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Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie - Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen

Die Weisheitspsychologie ist ein vergleichsweise neues Forschungsgebiet, das im Rahmen der Lebensspannenforschung und Gerontopsychologie entwickelt wurde. Weisheit kann definiert werden als Expertise zur Bewältigung schwieriger Lebensfragen und ist ein Resilience- und Copingfaktor im Umgang mit negativen Lebensereignissen. In dem vorliegenden Band wird dieses Konzept übertragen in die klinische Psychologie und Psychotherapie.

Weisheitskompetenzen umfassen (1) die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, (2) Empathiefähigkeit, (3) Emotionswahrnehmung und -akzeptanz, (4) Serenität, (5) Fakten- und Problemlösewissen, (6) Kontextualismus, (7) Wertrelativismus, (8) Nachhaltigkeitsorientierung, (9) Ungewissheitstoleranz, (10) Selbstdistanz und Anspruchsrelativierung.

Empirische Studien haben zeigen können, dass Menschen mit höheren Weisheitskompetenzen sich von belastenden Ereignissen besser distanzieren können, bessere Bewältigungsformen haben, erworbene Lebenserfahrungen auf neue Situationen übertragen können, sich mehr mit dem Wohlbefinden von anderen befassen und weniger an vergangenen unangenehmen Ereignissen festhalten.
Es konnte gezeigt werden, dass Weisheit lehr- und lernbar ist. Darauf aufbauend wurde im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie eine "Weisheitstherapie" entwickelt zur Behandlung von Belastungsreaktionen.

Rezension zum Buch

von V. Köllner, Blieskastel
(erschienen in: Ärztliche Psychotherapie 3-2009, S. 190)

Anpassungsstörungen wurden bisher in der Psychotherapieforschung überwiegend als Restkategorie behandelt: das auslösende Ereignis braucht nicht die Traumakriterien zu erfüllen und die Symptomatik muss unterhalb der Ausprägung einer genauer definierten psychischen Störung (z.B. leichte depressive Episode) liegen. Die Arbeitsgruppe um Michael Linden bemüht sich seit Jahren um eine präzisere diagnostische Fassung dieser in der therapeutischen Praxis häufig vorkommenden Störungsgruppe. Ein erster Ansatz ist das Konzept der "posttraumatischen Verbitterungsstörung". Auslöser hierfür ist ein Lebensereignis, das zwar nicht als Trauma im engeren Sinne bezeichnet werden kann, welches aber das bisherige Wertesystem und das Lebenskonzept des Betroffenen aus den Fugen geraten lässt. Mit dem hier vorliegenden Band über Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie wird nun erstmals ein Therapiemanual zur Behandlung der posttraumatischen Verbitterungsstörung vorgelegt. In einem sehr ausführlichen Theorieteil befassen sich die Autoren zunächst mit Anpassungsstörungen und Belastungsreaktionen und geben dann einen Überblick über Belastungsbewältigung sowie das Konzept von Weisheit und Weisheitskompetenzen. Im zweiten Teil des Buches wird dann ein manualisiertes Vorgehen zur Weisheitstherapie bei Patienten mit Verbitterungsstörung vorgestellt. Zum Therapiemanual gibt es bereits eine erste kontrollierte Studie, deren Ergebnisse ebenfalls dargestellt werden.

Patienten mit Verbitterungsstörungen sind psychotherapeutisch nur schwer zu behandeln, da sie die Ursache ihrer Problematik stark externalisieren und das eigene Leid nicht selten die Funktion erfüllt, das ihnen geschehene Unrecht zu bezeugen. Um dennoch einen therapeutischen Zugang zu finden, wählen die Autoren keinen defizitorientierten, sondern einen ressourcenorientierten Ansatz: die Vermittlung von Weisheit. Wie die Evaluationsergebnisse zeigen, scheint es hiermit möglich zu sein, diese bisher schwer therapierbaren Patienten erreichen zu können. Insofern ist der Band eine lohnende Lektüre - bei einem Buch zum Thema Weisheit hätte man sich an manchen Stellen allerdings eine etwas lebendigere Darstellung gewünscht.



2008, 132 Seiten,  ISBN 978-3-89967-490-3, Preis: 15,- Euro




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