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Psychische Gesundheit – auch eine Frage der gesellschaftlichen Stellung: Wer arm ist, muss früher sterben

Gesundheitspsychologie: Seit über 30 Jahren wird beklagt, dass Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status einen tendenziell schlechteren Gesundheitszustand haben. Dies trifft auch für psychische Erkrankungen zu. Prof. Dr. Wolfgang Schneider (Rostock) findet die Gründe neben der Arbeitslosigkeit und dem Gesundheitsverhalten auch in einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung psychischer Krankheiten – nachzulesen im Sammelband „Wandel der Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen“ (hrsg. von E. Brähler, H.-W- Hoefert und Ch. Klotter).

Krankenversicherung für jede(n), ein sicheres Netz der gesundheitlichen Versorgung, durch das man nicht hindurchfallen kann – große Versprechungen werden seit jeher vor allem von Seiten der Gesundheitspolitik gemacht. Dennoch sieht das Bild in Deutschland noch immer anders aus: Laut einer repräsentativen Umfrage leiden signifikant mehr Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status an

  • Diabetes mellitus,
  • Adipositas,
  • allgemeinen körperlichen und chronischen Beschwerden sowie
  • Depressionen.

Mehr noch: Zwischen dem sozioökonomisch obersten und untersten Quintil der Bevölkerung besteht im Bezug auf die Lebenserwartung ein Unterschied von 8 bis 12 Jahren.

Warum hält dieser Missstand seit Jahrzehnten an? Prof. Dr. Wolfgang Schneider ist dem Thema mit besonderem Blick auf die psychischen Störungen auf den Grund gegangen. Auffällig in diesem Bereich ist nicht nur das erhöhte Vorkommen auf niedriger sozioökonomischer Ebene, sondern auch die insgesamt deutlich gesteigerte Zahl an Diagnosen und z.B. daraus resultierenden Berentungen.

Als einen wichtigen Punkt führt Schneider die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit an. Diese begünstigt auf der einen Seite die Entwicklung psychischer Krankheiten, auf der anderen Seite werden Personen mit einem schlechteren Gesundheitszustand mit einer höheren Wahrscheinlichkeit arbeitslos. In der „Arbeitsgesellschaft“, in der wir leben, nimmt die Teilhabe an der Erwerbsarbeit neben dem existenziellen auch einen sozial und psychologisch hohen Stellenwert ein.

Zwischen den gesellschaftlichen Schichten finden sich zudem deutliche Unterschiede im Gesundheitsverhalten: Personen, die sich in einer „besseren sozialen Lage“ befinden, treiben signifikant mehr Sport, ernähren sich gesünder und konsumieren weniger Alkohol und Zigaretten – wichtige Voraussetzungen sowohl für physische als auch psychische Gesundheit.

Schneider macht zusätzlich deutlich, dass in den letzten Jahren die Schwelle für die Diagnose einer psychischen Krankheit deutlich gesunken ist. Befindlichkeitsstörungen wie Unzufriedenheit, Demotivierung oder Verbitterung (oft in Verbindung mit dem schlechteren gesellschaftlichen Status), Schlafstörungen und Erschöpfung werden heute schnell als psychotherapeutisch behandlungsbedürftig angesehen. Die gesellschaftliche „Offenheit“ für psychische Erkrankungen habe sich verbessert, die (seriöse) Berichterstattung darüber habe sich in den vergangenen 16 Jahren verdreifacht. Ist das deutlich erhöhte Vorkommen psychischer Krankheiten vor allem in Gruppen mit schlechterer sozialer Lage zum Teil also auf deren gesteigerte „Salonfähigkeit“ zurückzuführen?

Wolfgang Schneider: Gesundheit und soziale Lebenslage

In E. Brähler, H.-W. Hoefert & Ch. Klotter (Hrsg.), Wandel der Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen (S. 83–97).

Pabst 2018, 324 Seiten, Paperback. ISBN: 978-3-95853-296-0




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