPT), Gruppenanalytikerin und
Tiefenpsychologin mit dem Schwerpunkt
Verhaltenssüchte. Mitglied des Arbeitskreises
OPD Abhängigkeitserkrankungen. Bis Ende
2025 Koordination der Arbeitsgruppe „Beratung
und Behandlung von internetbezogenen
Störungen“ des Fachverbands Medienabhängigkeit
in Deutschland.
praxis-albertini@gmx.com
Leere Erregung: Psychoanalytische Überlegungen zu Sexsucht, Liebessucht und Perversion im Film Shame (2011)
Nora Kühnert & Aaron Lahl
Zusammenfassung
Der Artikel untersucht die Dynamik der „Sexsucht“ am Beispiel von Steve McQueens Shame (2011) vor dem Hintergrund psychoanalytischer Theorien der Perversion. Anhand der Figur Brandon Sullivan zeigt sich Sexualisierung als Abwehrmechanismus gegen Nähe, Scham, Trauer und Wut. Die filmische Inszenierung kalter, leerer und anonymer Räume in Shame verweist auf die spätkapitalistische Subjektivität, welche mit Dynamiken der inneren Leere korrespondiert. Brandons Schwester Sissy leidet als magnetischer Gegenpol zu ihrem Bruder an einem Syndrom der Liebessucht, das als alternative Verarbeitung geteilter Erfahrung von Deprivation, Trauma und Migration verstehbar ist. Shame inszeniert die Dynamik einer explosiven Geschwisterbeziehung, die zwischen Zärtlichkeit, inzestuöser Spannung und Zerstörung oszilliert. McQueens Film zeigt aber nicht nur psychobiografische Fallstudien, sondern thematisiert – anhand des Wandels von New York – gesellschaftliche Veränderungen, die das Triebschicksal von Sex- oder Liebessucht bedingen.
Schlüsselwörter: Sexsucht, Liebessucht, Perversion, Geschwister, Filmanalyse, Psychoanalyse
Summary
This article examines the dynamics of ‘sex addiction’ using Steve McQueen’s Shame (2011) as an example against the backdrop of psychoanalytic theories of perversion. Based on the character Brandon Sullivan, sexualization is shown to be a defense mechanism against intimacy, shame, grief, and anger. The cinematic staging of cold, empty, and anonymous spaces in Shame refers to late capitalist subjectivity, which corresponds to the dynamics of inner emptiness. Brandon’s sister Sissy, as a magnetic counterpart to her brother, suffers from a syndrome of love addiction, which can be understood as a different way of processing shared experiences of deprivation, trauma, and migration. Shame stages the dynamics of an explosive sibling relationship that oscillates between tenderness, incestuous tension, and destruction. McQueen’s film not only shows psychobiographical case studies, but also addresses – based on the transformation of New York – social changes that determine sex or love addiction as a vicissitude of drive.
Keywords: sex addiction, love addiction, perversion, siblings, film analysis, psychoanalysis
Nora Kühnert
Psychologin und Kulturanthropologin;
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der
Humboldt-Universität zu Berlin; Psychotherapeutin
in Ausbildung (TP-AP DGPT/DPV);
Redakteurin bei Signorelli – Zeitschrift für
Psychoanalyse und Kulturtheorie, Vorstandsmitglied
Gesellschaft für Psychoanalyse und
Kulturtheorie e.V.
nora.kuehnert.1@hu-berlin.de
rausch - Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
14. Jahrgang • 2025 • Heft 3-4
Pabst, 2025 ISSN 2190-443X















