Inhaltsverzeichnis
Editorial
Susanne Fricke & Martin Niebuhr
Zwangsgedanken in Liebesbeziehungen
Katharina Bey
Sense of Agency bei Menschen mit Zwangsstörung
Lena Jelinek, Lennard Altmann, Lea Schuurmans, Franziska Miegel, Amir H. Yassari, Frances Bohnsack & Jakob Scheunemann
Gemeinsam stark? Die Bedeutung des Gruppenklimas für die Bergen-Vier-Tages-Behandlung
Thomas Hillebrand
Die inferenzbasierte Therapie der Zwangsstörung
Christian Stierle
Best version of oneself to tackle OCD – Die Rolle von Mitgefühl in der Therapie von Zwangsstörungen
Mitteilungen des DVT
Ankündigungen
Rezension
EDITORIAL
WILLI ECKER
VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN
2024.45:328–340
https://doi.org/10.2440/006-0056
ZWANGSGEDANKEN IN LIEBESBEZIEHUNGEN
SUSANNE FRICKE & MARTIN NIEBUHR
ZUSAMMENFASSUNG: Zwangsgedanken in Liebesbeziehungen (Relationship Obsessive-Compulsive Disorder; ROCD) sind ein Subtyp der Zwangserkrankung, bei dem Betroffene unter aufdringlichen und belastenden Zweifeln an ihrem Partner oder an ihrer Beziehung leiden. Zur Bewältigung dieser Zweifel werden unterschiedliche mentale und offene Zwangshandlungen eingesetzt, die jedoch nur kurzfristig hilfreich sind. Die Erkrankung ist mit erheblichem psychischen Leidensdruck sowie negativen sozialen Folgen, insbesondere für die Partnerschaft, verbunden. Bislang gibt es nur wenige Studien zu diesem Subtyp. Auch bei Therapeuten ist er wenig bekannt und wird häufig als Beziehungsproblematik fehldiagnostiziert. Ziel dieses Artikels ist es daher, über diesen Subtyp zu informieren und Möglichkeiten der verhaltenstherapeutischen
Behandlung aufzuzeigen.
SCHLÜSSELWÖRTER: relationship obsessive-compulsive disorder, beziehungszentriertes zwanghaftes Zweifeln, partnerzentriertes zwanghaftes Zweifeln, kognitive Verhaltenstherapie, Exposition
RELATIONSHIP OBSESSIVE-COMPULSIVE DISORDER
SUMMARY: Relationship Obsessive-Compulsive Disorder (ROCD) is a subtype of OCD characterized by intrusive and distressing doubts about one’s partner or relationship. People affected by ROCD often engage in various mental and overt compulsive behaviors in an attempt to cope with these doubts, but these strategies only provide short-term relief. The disorder is associated with significant psychological distress and can have a negative impact on both the individual and the relationship. Despite its serious consequences, research on this OCD subtype is still limited. Furthermore, it is often underrecognized by therapists and is frequently misdiagnosed as a general relationship problem. This article aims to shed light on ROCD, provide valuable information about its characteristics, and explore behavioral therapy approaches for effective treatment.
KEYWORDS: relationship obsessive-compulsive disorder, relationship-centered obsessions, partner-focused obsessions, cognitive-behavioral therapy, exposure
PD DR. SUSANNE FRICKE
PSYCHOTHERAPEUTISCHE PRAXIS
HEGESTIEG 6
D-20249 HAMBURG
kontakt@dr-susanne-fricke.de
VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN
2024.45:341–355
https://doi.org/10.2440/006-0057
SENSE OF AGENCY BEI MENSCHEN MIT ZWANGSSTÖRUNG
KATHARINA BEY
ZUSAMMENFASSUNG: Der Sense of Agency (SoA) bezeichnet das subjektive Erleben, Urheber einer Handlung zu sein. Mithilfe eines Virtual Reality Paradigmas, in dessen Rahmen ein virtueller Herd unter verschiedenen experimentellen Bedingungen ausgeschaltet werden musste, fanden wir aufbauend auf vorherigen Studien weitere Evidenz für einen geringeren SoA bei Menschen mit Zwangsstörung (n = 20) im Vergleich zu gesunden Probanden (n = 23). Zudem korrelierte der SoA der Betroffenen negativ mit der Symptomschwere und dem berichteten Unvollständigkeitserleben. In der gesunden Vergleichsgruppe wurden ähnliche Zusammenhänge mit subklinischen Kontrollhandlungen beobachtet. Im Hinblick auf therapeutische Implikationen werden die wechselseitig verstärkenden Zusammenhänge zwischen einem geringen SoA, dem Erleben von Unvollständigkeit und den kompensatorischen Strategien des Zwangs herausgearbeitet sowie erläutert, wie der SoA mithilfe von Expositionen nach dem Prinzip der Subjektkonstituierung gestärkt werden kann.
SCHLÜSSELWÖRTER: Zwangsstörung, Sense of Agency, Handlungserleben, Unvollständigkeitserleben, Nicht-genau-richtig-Erleben
SENSE OF AGENCY IN INDIVIDUALS WITH OBSESSIVE-COMPULSIVE DISORDER
ABSTRACT: Sense of agency (SoA) refers to the subjective experience of being the initiator or agent of an action. Using a virtual reality paradigm, in which a virtual stove had to be switched off under different experimental conditions, we found further evidence for a lower SoA in individuals with OCD (n = 20) compared to healthy subjects (n = 23), building on previous studies. In addition, the SoA of those affected correlated negatively with symptom severity and the reported experience of incompleteness. Similar correlations with subclinical checking symptoms were observed in the healthy comparison group. With regard to therapeutic implications, the mutually reinforcing correlations between a low SoA, the experience of incompleteness and compensatory compulsive strategies are elaborated, and it is explained how the SoA can be strengthened with the help of exposure therapy according to the principle of subject constitution.
KEYWORDS: obsessive-compulsive disorder, OCD, sense of agency, incompleteness, not just right experiences
DR. KATHARINA BEY
PSYCHOLOGISCHE PSYCHOTHERAPEUTIN
KLINIK UND POLIKLINIK FÜR PSYCHIATRIE
UND PSYCHOTHERAPIE
UNIVERSITÄTSKLINIKUM BONN
VENUSBERG-CAMPUS 1
D-53127 BONN
katharina.bey@ukbonn.de
VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN
2024.45:356–374
https://doi.org/10.2440/006-0058
GEMEINSAM STARK?
DIE BEDEUTUNG DES GRUPPENKLIMAS FÜR DIE BERGEN-VIER-TAGES-BEHANDLUNG
LENA JELINEK, LENNARD ALTMANN, LEA SCHUURMANS, FRANZISKA MIEGEL, AMIR H. YASSARI, FRANCES BOHNSACK & JAKOB SCHEUNEMANN
ZUSAMMENFASSUNG: Fragestellung: Die Bergen-Vier-Tages-Behandlung (B4DT) ist eine wirksame, konzentrierte, expositionsbasierte Therapie mit Gruppen- sowie Individualpsychotherapieelementen für Personen mit einer Zwangsstörung. Während Behandlungsadhärenz als Wirkfaktor identiziert wurde, blieb die Rolle des Gruppenklimas bislang wenig beachtet. Methodik: In einer unkontrollierten Studie nahmen 58 Personen mit Zwangsstörung am B4DT teil und wurden vor der Therapie, direkt danach und drei Monate später zur Schwere der Zwangs- (Y-BOCS) und depressiven Symptomatik (PHQ-9) untersucht. Erfasst wurden Gruppenklima (GQ-D) und Behandlungszufriedenheit (ZUF-8). Ergebnisse: Die Mehrheit bewertete das Gruppenklima positiv. Das Gruppenklima korrelierte nicht signikant mit der Symptomreduktion, jedoch signikant mit der Behandlungszufriedenheit. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass im B4DT ein positives Gruppenklima entstehen kann, das zur Behandlungszufriedenheit beiträgt.
SCHLÜSSELWÖRTER: Bergen 4-Day Treatment, Exposition, Kohäsion, Allianz, Gruppentherapie
STRONGER TOGETHER?
THE IMPORTANCE OF GROUP CLIMATE IN THE BERGEN 4-DAY TREATMENT
ABSTRACT: Aims: The Bergen 4-Day Treatment (B4DT) is an effective, concentrated, exposurebased therapy for patients with obsessive-compulsive disorder (OCD) combining group and individual psychotherapy. While treatment adherence has shown to inuence outcome, the role of group climate remains largely unexplored. Method: In an uncontrolled study, 58 individuals with OCD participated in the B4DT. OCD symptoms (Y-BOCS) and depressive symptoms (PHQ-9) were assessed before, after, and three months post-treatment. Group climate (Group questionnaire, GQ-D) and treatment satisfaction (CSQ-8) were also measured. Results: Most participants rated the group climate positively. Group climate did not correlate significantly with symptom reduction but did correlate signicantly with treatment satisfaction. Conclusions: The study supports that a positive group climate can develop in B4DT and may contribute to treatment satisfaction.
KEYWORDS: Bergen 4-day treatment, exposure, cohesion, alliance, group therapy
PROF. DR. LENA JELINEK
UNIVERSITÄTSKLINIKUM
HAMBURG-EPPENDORF,
KLINIK UND POLIKLINIK FÜR PSYCHIATRIE
UND PSYCHOTHERAPIE
MARTINISTRASSE 52
D-20246 HAMBURG
ljelinek@uke.de
VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN
2024.45:375–388
https://doi.org/10.2440/006-0059
DIE INFERENZBASIERTE THERAPIE DER ZWANGSSTÖRUNG
THOMAS HILLEBRAND
ZUSAMMENFASSUNG: Die inferenzbasierte Therapie stellt eine Alternative in der Behandlung der Zwangsstörung dar, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Im Unterschied zur kognitiven Verhaltenstherapie steht nicht die problematische Bewertung eines Zwangsgedankens im Mittelpunkt der Therapie, sondern das Zustandekommen des Zwangsgedankens an sich. Dieser basiert auf einem zwanghaften Zweifel, der sich auf keine tatsächlich vorhandenen und mit den Sinnen wahrnehmbaren Informationen aus der Realität bezieht. Stattdessen befasst sich der Patient mit einer virtuellen Möglichkeit, aus der sich bedrohliche Konsequenzen und intensive belastende Gefühle ableiten. Ziel der Therapie ist es, die typischen Abläufe dieser „Inferenzverwirrung“ zu erkennen und wieder der initialen Wahrnehmung einer
Zwangssituation zu vertrauen. Therapiestudien belegen eine mit der Kognitiven Verhaltenstherapie vergleichbare Effektivität des Verfahrens in der Reduktion der Zwangssymptomatik.
SCHLÜSSELWÖRTER: inferenzbasierte Therapie, Zwangsstörung, zwanghafter Zweifel, Inferenzverwirrung, inferenzbasierte kognitive Verhaltenstherapie (I-KVT)
INFERENCE-BASED THERAPY
IN THE TREATMENT OF OBSESSIVE-COMPULSIVE DISORDER
ABSTRACT: Inference-based therapy represents an alternative in the treatment of obsessivecompulsive disorder, which has become increasingly important in recent years. In contrast to cognitive behavioral therapy, the focus of the therapy is not on the problematic evaluation of an obsessive-compulsive thought, but on the emergence of the obsessive-compulsive thought itself. This is based on an obsessive doubt that does not relate to any information from reality that actually exists and can be perceived with the senses. Instead, the patient deals with a virtual possibility from which threatening consequences and intensely stressful feelings are derived. The aim of the therapy is to recognize the typical processes of this ‘inferential confusion’ and to regain trust in the initial perception of a compulsive situation. Therapy studies show that the effectiveness
of the procedure in reducing obsessive-compulsive symptoms is comparable to that of cognitive behavioral therapy.
KEYWORDS: inference-based therapy, obsessive compulsive disorder, obsessional doubt, inferential confusion, inference-based cognitive-behavioral therapy (I-CBT)
THOMAS HILLEBRAND
DIPLOM-PSYCHOLOGE
PSYCHOTHERAPEUTISCHE PRAXIS
HOHENZOLLERNRING 67
D-48145 MÜNSTER
praxis.hillebrand@gmx.de
VERHALTENSTHERAPIE & VERHALTENSMEDIZIN
2024.45:389–396
https://doi.org/10.2440/006-0060
BEST VERSION OF ONESELF TO TACKLE OCD – DIE ROLLE VON MITGEFÜHL IN DER THERAPIE VON ZWANGSSTÖRUNGEN
CHRISTIAN STIERLE
ZUSAMMENFASSUNG: Zwangsstörungen (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD) sind gekennzeichnet durch aufdringliche Gedanken und repetitive Verhaltensweisen. Neben der Symptomatik spielen emotionale Prozesse wie Scham und Selbstkritik eine bedeutende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Symptome und der Therapieresistenz. Trotz der Wirksamkeit der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) mit Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP) kämpfen viele PatientInnen mit persistierenden Symptomen, insbesondere solchen, die mit übermäßiger Schuld und selbstgerichteter Feindseligkeit verbunden sind. Mitgefühlsfokussierte Therapie (z. B. Compassion-Focused Therapy, CFT) wird als ergänzende Intervention vorgeschlagen, um diese Faktoren gezielt zu adressieren. Ein Behandlungsfall, bei dem CFT-Elemente in eine KVT Behandlung integriert wurden, wird geschildert.
SCHLÜSSELWÖRTER: OCD, Scham, Selbstkritik, Selbstmitgefühl, Mitgefühl
BEST VERSION OF ONESELF TO TACKLE OCD – THE ROLE OF COMPASSION IN THE TREATMENT OF OBSESSIVE-COMPULSIVE DISORDERS
ABSTRACT: Obsessive-compulsive disorder (OCD) is characterized by intrusive thoughts and repetitive behaviors. Beyond its core symptoms, emotional processes such as shame and selfcriticism play a signicant role in maintaining symptoms and contributing to treatment resistance. Despite the effectiveness of Cognitive behavioral therapy (CBT) with Exposure and response prevention (ERP), many patients struggle with persistent symptoms, particularly those associated with excessive guilt and self-directed hostility. Compassion-focused therapy (CFT) has been proposed as a complementary intervention to specically address these factors. A treatment case where CBT treatment was augmented by CFT elements is portrayed.
KEYWORDS: OCD, shame, self-criticism, self-compassion, compassion
CHRISTIAN STIERLE
HOCHSCHULE FRESENIUS
PSYCHOLOGY SCHOOL
ALTE RABENSTRASSE 1
D-20148 HAMBURG
christian.stierle@hs-fresenius.de
Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin
45. Jahrgang · 2024 · Heft 4
Pabst, 2025
ISSN 1865-9985














