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anders ver-rückt?!

Lesben und Schwule in der Psychiatrie

Jahrbuch Lesben - Schwule - Psychologie 2006

Homosexualität und Psychiatrie - das ist ein leidvolles Kapitel nicht nur in der Geschichte von Medizin und Psychologie, sondern vor allem in der Biographie ungezählter schwuler Männer und lesbischer Frauen. Nach mehr als hundert Jahren, in denen Schwule und Lesben kollektiv als geisteskrank erklärt, umgebracht, zwangsbehandelt oder ignoriert wurden, entstehen seit einigen Jahren psychiatrische Projekte, die psychisch kranken Lesben und Schwulen wirkliche Unterstützung bieten. Was heißt es, im psychiatrischen Kontext lesbisch oder schwul zu sein? Was heißt es, sich in der Szene als psychisch krank zu behaupten? In diesem ersten deutschsprachigen Buch zum Thema Homosexualität und Psychiatrie wird klar, dass Lesben und Schwule "anders ver-rückt" sind, also einen besonderen therapeutischen Rahmen brauchen und verdienen.

156 Seiten, ISBN 3-89967-305-0, Preis: 15,- Euro


Rezension zu diesem Buch:

Praxis und Theorie rund ums Thema
In einzelnen Artikeln beschäftigen sich Fachleute aus Praxis und Theorie mit Fragen rund um das Thema Homosexualität und Psychiatrie. Inhaltlich geht es unter anderem um die Frage, was der spezielle Bedarf homosexueller Menschen in der psychiatrischen Versorgung ist. Interessant auch die Darlegungen zum Thema, wie sich die als Wissenschaft verstehende Psychiatrie historisch zur Homosexualität positioniert hat, und welchem Wandel sie dabei unterlegen ist.

Beispiele für professionelles Arbeiten
Dabei ist dieses Buch keinesfalls eine simple Abrechnung mit der bestehenden psychiatrischen Versorgung, obwohl dies angesichts der Erfahrungen homosexueller Menschen mit dem System durchaus verständlich wäre. Stattdessen werden beispielsweise psychiatrische Angebote beschrieben, die auf die speziellen Bedürfnisse des Klientels eingehen, und somit auch zeigen, wie professionell gearbeitet werden kann. Außerdem zeigen einzelne Autoren, welche Möglichkeiten es gibt, aus klinisch psychologischer Perspektive Lesben und Schwulen Unterstützung zu geben.
Die letzten Beiträge widmen sich dann theoretischen Perspektiven zur Homosexualität bzw. dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema, wobei hier überwiegend psychoanalytisch argumentiert wird. Ein sehr spannender englischsprachiger Artikel zum Thema Homophobie findet sich ebenfalls, der die Funktion von Homophobie im gesellschaftlichen Kontext beschreibt.

Breites Themenspektrum
Alles in allem sind in dem Band sehr interessante Artikel versammelt, die die psychologische und psychiatrische Arbeit mit Schwulen und Lesben sowie Theorien rund um Homosexualität reflektieren. Mitunter wirkten die einzelnen Arbeiten unverbunden, was aber sicher auch dem weit gefassten Oberthema geschuldet ist.
Neben der Geschichte der Homosexualität in der Psychiatrie und dem derzeitigen Stand der Dinge, über Homophobie und der Beschreibung einzelner Krankheitsbilder (Coabhängigkeit), therapeutischer Methoden (Genogrammarbeit und Mediation), der Beschreibung von Projekten für Homosexuelle, wird beispielsweise beschrieben, wie Homosexualität als Thema in die Ausbildung von Pflegekräften integriert werden kann.
Bei einem Buch von 153 Seiten ein wenig viel auf wenig Raum. Trotzdem sind die Artikel alle gut lesbar und insbesondere all denen zu empfehlen, die meinen, dass Homosexualität heutzutage doch so normal sei, dass es keine weitere Sensibilisierung für das Thema brauche. Die vorliegenden Aufsätze zeigen eine andere Realität und es macht Spaß, sich damit zu beschäftigen.


Dipl.-Psych. Marcus Behrens ist fachlicher Leiter des schwulen Info- und Beratungszentrums

Quelle:
http://www.paritaet-berlin.de/artikel/artikel.php?artikel=3593




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