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17-01-12
Carl Stumpf: Philosophie mit Psychologie und Psychologie mit Philosophie bereichern

Für die Analyse menschlicher Erkenntnis seien sämtliche potentiellen Quellen zu sichten, auch psychologische und naturwissenschaftliche. Mit einem Verzicht oder einer Marginalisierung psychologischer Aspekte begebe sich eine philosophische Erkenntnistheorie in eine defizitäre Engführung. Mit dieser Warnung hat sich Carl Stumpf nur wenig Gehör verschafft. Bis heute gilt in breiten Philosophen-Kreisen eine Art "Psychologismus-Verdikt" - will sagen: Die Psychologie könne in Grundfragen der Erkenntnis nichts beitragen.
Demgegenüber liefert Carl Stumpf in seiner "Erkenntnislehre" überraschend aktuelle Gegenargumente. Das Werk, 1939 bei Barth in Leipzig erschienen, dann jahrzehntelang vergriffen, wurde jetzt von Pabst neu vorgelegt. Margret Kaiser-el-Safti steuerte eine Einleitung bei.
Sie sieht Stumpfs Kern-Idee in "einer ganzheitlichen Auffassung des Psychischen. Hier dürfte zuletzt auch ´der einheitliche Faden´ der wissenschaftlichen Lebensarbeit in der stark verzweigten Schriftstellerei namhaft zu machen sein, wie Stumpf sie in seiner Autobiografie andeutete."
Er schrieb: "So lässt sich in Hinsicht des Ding- oder Substanzbegriffs darauf hinweisen, dass wir in bestimmten Anschauungen die innige Durchdringung von Teilen eines Ganzen direkt wahrnehmen." Diese sinnliche Grundlage des Substanzbegriffs im Phänomen der Verschmelzung konsonanter Intervalle war auch Grundlage des Seelenbegriffs respektive der ´Einheit des Bewusstseins´...
Stumpf hat nie für sich in Anspruch genommen, ein allumfassendes Erklärungsprinzip entdeckt zu haben. Mit einem Zitat aus einer Arbeit Wilhelm Diltheys stellte er seiner Autobiografie ein Motto voran, das andeutete, dass er zwar "Gänge angebohrt" habe, die "in die Tiefe führen", sich aber damit zufrieden gäbe, "auf der Wanderschaft zu sterben." Philosophen wie Psychologen haben die Chance, die Gänge weiterzuverfolgen ...
Carl Stumpf: Erkenntnislehre, 874 Seiten, 1939. Einleitung von Margret Kaiser-el-Safti, 42 Seiten, 2011.
Reprint, Pabst, Lengerich/Berlin 2011, ISBN 978-3-89967-740-9
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