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Forensische Psychiatrie und Psychotherapie

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2024-4

Inhaltsverzeichnis

 

Editorial
Martin Wallroth

Ethik, Moral, Ethos – Aristoteles, Kant, Nietzsche, Scheler, Habermas – oder: Gibt es auf Erden ein Maß?
Martin Poltrum

Ethik des Argumentierens – falsche Argumente, um richtige Thesen zu stützen
Alfred Uhl

Suchterkrankungen = Gehirnerkrankungen?
Gallus Bischof

 Bildstrecke:
„Winter in Wien. Vom Verschwinden einer Jahreszeit“

Sonja Bachmayer

Psychoedukation oder Indoktrination?
Eine ethische Grundsatzfrage in der Suchtbehandlung
Martin Wallroth

Ganz oder gar nicht? Das Feld zwischen Abhängigkeit und Abstinenz in der Tabakprävention bespielen
Heino Stöver & Larissa Steimle

Der wilde Mann mit Kokain im Blut, der einem Rauchverbot nicht folgen wollte – Überlegungen zum psychodynamischen Verständnis des Kokain- und Tabakkonsums Sigmund Freuds
Michael G. Semeraros

Rezension:
Psychedelika und Psychoanalyse: Erkundungen im Spannungsverhältnis.

Zum Buch von David Reincke „A Freudian Trip. Zum Verhältnis von Psychoanalyse und psychedelischer Erfahrung“
Maximilian Römer


 

Editorial
Martin Wallroth

Prof. Dr. Martin Wallroth
M.A. phil., Diplom-Psychologe
Lehrgebiet Ethik in der Sozialen Arbeit
Senatsbeauftragter für Studierende mit
Beeinträchtigungen
FH Münster –University of Applied Sciences,
Fachbereich Sozialwesen
Hüfferstraße 27
D-48149 Münster
wallroth@fh-muenster.de


 

Ethik, Moral, Ethos – Aristoteles, Kant, Nietzsche, Scheler, Habermas – oder: Gibt es auf Erden ein Maß?
Martin Poltrum


Zusammenfassung
Im Beitrag werden die Begriffe Ethik, Moral, Ethos geklärt und die ethischen Positionen von Aristoteles, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Max Scheler und Jürgen Habermas vorgestellt und diskutiert. Da die genannten Denker Vertreter der Tugendethik, der Gesinnungsethik, der deontologischen Ethik, der Diskursethik, der Wertethik und der psychologistischen Ethik sind, wird behandelt, aus welcher moralphilosophischen Perspektive diese unterschiedlichen Ethiken die Fragen nach dem rechten Maß des Handelns stellen.

Schlüsselwörter: Ethik, Moral, Ethos, Tugend, Werte, Gesinnung, Aristoteles, Kant, Nietzsche, Scheler, Habermas, kategorischer Imperativ


Abstract
This paper clarifies what is meant by ethics, morality, ethos and presents and discusses the ethical positions of Aristotle, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Max Scheler and Jürgen Habermas. As the aforementioned thinkers are proponents of virtue ethics, ethics of conviction, deontological ethics, discourse ethics, value ethics and psychologistic ethics, this paper discusses the moral-philosophical perspective from which these different ethics pose the question of the right measure of action.

Keywords: ethics, morality, ethos, virtue, values, basic convictions, Aristotle, Kant, Nietzsche, Scheler, Habermas, categorical imperative

Univ.-Prof. Dr. Martin Poltrum
Professor für Psychotherapiewissenschaft
an der Sigmund-Freud-Privatuniversität
Wien; Philosoph, Psychotherapeut,
Lehrtherapeut
martin.poltrum@sfu.ac.at


 

Ethik des Argumentierens – falsche Argumente, um richtige Thesen zu stützen
Alfred Uhl


Zusammenfassung
Der Text betont einerseits die Notwendigkeit, populäre Statistiken und deren Interpretationen im Sinne des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls problematische Interpretationen deutlich zu kritisieren. Nur so kann sich die Wissenschaft sinnvoll weiterentwickeln. Gleichzeitig argumentiert der Text, dass Kritik an wissenschaftlichen Argumenten unter Umständen bei einem Teil der RezipientInnen wissenschaftsfeindliche Haltungen begünstigen kann. In diesem Sinne ergibt sich die Gefahr, dass der streng rationale, kritisch-wissenschaftliche Diskurs paradoxerweise den Irrationalismus in der Gesellschaft fördert. Personen, die von bestimmten Sichtweisen oder Maßnahmen überzeugt sind und bemerken, dass irrationale Argumente für diese Positionen ins Feld geführt werden, stehen damit vor einem Dilemma. Kritisieren Sie die inadäquaten Argumente, schwächen sie damit den Stellenwert jener Positionen, von denen sie inhaltlich überzeugt sind, riskieren unerwünschten Applaus von GegnerInnen und Unverständnis von Gleichgesinnten. Verzichten sie hingegen auf diese Kritik, ergibt sich ein ethisches Problem. Es ist für Forschende inakzeptabel, wissentlich falsche Argumente zur Stützung von Schlussfolgerungen anzuerkennen oder diese gar zu verwenden. Im vorliegenden Text werden einige Beispiele angeführt, wo irrationale Argumente zur Stützung von richtigen Sichtweisen bzw. sinnvollen Maßnahmenvorschläge herangezogen werden und sich daher das zuvor beschriebene Dilemma ergibt. Das erste Beispiel betrifft eine inadäquate Statistik aus der COVID-19-Forschung, die immer wieder zur Rechtfertigung sinnvoller Maßnahmen herangezogen wurde. Die folgenden Beispiele beziehen sich auf die fehlerhafte Interpretation ökologischer Zeitreihenkorrelationen in Bezug auf Substanzkonsum
und Lebenserwartung, auf die zweifelhaften Einschätzungen der volkswirtschaftlichen Kosten des Substanzgebrauchs, auf die problematische Erfassung von substanzbezogenen vorzeitigen Todesfällen sowie
auf unangemessene Schlussfolgerungen zum Thema Alkoholkonsum während der Stillzeit.


Schlüsselwörter: Forschungsmethodologie, Fehlschlüsse, Substanzmissbrauch, Sucht, Ethik

 

Summary
The text emphasizes the necessity of critically questioning and criticizing the interpretation of popular statistics to support the advancement of scientific knowledge. Only in this way can science develop meaningfully. At the same time, the text argues that criticizing scientific arguments can foster anti-scientific attitudes among some recipients. In this sense, there is a relevant danger that a strictly rational, critical-scientific discourse paradoxically promotes anti-scientific irrationalism in society. Individuals who are convinced of certain viewpoints or measures and realize that irrational arguments are being used to support these positions face a dilemma. If they criticize inadequate arguments supporting convictions they share, they undermine their own positions, risking unwanted applause from opponents and hostile reactions from like-minded individuals. If they refrain from such criticism, an ethical problem evolves. It is unacceptable for researchers to knowingly acknowledge or use false arguments to support their own convictions. The text presents several examples where irrational arguments are used to support sensible viewpoints or measures, leading to the aforementioned dilemma. The first example concerns an inadequate statistic used in COVID-19 research, which has been repeatedly used to justify sensible measures. Other examples pertain to the faulty interpretation of ecological time-series correlations regarding substance use and life expectancy, the dubious assessments of the economic costs of substance use, the problematic recording of substance-related premature deaths, and inappropriate conclusions about alcohol consumption during the breastfeeding period.


Keywords: research methodology, logical fallacies, substance abuse, addiction, ethics

 

Priv.-Doz. Dr. Alfred Uhl
Gesundheitspsychologe, seit 1977 in der Suchtforschung tätig. Abteilungsleiter Stv. des Kompetenzzentrums Sucht der Gesundheit Österreich GmbH und stv. Leiter des englischen PhD-Programms der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien.
Forschungsschwerpunkte: Epidemiologie, Prävention, Suchtpolitik, Evaluation, Forschungsmethodologie
alfred.uhl@sfu.ac.at


 

Suchterkrankungen = Gehirnerkrankungen?
Gallus Bischof


Zusammenfassung
Ein seit der Zunahme neurobiologischer Paradigmen in Teilen der Wissenschaftscommunity verbreitetes Erklärungsmodell zu Abhängigkeitserkrankungen begreift das Abhängigkeitsgeschehen als durch Veränderungen der Hirnstruktur bedingt. Demnach führt die fortlaufende Exposition gegenüber Suchtmitteln zu dauerhaften Veränderungen in der Hirnstruktur, die zu qualitativen Unterschieden zwischen Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Menschen ohne Abhängigkeitserkrankungen führen. Aus dem Modell wurden popularisierte Erklärungsmodelle abgeleitet, nach denen Betroffene sukzessive die willentliche Steuerung über ihren Substanzkonsum verlieren. Entgegen der öffentlichen Vermarktung des Modells wurden Grundannahmen frühzeitig von renommierten Forschenden zu Abhängigkeitserkrankungen kritisiert. Der vorliegende Beitrag analysiert Axiome des Modells hinsichtlich ihres empirischen Erklärungswertes und der Nützlichkeit bezüglich Behandlung und Prävention.


Schlüsselwörter: Gehirnerkrankung, Sucht, Stigma


Abstract
Since the rise of neurobiological paradigms in parts of the scientific community, an explanatory model for addiction disorders has been widely used, which sees addiction as being caused by changes in the brain structure. According to this model, ongoing exposure to addictive substances leads to permanent changes in the brain structure, which result in qualitative differences between people with addiction disorders and people without addiction disorders. Popularized explanatory models have been derived from the model, according to which those affected gradually lose voluntary control over their substance use. Contrary to the public marketing of the model, basic assumptions were criticized early on by renowned researchers on addiction disorders. This article analyzes basic tenets of the model with regard to their empirical explanatory value and usefulness for treatment and prevention.


Keywords: brain disease model, addiction, stigma

 

Gallus Bischof
Universität zu Lübeck
Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie
Ratzeburger Allee 160
D-23538 Lübeck
gallus.bischof@uksh.de

 


 

Psychoedukation oder Indoktrination?
Eine ethische Grundsatzfrage in der Suchtbehandlung
Martin Wallroth


Zusammenfassung
Jenseits offen autoritärer Indoktrination, wie sie aus der „traditionellen“ Suchtbehandlung durchaus vertraut ist, gibt es subtilere und manipulativere Formen der Indoktrination, die – so ist zu befürchten – problemlos im Gewand der Psychoedukation auftreten können. Die Vermeidung einer Verwechslung von Psychoedukation und Indoktrination erscheint vor diesem Hintergrund als ungelöste ethische Aufgabe, die dauerhaft Wachsamkeit erfordert. Der Beitrag verwendet einen aktuellen und repräsentativen Lehrbuchtext zum Thema Psychoedukation als Ausgangsmaterial für eine kritische Analyse, um die Notwendigkeit einer solchen Wachsamkeit, die „freischwebend“ sein und in alle Richtungen sichern muss, beispielhaft zu demonstrieren.


Schlüsselwörter: Psychoedukation, Indoktrination, Ethik der Suchthilfe


Abstract
Beyond overtly authoritarian indoctrination, as is quite familiar from ‘traditional’ addiction treatment, there are subtler and more manipulative forms of indoctrination which, as is to feared, can easily appear in the guise of psychoeducation. Against this backdrop, avoiding the conflation of psychoeducation and indoctrination appears to be an unresolved ethical task requiring sustained vigilance. The paper uses a current and representative textbook text on the topic of psychoeducation as the starting material for a critical analysis to demonstrate by way of example the need for such vigilance, which must be ‘free-floating’ and secure in all directions.


Keywords: psychoeducation, indoctrination, ethics of addiction care

 

Prof. Dr. Martin Wallroth
M.A. phil., Dipl.-Psych.
wallroth@fh-muenster.de

 


 

Ganz oder gar nicht? Das Feld zwischen Abhängigkeit und Abstinenz in der Tabakprävention bespielen
Heino Stöver & Larissa Steimle


Zusammenfassung
Das Rauchen von Verbrennungszigaretten ist in Deutschland nach wie vor weit verbreitet. Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern gilt Deutschland als Hochkonsumland und liegt auch im Hinblick auf die Umsetzung von Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums im internationalen Vergleich weit zurück. Ein Blick auf Länder, die als positive Beispiele gelten, zeigt, dass diese alternative Formen der Nikotinaufnahme, wie E-Zigaretten, zum Bestandteil einer übergeordneten Harm Reduction-Strategie zur aktiven Unterstützung von RaucherInnen gemacht haben. Es bedarf daher eines grundsätzlichen Umdenkens in Deutschland, weg von einer passiven und ausschließlich abstinenzorientierten Tabakkontrollpolitik hin zu einer aktiven, akzeptierenden und individuellen Unterstützung aller RaucherInnen.


Schlüsselwörter: Harm Reduction, Schadensminimierung, Rauchen, E-Zigarette, Tabakkontrollpolitik


Summary
Smoking combustible cigarettes remains widespread in Germany. Especially in comparison to other countries, Germany is considered a high-consumption country and also lags far behind in the implementation of tobacco control measures compared to the international context. A look at countries that are seen as positive examples shows that they have made alternative forms of nicotine intake, such as e-cigarettes, part of an overarching harm reduction strategy to actively support smokers. Therefore, a fundamental shift in thinking is needed in Germany, away from a passive and solely abstinence-oriented tobacco control policy towards an active, accepting, and individualized support for all smokers.


Keywords: harm reduction, smoking, e-cigarettes, tobacco control policy

Prof. Dr. Heino Stöver
Professor für Soziale Arbeit und Gesundheit
Frankfurt University of Applied Sciences
Leiter des Instituts für Suchtforschung
Frankfurt
hstoever@fb4.fra-uas.de


 

Der wilde Mann mit Kokain im Blut, der einem Rauchverbot nicht folgen wollte – Überlegungen zum psychodynamischen Verständnis des Kokain- und Tabakkonsums Sigmund Freuds
Michael G. Semeraro


Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob Sigmund Freuds Kokain- und Tabakkonsum auch in einem Zusammenhang mit seinen strukturellen Fähigkeiten stehen kann. Mit Hilfe des Strukturkonzepts der Operationalisierten psychodynamischen Diagnostik wird diese Fragestellung eingehender untersucht. Dabei steht die Funktion der Selbstregulierung mit den darunter eingruppierten Fähigkeiten zur Impulssteuerung,
Affekttoleranz und Selbstwertregulierung besonders im Fokus. Freuds Selbstzeugnisse geben dabei einen Aufschluss über die psychodynamische Funktion seines Suchtmittelgebrauchs aus struktureller Perspektive. Die Betrachtung der persönlichen Mitteilungen macht deutlich, dass Freud Kokain und Tabak auch einnahm, um situationsbezogene strukturelle Vulnerabilitäten in den Bereichen der Affekt- und Selbstwertregulierung sowie der Impulssteuerung auszugleichen bzw. zu kompensieren.


Schlüsselwörter: Sigmund Freud, Suchtmittelkonsum, Kokain, Nikotin, Struktur, Selbstregulation


Summary
This article investigates whether Sigmund Freud’s use of cocaine and tobacco can also be related to his structural abilities. With the help of the structural concept of Operationalized Psychodynamic Diagnostics, this question is examined in more detail. The focus is on the function of self-regulation and the abilities grouped under it for impulse control, affect tolerance and self-esteem regulation. Freud’s self-reports provide information about the psychodynamic function of his drug use from a structural perspective. A look at the personal communications makes it clear that Freud also took cocaine and tobacco to balance out or compensate for situationrelated structural vulnerabilities in the areas of affect and self-esteem regulation as well as impulse control.


Keywords: Sigmund Freud, substance use, cocaine, nicotine, structure, self-regulation

 

Michael G. Semeraro
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Fachpsychologe für klinische Psychologie (BDP) und Tiefenpsychologe (DGIP).
Von 2010 bis 2016 Tätigkeit als Bezugstherapeut in der stationären und ambulanten Sucht-Rehabilitation, seit 2016 in eigener tiefenpsychologisch fundierter Praxis in Düsseldorf tätig. Behandlungsschwerpunkte:
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Suchterkrankungen, Co-Abhängigkeit sowie Erwachsenen suchtkranker Eltern.
Praxis für Psychotherapie
Bodinusstraße 2
D-40239 Düsseldorf
therapie@tiefenpsychologie-semeraro.de


Rezension

Psychedelika und Psychoanalyse:
Erkundungen im Spannungsverhältnis
Maximilian Römer

 


rausch -  Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
13. Jahrgang • 2024 • Heft 4
Pabst, 2024 ISSN 2190-443X 

 

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