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rausch · Wiener Zeitschrift für Suchttherapie

Mit Emotion und Distanz: Machtmissbrauch in der Psychotherapie verhindern

Die Psychotherapie ist durchaus anfällig für herrschaftliches Handeln und Machtmissbrauch. Zu unterschiedlich sind meist die Ausgangspositionen bzw. das Rollenverständnis – Dualismen wie Fachwissen/Unkenntnis sowie gesund/krank. Die Psychotherapeutin Dr. Elisabeth Ganseforth macht in ihrem neuen Buch „Durch Emotion und Distanz zum Selbst“ deutlich, wie die Aufmerksamkeit für Herrschaft und Macht geschärft werden kann. Sie zeigt Wege auf, Machtmissbrauch zu verhindern und stattdessen freiheitlich und selbstverantwortlich zu handeln.

Jede menschliche Beziehung weist Strukturen von Herrschaft und Macht auf. Neben offensichtlichen Machtkonstellationen wie Arbeitnehmer/Arbeitgeber oder Eltern/Kinder gibt es auch in (auf den ersten Blick) gleichberechtigten Beziehungen (etwa in Partnerschaften oder unter KollegInnen) unterschiedliche Kräfteverhältnisse. Meist sind die Beteiligten durchaus bemüht, diese Verhältnisse auszugleichen, wobei es natürlich zu Widerstand kommen kann. Die therapeutische Beziehung ist da keine Ausnahme: Unterschiedliche Motivationen, Selbstverhältnisse und auch das Wissensgefälle bringen den Therapeuten in eine „Machtposition“. Diese Macht nicht zu missbrauchen, ist eine wichtige Aufgabe in der Psychotherapie.

Ganseforth rät dazu, zunächst eine distanzierende, beobachtende Position zu sich selbst einzunehmen. Können Phänomene wie Gesundheit und Krankheit, Stärke und Schwäche, Kognition und Emotion neutral beobachtet werden oder werden bereits intrasubjektiv Rangordnungen gebildet und hierarchisch Selbstanteile auf- bzw. abgewertet? Um anderen Menschen zu helfen, ohne Macht auf sie auszuüben, sei es wichtig, möglichst viel über sich selbst zu wissen und die Spannungen zwischen den genannten Dualismen auszuhalten zu können – vor allem, was Kognitionen und Emotionen angeht.

Auf die konkrete Therapiesituation übertragen bedeutet das: Wenn der Therapeut merkt, dass sich bei ihm Anflüge von Überheblichkeit oder Abwertung dem Patienten gegenüber einstellen, sollte er in der Lage sein, diese Gedanken wahrzunehmen, zu stoppen und sich davon zu distanzieren. Sein Ziel sollte sein, den Patienten einerseits kognitiv ihre Probleme und deren Lösungen deutlich zu machen, andererseits aber auch den emotionalen Zugang zu suchen: Nur wenn der Hilfesuchende emotionalen Zugang zu den Komponenten seines Selbst (Ganseforth nennt diese „schützendes Selbst“, „unversehrtes Selbst“ und „beobachtendes Selbst“) hat und ein emotionales Neulernen geschehen kann, ist langfristig mit einer Verbesserung des Zustands zu rechnen.

Die Autorin macht auch deutlich, dass ein derartiges Neulernen, das Schaffen von neuen Strukturen und neuronalen Bahnungen, nicht in wenigen Therapiesitzungen erreicht werden kann: Im Rahmen einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie kann es durchaus zwei Jahre in Anspruch nehmen. In dieser Zeit gilt für beide Seiten: „Durch die Erfahrung von Emotion und Distanz, in der gefühlten nüchternen Betrachtung des menschlichen Organismus mit seinen körperlichen, geistigen und seelischen Dimension, in einer solchen Haltung zu sich selbst und anderen Menschen kann die unendlich scheinende Vielfalt der körperlichen und geistigen Funktionen des Menschen erlebt werden.“ Daraus folgt: „In diesem Sinne verbietet sich ein herrschaftlicher Umgang mit dem eigenen Selbst und dem anderer Menschen. Eher ist eine Haltung  des Staunens (…) geboten.“

Literatur

Elisabeth Ganseforth: Durch Emotion und Distanz zum Selbst. Eine Praxis in der Psychotherapie. Pabst 2019, 157 Seiten, ISBN 978-3-95853-447-6.

 

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