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Forensische Psychiatrie und Psychotherapie

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2025-1 (129)

Inhaltsverzeichnis

 

Perspektivenerweiterung Psychosomatik
Beate Muschalla  

Eudaimonie und Weisheit. Eine Untersuchung mit dem Questionnaire of Eudamonic Wellbeing (QEWB) und der Mehrdmensionalen Weisheitskompetenz-Skala (MWC15)
Michael Linden, Deborah Drieschner

Erfassung des emotionalen Stils im Kontext psychischer und physischer Erkrankung: Validierung des „Fragebogens zum emotionalen Stil (FEMOS)“
Corinna Elisabeth Burgstedt, Stefanie Puderbach, Johanna Marie Schröder, Daniela Hosser

Erfassung und Beschreibung psychosozialer Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen mit dem Mini-ICF-APP-Youth
Beate Muschalla, Lisa Eckert, Samira Dolle

Mental Health First Aid (MHFA) – Pilotprojekt eines Beratungsangebots an einer Technischen Universität
Lilly Paulin Werk, Ina von Zelewski, Beate Muschalla

JobcoachingAP (Jobcoaching am Arbeitsplatz) für Menschen mit einer Schwerbehinderung oder Gleichstellung am Beispiel Niedersachsen
Ulrike Marotzki, Monika Kitzmann, Esther Scholz-Minkwitz, Ina Schröter, Carlotta Wilke

Zusammenhang von Selbsthilfe und psychischem Wohlbefinden bei Patient*innen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung
Viktoria Liv Pollok, Mona Loof, Sofia Petrak, Hanna Horstmann, Sirin Mariye Yoldas, Louisa Feldhusen, Stella Lemke, Matthias Bethge

Die Entstehung und Entwicklung der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Braunschweig von 1941 bis 2024
Wolfgang Schulz, Kurt Hahlweg, Beate Muschalla


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:3-4
DOI: doi.org/10.2440/008-0036

Perspektivenerweiterung Psychosomatik
Beate Muschalla  
Technische Universität Braunschweig, Psychotherapie und Diagnostik


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:5-15
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0037

Eudaimonie und Weisheit. 
Eine Untersuchung mit dem Questionnaire of Eudamonic Wellbeing (QEWB) und der Mehrdmensionalen Weisheitskompetenz-Skala (MWC15)
Michael Linden, Deborah Drieschner
Charité Universitätsmedizin Berlin, Medizinische Klinik m.S. Psychosomatik, Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation (FPR)

 

Zusammenfassung 
Eine Frage, die seit der antiken Philosophie, aber auch in xder modernen Entwicklungspsychologie kontrovers diskutiert wird ist, ob menschliches Wohlbefinden und das Lebensziel vom Grad der Hedonie abhängt, d.h. guter Befindlichkeit und der Freiheit von Leiden, oder eher dem Grad der Eudaimonie, d.h. der Zufriedenheit mit dem, was man tut und erreicht hat, auch unter Inkaufnahme von Leiden. Dies hat unmittelbare Relevanz für die persönliche Lebensführung, die Erziehung, wie auch die Ausrichtung von Psychotherapie. Es wurden Personen in öffentlichen Verkehrsmitteln gebeten, den Questionnaire of Eudaimonic Wellbeing (QEWB), den Mehrdimensionalen Weisheitskompetenzfragebogen (MWC15) und den WHO5-Fragebogen zum Wohlbefinden auszufüllen. Für die eingesetzten Skalen finet sich ein gutes Cronbach Alpha. Eine Hauptkomponentenanalyse erbringt sinnvolle Faktoren. Die untersuchte Population zeigte auf dem WHO5 ein mittleres aktuelles Stimmungsniveau. Auf dem Eudaimonie-, wie auf dem Weisheitsfragebogen zeigten sich in etwa 90 % der Fälle gute Ausprägungen. Die Skalen korrelierten auf einem mittleren Niveau. Weisheit und Eudaimonie zeigten keinen Geschlechterunterschied. Eudaimonie war mit dem Alter korreliert. Die Daten der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass der QEWB und die MWC15 Instrumente mit guter Reliabilität und Validität sind und sinnvolle Ergebnisse erbringen. Mit der Einschränkung, dass Menschen untersucht wurden, die sich im öffentlichen Raum bewegt haben, findet sich, dass nach eigener Einschätzung eine hohe Eudaimonieorientierung und gute Weisheitskompetenzen vorliegen.

Schlüsselwörter: Wohlbefinden, Lebensziel, Eudaimonie, Weisheit 

 

Eudaimonia and wisdom. A survey with the Questionnaire of Eudamonic Wellbeing (QEWB) and the Multi-Dimensional Wisdom Competence Scale (MWC15)
 

Abstract 
Since ancient philosophy and also in modern life span psychology it is controversially discussed whether human well-being and the goal of life means hedonia, i.e. a positive state of mind and freedom from suffering, or rather eudaimonia, i.e. satisfaction with what one does and has achieved, even with the acceptance of suffering. This distinction is relevant for the personal lifestyle, encounter with other persons, and even psychotherapy. Persons on public transport were asked to answer the Questionnaire of Eudaimonic Wellbeing (QEWB), the Multidimensional Wisdom Competence Questionnaire (MWC15) and the WHO5 Wellbeing Questionnaire. The scales show good reliability and yield meaningful factors in a principal component analysis. The study population showed a medium score on the WHO5. On the eudaimonia questionnaire as well as on the wisdom questionnaire, good scores were seen in about 90% of the cases. The scales correlated at a medium level. Wisdom and eudaimonia showed no gender difference. Eudaimonia was correlated with age. The data show that the QEWB and the MWC15 are instruments with good reliability and validity and produce meaningful results. The majority of persons show good eudaimonia and wisdom scores. Limitations are that the recruitment procedure favours active persons.

Key words: well-being, life goal, eudaimonia, wisdom 


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:16-25
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0038

Erfassung des emotionalen Stils im Kontext psychischer und physischer Erkrankung: Validierung des „Fragebogens zum emotionalen Stil (FEMOS)“
Corinna Elisabeth Burgstedt, Stefanie Puderbach, Johanna Marie Schröder, Daniela Hosser
Institut für Psychologie, Abteilung für Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Forensische Psychologie, Technische Universität Braunschweig 

 

Zusammenfassung 
Der emotionale Stil (Davidson & Begley, 2012) beschreibt die emotionale Reagibilität (Arousal, Aktivierung, Aufmerksamkeit, (Selbst-)Regulation), mit der Menschen auf Umweltreize reagieren und mit dieser interagieren. Das Konzept knüpft an moderne Temperamentsdefinitionen und Befunde der affektiven Neurowissenschaften an. Sechs Dimensionen (Grundeinstellung, Resilienz, Soziale Intuition, Selbstwahrnehmung, Kontextsensitivität, Aufmerksamkeit) kennzeichnen den emotionalen Stil, der je nach Ausprägung psychische Gesundheit und Selbstheilungskraft bzw. psychische Störungen befördern kann. Der neu entwickelte Fragebogen zum emotionalen Stil (FEMOS) erfasst die sechs Stildimensionen mit 24 Items. Die faktorielle Struktur des FEMOS und die internen Konsistenzen der Skalen wurden an einer Anfallsstichprobe von N = 685 (16-71 Jahre), die Validität anhand einer Teilstichprobe von n = 331 überprüft. Eine Hauptkomponentenanalyse bestätigt die sechsfaktorielle Struktur. Der Fragebogen weist mit wenigen Einschränkungen sehr gute bis solide psychometrische Kennwerte auf und zeigt die erwarteten Zusammenhänge zu inhaltlich verwandten Konstrukten. Er empfiehlt sich, auch aufgrund der einfach gewählten Sprache, für den ökonomischen Einsatz in Diagnostik und Therapieevaluation in klinischen und sozialmedizinischen Kontexten und im Einsatz bei Risikopopulationen.

Schlüsselwörter: Emotionaler Stil, Temperament, Affektive Neurowissenschaften, Validierung

 

Assessment of emotional style in the context of mental and physical illness: Validation of the “Questionnaire on Emotional Style (FEMOS)”
 

Abstract 
Emotional style (Davidson & Begley, 2012) describes the emotional responsiveness (arousal, activation, attention, (self-)regulation) with which people respond to and interact with environmental stimuli. The concept is based on modern definitions of temperament and findings from affective neuroscience. Six dimensions (Outlook, Resilience, Social Intuition, Self-Awareness, Context Sensitivity, and Attention) characterize the emotional style, which, depending on individual patterns, can promote mental health and self-healing or mental disorder. The newly developed Questionnaire on Emotional Style (FEMOS) measures the six style dimensions with 24 items. The internal structure of the FEMOS and the internal consistencies of the scales were tested on a sample of N = 685 (16-71 years), the validity on a subsample of n = 331. A principal component analysis confirmed the six-factor structure. The questionnaire exhibits very good to solid psychometric parameters and shows the expected correlations with related constructs. It is recommended for economical use in diagnostics and therapy evaluation in clinical and socio-medical contexts and for use with at-risk populations, also due to the simple language used. 

Keywords: emotional style, temperament, affective neuroscience, questionnaire, validation


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:26-38
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0039

Erfassung und Beschreibung psychosozialer Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen mit dem Mini-ICF-APP-Youth
Beate Muschalla, Lisa Eckert, Samira Dolle
Psychotherapie und Diagnostik, Technische Universität Braunschweig, Braunschweig, Germany

 

Zusammenfassung 
Der Alltag stellt nicht nur Erwachsenen, sondern auch Kindern und Jugendlichen vielfältige Anforderungen an psychosoziale Fähigkeiten. Erfassung und Beschreibung von Fähigkeitsprofilen, -stärken und -schwächen sind bei Fragen zu Schulleistungsverhalten, Alltags- und Belastungsbewältigung und Verhaltensentwicklung in sozialen Bezügen von Bedeutung. Die vorliegende Arbeit berichtet über die Entwicklung und inhaltliche Validierung des Fähigkeits-Assessments Mini-ICF-APP-Youth für Kinder und Jugendliche in Selbst- und Fremdrating, durchgeführt mit 52 Familien (19 Kinder, 33 Jugendliche und ihre Eltern). 
Kinder und Jugendliche und ihre Eltern können zu den 13 psychosozialen Fähigkeiten im Sinne des Mini-ICF-APP-Youth differenziert Auskunft geben. Die Fähigkeiten eignen sich als Explorationsmatrix, um über verhaltensbezogene Probleme von Kindern und Jugendlichen in der Alltagsbewältigung ins Gespräch zu kommen. 
Diagnostik und Beschreibung von Fähigkeiten ist von Bedeutung in Trainings- und Diagnostiksituationen bei Kindern und Jugendlichen. 
Im Sinne einer ganzheitlichen ICF-orientierten Diagnostik (WHO, 2005) strukturiert der Fähigkeitsbefund - über eine reine symptombezogene Diagnostik hinaus - wertvolle allgemeinverständliche Informationen zum konkreten alltagsrelevanten Verhalten. 
Fähigkeitsbezogene Diagnostik kann bei Kindern und Jugendlichen vor und während einer Psychotherapie, zur Therapiezielfindung und für das Veränderungsmonitoring von Nutzen sein. 

Schlüsselwörter: Mini-ICF-APP, Kinder, Jugendliche, Fähigkeiten, Schulfähigkeit, Soft Skills

 

Assessment of emotional style in the context of mental and physical illness: Validation of the “Questionnaire on Emotional Style (FEMOS)”
 

Abstract 
Everyday life requires psychosocial capacities not only in adults, but also in children and adolescents. The assessment and description of capacity profiles, strengths and weaknesses are important in questions relating to school performance, coping with everyday life and stress, and behavioral development in social relationships. This paper reports on the development and content validation of the Mini-ICF-APP-Youth capacity assessment for children and adolescents in self- and peer-rating, conducted with 52 families (19 children, 33 adolescents and their parents). 
Children and adolescents and their parents can provide differentiated information on the 13 psychosocial capacities as defined by the Mini-ICF-APP-Youth. The capacities are suitable as an exploration matrix for discussing behavior-related problems of children and adolescents in coping with everyday life. 
The diagnosis and description of capacities is important in training and diagnostic situations with children and adolescents. 
In the sense of a holistic ICF-oriented diagnosis (WHO, 2005), the capacity assessment - beyond a purely symptom-related diagnosis - structures information on specific behavior relevant to everyday life. 
Capacity-oriented diagnostics can be useful for children and adolescents in school or family psychology, or before and during psychotherapy. It can be used for determining training or therapy goals, and for documenting capacity development or -change. 
Keywords: Mini-ICF-APP, children, youth, adolescents, capacities, school capacity, soft skills


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:39-45
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0040

Mental Health First Aid (MHFA) – Pilotprojekt eines Beratungsangebots an einer Technischen Universität
Lilly Paulin Werk1,2, Ina von Zelewski1, Beate Muschalla2 
1 Betriebliches Gesundheitsmanagement, Technische Universität Braunschweig
2 Psychotherapie und Diagnostik, Technische Universität Braunschweig

 

Zusammenfassung 
Um psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegenzuwirken, wurde 2023 an der Technischen Universität Braunschweig ein Pilotprojekt zu Mental Health First Aid (MHFA) entwickelt. Es handelte sich um eine erste Erprobung des Ersthelferkonzeptes bei psychischen Belastungen. Es soll qualitativ untersucht werden, ob und wie dieses an der Technischen Universität Braunschweig von Beschäftigten angenommen wird, und wie sich MHFA-Ersthelfer in diese Rolle einfinden. Zudem sollte eine Evaluation der MHFA-Ersthelfer- und Klienten-Perspektive nach den Beratungsgesprächen erhoben werden, sowie die Art der Problemlagen, mit denen die MHFA-Beratung aufgesucht wird. 
Zehn Beschäftigte absolvierten eine 12-stündige Schulung zu lizensierten MHFA-Ersthelfern und führten ihre Tätigkeit ein Jahr aus. In diesem Zeitraum wurden die MHFA-Ersthelfer innerhalb der Universität bekannt gemacht (Webseite, Newsletter). Sie stehen insbesondere dem Wissenschaftspersonal als niederschwellige Ansprechpersonen bei psychischen Belastungen zur Verfügung. Nach der Kontaktaufnahme durch den Klienten mit dem MHFA-Berater soll möglichst kurzfristig ein Gesprächstermin vereinbart werden, in dem die Anliegen des Klienten exploriert werden. Der Ratsuchende wird ggf. an entsprechende Unterstützungsangebote der Universität oder extern innerhalb der Region weitervermittelt (z.B. Coaching im Betrieblichen Gesundheitsmanagement bei hoher Arbeitslast, Hausarzt,  Psychotherapieambulanz zur Abklärung einer psychischen Erkrankung). I.d.R. findet ein MHFA-Gespräch pro Klient statt. In Ausnahmefällen kann es dazu kommen, dass ein weiterer Termin angeboten wird (z. B. wenn sich die Situation kurzfristig verändert). Somit sollen die MHFA-Gespräche eine Art Wegweiser darstellen, psychisch belasteten Beschäftigten eine erste Anlaufstelle zu bieten und an ein für ihr Anliegen passendes Unterstützungsangebot weiterzuvermitteln. Die Ersthelfer sollen zur Vermeidung von Psychologisierung und Fehldiagnosen immer auf die Möglichkeit somatischer oder gesunder Leidenszustände verweisen, und ggf. auf professionelle Stellen für diagnostische Abklärung. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement begleitete diesen Prozess durch Fallsupervisionen und evaluierte die stattgefundenen Ersthelfergespräche.
Zwischen Oktober 2023 und September 2024 fanden insgesamt 14 Ersthelfergespräche statt, von denen sechs evaluiert wurden. Die Anliegen der Klienten waren dabei sehr unterschiedlich und betrafen sowohl den privaten als auch den Arbeitskontext. In drei Fällen bestand Verdacht auf das Vorliegen einer psychischen Erkrankung, in denen die Ersthelfer den Einbezug des Hausarztes und die Abklärung einer psychischen Erkrankung (z.B. in der Psychotherapieambulanz) empfahlen. Eine Person wurde wegen bestehender Konflikte am Arbeitsplatz zum arbeitsbezogenen Coaching weitervermittelt, einer weiteren wegen privater Belastungen der sozialpsychiatrische Dienst empfohlen. Beim sechsten Klienten lagen familiäre Belastungen vor, weshalb der Kontakt zu einer Erziehungsberatungsstelle vorgeschlagen wurde.
Dieses Pilotprojekt verdeutlicht, welche Herausforderungen es in der Umsetzung und Erstevaluation des Mental Health First Aid im betrieblichen Setting einer Universität zu bedenken gibt. Gemessen an der Beschäftigtenzahl (2250 wissenschaftlich Tätige, 5900 Beschäftigte insgesamt) wurden innerhalb eines Jahres die MHFA-Beratungen von vergleichsweise wenigen Personen (14, d.h. 0.23% aller Beschäftigten) in Anspruch genommen. Bei der Evaluation von praktischen Gesundheitsmaßnahmen wie MHFA sollte darauf geachtet werden, die durchführenden Personen (in diesem Fall die MHFA-Ersthelfer) intensiv über den Zweck und das Vorgehen der Evaluation zu informieren, um eine Teilnahme-Compliance herzustellen.  

Schlüsselwörter: Betriebliches Gesundheitsmanagement, Psychische Gesundheit, Mental Health First Aid (MHFA), MHFA-Evaluation

 

Mental Health First Aid (MHFA) – pilot project of a counselling service in a Technical University
 

Abstract 
A Mental Health First Aid (MHFA) pilot project was conducted at a technical university in 2023/24. The aim was to investigate whether and how the MHFA counselling intervention is accepted by scientific personnel at the Technische Universität Braunschweig, and how MHFA first aiders adapt to their role. This article provides information about the challenges in the implementation and evaluation of the Mental Health First Aid pilot project and first results of the evaluation of MHFA counselling for scientists.
The aim of MHFA counselling in an organizational context is to identify mental stress at an early stage, give advice to the clients, and counteract the stigmatization of mental health problems. Ten employees underwent a 12-lessons training for mental health first aiders and carried out their work for one year. The MHFA first aiders were made known within the university (website, newsletter). They were available to academic staff as first contacts for mental health problems. After an employee has contacted an MHFA, an appointment is arranged to explore the client’s problem and refer them to suitable support services at the university or in the region (e.g. work-related coaching in cases of work overload, specific counselling services, general practitioner, or psychotherapy outpatient clinic for diagnosis and potentially treatment of mental disorder). Usually, one MHFA counselling is held per client. In exceptional cases, a further appointment may be offered (e.g. in the event of short-term changes in the situation). The MHFA counsellings are therefore intended as a kind of “signpost” to offer employees with mental health problems an initial point of contact and to refer them to the appropriate support services for their concerns. To avoid psychologization and misdiagnosis, MHFA first aiders should always consider the possibility of somatic or healthy conditions and, if necessary, send the client to professional services for (medical) diagnostic clarification. Corporate Health Management accompanied this process through case supervision and evaluated the first aid meetings.
A total of 14 MHFA counselling have been done between October 2023 and September 2024, six could be evaluated. The clients’ topics varied greatly and related to both the private and work context. In three cases, the presence of a mental disorder was suspected, in which the first aiders recommended the involvement of the general practitioner and contact points for professional disorder diagnostics (e.g. psychotherapy outpatient clinic). One person was sent to work-related coaching due to existing work conflicts, another was sent to the social psychiatric service due to private stress. The sixth client reported family problems, and he was recommended an educational counseling center.
This pilot project illustrates the challenges that need to be considered when implementing and initially evaluating Mental Health First Aid in a university setting. Measured against the number of employees (approx. N=2250 academic staff, N=5900 all employees), comparatively few people (N=14, i.e. 0.23% of all employees) made use of the MHFA consultations within a year. When evaluating practical health interventions like MHFA, care should be taken to inform the people involved (in this case the mental health first aiders) in detail about the purpose and procedure of the evaluation, to achieve the highest possible level of compliance. Due to the low participation in the evaluation, no statements can be made about the clients’ perspective of the MHFA talks and possible side effects, which should be urgently investigated in further studies.

Keywords: Corporate Health Management, Mental Health, Mental Health First Aid (MHFA)


Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:46-59
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0041

JobcoachingAP (Jobcoaching am Arbeitsplatz) für Menschen mit einer Schwerbehinderung oder Gleichstellung am Beispiel Niedersachsen 
Ulrike Marotzki1, Monika Kitzmann1, Esther Scholz-Minkwitz1, Ina Schröter1, 
Carlotta Wilke1,2 
1 Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst 
  Hildesheim/Holzminden/Göttingen
2 Institut für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Diagnostik, 
  Technische Universität Braunschweig

 

Zusammenfassung 
In Deutschland haben Menschen mit Behinderung oft Schwierigkeiten, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Der Artikel beleuchtet das Jobcoaching am Arbeitsplatz (JobcoachingAP) in Niedersachsen, eine Maßnahme zur Unterstützung schwerbehinderter oder gleichgestellter Arbeitnehmer*innen. Ziel ist es, durch betriebliche JobcoachingAP-Interventionen Lernprozesse im Unternehmen zu initiieren und die Arbeitsfähigkeit sowie Teilhabe der Coachees zu verbessern. Während Integrationsfachdienste die Intervention initiieren, führen Jobcoach*innen diese aus. Der Artikel basiert auf drei Forschungsprojekten und zeigt die Struktur und Umsetzung des JobcoachingAP-Prozesses in Niedersachsen auf. Ziel ist, Praktiker*innen eine fundierte Einführung in das Konzept zu bieten und den Ablauf, die Rahmenbedingungen sowie potenzielle Einsatzmöglichkeiten zu erläutern.

Schlüsselwörter: Jobcoach*in, Coachee, Schwerbehinderter Mensch, JobcoachingAP, Integrationsfachdienst, Integrationsamt, JADE, JoNiMa, JoNi, JobcoachingAP-Prozess in Niedersachsen

 

JobcoachingAP (Jobcoaching at the Workplace) for People with Disabilities  
 

Abstract 
People with disabilities face challenges entering and staying in the general labor market. This article explores job coaching in the workplace (Jobcoaching am Arbeitsplatz - JobcoachingAP) and its implementation in Lower Saxony, Germany. JobcoachingAP is a targeted support intervention for employees with severely disabled or equivalent status. The intervention secures jobs by initiating learning processes for all parties involved through company JobcoachingAP interventions. These interventions enhance the employability and workplace inclusion of coachees. While the integration service initiates JobcoachingAP, job coaches are in charge of carrying out the workplace intervention. The article draws on three research projects, outlining the structure and implementation of the JobcoachingAP process in Lower Saxony. It provides practitioners with an introduction to the concept, familiarizing them with its process, framework, and potential applications. 

Keywords: job coach, coachee, severely disabled person, JobcoachingAP, integration service, integration office, JADE, JoNiMa, JoNi, JobcoachingAP process in Lower Saxony


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:60-69
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0042

Zusammenhang von Selbsthilfe und psychischem Wohlbefinden bei Patient*innen mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung 
Viktoria Liv Pollok*, Mona Loof*, Sofia Petrak, Hanna Horstmann, Sirin Mariye Yoldas, Louisa Feldhusen, Stella Lemke, Matthias Bethge 
* geteilte Erstautorenschaft

Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität zu Lübeck

 

Zusammenfassung 
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören zur Gruppe der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Sie sind durch Symptome wie Durchfall, Stuhlinkontinenz und Bauchschmerzen gekennzeichnet, die die soziale Teilhabe und die psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen können. 
Die Studie untersuchte, ob Selbsthilferessourcen mit dem psychischen Wohlbefinden von Patient*innen mit CED assoziiert sind. Wir führten eine querschnittliche Beobachtungsstudie durch und rekrutierten in Deutschland für eine Online-Umfrage von Oktober bis Dezember 2023 210 Patient*innen mit CED. Das psychische Wohlbefinden wurde mit dem 5-Item Mental Health Index des 36-Item Short-Form Health Survey erhoben. Neben der Kenntnis und Nutzung von Selbsthilfe- und weiteren Unterstützungsangeboten wurden auch die Krankheitsaktivität, die soziale Unterstützung sowie soziodemografische Merkmale als erklärende Variablen betrachtet. 
Wir fanden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Selbsthilfe und dem psychischen Wohlbefinden bei Patient*innen mit CED (b = 0,43, p = 0,867). Sowohl die Korrelationsanalysen als auch die Regressionen identifizierten jedoch signifikante Zusammenhänge zwischen der Krankheitsaktivität und der sozialen Unterstützung mit dem psychischen Wohlbefinden. Die Krankheitsaktivität war signifikant negativ mit dem psychischen Wohlbefinden assoziiert (b = -5,86, p < 0,001), während die erlebte soziale Unterstützung signifikant positiv assoziiert war (b = 6,46, p < 0,001). Soziodemografische Merkmale zeigten keine Zusammenhänge mit dem psychischen Wohlbefinden.
Zukünftige Forschung sollte die Krankheitsaktivität und die soziale Unterstützung als potenzielle konfundierende Faktoren berücksichtigen, wenn das psychische Wohlbefinden von Patient*innen mit CED untersucht wird. In der Versorgung von Patient*innen mit CED sollten diese frühzeitig auch über Selbsthilfeangebote informiert werden, denn rund ein Drittel der Teilnehmenden würde Selbsthilfeangebote nutzen, kannte diese aber nicht.

Schlüsselwörter: CED, Selbsthilfe, psychisches Wohlbefinden, Krankheitsaktivität, soziale Unterstützung, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

 

Self-help and psychological well-being in patients with inflammatory bowel disease
 

Abstract 
Crohn's disease and ulcerative colitis belong to the group of chronic inflammatory bowel diseases (IBD). They are characterized by symptoms such as diarrhea, fecal incontinence and abdominal pain, which can significantly impair social participation and mental health. The study investigated whether self-help resources are associated with the psychological well-being of patients with IBD. 
We conducted a cross-sectional observational study and recruited 210 patients with IBD in Germany for an online survey from October to December 2023. Mental well-being was assessed using the 5-item Mental Health Index of the 36-item Short-Form Health Survey. In addition to knowledge and use of self-help and other support services, disease activity, social support and socio-demographic characteristics were also considered as explanatory variables.  We found no significant correlation between self-help and psychological well-being in patients with IBD (b = 0.43, p = 0.867). However, both the correlation analyses and the regressions identified significant associations between disease activity and social support with psychological well-being. Illness activity was significantly negatively associated with psychological well-being (b = -5.86, p < 0.001), while experienced social support was significantly positively associated (b = 6.46, p < 0.001). Socio-demographic characteristics showed no correlation with psychological well-being.
Future research should consider disease activity and social support as potential confounding factors when examining the psychological well-being of patients with IBD. In the care of patients with IBD, they should also be informed about self-help services at an early stage, as around one third of participants would use self-help services but was unaware of them.

Keywords: IBD, self-help, psychological well-being, disease activity, social support


Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation, 2025.38:71-100
DOI: https://doi.org/10.2440/008-0043

Die Entstehung und Entwicklung der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Braunschweig von 1941 bis 2024
Wolfgang Schulz, Kurt Hahlweg, Beate Muschalla
Institut für Psychologie, Technische Universität Braunschweig

 

Zusammenfassung 
Von der Entwicklung der Klinischen Psychologie einer Technischen Universität von den 1940er Jahren bis 2024 erzählt dieser Beitrag. Zahlen, Daten und Fakten zu wechselnden gesetzlichen Rahmenbedingungen, gestaltenden Personen, den Ausbildungs- und Forschungsschwerpunkten werden berichtet. Dabei lassen sich Generationenwechsel, systembedingte Umbrüche, und Aufwüchse erkennen. Rote Fäden, die die „Tradition“ eines Instituts ausmachen, werden sichtbar: So gab und gibt es an der klinischen Psychologie der TU Braunschweig schon immer eine starke klinische und Anwendungsorientierung. Mittlerweile deckt die Ausbildung und Patientenversorgung die verschiedenen Altersbereiche (Kinder und Jugendliche, Erwachsene) ab. Es wird traditionell klinisch-psychologisch ein symptomorientiertes Verständnis verfolgt, in jüngerer Zeit ergänzt durch eine für Lebensspanne- und Teilhabe-Behandlung chronischer Erkrankungen unabdingbare Fähigkeits- und Kontextorientierung.  

Schlüsselwörter: Psychologisches Institut, Braunschweig, Klinische Psychologie, Entwicklung, Geschichte

 

The development of the clinical psychology and psychotherapy unit at the Technical University of Braunschweig, Germany, from 1941 to 2024
 

Abstract 
This article describes the historical development of a department for Clinical Psychology at a Technical University from its beginnings in the 1940s to 2024. Figures, data and facts on the changing legal framework, the people who shaped the institute, core topics of education and research are reported. Generational changes and system-related upheavals can be recognized. Red threads that make up the “tradition” of an institute become visible: Clinical psychology at the TU Braunschweig has always had a strong clinical and application orientation. The institute now offers psychotherapeutic care and research for various age groups, i.e. children, adolescents, and adults. Teaching, research and outpatient care considers the traditional clinical-psychological symptom-orientation, but presently adds the capacity- and context orientation, which is essential for the diagnosis and treatment of chronic mental illness.  

Keywords: Psychology institute, Braunschweig, history, clinical psychology, development

 


 

Psychosoziale und Medizinische Rehabilitation
38. Jahrgang • 2025 • Heft 1 (129)
Pabst, 2025
ISSN 0933-842X
 

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